René Descartes setzt seine Berühmtheit auf einen einzigen Satz: „Cogito, ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich.“
Der Gedanke dahinter: Alles kann bezweifelt werden – Sinneswahrnehmung, Körper, Welt, Geschichte. Aber dass ich denke, scheint unbezweifelbar. Und wenn ich denke, dann muss es ein „Ich“ geben, das denkt. Denken wird zum letzten sicheren Fundament des Seins.
Doch dieser Satz klingt nur so lange plausibel, wie man einen gesunden, wachen, denkenden Menschen im Blick hat – im Sessel, mit Pfeife, bei gutem Licht und viel Zeit. Aber das Leben sieht anders aus.
Epileptischer Grand-Mal-Anfall:
Ich kenne es aus eigener Erfahrung: Beim großen Anfall ist kein Denken.
Kein innerer Kommentar, kein Erinnerungsfaden. Der Körper ist aktiv,
das EEG zeigt heftige Entladungen – aber in meinem subjektiven Erleben:
„Ich war weg.“
Wer mich dabei sieht, erlebt mich als sehr real – aber nicht normal. Ich bin für andere da, während ich für mich selbst nicht da bin. Nach Descartes’ Logik wäre das absurd: Wenn Denken Voraussetzung für Sein ist, dann bin ich im Anfall nicht.
Narkose und Tiefschlaf:
Unter Vollnarkose habe ich keine bewusst erinnerten Gedanken.
Im Tiefschlaf ebenfalls nicht. Und trotzdem würde niemand ernsthaft behaupten:
„Du warst während der OP nicht“ oder „du hast heute Nacht nicht existiert“,
nur weil ich mich nicht erinnere. Ich war – auch ohne bewusstes Denken.
Wachkoma und Minimalbewusstsein:
Es gibt Patient:innen, die über Monate oder Jahre scheinbar nichts denken,
nicht reagieren, nicht kommunizieren. Später berichten einige von inneren
Erlebnissen, klaren Wahrnehmungen, fragmentierten Erinnerungen.
Das Denken war nicht in der Form da, die wir gewohnt sind, aber das Sein
war nicht abgeschaltet. Allein das unterläuft Descartes’ Sicherheit.
Im Anfall misst das EEG veränderte Aktivität. Beim Schlaf andere Muster. Beim Hirntod: keine elektrische Aktivität mehr im Cortex.
Aber: EEG misst Ströme – nicht Bewusstsein.
Es zeigt uns, was sich im messbaren Spektrum der Oberfläche tut. Es sagt nichts
darüber, ob es eine Form von Sein gibt, die jenseits dieser Messbarkeit liegt.
Meine eigene Erfahrung trifft den wunden Punkt des „Cogito“:
Descartes hat aus einer bewussten Situation ein absolutes Prinzip gemacht. Das ist philosophisch elegant – aber existenziell zu klein.
Mein Alltag zeigt: Ich bin nicht immer am Denken. Und trotzdem bin ich.
Das Sein hängt offenbar nicht am Denken. Es gibt Sein ohne Denken. Es gibt Körper ohne Bewusstsein. Es gibt Bewusstsein ohne erinnerbares Denken.
Also wäre ehrlicher zu sagen: „Manchmal denke ich – aber ich bin auch, wenn ich nicht denke.“
Descartes tut so, als spiele sich Denken nur im Kopf ab – als innerer Monolog eines isolierten „Ich“. Aber vielleicht ist Denken gar nicht nur im Gehirn angesiedelt.
Wenn ich eine Blume anschaue, passiert etwas zwischen mir und der Blume:
Das Denken ist nicht nur „da oben“, es ist auch im Raum dazwischen. In der Beziehung. Im Feld.
Die Quantenphysik zeigt uns: Zustände existieren, bevor wir sie messen. Teilchen sind verschränkt, ohne dass wir den Weg der Information kennen. Es gibt Realität, die sich unseren klassischen Messgeräten entzieht – und trotzdem wirkt.
Übertragen auf Bewusstsein könnte man sagen: Bewusstsein ist nicht einfach das Produkt von Neuronen. Neuronen sind ein Interface, ein Display. Sie zeigen uns, dass etwas in Erscheinung tritt – aber nicht notwendigerweise, wo dieses Etwas seinen Ursprung hat.
