Ich muss über den Körper sprechen.
Nicht über den Körper aus dem Fitnessstudio.
Nicht über den Körper aus der Werbung.
Nicht über den Körper, der funktionieren soll, lächeln soll, leisten soll, schlank sein soll, stark sein soll, verfügbar sein soll.
Ich meine den wirklichen Körper.
Den Körper, der schwitzt.
Den Körper, der schwindlig wird.
Den Körper, der nachts nicht schlafen kann.
Den Körper, dessen Beine plötzlich nicht mehr stillhalten.
Den Körper, der nach Wasser fragt.
Nach Salz.
Nach Schatten.
Nach Ruhe.
Nach einer Pause, die man ihm nicht gönnen wollte.
Ich meine den Körper, der irgendwann sagt:
Jetzt reicht es.
Und wenn der Körper das sagt, dann klingt es oft nicht schön.
Es klingt nicht wie Weisheit.
Es klingt nicht wie Meditation.
Es klingt nicht wie ein spiritueller Gong.
Es klingt wie Schwindel.
Wie Schwummrigkeit.
Wie Atemnot.
Wie Restless Legs.
Wie Herzklopfen.
Wie Hitze im Kopf.
Wie ein Bein, das brennt.
Wie eine Fußsohle, die taub wird.
Wie ein Puls, der zu hoch ist.
Wie ein Blutdruckgerät, das einem Zahlen zeigt, die man nicht sehen wollte.
Und dann wird man schnell wütend auf den Körper.
Warum machst du das jetzt?
Warum kannst du nicht einfach funktionieren?
Warum störst du mich?
Ich wollte doch gerade arbeiten.
Ich wollte doch gerade schreiben.
Ich wollte doch gerade ein Lied machen.
Ich wollte doch gerade ein Video hochladen.
Ich wollte doch gerade die Welt retten, wenigstens ein kleines Stück.
Und dann kommt der Körper und sagt:
Nein.
Nicht so.
Nicht jetzt.
Nicht ohne mich.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Der Körper ist kein Feind.
Der Körper ist nicht das Dumme an uns.
Nicht das Niedrige.
Nicht das Tierische, das man überwinden muss.
Nicht der Störenfried auf dem Weg zum Geist.
Der Körper ist der Ort, an dem überhaupt alles geschieht.
Auch Denken geschieht im Körper.
Auch Mystik geschieht im Körper.
Auch Liebe geschieht im Körper.
Auch Gebet geschieht im Körper.
Auch Kunst geschieht im Körper.
Ein Mensch ohne Körper schreibt kein Lied.
Ein Mensch ohne Körper trinkt kein Wasser.
Ein Mensch ohne Körper hält keine Hand.
Ein Mensch ohne Körper sitzt nicht nachts am Fenster und hört, ob endlich Regen fällt.
Wir tun oft so, als sei der Körper nur eine Art Gerät.
Ein Gerät, das laufen soll.
Man füttert es ein bisschen.
Man gibt Medikamente hinein.
Man stellt es irgendwo hin.
Und dann soll es bitte leisten.
Aber der Körper ist kein Gerät.
Er ist ein lebendiges Archiv.
In ihm wohnen Jahre.
Krankenhäuser.
Operationen.
Tabletten.
Narben.
Schlafmangel.
Angst.
Pflege.
Liebe.
Verluste.
Sommer.
Winter.
Nächte.
Tode.
Rettungen.
Schrecken.
Zärtlichkeit.
Der Körper vergisst nicht so schnell wie der Kopf.
Der Kopf kann sagen:
Ach, das ist lange her.
Der Körper sagt:
Ich weiß noch.
Der Kopf kann sagen:
Alles gut.
Der Körper sagt:
Mal langsam.
Der Kopf kann sagen:
Ich habe noch Kraft.
Der Körper sagt:
Du hast vielleicht noch Willen.
Aber Kraft ist etwas anderes.
Das musste ich in dieser Hitze wieder lernen.
Draußen fast vierzig Grad.
Drinnen neunundzwanzig.
Silberfolie an den Fenstern.
Wasser.
Melone.
Matjes.
Salz.
Ein nasses Handtuch.
Kleine Schlucke.
Keine Heldentaten.
Und trotzdem war da dieser innere Drang:
Komm, Susanne.
Mach weiter.
Du kannst doch nicht einfach zwölf Stunden herumliegen.
Du hast doch Ideen.
Du hast doch Texte.
Du hast doch Videos.
Du hast doch noch Credits.
Du hast doch noch Welt.
Und dann sitzt man da und merkt:
Der Kopf will Ozean.
Der Körper will Wasser.
