Denkwerkstatt Folge 35: Ich kenne eine Liebe, die ...

Liebe beginnt ohne Vorbehalt.

Ich muss über Liebe sprechen.

Nicht über Liebe als Gefühlchen.
Nicht über Liebe als rosa Wolke.
Nicht über Liebe als hübsches Wort auf einer Tasse.

Ich meine Liebe, wenn sie ernst wird.

Liebe, die nicht fragt:
Was bekomme ich zurück?

Liebe, die nicht rechnet:
Wie viel habe ich schon gegeben?

Liebe, die nicht sagt:
Ich bleibe, solange es bequem ist.

Sondern Liebe, die beginnt.

Und wenn sie beginnt, dann beginnt sie nicht mit einem Vertrag.

Sie beginnt nicht mit Paragrafen.
Sie beginnt nicht mit einem inneren Notausgang.
Sie beginnt nicht mit dem Satz:

Ich liebe dich, aber nur bis zu dem Punkt, an dem es für mich schwierig wird.

Nein.

Wenn Liebe wirklich Liebe ist, dann beginnt sie ohne Vorbehalt.

Das ist ein harter Satz.
Ich weiß das.

Und ich weiß auch, wie gefährlich dieser Satz klingt.

Denn sofort kommen die Einwände.

Aber man muss doch auf sich achten.
Aber man darf sich doch nicht aufgeben.
Aber Liebe darf doch nicht masochistisch werden.
Aber man muss doch Grenzen setzen.

Ja.

Ich höre das alles.

Und ich verstehe das alles.

Und trotzdem sage ich:

Liebe, die von Anfang an mit der eigenen Ausstiegsklausel beginnt, ist vielleicht Zuneigung.
Vielleicht Sympathie.
Vielleicht Beziehung mit Sicherheitsgurt.

Aber sie ist nicht das, was ich meine, wenn ich Liebe sage.

Denn Liebe fragt am Anfang nicht:
Wann darf ich wieder gehen?

Liebe sagt:

Ich bin da.

Nicht halb.
Nicht probeweise.
Nicht unter Vorbehalt.

Ich bin da.

In guten wie in schlechten Tagen.

Und dieser Satz ist nicht kitschig, wenn er ernst wird.
Er ist gefährlich.

Denn schlechte Tage sind nicht nur ein bisschen Regen am Fenster.

Schlechte Tage können Krankheit sein.
Dialyse.
Psychiatrie.
Sucht.
Pflege.
Schmutz.
Angst.
Schlaflosigkeit.
Wut.
Körper, die nicht mehr funktionieren.
Nächte, in denen man nicht weiß, ob man den nächsten Morgen noch heil erreicht.

Schlechte Tage sind nicht romantisch.

Schlechte Tage riechen nach Krankenhausflur.
Nach Medikamenten.
Nach ungewaschener Wäsche.
Nach Blutdruckmessgerät.
Nach Essen, das keiner mehr essen will.
Nach Formularen.
Nach Erschöpfung.
Nach Schuld.

Und genau da entscheidet sich, ob Liebe nur ein schönes Wort war.

Ich habe eine solche Liebe erlebt.

Ich werde sie hier nicht ausbreiten wie eine Akte.
Nicht jede Geschichte gehört sofort auf den öffentlichen Tisch.

Manche Geschichten sind kein Material.
Manche Geschichten sind Grabraum.

Aber ich darf sagen:

Ich weiß, wovon ich spreche.

Ich kenne eine Liebe, die mit Schmetterlingen begann.
Nicht mit Theorie.
Nicht mit Opfer.
Nicht mit Märtyrertum.

Mit Schmetterlingen.

Ganz einfach.

Zwei Menschen.
Zwei Körper.
Zwei Leben, die nicht leicht waren.
Und trotzdem dieses Aufleuchten:

Du.

Ich.

Vielleicht.

Und dann kam nicht ein Märchen.
Dann kam Leben.

Höhen.
Tiefen.
Krankheit.
Alltag.
Abhängigkeit.
Streit.
Treue.
Erschöpfung.
Nähe.
Schuld.
Wut.
Lachen.
Angst.
Warten.
Pflege.
Durchhalten.

Und irgendwann steht man in so einer Liebe nicht mehr davor und fragt:

Ist das noch genug?

Man ist drin.

Man steht nicht am Rand und führt Buch.

Heute habe ich drei Stunden gegeben.
Gestern habe ich fünf Stunden gegeben.
Morgen gebe ich noch zehn Minuten und dann ist Schluss.

So funktioniert Liebe nicht.

