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Mystik von Susanne Albers

Gott in uns? Paulus und die Mystik

Gott in uns?

Viele Christen erschrecken, wenn Mystiker sagen: Gott ist in uns. Klingt das nicht nach Stolz, Selbstvergottung oder Grenzüberschreitung? Diese Seite zeigt, dass echte Mystik gerade nicht das Ego vergöttlicht, sondern den göttlichen Grund im Menschen entdeckt. Paulus warnt vor Überhebung. Die Mystik spricht von Einwohnung. Beides widerspricht sich weniger, als es zunächst scheint.

 

Paulus, die Mystik und das Missverständnis vom „Gott-gleich-sein“

Immer wieder taucht in christlichen Gesprächen ein scheinbarer Widerspruch auf:

Einerseits heißt es bei Paulus und in der klassischen kirchlichen Demutsethik, der Mensch solle sich nicht überheben, sich nicht aufblasen, sich nicht anmaßen, Gott gleich zu sein.

Andererseits sagen die Mystikerinnen und Mystiker seit Jahrhunderten mit großer Selbstverständlichkeit:
Gott ist in uns.
Das Reich Gottes ist inwendig in euch.
Im Seelengrund wohnt Gott.
Der Mensch ist zur Vergöttlichung berufen.

Was stimmt denn nun?

Müssen wir „einfach Mensch bleiben“ und dürfen auf keinen Fall von einer göttlichen Gegenwart in uns sprechen?
Oder ist gerade das der Kern aller Mystik, dass Gott im Menschen wohnt und wir zutiefst mit ihm verbunden sind?

Die Antwort lautet:
Der Widerspruch ist meist nur scheinbar.

Denn Paulus und die Mystik reden in Wahrheit oft nicht von derselben Ebene des Menschen.

 

1. Was Paulus wirklich bekämpft

Wenn Paulus vor Hochmut, Überhebung und falscher Selbstvergrößerung warnt, dann richtet sich das nicht gegen die Einwohnung Gottes im Menschen, sondern gegen das aufgeblasene Ego.

Er bekämpft nicht den göttlichen Grund im Menschen.
Er bekämpft den Menschen, der sich selbst absolut setzt.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Der stolze Mensch sagt:

Ich bin mein eigener Maßstab.
Ich brauche niemanden über mir.
Ich will herrschen.
Ich will mich selbst groß machen.
Ich will Gott spielen.

Genau diese Bewegung ist es, die Paulus kritisiert.
Nicht die tiefe innere Gottesnähe.
Nicht die mystische Erfahrung.
Nicht das Wissen darum, dass der Mensch aus Gott stammt und auf Gott hin offen ist.

Paulus warnt also vor einer Anmaßung des Ich.
Er warnt vor der Selbstvergottung des Ego.

Das ist etwas ganz anderes als die Frage, ob Gott im Menschen wohnt.

 

2. Was die Mystik meint, wenn sie sagt: Gott ist in uns

Die Mystiker sagen fast nie:
„Mein gewöhnliches Ich, meine Meinung, mein Stolz, mein Wille, mein Größengefühl — das ist Gott.“

Im Gegenteil.

Fast alle großen Mystiker sagen:

Das kleine Ich muss still werden.
Die Seele muss geläutert werden.
Bilder, Begierden, Anhaftungen und falsche Sicherheiten müssen sinken.
Der Mensch muss durch Dunkelheit, Leere, Entblößung, Sammlung und Hingabe gehen.

Warum?

Weil erst unterhalb des aufgeregten Ego der tiefere Grund sichtbar wird.

Wenn Meister Eckhart vom Seelengrund spricht, meint er nicht das laute Alltags-Ich.
Wenn Teresa von Ávila von der inneren Burg spricht, meint sie nicht die äußere Rolle des Menschen.
Wenn Johannes vom Kreuz von der dunklen Nacht spricht, dann deshalb, weil gerade das falsche Ich nicht mit Gott verwechselt werden darf.
Wenn Augustinus sagt, Gott sei uns innerlicher als wir selbst, dann meint er nicht Selbstüberschätzung, sondern eine Tiefe, die wir oft gerade nicht beherrschen.