Der Kopf will Werk.
Der Körper will Schatten.
Der Kopf will Ewigkeit.
Der Körper will jetzt bitte ein Stück Melone und keinen Scheiß.
Und auf einmal wird klar:
Der Körper ist nicht gegen mich.
Er ist nicht der Saboteur.
Er ist der Wächter an der Tür.
Er sagt nicht:
Du darfst nicht leben.
Er sagt:
So kannst du nicht leben.
Er sagt nicht:
Du darfst nicht arbeiten.
Er sagt:
Nicht ohne Essen.
Nicht ohne Trinken.
Nicht ohne Schlaf.
Nicht ohne Pause.
Nicht ohne Boden unter den Füßen.
Der Körper ist manchmal grob in seiner Sprache.
Er diskutiert nicht elegant.
Er schickt Schwindel.
Er schickt Zittern.
Er schickt Müdigkeit.
Er schickt Schmerz.
Er schickt Beine, die wippen müssen.
Er schickt ein klares Nein, wenn der Geist noch hundert Ja-Sätze im Vorrat hat.
Aber vielleicht ist das keine Dummheit.
Vielleicht ist das eine andere Form von Wahrheit.
Eine Wahrheit ohne Rhetorik.
Der Körper argumentiert nicht.
Er zeigt.
Und was er zeigt, ist manchmal unbequem.
Ich habe in dieser Hitze gemerkt:
Man kann geistig hellwach sein und körperlich am Rand.
Man kann Texte bauen, während der Körper eigentlich nur Ruhe will.
Man kann mystisch denken, politisch denken, poetisch denken — und gleichzeitig vergessen zu trinken.
Man kann über Liebe sprechen und dabei die eigenen Fußsohlen taub wippen.
Man kann über Gott nachdenken und dabei merken:
Ich muss jetzt erst mal etwas essen.
Und das ist nicht banal.
Das ist Theologie.
Denn wenn Gott nicht außerhalb der Welt sitzt wie ein ferner Chef im Himmel, sondern im Urgrund des Lebens ist, dann ist der Körper nicht zweitrangig.
Dann ist der Körper nicht weniger heilig als der Gedanke.
Dann ist das Glas Wasser auf dem Tisch nicht weniger geistlich als ein Gebet.
Dann ist Melone bei achtunddreißig Grad nicht nur Obst.
Dann ist sie Gnade.
Dann ist Matjes nicht nur Fisch.
Dann ist er Salz und Körperverstand.
Dann ist ein nasses Handtuch auf den Oberschenkeln nicht lächerlich.
Dann ist es Fürsorge.
Dann ist ein geöffneter Fensterflügel in der Nacht nicht nur Lüften.
Dann ist es ein kleiner Vertrag mit dem Leben:
Ich lasse wieder Luft herein.
Wir haben eine seltsame Kultur.
Wir bewundern Menschen, die über ihre Grenzen gehen.
Wir klatschen für Durchhalten.
Wir lieben Geschichten von Härte.
Von Leistung.
Von Menschen, die nicht aufgeben.
Die weitermachen.
Die sich zusammenreißen.
Die funktionieren, obwohl sie kaum noch können.
Aber wir haben zu wenig Ehrfurcht vor dem rechtzeitigen Sitzenbleiben.
Vor dem Glas Wasser.
Vor dem Satz:
Ich kann gerade nicht.
Vor dem Mut, den Herd auszumachen.
Vor der Klugheit, nicht noch einmal rauszugehen.
Vor der Entscheidung, keinen falschen Heldentod im eigenen Wohnzimmer zu sterben.
Es gibt eine Sorte Stärke, die sehr leise ist.
Sie sagt nicht:
Ich schaffe alles.
Sie sagt:
Ich merke, wann es kritisch wird.
Sie sagt:
Ich bleibe sitzen.
Sie sagt:
Ich rufe jemanden an.
Sie sagt:
Ich stelle einen Wecker.
Sie sagt:
Ich schließe die Tür nicht ab.
Sie sagt:
Ich mache jetzt nichts Gefährliches mehr.
Sie sagt:
Ich bin nicht schwach, weil ich mich sichere.
Diese Stärke ist nicht spektakulär.
Sie macht keine gute Heldenpose.
Aber sie hält einen am Leben.
Und vielleicht ist das die eigentliche Reife:
Nicht immer mehr zu können.
Sondern genauer zu spüren, wann genug ist.
Der Körper ist kein Feind.
Er ist auch kein Gott.
Man muss ihm nicht alles glauben.
Manchmal übertreibt er.
Manchmal sendet er alte Angst.
Manchmal verwechselt er Erinnerung mit Gegenwart.
