Denkwerkstatt – Warum der Tod ständig da ist und gleichzeitig verschwindet
In meinem Alltag sterben ständig Dinge:
Und doch spüre ich – wie fast alle Menschen – eine merkwürdige Tendenz: Ich tue so, als wäre der Tod weit weg.
Über Krankheit reden wir. Über Stress reden wir. Über Alter reden wir. Aber über den Tod – da schweigen viele.
Die westliche Gesellschaft hat eine perfekte Verdrängungsmaschine erschaffen. Der Tod wird aus dem Sichtfeld entfernt:
Ich erkenne darin ein kollektives Muster: Wenn niemand über den Tod spricht, wirkt er später – und weniger real.
Natürlich stimmt das nicht. Aber die Illusion hält den Alltag zusammen.
Ich sehe ständig Tod:
Doch das ist ein künstlicher Tod: dramatisiert, überzeichnet, choreografiert.
Der wahre Tod ist anders: still, intim, erschütternd, körperlich, langsam.
Die meisten Menschen kennen den echten Tod nicht – nur seine mediale Simulation.
Wenn ich verdränge, mache ich keinen Fehler – ich folge einem uralten Schutzmechanismus.
Denn die Vorstellung meiner eigenen Endlichkeit:
Aber die Angst entsteht nicht durch den Tod selbst. Sie entsteht durch die Abwesenheit des Todes in meinem Bewusstsein.
Ich begegne dem Tod ständig – nur nenne ich ihn anders.
Diese kleinen Tode sind wie Vorübungen für den letzten großen Tod – aber weil ich sie nicht als solche erkenne, fühlt sich der große Tod fremder an, als er ist.
Früher starben Menschen zuhause. Kinder sahen den Tod, Familien begleiteten ihn. Der Tod war Teil des Lebens.
Heute ist Sterben professionalisiert:
Wir haben den Tod unsichtbar gemacht – und damit die Fähigkeit verloren, ihn zu verstehen.
Trotz aller Verdrängung kommt der Tod manchmal durch die Hintertür:
In solchen Momenten spüre ich: Ich habe den Tod nicht gefürchtet – ich habe nur vergessen, dass er existiert.
Wenn ich den Tod dauerhaft wegschiebe, verwandelt er sich in meinem Unterbewusstsein in etwas Dunkles:
Doch der Tod ist kein Feind. Er ist ein Naturgesetz, das mich begleitet – vom ersten Atemzug an.
Der Feind ist nicht der Tod. Der Feind ist die Verdrängung.
Ich kann dem Tod einen Platz geben, ohne ihn zu dramatisieren:
Wenn der Tod einen Platz bekommt, verliert er seine Schwere.
Der Tod begleitet mich, ob ich das wahrnehme oder nicht. Er steckt:
Die Kunst ist nicht, den Tod zu verdrängen – sondern ihn zu integrieren.
Wer den Tod im Alltag erkennt, hat im Sterben weniger Angst.
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