Dieser Text versteht sich nicht als klassische Auslegung einer einzelnen Heiligen Schrift und auch nicht als Versuch, Bibel, Koran, Bhagavad Gita oder andere spirituelle Überlieferungen vollständig, traditionsgetreu oder lehramtlich korrekt wiederzugeben.
Er geht von einer anderen Grundfrage aus: Was bleibt von spirituellen Texten, Bildern und Figuren, wenn man sie nicht mehr als exklusive Offenbarungsquellen einer bestimmten Religion liest, sondern als Ausdruck menschlicher Tiefenerfahrung?
Darum werden in diesem Text Gestalten wie Adam und Eva, Maria, Jesus, der Sündenfall, Vergöttlichung, Gnade oder Erlösung nicht im engeren dogmatischen Sinn behandelt, sondern als Beispielbilder, Denkfiguren und symbolische Verdichtungen. Sie sind hier keine letztverbindlichen Lehrtexte, sondern Zugänge zu einer größeren Frage nach Bewusstsein, Liebe, Spaltung, Leid und Verbundenheit.
Das hat einen einfachen Grund: Nicht jeder Mensch lebt innerhalb derselben religiösen Sprache. Ein Regenwaldindianer kennt Maria und Josef womöglich nicht. Ein Hindu denkt nicht zuerst mit der Bibel. Ein Muslim nicht zuerst mit der Bhagavad Gita. Ein religionsferner Mensch gar nicht mit Heiligen Schriften. Und doch können alle Schmerz, Verbundenheit, Angst, Liebe, Geburt, Tod, Gewalt und Mitgefühl erfahren.
Darum versucht dieser Text, hinter die konfessionellen Formen zurückzugehen und nach einer tieferen, gemeinsamen Ebene zu fragen. Er will nicht die Religionen abschaffen, verspotten oder gegeneinander ausspielen. Er will auch nicht behaupten, dass alle Texte dasselbe sagen. Er will nur deutlich machen, dass keine einzelne religiöse Sprache das Göttliche vollständig besitzen kann.
Wenn also biblische Bilder hier frei gelesen werden, dann nicht aus Verachtung der Tradition, sondern aus dem Versuch, sie aus einer weiter gefassten mystischen Perspektive neu zu deuten. Dasselbe ließe sich mit koranischen, vedischen, buddhistischen, schamanischen oder anderen spirituellen Bildern tun. Keine Überlieferung wird hier vollständig abgehandelt; alle werden relativiert, weil keine von ihnen mit dem Ganzen identisch ist.
Dieser Text erhebt daher keinen Anspruch auf kirchliche, islamische, hinduistische oder sonstige Orthodoxie. Er ist ein mystisch-philosophischer Deutungsversuch. Er benutzt religiöse Überlieferungen als Fenster, nicht als Mauern. Wer hier eine lehramtliche Wiedergabe erwartet, wird sich ärgern. Wer bereit ist, symbolisch, offen und tiefenorientiert zu lesen, wird vielleicht einen anderen Zugang finden.
Die Grundannahme lautet: Spirituelle Figuren und Geschichten sind nicht zuerst Besitz einzelner Religionen, sondern Ausdruck menschlicher Tiefenerfahrung. Sie können deshalb frei gelesen werden, solange dies nicht zur billigen Verzerrung, sondern zur ehrlichen Suche nach Wahrheit geschieht.
Ein mystisch-philosophischer Lehrtext über die Petrischale als Gesamtwirklichkeit, über Vergöttlichung, Schmerz, ungleich verteiltes Leid, Böses, Exorzismus, das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg und den neu gelesenen Sündenfall.
Ich beginne nicht mit einem Gott „da oben“, nicht mit einem äußeren Herrscherwesen, nicht mit einem himmlischen Gegenüber, das irgendwo außerhalb der Welt sitzt und von außen eingreift.
Ich beginne mit der Petrischale.