Die Mystik sagt also nicht:
„Das Ego ist göttlich.“

Sie sagt:
„Im tiefsten Grund des Menschen ist Gott gegenwärtig.“

Das ist ein riesiger Unterschied.

 

3. Der eigentliche Gegensatz: Ego oder Seelengrund?

Hier liegt der Schlüssel.

Paulus spricht oft gegen den Menschen, der sich selbst erhöhen will.
Die Mystik spricht vom Menschen, der gerade nicht mehr sich selbst aufblasen will, sondern leer, wahr, gesammelt und durchlässig wird für Gott.

Man könnte es so sagen:

Paulus bekämpft das falsche, aufgeblasene Ich.
Die Mystik entdeckt den göttlichen Grund unterhalb dieses Ich.

Damit löst sich der scheinbare Widerspruch schon weitgehend auf.

Denn das eine ist Hochmut.
Das andere ist Einwohnung.

Das eine ist Selbstvergottung.
Das andere ist Teilhabe an Gott.

Das eine sagt:
„Ich bin aus eigener Kraft groß.“
Das andere sagt:
„Ich bin im tiefsten Grund von Gott her getragen.“

 

4. Philipper 2: Nicht Festhalten, sondern Entäußerung

Besonders wichtig ist hier der bekannte Christus-Hymnus aus dem Philipperbrief:

Christus, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst.

Dieser Text wird oft so verstanden, als wäre „Gott gleich sein“ grundsätzlich etwas Verbotenes.

Doch eigentlich ist die Pointe eine andere:
Christus klammert nicht, Christus hält nicht fest, Christus macht aus seinem göttlichen Sein keinen Machtanspruch, sondern geht den Weg der Entäußerung.

Das ist kein Text gegen Gottesnähe.
Es ist ein Text gegen Herrschaftsdenken, Machtgebrauch und Selbstvergrößerung.

Gerade deshalb ist dieser Text für die Mystik so wichtig.
Denn die Mystik lebt von dieser Bewegung der Entleerung.

Nicht aufblasen.
Nicht festhalten.
Nicht herrschen.
Nicht besitzen.

Sondern:
leer werden, damit Gott Raum gewinnt.

 

5. Lukas 17,21: Das Reich Gottes ist inwendig in euch

Spätestens hier wird die Sache eindeutig.

Jesus sagt:

Das Reich Gottes ist mitten unter euch.
Oder: inwendig in euch.

Dieser Satz ist für die Mystik von enormer Bedeutung.
Denn er verlegt Gottes Wirklichkeit nicht nur nach außen, nicht nur in Tempel, Institutionen oder ferne Himmel, sondern in eine innere Gegenwart.

Das heißt nicht:
„Der Mensch ist als Ego allmächtig.“

Aber es heißt sehr wohl:
Gottes Wirklichkeit ist dem Menschen innerlich nahe.

Darum suchen Mystiker nicht nur außen.
Darum gehen sie nach innen.
Darum sprechen sie von Einwohnung, Seelengrund, Christus in uns, Gottesfunken, innerer Burg, göttlicher Gegenwart.

Nicht aus Stolz.
Sondern aus Erfahrung.

 

6. Athanasius: Gott wurde Mensch, damit wir vergöttlicht werden

Der Satz des Athanasius ist hier eine wunderbare Brücke:

„Gott wurde Mensch, damit wir vergöttlicht werden.“

Dieser Satz ist radikal.
Und doch ist er keine Einladung zum spirituellen Größenwahn.

Denn mit „Vergöttlichung“ ist nicht gemeint:
Das Ego wird zu Gott.
Der Mensch macht sich selbst göttlich.
Der Mensch ist aus eigener Kraft absolut.

Gemeint ist:
Der Mensch erhält Anteil am göttlichen Leben.
Er wird durch Gott verwandelt.
Er wird durch Gnade durchlichtet.
Er wird in die Gemeinschaft mit Gott hineingenommen.

Die Ostkirche nennt das Theosis.
Nicht Selbstvergottung, sondern Vergöttlichung durch Teilhabe.

Ein klassisches Bild dafür ist:
Eisen im Feuer.

