Dieser Text ist eine Denkwerkstatt – entstanden aus einem inneren Dialog mit Teresa von Ávila. Im zugehörigen Video lese ich einen Auszug aus Teresas mystischem Werk und reagiere darauf mit eigenen Gedanken, Fragen und Bildern. Für alle, die das Video nicht kennen: Hier geht es um eine radikale, liebevolle und ehrliche Auseinandersetzung mit Spiritualität heute. Ich spreche mit Teresa – nicht um sie zu widerlegen, sondern um sie weiterzudenken. Und um Gott neu zu entdecken: im Alltag, im Zweifel, im Mettbrötchen.
Wenn Gott in allem ist – in Mensch, Tier, Pflanze, Stein, Staub und jedem Atom – dann ist die Einung nicht etwas, das wir erst erreichen müssen. Sie ist bereits vollzogen. Teresa spricht von Nähe zu Gott als etwas, das man sich erarbeiten oder verdienen muss. Ich sehe das anders:
Das Göttliche steckt bereits überall drin – unabhängig davon, ob jemand gut, böse, arm, reich, klug oder verwirrt ist.
Teresa macht Unterschiede zwischen Menschen: Die einen sind Gott näher, die anderen beleidigen ihn – auch wenn sie es nicht wollen. Ich glaube nicht, dass Gott so unterscheidet. Ich glaube, dass Gott sich nicht beleidigen lässt. Dass er nicht auf einem Podest sitzt, sondern in jedem Mettbrötchen, in jeder schmutzigen Fußsohle, in jeder Zigarette, die ich rauche.
Teresa beschreibt den Geist als „rein“ und „über alles Irdische erhaben“. Ich glaube, dass Gott auch im geistig behinderten Menschen wohnt – nicht weniger, sondern vielleicht sogar mehr. Denn wer nicht denkt, sondern einfach ist, kann Gott unverstellt begegnen.
Teresa spricht vom „Staub unserer Armseligkeit“, als wäre das etwas, das uns von Gott trennt. Ich glaube, das ist genau das, was Gott will. Dass wir nicht perfekt, sondern echt sind. Dass wir nicht rein, sondern durchlässig sind.
Teresa schreibt vor 500 Jahren – in einer Zeit, in der Gott oben war und der Mensch unten. Ein Thron-Gott, ein Richter-Gott, ein Gott, zu dem man aufschauen musste. Ich glaube, das ist ein Bild, das wir heute hinter uns lassen dürfen.
Der, der sich klein machen kann – ganz klein – der ist viel göttlicher als der große Gott auf dem Thron.
Das Göttliche hat es nicht nötig, oben zu sitzen. Es blickt nicht herab. Und es verlangt nicht, dass wir hinaufschauen. Es ist mitten unter uns – in den Pflanzen, den Tieren, den Menschen, in der Tiefe, nicht in der Höhe.
Teresa sagt, man könne nicht wissen, ob man in Einung ist. Ich glaube, man muss es auch nicht wissen. Denn wenn Gott in allem ist, dann ist Einung nicht ein Moment, sondern ein Grundgefühl. Nicht spürbar – aber immer da.
Vielleicht ist das gar nicht die Frage. Denn Teresa spricht aus ihrer Zeit – und ich aus meiner. Sie hatte keine andere Sprache, kein anderes Bild. Ich habe andere Erfahrungen, andere Fragen, andere Bilder.
Wenn Gott in meinem Atem ist, dann muss er auch Gauloises rauchen. Wenn Gott in meinem Mund ist, dann ist er auch im Mettbrötchen.
Ist das Rechtfertigung? Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch radikale Annahme. Nicht, um mich zu entschuldigen – sondern um Gott nicht auszuschließen.
Wenn Gott in allem ist – dann ist er auch im Zeigefinger, der den Abzug betätigt. Auch in der Kugel, die fliegt. Auch in dem, der trifft.
Ist das Gottes Wille? Oder nur seine Anwesenheit? Ist Gott auch im Bösen – oder ist ihm das egal?
Meister Eckhart sagt: Gott ist in allem. Aber will er auch im Bösen sein? Oder ist Einung mit Gott nur möglich, wenn man das Gute will?
War Gott auch in Hitler? Und hat Hitler es nur nicht gemerkt?
Das ist keine Provokation. Das ist eine theologische Grenzfrage. Denn wenn Gott wirklich in allem ist – dann ist er auch dort, wo wir ihn nicht sehen wollen.
Ich wage viel. Weil wir sonst nicht weiterkommen. Weil ich niemanden verliere will – nicht die Suchenden, nicht die Zweifelnden, nicht die Wütenden. Ich schreibe nicht als Veilchen – sondern als jemand, der laut denkt, tief fühlt, ehrlich fragt.
Und wenn Teresa sich zu sicher fühlt, dann sage ich:
„Liebe Teresa – bilde dir nicht zu viel auf deine Ansichten ein. Denn auch du kannst irren. Und Gott bleibt trotzdem.“
Wenn du das gelesen hast und etwas in dir vibriert – dann war es richtig. Wenn du widersprichst – dann war es auch richtig. Denn Gott ist nicht Besitz, sondern Bewegung. Nicht Antwort, sondern Einladung. Nicht oben, nicht unten – sondern mitten in dir.
Also: Denk weiter. Fühl weiter. Frag weiter. Denn genau da beginnt die Einung..
Dies war Folge 6 von Susannes Denkwerkstatt. Ein Ort für die, die wissen, dass Denken heilig ist.
Zurück zur Denkwerkstatt - Startseite - - © Copyright , Impressum - Susanne Albers - Kiehlufer 125 - D 12059 Berlin - Datenschutzerklärung