Vielleicht ist Denken eine Welle, die an der Oberfläche sichtbar wird, während Bewusstsein das Meer ist, in dem diese Wellen entstehen.
Ich hatte einen großen Anfall mit Herztod, neun Minuten Null-Linie. Danach der Defibrillator, die Rückkehr ins Leben. Das klassische Modell sagt: „In diesen Minuten warst du weg.“
Aber meine Erfahrung und die vieler anderer erzählen etwas anderes:
Ob man das Nahtoderfahrung, mystische Erfahrung oder Grenzerfahrung nennt: Es zeigt, dass Bewusstsein sich nicht brav an die Grenzen hält, die unsere Messgeräte definieren.
Statt:
„Ich denke, also bin ich“
könnte ich sagen:
„Ich bin – und manchmal wird Denken daraus.“
Sein ist der Boden. Denken ist ein Ereignis. Sein bleibt, auch wenn Denken aussetzt.
Es sitzen zusammen:
Descartes: Ich habe nur versucht, einen festen Punkt zu finden. Alles ist zweifelbar. Aber dass ich denke, kann ich nicht bezweifeln. Also ist Denken das sicherste Zeichen meines Seins.
Neurologin: Monsieur Descartes, im Wachzustand mag das stimmen. Aber ich habe EEGs von Menschen in tiefer Narkose, im Anfall, im Koma. Sie denken nicht – und doch würden Sie ihnen das Sein nicht absprechen, oder?
Descartes: Ich würde sagen: Ihr Denken ruht. Aber wenn es ruht, bin ich nicht sicher, ob man von „Ich“ sprechen kann.
Wachkoma-Patientin: Verzeihung, ich kann Ihnen sagen: Ich war da. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht reagieren. Aber ich habe Stimmen gehört, Berührungen gespürt, Gespräche mitbekommen. Ich konnte nicht denken wie früher – aber ich war.
Descartes: Das überrascht mich. Ich habe solche Fälle nicht gekannt. Vielleicht habe ich das Denken mit Bewusstsein verwechselt.
Eckhart: Ihr alle setzt beim Denken an. Ich sage: Das Denken ist nur ein Werkzeug. Es ist nicht die Quelle. Wenn du all dein Denken loslässt, bleibt etwas, das nicht wegfallen kann.
Neurologin: Sie meinen eine Art Bewusstsein ohne Inhalt?
Eckhart: Nenne es, wie du willst. Ich nenne es den Grund. Manche nennen es Gott. Es ist das, was bleibt, wenn alle Formen fallen.
Descartes: Wenn das stimmt, dann war mein „Cogito“ nur ein Zwischen-Schritt, kein Endpunkt.
Wachkoma-Patientin: Für mich war es so: Auch als niemand sicher war, ob ich „noch da“ bin – ich war da. Das reicht mir.
Ich denke nicht.
Mein Gehirn schreibt keine Sätze an die Innenwand meines Kopfes.
Kein Kommentar, kein Urteil, kein Name.
Und doch:
Etwas ist da.
Ich falle in ein schwarzes Loch.
Für mich ist es weg.
Für euch ist es zu viel.
Ihr haltet mich, spritzt, defibrilliert, ruft meinen Namen.
Ihr sagt später: „Du warst weg.“
Aber irgendetwas in mir hat euch erreicht.
Sonst wäre ich nicht zurück.
Neun Minuten Null.
Das Herz schweigt.
Die Maschine sagt: „Da ist nichts.“
Doch da ist eine Spur, die mich hält.
Nicht messbar, nicht kodierbar.
Aber stark genug, um mich noch einmal in diesen Körper zu ziehen.
Ich sehe eine Blume.
Zwischen ihr und mir tanzen Photonen, Atome, Felder, Bedeutungen.
Mein Denken glaubt, es hätte alles erfunden.
Aber vielleicht bin ich nur das Fenster,
durch das die Welt sich selbst betrachtet.
Nicht:
Ich denke, also bin ich.
Sondern vielleicht:
Ich bin – auch wenn ich nicht denke.
Und manchmal wird Denken daraus,
damit ich mich selbst erkennen kann.
Dies war Folge 9 von Susannes Denkwerkstatt.
Ein Ort für alle, die ahnen, dass Bewusstsein größer ist als ein Satz von Descartes.
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