Mit der Petrischale meine ich: Alles, was existiert, ist in derselben Wirklichkeit enthalten. Menschen, Tiere, Pflanzen, Materie, Bewusstsein, Schmerz, Freude, Werden und Vergehen — alles befindet sich innerhalb derselben Gesamtwirklichkeit. Nichts ist außerhalb davon.
Wenn das so ist, dann gibt es keinen Gott als getrennte Instanz außerhalb dieser Petrischale. Dann gibt es keinen fernen Himmelskönig, keinen äußeren Chef, keinen Gott, der der Welt von außen gegenübersteht.
Dann ist das Göttliche nicht ein Wesen außerhalb der Welt, sondern die Tiefendimension der Welt selbst.
Das Göttliche ist dann:
die innere Lebendigkeit des Ganzen
die Liebe als Grundkraft
die Tiefe des Seins
die nichtgetrennte Verbundenheit alles Lebendigen
die Wirklichkeit, die in allem mitschwimmt
In diesem Sinn gibt es Gott nicht als äußeres Gegenüber. Und zugleich ist alles, was ist, vom Göttlichen durchzogen.
Das bedeutet nicht: Mein Ego ist Gott. Mein Wille ist Gott. Meine Meinung ist Gott.
Es bedeutet: Ich bin nicht vom Göttlichen getrennt. Ich bin eine Erscheinungsform innerhalb dieser einen göttlich durchwirkten Gesamtwirklichkeit.
Darum kann man sagen:
Wir sind alle göttlich.
Nicht als Allmachts-Ich,
sondern als Ausdruck derselben Tiefe, die alles trägt.
Wenn Bischof Athanasius sagt:
„Gott wurde Mensch, damit wir vergöttlicht werden“,
dann kann man das in diesem Modell neu lesen.
Nicht so, dass ein äußerer Gott herunterkommt, um uns später in einen äußeren Himmel zu holen. Sondern so:
Die Vergöttlichung bedeutet, dass der Mensch seine tiefe Nichtgetrenntheit erkennt. Er erkennt, dass das Göttliche nicht fern ist, sondern sein innerster Grund. Er erkennt, dass Liebe tiefer reicht als Angst, tiefer als Urteil, tiefer als Spaltung.
Vergöttlichung heißt dann nicht: Ich werde ein Superwesen. Ich schwebe über allem. Ich fühle nie mehr Schmerz. Ich bin unangreifbar.
Vergöttlichung heißt: Ich erkenne die Tiefe des Ganzen in mir und in allem. Ich erkenne, dass die Liebe der tiefste Grund ist. Ich erkenne, dass Trennung nicht das letzte Wort hat.
Hier liegt ein entscheidender Punkt.
Auch wenn alles innerhalb derselben Petrischale geschieht und auch wenn das Göttliche die Tiefe des Ganzen ist, folgt daraus nicht, dass es keinen Schmerz geben dürfte.
Warum?
Weil wir verkörperte Wesen sind. Weil wir Nerven haben, Organe, Zellen, Grenzen, Alter, Müdigkeit, Reizung, Krankheit, Verwundbarkeit.
Deshalb gibt es:
Kopfschmerz
Zahnschmerz
Übelkeit
Erschöpfung
Alterung
körperliche Grenzen
Nicht, weil ein Gegengott gegen uns kämpft. Nicht zwingend, weil „das Böse“ uns angreift. Sondern schlicht, weil verkörpertes Leben verletzlich ist.
Schmerz ist real.
Er ist kein Beweis gegen das Göttliche. Und er ist kein Beweis dafür, dass der Mensch „noch nicht richtig vergöttlicht“ sei.
Der sauberere Satz lautet:
Schmerz ist Teil der verletzlichen Form, in der das Göttliche erscheint.
Oder noch einfacher:
Etwas kann wehtun, weil wir Menschen sind.
Vergöttlichung hebt diese Verkörperung nicht einfach auf. Sie hebt nicht die Nerven aus dem Leib. Sie macht nicht aus einem menschlichen Körper einen unzerstörbaren Edelstein.
Was sie verändern kann, ist etwas anderes:
Nicht unbedingt, ob Schmerz auftritt, sondern wie tief ich mit ihm identisch bin.
