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Mystik von Susanne Albers

Die Würde des Kleinen

Warum kein Teil unbedeutend ist

Wir sprechen gern vom ganzen Menschen.
Von seinem Geist, seinem Körper, seiner Persönlichkeit.

Wir bewundern eine Kathedrale
und übersehen den einzelnen Stein.

Wir betrachten die große Landschaft
und vergessen den einzelnen Grashalm.

Aber wer hat eigentlich entschieden,
dass das Kleine weniger wert sei?

 

Eine Hand ist nicht „nur“ eine Hand

Meine linke Hand wurde im März 2009 nach einer schweren Verletzung replantiert.
Es folgten Operationen, Transplantationen, Schmerzen
und ein langer Weg zurück in den Alltag.

Die Narben sind geblieben.
Und mit ihnen die Geschichte dieser Hand.

Viele Jahre später kehrte plötzlich ein Schmerz zurück,
der mich an die damalige Zeit erinnerte.

Ein einziger Teil meines Körpers
konnte meine ganze Nacht bestimmen.

Ich begann, mit meiner Hand zu sprechen.
Für mich ist das eine persönliche Weise,
ihr zuzuhören und ihre Geschichte ernst zu nehmen.

Das Kleine muss nicht erst groß werden,
um ernst genommen zu werden.

 

Der Körper ist keine Rangordnung

Wir stellen das Herz in den Mittelpunkt.
Wir setzen das Gehirn auf einen Thron.
Und die Hände nennen wir Werkzeuge.

Doch unser Körper ist kein Hofstaat,
in dem die großen Organe herrschen
und die kleinen Teile bloß dienen.

Ein Finger. Ein Nerv. Eine winzige Stelle der Haut.

Was uns gering erscheint,
kann über Greifen, Berühren, Arbeiten,
Schlafen und Wohlbefinden mitentscheiden.

Der Wert eines Körperteils
bemisst sich nicht an seiner Größe.

Und Schmerz braucht keinen höheren Sinn,
um ernst genommen zu werden.

 

Was hat das mit Mystik zu tun?

Für mich beginnt Mystik nicht erst bei großen Offenbarungen.

Sie beginnt dort,
wo ich das Selbstverständliche
nicht länger für selbstverständlich halte.

Wenn das Göttliche in allem gegenwärtig sein kann,
warum sollte ich das Kleine,
Verletzliche und Unauffällige geringschätzen?

Vielleicht liegt eine wichtige Übung gerade darin,
dem Übersehenen einen Platz einzuräumen.

Es geht nicht darum, jedem Schmerz eine Botschaft zuzuschreiben.
Es geht darum, aufmerksam zu sein –
auch wenn etwas nicht laut nach Aufmerksamkeit verlangt.

 

Vom einzelnen Körperteil zum einzelnen Menschen

Wir kennen die großen Namen.
Die spektakulären Leistungen.
Die lauten Ereignisse.

Und manchmal übersehen wir die Menschen,
deren Arbeit ganz leise bleibt.

Jemand pflegt einen Angehörigen.
Jemand hört zu.
Jemand reicht eine Hand.

Eine kleine Geste kann für einen anderen Menschen
eine ganze Welt bedeuten.

Auch ein Mensch muss nicht berühmt,
erfolgreich oder besonders leistungsfähig sein,
um Würde zu besitzen.

Unbedeutend ist oft nur das,
dem wir noch keine Bedeutung zugestanden haben.

 

Die Einladung

Vielleicht betrachten wir heute einmal etwas,
das wir sonst kaum beachten.

Die eigene Hand.
Eine alte Narbe.
Eine unscheinbare Pflanze.
Einen stillen Menschen.

Nicht, um das Kleine künstlich zu verklären.
Und nicht, um Leiden schönzureden.

Sondern um etwas zu begreifen:

Das Ganze lebt nicht trotz seiner Teile.
Es lebt durch sie.

 

Meine linke Hand – ihre Geschichte und ihr Lied

Aus meiner persönlichen Erfahrung entstand das Lied
„Ich bin nur eine Hand – und doch eine ganze Welt“.

Es erzählt von Verletzung, Wiederherstellung,
Schmerz, Würde und Verbundenheit.

Das Lied auf YouTube ansehen

Zu meiner Geschichte gehört auch eine medizinische Bilddokumentation.
Sie enthält teilweise sehr belastende Aufnahmen.
Deshalb zeige ich sie hier nicht ungefragt.

Wer sie ansehen möchte, findet sie über meine Seite
Susili – meine Lebensgeschichte.

 

Schlussgedanke

Vielleicht sollten wir weniger oft fragen:
Wie groß ist etwas?

Und viel öfter:
Welchen Wert hat es für das Leben?

Meine linke Hand ist ein Teil von mir.
Nicht mehr.
Und niemals weniger.

 

Mystik von Susanne Albers

 

 

 

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