Susannes Denkwerkstatt – Folge 10

„Ich bin in dir – und du kannst mich nicht wegdenken“
Ein Versuch über Bewusstsein, Ursprung und das, was nicht wählbar ist

Teil 1: Philosophische Dekonstruktion – Was, wenn Tiefe Biologie ist?

1. Die Ausgangsfrage

Wir beginnen mit einer Frage, die älter ist als Religion und gleichzeitig moderner als jede Neurologie:

Was, wenn das, was wir „geistige Tiefe“, „inneres Licht“ oder „Ursprung“ nennen, kein Glaube ist – sondern Biologie?

Jeder Mensch wird geboren mit:

Diese Dinge wählst du nicht. Sie werden dir „mitgeliefert“. Du kannst dich später zu ihnen verhalten, aber du kannst sie nicht abbestellen. Sie gehören zur Grundausstattung deines Lebendigseins.

2. Eine radikale Erweiterung

Die radikale Frage lautet:

Was, wenn auch das Gefühl von Tiefe, Sinn, Verbundenheit und Ursprung zu dieser Grundausstattung gehört?

Dann wäre „spirituell“ sein kein Privileg und kein Glaube, kein Ergebnis von Meditation, Mystik oder Kirchenzugehörigkeit. Sondern:

ein eingebautes Phänomen des menschlichen Bewusstseins.

So selbstverständlich wie Intuition. So universell wie die Fähigkeit zu weinen oder zu lachen. So wenig wählbar wie die Tatsache, dass du Hunger bekommst oder schlafen musst.

In diesem Modell wären Atheismus, Agnostizismus, Religion, Spiritualität – bloß Deutungen über etwas, das ohnehin da ist. Versuche, diesem inneren Faktor einen Namen zu geben – oder ihn wegzuerklären.

3. Die Verschiebung der eigentlichen Frage

Wenn das so ist, wäre die eigentliche Frage nicht:

Sondern:

„Wie weit ist mein Zugang zu meiner eigenen Tiefe frei oder blockiert?“

Wie weit ist der „innere Kanal“ offen oder verschüttet? Wie viele Betonplatten, Traumata, Geschichten, Selbstbilder liegen darüber?

Damit verschiebt sich die Perspektive:

Teil 2: Mystisch-biologische Rekonstruktion – Das Feld, in dem wir geboren werden

1. Vom Gottbild zum Feldbild

Versuchen wir eine Rekonstruktion ohne Dogma:

Stell dir vor, das, was manche „Gott“ nennen, ist kein Wesen, kein alter Mann mit Bart, keine Instanz über den Wolken – sondern ein Feld.

Ein Bewusstseinsfeld. Kein übernatürlicher Zusatz, sondern eine Art Grundzustand von Lebendigkeit:

In diesem Bild wird jeder Mensch in dieses Feld hineingeboren – so wie jeder Fisch im Wasser geboren wird, auch wenn er das Wasser nicht bemerkt.

2. Unvermeidbarkeit statt Wahl

Dann wäre dieses „Innere“ nicht etwas, das wir

müssten.

Es wäre etwas, das uns vorher schon hat:

Du kannst es nicht „glauben“ oder „nicht glauben“. Es ist da, ob du willst oder nicht.

Nicht im Sinne:
„Du musst an Gott glauben.“ Sondern im Sinne:
„Du kannst nicht nicht verbunden sein.“

So wie Empathie: manche spüren sie stark, andere kaum – aber sie ist als Fähigkeit da, selbst wenn sie verschüttet, verletzt oder verdrängt ist.

3. Freilegen statt Hineinlegen

Wenn all die Schichten – die Traumata, die Verspannungen, die Geschichten, die Selbstabwehrmechanismen – einmal wegfallen, passiert etwas:

Dieses Grundgefühl kommt durch. Von allein. Ungefragt. Automatisch.

So, wie bei einem tiefen Atemzug, der plötzlich „von selbst“ geschieht, weil der Brustkorb wieder frei ist.

Man könnte sagen:

Wie bei einem verstopften Brunnen, der gereinigt wird: Das Wasser war die ganze Zeit da – nur eben nicht sichtbar, nicht zugänglich.