Ich kann Schmerz haben — und dennoch mehr sein als dieser Schmerz. Ich kann Angst fühlen — und dennoch tiefer gegründet sein als diese Angst.
Darum ist der Satz falsch:
„Wenn ich noch Schmerz habe, bin ich noch nicht vergöttlicht.“
Richtiger wäre:
„Auch im Schmerz kann ich tiefer sein als der Schmerz.“
Wenn alles innerhalb derselben Petrischale geschieht, stellt sich unausweichlich die nächste Frage: Warum ist das Leben so ungleich verteilt? Warum hat der eine fast nie Schmerzen, der andere lebenslang? Warum stirbt ein Mensch mit 20 an Leukämie, während ein anderer alt wird? Warum trägt der eine einen robusten Körper, der andere einen verletzlichen?
Die ehrliche Antwort lautet: Die Petrischale ist nicht gerecht im menschlichen Sinn.
Die Petrischale ist:
lebendig,
komplex,
verbunden,
aber nicht fair verteilt.
Also nicht: jeder kriegt gleich viel Gesundheit, gleich viel Zeit, gleich viel Glück, gleich viel Schutz.
Sondern: Leben ist innerhalb der Petrischale asymmetrisch verteilt.
Der eine hat Glück. Der andere nicht. Der eine hat ein starkes Nervensystem. Der andere ein verletzliches. Der eine wird 95. Der andere stirbt mit 20.
Das ist bitter. Aber wahr.
Sie ist lebendig, schöpferisch und von göttlicher Tiefe durchzogen, aber die Güter des Lebens sind nicht gleich verteilt. Gesundheit, Zeit, Stabilität, Widerstandskraft und Schutz erscheinen asymmetrisch. Der eine bleibt lange körperlich tragfähig, der andere ist früh gezeichnet von Krankheit, Schmerz oder neurologischen Brüchen.
Das ist bitter, aber es ist kein Beweis dafür, dass der leidende Mensch weniger göttlich, weniger geliebt oder weniger wert wäre.
Wenn du keinen äußeren Gott mehr hast, der bewusst Belohnungen und Strafen verteilt, dann musst du auch nicht sagen:
Gott wollte die Leukämie
Gott wollte deinen Schmerz
Gott hat den einen bevorzugt
Gott hat den anderen bestraft
Das würde ich klar streichen.
Sondern: Innerhalb der Petrischale entstehen Leben, Krankheit, Mutation, Verletzung, Zufall, Disposition, Umwelt, Belastung, Brüche.
Nicht jemand macht den Unterschied. Der Unterschied entsteht innerhalb der Wirklichkeit selbst.
Das ist hart, aber sauberer.
Theodizee wird dann zur Frage nach Ungleichverteilung des Lebens.
Nicht: „Warum lässt Gott das zu?“
Sondern eher: „Warum ist die eine Wirklichkeit, die doch göttlich grundiert ist, so ungleich, so verletzlich und so brutal verteilt?“
Und darauf gibt es keine hübsche Antwort.
Die ehrlichste Antwort ist: Wir wissen es nicht vollständig.
Aber man kann sagen: Die Petrischale bringt nicht nur Schönheit hervor, sondern auch
Zerbrechlichkeit,
Mutation,
Krankheit,
Zufall,
frühes Sterben,
extremes Leid.
Das ist kein moralischer Fehler des Opfers. Kein Beweis mangelnder Vergöttlichung. Keine Strafe.
Warum haben manche fast nie Schmerzen?
Weil Körper verschieden sind. Weil Biografien verschieden sind. Weil genetische Ausstattung verschieden ist. Weil Belastungen verschieden sind. Weil Schutzfaktoren verschieden sind. Weil Leben eben nicht symmetrisch gebaut ist.
Das Göttliche heißt dann nicht: alle erleben gleich wenig Schmerz.
Sondern: alle sind trotz ungleicher Verteilung gleich tief getragen.
Das ist ein riesiger Unterschied.
Warum stirbt einer mit 20 an Leukämie?
