Susannes Denkwerkstatt – Folge 3

Der Sündenfall – Ein anderer Blick

Teil 1: Philosophische Dekonstruktion

Was passiert im Mythos vom Sündenfall wirklich? Und was bedeutet es, wenn man sagt: Der Mensch sei "gefallen"?

Im Text isst der Mensch vom "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse". Daraufhin erkennt er seine Nacktheit – und wird aus dem Paradies vertrieben. Aber ist Erkenntnis wirklich eine Sünde? Oder ist sie der erste Akt des Erwachens?

Wenn Gott alles weiß, dann wusste er auch, dass der Mensch essen würde. War es also ein Test? Oder eine notwendige Stufe in der Entwicklung des Bewusstseins?

Teil 2: Mystisch-philosophische Rekonstruktion

Vielleicht war der sogenannte Sündenfall kein Fall – sondern ein Aufbruch. Ein Übergang vom kindlichen Einssein zur erwachenden Selbstwahrnehmung. Die Schlange als Symbol der Wandlung – das Wissen als Frucht reifender Menschlichkeit.

Der Mensch erkennt Gut und Böse – und steht plötzlich in Verantwortung. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft – aber auch schöpferisch. Denn mit ihr beginnt Ethik, Mitgefühl, Entscheidung.

Vielleicht sagte Gott deshalb nicht: "Ihr seid verflucht", sondern: "Jetzt seid ihr wie wir – erkennend." (vgl. Gen 3,22)

Teil 3: Fiktiver Dialog – Eva, Eckhart, Gott und die Neurologin

Eva:

Ich wollte nicht sündigen. Ich wollte wissen. Ich wollte fühlen. Ich wollte sehen, warum wir nichts wissen dürfen.

Neurologin:

Die Reifung des Stirnhirns – die Fähigkeit zur Selbstreflexion – ist ein Wunder der Natur. Vielleicht war das der eigentliche "Biss": die Entfaltung des Gehirns zu Bewusstsein.

Meister Eckhart:

Was ihr "Fall" nennt, ist Gottes Heimkehr im Menschen. Denn erst wenn du weißt, dass du getrennt bist, kannst du erkennen, dass du nie getrennt warst.

Gott:

Ich habe euch nie verlassen. Ich bin in jedem Schmerz, in jedem Zweifel, in jedem Gedanken, der euch trennt – und in jedem Atemzug, der euch erinnert.

Teil 4: Poetik – Schluss mit Eden!

Sie sagten mir:
Geh nicht!
Bleib rein, bleib brav,
bleib unter dem Baum,
bleib unberührt,
sei unschuldig – für immer.

Aber ich hatte Hunger.
Nicht nach Frucht –
nach Wahrheit.

Sie sagten mir:
Du hast uns alle verdorben.
Weil du gegessen hast.
Weil du gespürt hast.
Weil du erkannt hast.

Aber was,
wenn das Paradies zu eng war
für ein Herz,
das lernen wollte?

Was,
wenn Schuld nur das Echo ist
alter Macht?
Und Reue
eine Falle
für jene, die wagen?

Ich ging.
Ich fiel.
Ich stand auf.

Nicht ein Mal.
Nicht zwei Mal.
Sondern tausendfach,
in jedem Kind,
das fragt,
das kämpft,
das fühlt.

Und Gott?
Er ging mit.
Barfuß.
Durch Staub.
Durch Körper.
Durch Zeit.
Bis ich begriff:

Eden war nie verloren.
Es war nur zu klein
für uns beide.

Schluss

Dies war Folge 3 von Susannes Denkwerkstatt. Ein Raum, in dem alte Mythen sich öffnen – und du darin deine eigene Tiefe erkennst.

 

Bibeltext Elberfelder:

Und die Schlange war listiger als alles Getier des Feldes, das Jahwe Gott gemacht hatte; und sie sprach zu dem Weibe: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr sollt nicht essen von jedem Baume des Gartens?   
Und das Weib sprach zu der Schlange: Von der Frucht der Bäume des Gartens essen wir;   
aber von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens ist, hat Gott gesagt, davon sollt ihr nicht essen und sie nicht anrühren, auf daß ihr nicht sterbet.   
Und die Schlange sprach zu dem Weibe: Mit nichten werdet ihr sterben!   
Sondern Gott weiß, daß, welches Tages ihr davon esset, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses.   
Und das Weib sah, daß der Baum gut zur Speise und daß er eine Lust für die Augen und daß der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Manne mit ihr, und er aß.   
Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, daß sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürzen.
   
Und sie hörten die Stimme Jahwes Gottes, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Und der Mensch und sein Weib versteckten sich vor dem Angesicht Jahwes Gottes mitten unter die Bäume des Gartens.   
Und Jahwe Gott rief den Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?   
10  Und er sprach: Ich hörte deine Stimme im Garten, und ich fürchtete mich, denn ich bin nackt, und ich versteckte mich.   
11  Und er sprach: Wer hat dir kundgetan, daß du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baume, von dem ich dir geboten habe, nicht davon zu essen?   
12  Und der Mensch sprach: Das Weib, das du mir beigegeben hast, sie gab mir von dem Baume, und ich aß.   
13  Und Jahwe Gott sprach zu dem Weibe: Was hast du da getan! Und das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, und ich aß.   
14  Und Jahwe Gott sprach zu der Schlange: Weil du dieses getan hast, sollst du verflucht sein vor allem Vieh und vor allem Getier des Feldes! Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.   
15  Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen.   
16  Zu dem Weibe sprach er: Ich werde sehr mehren die Mühsal deiner Schwangerschaft, mit Schmerzen sollst du Kinder gebären; und nach deinem Manne wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen.   
17  Und zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört und gegessen hast von dem Baume, von dem ich dir geboten und gesprochen habe: Du sollst nicht davon essen, so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens;   
18  und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen.   
19  Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staube wirst du zurückkehren!
   
20  Und der Mensch gab seinem Weibe den Namen Eva, denn sie war die Mutter aller Lebendigen.
   
21  Und Jahwe Gott machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fell und bekleidete sie.
   
22  Und Jahwe Gott sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unser einer, zu erkennen Gutes und Böses; und nun, daß er seine Hand nicht ausstrecke und nehme auch von dem Baume des Lebens und esse und lebe ewiglich!   
23  Und Jahwe Gott schickte ihn aus dem Garten Eden hinaus, um den Erdboden zu bebauen, davon er genommen war;   
24  und er trieb den Menschen aus und ließ lagern gegen Osten vom Garten Eden die Cherubim und die Flamme des kreisenden Schwertes, um den Weg zum Baume des Lebens zu bewahren.

 

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