Manchmal schreit er, weil er früher Schlimmes gesehen hat.
Aber man sollte ihn nicht verachten.
Denn er war immer dabei.
Bei jedem Krankenhaus.
Bei jeder Nacht.
Bei jedem Verlust.
Bei jeder Liebe.
Bei jedem Abschied.
Bei jedem Neubeginn.
Der Körper hat alles mitgetragen, auch das, was der Geist später in schöne Worte fasst.
Er war dabei, als man jemanden geliebt hat.
Er war dabei, als man jemanden verloren hat.
Er war dabei, als man krank war.
Er war dabei, als man wieder aufstand.
Er war dabei, als man dachte:
Ich kann nicht mehr.
Und er war auch dabei, als man merkte:
Doch.
Noch eine Stunde.
Noch ein Glas Wasser.
Noch ein Atemzug.
Noch ein Morgen.
Vielleicht sollten wir dem Körper manchmal nicht nur Befehle geben.
Vielleicht sollten wir ihn fragen:
Was brauchst du?
Nicht als Wellnessfrage.
Nicht als Luxus.
Sondern als Überlebensfrage.
Was brauchst du?
Wasser?
Salz?
Schlaf?
Kühle?
Luft?
Ruhe?
Einen Arzt?
Eine Grenze?
Einen Menschen, der anruft?
Einen Stuhl, bevor du fällst?
Einen Teller Essen, bevor du weiterdenkst?
Manchmal ist die Antwort erschreckend einfach.
Nicht groß.
Nicht mystisch.
Nicht genial.
Nur:
Trink.
Iss.
Setz dich.
Atme.
Mach das Fenster auf, aber nur so weit, dass dir nicht alles wegfliegt.
Leg dich hin.
Steh langsam auf.
Nimm nicht noch mehr, als verordnet ist.
Bleib erreichbar.
Schlaf.
Und der Geist ist dann manchmal beleidigt.
Weil er lieber etwas Großes gemacht hätte.
Ein Manifest.
Ein Lied.
Eine Denkwerkstatt.
Ein Weltstück.
Aber vielleicht beginnt jedes große Werk damit, dass der Körper nicht zusammenbricht.
Vielleicht ist das die Grundlage von allem.
Der Körper ist die erste Infrastruktur.
Vor jeder Website.
Vor jedem Video.
Vor jedem Text.
Vor jedem mystischen Gedanken.
Wenn der Körper kippt, kippt das Werk mit.
Darum ist Körperfürsorge nicht klein.
Sie ist nicht unspirituell.
Sie ist nicht egoistisch.
Sie ist Grundpflege des eigenen Auftrags.
Wer etwas in die Welt bringen will, muss den Körper mitnehmen.
Nicht verwöhnen.
Nicht vergöttern.
Aber achten.
Denn der Körper ist das Tier, das den Geist trägt.
Er ist der Esel unter der Prophetin.
Er ist das Boot unter dem Gebet.
Er ist das Haus, in dem die Stimme wohnt.
Und manchmal knarrt dieses Haus.
Manchmal zieht es.
Manchmal wird es heiß.
Manchmal tropft es.
Manchmal muss man ein Fenster abdichten.
Manchmal braucht es Hilfe von einem Nachbarn.
Manchmal braucht es Spiegelfolie.
Manchmal braucht es einen Keller.
Manchmal braucht es einfach nur, dass man nicht noch mehr verlangt.
Ich denke an alte Menschen in heißen Wohnungen.
An Kinder auf Bürgersteigen.
An Pflegebedürftige in Zimmern ohne Kühle.
An Menschen, die sich nicht trauen zu sagen, dass sie nicht mehr können.
An Körper, die politisch unsichtbar gemacht werden.
Denn Hitze ist nicht nur Wetter.
Hitze ist eine soziale Frage.
Wer kann sich schützen?
Wer hat Schatten?
Wer hat Hilfe?
Wer hat eine kühle Wohnung?
Wer hat jemanden, der anruft?
Wer hat genug Wasser?
Wer kann sich hinlegen?
Wer muss arbeiten?
Wer wird gesehen?
Der Körper ist politisch.
Ein alter Mensch, der bei Hitze nicht aus dem Bett kommt, ist keine private Kleinigkeit.
Ein Kind, das bei vierzig Grad über den Bürgersteig läuft, ist keine Nebensache.
Eine pflegebedürftige Person in einer überhitzten Wohnung ist kein individuelles Pech.
Das sind Fragen an eine Gesellschaft, die gerne über Würde spricht und dann vergisst, dass Würde schwitzt.
Würde braucht Temperatur.