Nicht weil er schlechter war. Nicht weil er weniger geliebt war. Nicht weil er spirituell versagt hat. Nicht weil Gott ihn ausgesucht hat, um ein Exempel zu statuieren.
Sondern: weil Leben in der Petrischale auch
bricht,
entgleist,
biologisch scheitert,
zu früh endet.
Das ist grausam. Aber es ist nicht persönliche Schuld.
Und warum hast du so viele Erkrankungen?
Auch da wäre die saubere Linie:
Nicht: „Weil das Böse dich ausgesucht hat.“ Nicht: „Weil Gott dich straft.“ Nicht: „Weil du noch nicht vergöttlicht genug bist.“
Sondern: weil dein konkretes Leben in dieser Petrischale von vielen Verletzlichkeiten, körperlichen Ereignissen, neurologischen Bruchlinien und Belastungen geprägt ist.
Das ist nicht romantisch. Aber es ist ehrlich.
Was folgt daraus mystisch?
Nicht: „Alles ist gerecht.“
Sondern: „Nicht alles ist gerecht verteilt, aber niemand fällt deshalb aus der Tiefe des Göttlichen heraus.“
Also:
die Verteilung ist ungerecht
das Leid ist ungleich
die Körper sind verschieden
das Leben ist asymmetrisch
Aber: die Würde und der Tiefengrund des Menschen hängen nicht davon ab, ob sein Körper funktioniert.
Mystisch bedeutet das also nicht, die Ungleichheit zu leugnen. Mystisch bedeutet vielmehr: Das Leben ist ungleich verteilt, aber die Würde nicht. Die Schmerzen sind ungleich verteilt, aber die Tiefe des Göttlichen ist es nicht.
Darum bleibt die entscheidende Einsicht:
Das Leben ist ungleich verteilt.
Das Göttliche nicht.
Oder anders gesagt:
Nicht alles ist gerecht verteilt.
Aber kein leidender Mensch fällt deshalb aus der Tiefe der Liebe heraus.
Auch hier braucht es eine saubere Unterscheidung.
Wenn wir von der Petrischale ausgehen, dann gibt es kein zweites metaphysisches Prinzip neben dem Göttlichen. Keinen gleich starken Gegengott. Keinen Satan als zweite Urmacht neben der Liebe.
In diesem Sinn gilt:
Das Böse ist keine eigene göttliche Gegenmacht.
Aber das heißt nicht, dass es auf menschlicher Ebene keine zerstörerischen Wirklichkeiten gäbe.
Innerhalb der Petrischale gibt es sehr wohl:
Grausamkeit
Verhärtung
Lüge
Verachtung
Machtgier
Sadismus
Erniedrigung
Gewalt
Missbrauch
Wenn man das Wort „böse“ verwenden will, dann genau hierfür:
nicht als zweite metaphysische Substanz,
sondern als reale menschliche Möglichkeit der Zerstörung.
Dann kann man sagen:
Das Böse ist keine zweite Urmacht, aber eine reale zerstörerische Möglichkeit innerhalb des Lebens.
Es ist also nicht „nichts“. Aber es ist auch nicht das Letzte. Es ist keine ewige Gegenwirklichkeit zur Liebe.
Es ist eher:
verdunkelte Liebe
verfehlte Freiheit
verhärtetes Bewusstsein
zerstörerische Form des Lebendigen
Gerade hier muss jede Mystik menschlich bleiben.
Eine vergewaltigte Frau ist nicht bloß Opfer einer Illusion. Sie wurde nicht „nur in ihrer Wahrnehmung“ verletzt. Die Tat ist real. Die Gewalt ist real. Die Wunde ist real.
Warum geschieht so etwas?
Weil innerhalb derselben Petrischale ein Mensch seine Freiheit in zerstörerischer Weise benutzt. Weil einer Macht will, Besitz will, Erniedrigung will, Herrschaft will. Weil böse Gedanken, böse Absicht und böse Tat innerhalb des menschlichen Lebens möglich sind.