Liebe hat kein Bankkonto.

Sie führt keine Liste.

Sie sagt nicht:

Du hast dein Limit erreicht.

Liebe ist nicht Sparkasse.
Liebe ist nicht Vertragsrecht.
Liebe ist nicht Payback.

Liebe gibt.

Das ist ihr Wesen.

Und deshalb werde ich misstrauisch, wenn Menschen zu schnell sagen:

Du musst dich nur abgrenzen.

Nur.

Dieses Wort.

Nur.

Als wäre Grenze immer ein kleiner sauberer Handgriff.

Als könnte man in einer existenziellen Liebessituation einfach sagen:

So, jetzt bin ich an meinem Punkt der Selbstaufgabe angekommen.
Jetzt trete ich sachlich einen Schritt zurück.
Jetzt sortiere ich meine Bedürfnisse.
Jetzt schütze ich mein inneres Kind.
Jetzt gehe ich.

Das mag in manchen Situationen stimmen.

Aber es stimmt nicht für alles.

Es gibt Liebessituationen, in denen dieser Gedanke wie Verrat klingt.

Nicht, weil man sich gern zerstört.
Nicht, weil man leiden will.
Nicht, weil man gut sein will vor Publikum.

Sondern weil die Liebe selbst nicht mit Rücktrittsrecht geboren wurde.

Wer liebt, sagt nicht im ersten Atemzug:

Ich liebe dich, solange ich mich dabei nicht verliere.

Wer liebt, sagt:

Ich liebe dich.

Punkt.

Und jetzt kommt der gefährliche Teil.

Denn natürlich kann ein Mensch sich verlieren.

Natürlich kann ein Mensch kaputtgehen.
Natürlich kann Liebe in Abhängigkeit kippen.
Natürlich kann Hingabe missbraucht werden.
Natürlich kann jemand an einem anderen Menschen zerbrechen.

Das ist alles wahr.

Und deshalb darf man aus dem, was ich sage, keine billige Regel machen.

Man darf nicht sagen:

Gib dich einfach ganz auf, das Leben wird dich schon retten.

Nein.

Das wäre brutal.
Das wäre dumm.
Das wäre gefährlich.

Denn Menschen sind verletzlich.

Menschen bleiben zu lange in Gewalt.
Menschen bleiben zu lange in Kälte.
Menschen bleiben zu lange in Schuld.
Menschen bleiben zu lange in Systemen, die sie innerlich auffressen.

Und wenn man ihnen dann sagt:

Liebe heißt, du musst bleiben bis zum Ende,

dann kann man sie damit zerstören.

Also sage ich das nicht.

Ich sage etwas anderes.

Ich sage:

Liebe beginnt ohne Vorbehalt.

Aber die Form, in der Liebe gelebt wird, gehört nicht uns allein.

Die Wirklichkeit spricht mit.

Der Körper spricht mit.
Die Krankheit spricht mit.
Die Zeit spricht mit.
Der Tod spricht mit.
Die Wahrheit spricht mit.
Manchmal auch die Wut.

Und manchmal verändert die Wirklichkeit die Liebe, ohne dass man selbst vorher einen Plan geschrieben hat.

Manchmal endet nicht die Liebe.

Manchmal endet die Möglichkeit, sie weiter so zu leben.

Das ist ein Unterschied.

Ein großer.

Ich habe die Liebe nicht beendet.

Die Wirklichkeit hat ihre Gestalt verändert.

Das klingt vielleicht abstrakt, aber für mich ist es sehr konkret.

Es gibt Situationen, in denen man nicht bewusst aussteigt.
Nicht, weil man dumm ist.
Nicht, weil man schwach ist.
Sondern weil man nicht aussteigen kann, ohne die Liebe selbst zu verraten.

Und dann geschieht etwas.

Ein Ereignis.
Eine Wahrheit.
Ein Zusammenbruch.
Ein Tod.
Eine Enthüllung.
Ein Satz.
Eine Nacht.
Ein Punkt, an dem das Leben selbst sagt:

So geht diese Form nicht weiter.

Und dann ist da plötzlich eine Grenze, die man selbst nicht gesetzt hat.

Nicht als Technik.
Nicht als Selbsthilfeübung.
Nicht als sauberer Entschluss.

Sondern als Wirklichkeit.

Und genau deshalb muss man sehr vorsichtig sein, wenn man darüber spricht.

Denn sobald man daraus eine Methode macht, ist es verdorben.

Wenn jemand liebt und im Hinterkopf denkt:

Ich gebe mich jetzt einfach hin, Gott wird mich schon stoppen,

dann ist die Hingabe nicht mehr rein.