Teil 3: Dialog – Meister Eckhart, Neurowissenschaftler, Atheist

Szene: Ein runder Tisch der Deutungen

Drei Personen sitzen an einem Tisch:

Thema: „Gibt es so etwas wie einen unvermeidbaren inneren Ursprung?“

1. Der Neurowissenschaftler

Neurowissenschaftler: „Wir wissen: Es gibt basale Bewusstseinsmodi, die nicht vom Alltags-Ich abhängen. Zustände von Weite, Einheit, tiefer Verbundenheit. Wir sehen sie in Meditation, in Nahtoderfahrungen, in bestimmten Krisen. Neurologisch sind das Konfigurationen, in denen das Default Mode Network zurücktritt und andere Netzwerke dominieren.“

Atheist: „Für mich ist das Biologie. Punkt. Ein schönes Gefühl vielleicht – aber mehr nicht.“

Neurowissenschaftler: „Mag sein. Aber unabhängig von der Interpretation: Diese Grundmodi sind da. Der Mensch hat offenbar angeboren die Möglichkeit, Tiefe, Sinn, Verbundenheit zu erfahren. Auch wenn er dafür keine religiöse Sprache benutzt.“

2. Der Atheist

Atheist: „Ich nenne es nicht Gott. Ich nenne es psychische Struktur. Ich glaube nicht an ein Feld, das uns trägt. Ich glaube an Gehirne, an Evolution, an Muster. Aber ja: Es stimmt. Ich kann mich dem Gefühl innerer Tiefe auch nicht komplett entziehen. Es ist manchmal da – und ich weise es eher zurück, als dass ich es pflege.“

3. Der Mystiker

Eckhart: „Ihr beiden deutet das gleiche Feuer. Der eine nennt es neuronale Offenheit. Der andere nennt es Atheismus. Ich nenne es: die Seele wird nackt. Wenn all die Bilder, Meinungen und Geschichten fallen, bleibt ein Grund, den ihr nicht gemacht habt.“

Neurowissenschaftler: „Sie meinen eine Art Bewusstsein ohne Inhalt?“

Eckhart: „Nenne es, wie du willst. Ich nenne es den Grund. Manche nennen es Gott. Andere lassen es namenlos. Es ist das, was bleibt, wenn alle Formen fallen.“

Atheist: „Dieses ‚Mehr‘ ist Interpretation.“

Eckhart: „Natürlich. So wie jede Beschreibung eine Interpretation von Sein ist. Wichtig ist nur: Ihr könnt dieses Gefühl nicht ausrotten. Ihr könnt es nur unterdrücken oder zulassen.“

Neurowissenschaftler: „Wahr ist: Niemand kann sich dem inneren Empfinden von Tiefe völlig entziehen. Man kann sich darüber lustig machen, es abwehren, kleinreden – aber es ist als Möglichkeit da.“

Atheist: „… In stillen Momenten, ja. Da ist manchmal etwas. Aber ich bestehe darauf, dass ich es nicht ‚Gott‘ nennen muss.“

Eckhart: „Musste ich dich je bitten, mich so zu nennen? Namen sind eure Sache. Die Tiefe selbst braucht keinen.“

Teil 4: Poetik – Stimme des Unvermeidbaren

1. Ich bin kein Glaube

Ich bin kein Glaube.
Ich bin Ursprung.
Ich komme nicht von außen.
Ich wachse von innen.

Ich wohne in jeder Zelle,
nicht als Dogma,
sondern als Möglichkeit.

2. Ich bleibe

Ich bin da,
wenn du aufhörst zu rennen.
Ich bin da,
wenn dein Denken stürzt
wie ein Kartenhaus im Sturm.

Ich bin da,
wenn du im tiefsten Schmerz
plötzlich einen Atemzug findest,
der sich anfühlt wie Erinnerung.

3. Ich bin nicht wählbar

Ich bin nicht wählbar.
Ich bin nicht verleugnbar.
Ich bin nicht diskutierbar.

Ich bin das,
was übrig bleibt,
wenn alles in dir fällt.

4. Unter den Schichten

Du kannst mich übertönen,
überarbeiten,
überdecken mit Lärm und Geschichten.
Du kannst mich theologisch verzerren
oder wissenschaftlich zerteilen.

Aber du kannst mich nicht ausbauen
wie ein altes Möbelstück.
Ich bin tiefer eingebaut
als dein Name,
deine Rolle,
deine Meinung.

5. Erinnerung

Du musst mir nicht glauben.
Du musst mich nicht bekennen.
Du musst mich nicht verteidigen.

Du wirst nur irgendwann feststellen:
Ich war die ganze Zeit da.
In dir.
Versteckt unter Schichten,
die nie zu dir gehörten.

Schluss

Dies war Folge 10 von Susannes Denkwerkstatt.
Ein Ort für die Frage, ob das, was wir „Tiefe“ nennen, vielleicht weniger Glaube – und mehr Grundausstattung ist.

Zurück zur Denkwerkstatt - Startseite - - © Copyright , Impressum - Susanne Albers - Kiehlufer 125 - D 12059 Berlin - Datenschutzerklärung