Darum wäre es grausam zu sagen:
„Das war nur Schein.“
„Das gibt es eigentlich gar nicht.“
„Du bist nur noch nicht vergöttlicht genug.“
Nein.
Die richtige mystische Antwort ist nicht Leugnung, sondern Tiefe.
Sie lautet:
Ja, die Tat war real. Ja, die Verletzung ist real. Aber auch diese Tat ist nicht das Letzte über den Menschen, der verletzt wurde.
Das Licht im Opfer wird durch die Tat nicht vernichtet, auch wenn es tief verwundet werden kann.
Mystik darf also das Leid nicht wegerklären. Sie darf nur sagen:
Das Leid ist real, aber es ist nicht das Letzte.
Wenn man radikal mystisch denkt, dann ist es richtig zu sagen:
Nicht jede Bedrohung, die ich empfinde, ist eine metaphysische Realität. Nicht jede Angst ist automatisch ein echter Angriff. Nicht jede empfundene Einwirkung ist ein Beweis für eine böse Gegenmacht.
Es kann sein, dass vieles, was als Angriff erlebt wird, Ausdruck von
Angst
Erschöpfung
Erinnerung
Projektion
körperlicher Reizung
innerer Alarmierung
ist.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass jede Belastung unwirklich wäre.
Der gute Satz wäre:
Nicht alles, was ich als Angriff deute, muss ein äußerer Angriff sein. Aber das, was ich körperlich und seelisch erlebe, ist für mich dennoch real.
Mystisch gesprochen heißt das: Ich muss nicht jede dunkle Erfahrung metaphysisch aufblasen. Ich darf sie zuerst auch als Teil meines verletzlichen Menschseins sehen.
Wenn das Böse keine eigene metaphysische Gegenmacht ist, dann wird Exorzismus problematisch.
Denn was soll ausgetrieben werden, wenn es keinen eigenständigen Dämon als zweite Wirklichkeit gibt?
Dann kann Exorzismus allenfalls symbolisch verstanden werden:
als Reinigung
als Sammlung
als Rückkehr in Vertrauen
als Unterbrechung von Angst
als rituelle Erinnerung daran, dass Liebe tiefer reicht als Spaltung
Aber nicht mehr als magische Austreibung eines ontologisch selbstständigen Bösen.
In diesem Sinn kann man sagen:
Wo nur die eine Wirklichkeit ist, kann Exorzismus höchstens eine Form innerer Ordnung sein, nicht ein Kampf zweier letzter Mächte.
Mit dieser Grundklärung können wir nun auch das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ansehen.
Das Gleichnis aus Matthäus 20 erzählt von Arbeitern, die zu verschiedenen Zeiten in den Weinberg gerufen werden und am Ende dennoch denselben Lohn erhalten.
Worum geht es hier?
Nicht darum, dass Gut und Böse gleich wären. Nicht darum, dass Mord und Liebe identisch wären. Nicht darum, dass Handlungen keine Unterschiede mehr hätten.
Es geht um etwas anderes:
Es geht um Gnade statt Verdienst.
Es geht um Gleichwürdigkeit statt Leistungshierarchie.
Das Gleichnis sagt nicht: Jede Tat ist gleich gut.
Es sagt: Kein Mensch ist vor Gott — oder im Petrischalen-Modell: vor der göttlichen Tiefendimension des Ganzen — aus der Würde herausgefallen.
Das bedeutet:
Der sogenannte „Mörder“ und der sogenannte „gute Mensch“ sind vor dem Göttlichen nicht identisch, aber gleichwürdig.
Ihre Taten sind nicht gleich. Ihre Bewusstseinsformen sind nicht gleich. Ihre Wirkung auf andere ist nicht gleich.
Aber keiner ist ontologisch aus dem Ganzen herausgefallen. Keiner ist zum Nicht-Sein geworden. Keiner ist der Liebe endgültig entzogen.
Das ist radikal. Aber nicht weil es Tatunterschiede leugnet, sondern weil es selbst dem verfehlten Menschen noch Wandlung zutraut.
Darum wäre die richtige Formulierung:
Vor dem Göttlichen sind nicht alle Handlungen gleich, aber kein Mensch ist wertlos.