Dann ist da ein Trick im Kopf.

Dann ist da ein innerer Vertrag mit dem Schicksal.

Dann liebt man nicht mehr ohne Vorbehalt, sondern mit einer heimlichen Rückversicherung.

Und das ist nicht das, was ich meine.

Liebe kann man nicht mit einem Trick leben.

Man kann nicht sagen:

Ich gebe alles, weil das Universum am Ende die Rechnung bezahlt.

Nein.

So geht es nicht.

Liebe ist kein spiritueller Versicherungsvertrag.

Liebe ist Gegenwart.

Ich bin da.

Jetzt.

Nicht, weil ich weiß, wie es ausgeht.

Nicht, weil ich glaube, dass mich das Schicksal rechtzeitig herauszieht.

Nicht, weil ich einen göttlichen Notausgang eingebaut habe.

Sondern weil ich liebe.

Und gleichzeitig bleibt wahr:

Ein Mensch ist kein unendliches Gefäß.

Ein Körper ist endlich.

Ein Nervensystem ist endlich.
Schlaf ist endlich.
Kraft ist endlich.
Blutdruck ist endlich.
Atmung ist endlich.
Zeit ist endlich.

Und das ist kein Verrat an der Liebe.

Das ist die Bedingung, unter der Liebe überhaupt auf der Erde erscheint.

Liebe mag grenzenlos sein.

Aber sie lebt in Körpern, die Grenzen haben.

Das ist der große Riss.

Und vielleicht ist genau dort die Wahrheit.

Nicht in dem einen Satz:

Liebe muss Grenzen haben.

Und auch nicht in dem anderen Satz:

Liebe muss sich selbst vernichten.

Sondern dazwischen.

In diesem brennenden Raum.

Liebe selbst rechnet nicht.

Aber der Mensch, der liebt, ist kein Gott aus Stein.

Er ist Fleisch.
Er ist Atem.
Er ist Müdigkeit.
Er ist Angst.
Er ist Geschichte.
Er ist Wunde.
Er ist Hoffnung.

Und trotzdem liebt er.

Vielleicht ist das das Eigentliche:

Nicht dass Liebe bequem ist.

Nicht dass Liebe immer gesund ist.

Nicht dass Liebe immer vernünftig ist.

Sondern dass Liebe etwas in uns öffnet, das größer ist als unser kleiner Selbsterhaltungsplan.

Aber dieses Größere darf nicht dazu benutzt werden, Menschen zu zerstören.

Darum muss man den Satz vorsichtig halten.

Liebe beginnt ohne Vorbehalt.

Aber niemand darf einen Menschen zwingen, daran zugrunde zu gehen.

Liebe gibt.

Aber Liebe darf nicht zur Waffe werden, mit der man den Liebenden erschlägt.

Liebe bleibt.

Aber manchmal verwandelt sich ihr Bleiben.

In Abstand.
In Wut.
In Trauer.
In Schweigen.
In Erinnerung.
In Gebet.
In einen Namen, den man nicht immer ausspricht.

Und vielleicht ist auch das noch Liebe.

Nicht weich.
Nicht schön.
Nicht versöhnlich.

Aber wahr.

Ich glaube nicht an Liebe als Konto.

Ich glaube nicht an Liebe als Tausch.

Ich glaube nicht an Liebe als Kalkulation.

Ich glaube, dass Liebe ohne Vorbehalt beginnt.

Und ich glaube, dass die Wirklichkeit stärker ist als jede Theorie über Liebe.

Darum werde ich niemandem sagen:

Gib dich auf.

Und ich werde auch niemandem sagen:

Liebe nur so weit, wie es dir nützt.

Beides ist falsch.

Ich sage:

Wenn du liebst, dann wisse, dass du es mit etwas zu tun hast, das größer ist als deine Rechnung.

Aber vergiss nicht:

Dieses Größere lebt in deinem Körper.

Und dein Körper ist kein Feind der Liebe.

Er ist der Ort, an dem sie überhaupt geschieht.

Vielleicht reicht das für heute.

Vielleicht ist das schon schwer genug.

Liebe hat kein Bankkonto.

Aber sie hat einen Körper.

Und dieser Körper sitzt manchmal nachts da, bei Hitze, mit unruhigen Beinen, mit einem nassen Handtuch auf den Oberschenkeln, und versucht zu verstehen, was er alles gegeben hat.

Und was davon Liebe war.

Und was davon Wunde.

Und warum beides manchmal denselben Namen trägt.

 

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