Würde braucht Luft.
Würde braucht Pflege.
Würde braucht erreichbare Menschen.
Würde braucht einen Körper, der nicht im Stich gelassen wird.
Vielleicht müssen wir ganz neu lernen:
Der Körper ist nicht der Gegensatz zur Seele.
Er ist ihre Landschaft.
Wenn die Seele müde ist, liegt sie nicht irgendwo abstrakt herum.
Sie liegt im Körper.
Wenn die Seele Angst hat, zittert der Körper.
Wenn die Seele liebt, schlägt das Herz schneller.
Wenn die Seele trauert, wird die Brust eng.
Wenn die Seele hofft, richtet sich der Rücken ein wenig auf.
Alles Geistige wird körperlich.
Alles Körperliche kann geistlich werden.
Darum ist es so gefährlich, den Körper geringzuschätzen.
Wer den Körper verachtet, verachtet irgendwann auch die Bedürftigkeit.
Und wer Bedürftigkeit verachtet, wird hart.
Gegen sich selbst.
Und gegen andere.
Ich will nicht hart werden.
Nicht gegen meinen Körper.
Nicht gegen die Körper anderer Menschen.
Ich will lernen, die Zeichen zu lesen.
Nicht hysterisch.
Nicht ständig in Alarm.
Aber wach.
Ein brennender Schmerz ist ein Zeichen.
Schwindel ist ein Zeichen.
Müdigkeit ist ein Zeichen.
Hunger ist ein Zeichen.
Durst ist ein Zeichen.
Restless Legs sind ein Zeichen, auch wenn sie einen wahnsinnig machen.
Nicht jedes Zeichen ist eine Katastrophe.
Aber jedes Zeichen ist eine Nachricht.
Und manchmal lautet die Nachricht:
Du bist noch hier.
Aber du musst langsamer werden.
Vielleicht ist das schwerste Wort für Menschen, die viel geben, nicht Liebe.
Vielleicht ist das schwerste Wort:
Langsam.
Langsam trinken.
Langsam aufstehen.
Langsam entscheiden.
Langsam wieder anfangen.
Langsam weiterleben.
Langsam ist nicht nichts.
Langsam ist manchmal die einzige Geschwindigkeit, in der der Körper wieder mitkommt.
Und wenn der Körper wieder mitkommt, kann auch der Geist weitergehen.
Nicht gegen ihn.
Mit ihm.
Das ist vielleicht die Wende.
Nicht mehr:
Mein Körper hält mich auf.
Sondern:
Mein Körper zeigt mir den Weg, den ich noch gehen kann.
Nicht mehr:
Mein Körper ist kaputt.
Sondern:
Mein Körper hat viel erlebt und meldet sich.
Nicht mehr:
Ich muss ihn besiegen.
Sondern:
Ich muss mit ihm verhandeln.
Nicht mehr:
Ich bin nur dann wertvoll, wenn ich funktioniere.
Sondern:
Ich bin auch dann da, wenn ich sitzen muss.
Ich bin auch dann Mensch, wenn ich trinke.
Ich bin auch dann wirksam, wenn ich pausiere.
Ich bin auch dann göttlich, wenn ich schwitze.
Vielleicht ist das der Satz:
Ich bin nicht weniger geistig, weil ich körperlich bin.
Ich bin nicht weniger stark, weil ich mich schützen muss.
Ich bin nicht weniger liebend, weil ich müde werde.
Ich bin nicht weniger berufen, weil ich essen muss.
Der Körper ist kein Feind.
Er ist der Ort, an dem die Berufung ankommt.
Er ist der Ort, an dem Liebe schwer wird.
Er ist der Ort, an dem Hitze gefährlich wird.
Er ist der Ort, an dem Regen Erlösung sein kann.
Er ist der Ort, an dem eine Stimme spricht.
Er ist der Ort, an dem ein Mensch durchhält.
Nicht unendlich.
Nicht ohne Grenze.
Aber wirklich.
Und vielleicht reicht das für heute.
Vielleicht reicht es, dem Körper einmal nicht zu sagen:
Stell dich nicht so an.
Sondern:
Ich habe dich gehört.
Vielleicht reicht es, ihm Wasser zu geben.
Vielleicht reicht es, das Fenster einen Spalt zu öffnen.
Vielleicht reicht es, die Beine nicht zu verfluchen.
Vielleicht reicht es, die Hand auf den eigenen Oberschenkel zu legen und zu sagen:
Du bist nicht mein Feind.
Du bist mein Leben.
Du bist müde.
Ich bin da.
Wir machen jetzt langsam.
Und morgen sehen wir weiter.