Das Eisen bleibt Eisen, aber es glüht vom Feuer her.
Es wird vom Feuer durchdrungen, ohne selbst das Feuer als Ursprung zu sein.

So auch der Mensch:
Er bleibt Mensch — und wird doch vom Göttlichen durchlichtet.

 

7. Warum die Mystiker trotzdem demütig bleiben

Genau hier zeigt sich, wie wenig echte Mystik mit spiritueller Aufblähung zu tun hat.

Die meisten Mystiker sind gerade nicht stolz auf ihre Gottesnähe.
Sie sind erschüttert, geläutert, leer, suchend, oft leidend, manchmal verzweifelt, oft zart und demütig.

Johannes vom Kreuz hadert.
Teresa ringt.
Augustinus ist unruhig.
Angela von Foligno geht durch Abgründe.
Julian von Norwich tröstet ohne Flachheit.
Eckhart spricht von Loslassen und Entwerden.
Ignatius fordert Unterscheidung statt Überheblichkeit.

Das sind keine Menschen, die sagen:
„Ich bin so göttlich, ich stehe über allem.“

Sie sagen:
„Nicht mein falsches Ich, sondern Gott im tiefsten Grund.“

Darum ist echte Mystik fast immer verbunden mit:

Demut
Sammlung
Läuterung
Wahrheitsliebe
Ego-Kritik
innerer Reinigung

Nicht mit Großsprecherei.

 

8. Die falsche Formulierung und die richtige

Falsch wäre zu sagen:

„Ich bin Gott, also kann ich machen, was ich will.“

Das wäre tatsächlich Selbstvergottung.
Das wäre das Ego, das sich an die Stelle Gottes setzt.
Davor warnen Paulus und die geistliche Tradition zu Recht.

Richtiger wäre:

„Gott ist mir innerlicher als ich selbst.“

Oder:

„Im tiefsten Grund meiner Seele wohnt Gott.“

Oder:

„Nicht mein stolzes Ich ist göttlich, sondern mein tiefster Grund ist von Gott her offen und getragen.“

Oder ganz einfach:

„Der Mensch soll nicht Gott spielen.
Aber er darf erkennen, dass Gott in ihm gegenwärtig ist.“

 

9. Mensch bleiben oder vergöttlicht werden?

Auch diese Alternative ist oft zu grob.

Natürlich bleiben wir Menschen.
Wir werden keine allmächtigen Superwesen.
Wir bleiben verletzlich, begrenzt, leiblich, fehlbar.

Und doch ist das nicht die ganze Wahrheit.

Denn der Mensch ist nach christlichem Verständnis eben nicht nur „bloß Mensch“ im flachen Sinn.
Er ist Ebenbild Gottes.
Er ist bewohnt.
Er ist offen für Gnade.
Er ist zur Vereinigung mit Gott berufen.

Darum ist die Alternative
„Mensch bleiben oder göttlich sein“
eigentlich falsch gestellt.

Besser wäre:

Gerade indem der Mensch wahrer Mensch wird, wird er durchlässig für Gott.

Oder:

Der Mensch muss nicht aufhören, Mensch zu sein.
Aber er darf aufhören, sich als bloß getrenntes Ego zu verstehen.

 

10. Fazit

Paulus und die Mystik widersprechen sich nicht so sehr, wie es auf den ersten Blick scheint.

Paulus warnt vor dem Menschen, der aus Stolz Gott spielen will.
Die Mystik spricht vom Menschen, der im tiefsten Grund von Gott her lebt.

Paulus bekämpft die Selbstüberhebung.
Die Mystik entdeckt die Einwohnung.

Paulus warnt vor dem falschen Ich.
Die Mystik spricht vom wahren Grund.

Darum kann man es so zusammenfassen:

Der Stolz will Gott ohne Gott sein.
Die Mystik erkennt, dass Gott längst in uns gegenwärtig ist.

Oder noch knapper:

Nicht das Ego ist göttlich.
Aber Gott ist im Menschen.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche christliche Tiefe:
dass wir weder in Selbstvergottung noch in bloßer Kleinheit enden,
sondern im Wissen,
dass der Ursprung uns näher ist, als wir je gedacht haben.

 

ENDE

 

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Mystik von Susanne Albers

 

 

 

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