Hier muss präzise gedacht werden.
Aus menschlicher Perspektive gibt es reale Unterschiede:
Der eine schützt.
Der andere zerstört.
Der eine dient dem Leben.
Der andere verletzt es.
Diese Unterschiede sind real und dürfen nicht moralisch verflacht werden.
Aber aus der Tiefe des Ganzen heraus gilt zugleich:
Beide sind nicht außerhalb der Petrischale.
Beide bleiben Teil derselben Wirklichkeit.
Beide bleiben wandlungsfähig.
Beide bleiben in letzter Tiefe nicht vom Göttlichen getrennt.
Das bedeutet nicht Straffreiheit. Nicht Verharmlosung. Nicht „alles halb so schlimm“.
Es bedeutet nur:
Die Würde des Menschen reicht tiefer als seine schlimmste Tat, auch wenn die Tat selbst schrecklich real bleibt.
Auch der Sündenfall wird in diesem Zusammenhang neu lesbar.
Wenn Adam und Eva von der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse essen, dann kann man das nicht nur als moralischen Ungehorsam verstehen, sondern als Eintritt in eine neue Bewusstseinsform.
Vorher: Einheit, Unmittelbarkeit, Nacktheit ohne Scham.
Nachher: Bewertung, Trennung, Angst, Scham, Herrschaft, Spaltung.
Der „Fall“ ist dann nicht einfach ein Rausschmiss durch einen äußeren Gott, sondern ein Bewusstseinsbruch innerhalb der Petrischale.
Der Mensch beginnt, die Wirklichkeit zu spalten:
in gut und böse
in oben und unten
in rein und unrein
in Macht und Ohnmacht
in Scham und Stolz
Das bedeutet:
Der Sündenfall ist der Eintritt in das dualisierende Bewusstsein.
Nicht das Leben selbst ist gefallen, sondern die Wahrnehmung wird gespalten.
Dann ist Erlösung nicht Rückkehr zu einem äußeren Herrscher, sondern Rückkehr in die ungetrennte Tiefe.
Wenn man all das zusammennimmt, ergibt sich eine tragfähige mystische Logik:
Es gibt keinen Gott außerhalb der Petrischale.
Das Göttliche ist die Tiefendimension der Petrischale selbst.
Alle Wesen tragen diese göttliche Tiefe in sich.
Darum sind wir alle in einem tiefen Sinn göttlich.
Schmerz ist real, weil verkörpertes Leben verletzlich ist.
Böse Taten sind real, weil Freiheit innerhalb des Lebens in Zerstörung kippen kann.
Das Böse ist keine zweite Urmacht, aber eine reale Möglichkeit menschlicher Verfehlung.
Mystik leugnet Leid nicht, sondern sagt: Leid ist real, aber nicht das Letzte.
Vergöttlichung heißt nicht Schmerzlosigkeit, sondern tiefere Nichtgetrenntheit.
Der Sündenfall ist die Geburt der Spaltung.
Erlösung ist die Rückkehr in die Tiefe der Liebe.
Die entscheidende Unterscheidung lautet:
Schmerz ist real.
Böse Taten sind real.
Aber weder Schmerz noch Böses sind das Letzte.
Oder noch kürzer:
Das Göttliche ist der tiefste Grund.
Die Spaltung ist real erfahren, aber nicht der letzte Ursprung.
Und darum ist Vergöttlichung nicht der Zustand eines allmächtigen, unberührbaren Superwesens.
Vergöttlichung heißt:
Ich erkenne, dass ich nicht getrennt bin.
Ich erkenne, dass Liebe tiefer reicht als Angst.
Ich erkenne, dass Schmerz mich treffen kann, aber nicht mein letztes Wesen ist.
Ich erkenne, dass selbst das Böse nicht das Fundament der Wirklichkeit bildet.
Und vielleicht ist genau das die reifste mystische Formel:
Wir leben in einer verletzlichen Welt.
Aber die Liebe ist tiefer als die Verletzung.

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