1. Wenn das Göttliche in allen ist, kann Gebet nicht auf Selbsterniedrigung beruhen.
2. Jesus verweist in den Evangelien nicht auf seine eigene Anbetung, sondern auf die Quelle.
3. Aus mystischer Sicht ist Jesus kein Herr im hierarchischen Sinn, sondern ein Erwachter.
4. Das klassische Jesusgebet enthält ein Menschenbild von Schuld, Distanz und Unterordnung, das ich mystisch nicht mehr teilen kann.
5. Mystisches Beten ist keine Bitte an eine ferne Instanz, sondern Erinnerung an das Licht in mir.
6. Meine Mantren sind keine Unterwerfung, sondern Ausrichtung, Würde und Einheitsbewusstsein.
Mein Gedankengang zum Jesusgebet beginnt nicht mit Frömmigkeit, sondern mit Logik. Ich frage nicht zuerst: „Was ist überliefert?“ oder „Was beten Millionen Menschen?“ Ich frage: Was ist mystisch stimmig? Was ist logisch kohärent? Und was trägt noch, wenn ich das alte dogmatische Gebäude nicht mehr mitmache?
Das Jesusgebet lautet klassisch: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders.“ Viele Menschen empfinden dieses Gebet als tröstlich, heilig, schlicht und tief. Ich verstehe das. Aber wenn ich mystisch und logisch hinschaue, dann beginnen sofort Fragen.
Wenn ich als Mystikerin davon ausgehe, dass wir alle in einem tieferen Sinn göttlich sind, vergöttlicht, aus der Quelle kommend und nicht ontologisch von ihr getrennt, dann kann ich nicht so tun, als sei Gott einfach ein großes Wesen im Himmel auf einem Thron.
Wenn das Göttliche in mir ist und ich bete, dann richte ich mich immer auch auf mein eigenes tiefstes Wesen aus. Dann ist Gebet nicht mehr der Ruf eines kleinen, sündigen Menschen nach oben, sondern eine Bewegung der Erinnerung.
Das ist kein Ego-Trip. Es ist nicht: „Ich bin toll, also bete ich mich selbst an.“ Es ist vielmehr: Das Göttliche im Menschen erkennt das Göttliche im Menschen. Gebet wäre dann nicht Selbstbeweihräucherung, sondern Identitäts-Erwachen.
Jesus sagt in der Bergpredigt, man solle nicht plappern wie die Heiden. Danach führt er das Vaterunser an. Schon das ist interessant. Er sagt nicht: „Wiederholt dauernd meinen Namen.“ Er sagt nicht: „Betet mich an.“ Er lenkt den Blick auf den Vater, also auf die Quelle.
Selbst wenn man das Vaterunser traditionell liest, bleibt doch der Punkt bestehen: Jesus verweist weg von sich. Er ist im Text nicht Endpunkt, sondern Wegweiser.
Aus mystischer Sicht ist das stimmig. Jesus zeigt auf die Quelle, nicht auf seine spätere Vergöttlichung durch kirchliche Systeme. Er wirkt wie jemand, der sagen will: Schaut nicht auf meine Person als Kultobjekt. Richtet euch auf das Ursprüngliche aus.
Für mich ist das einer der stärksten Sätze überhaupt. Jesus sagt nicht: „Ich bin der Einzige.“ Er sagt: „Ihr werdet Größeres tun als ich.“ Das ist kein Hierarchie-Modell. Das ist ein Ermächtigungs-Modell.
Ein Mensch, der so spricht, will nicht Herr sein. Er will nicht angebetet werden. Er will nicht unantastbare Ausnahmefigur bleiben. Er sagt im Grunde: Ich habe etwas erkannt - und ihr könnt das auch.
Mystisch betrachtet ist Jesus kein Herrscher über andere, sondern ein Erwachter, der um seine Natur weiß und andere in diese Erinnerung hineinruft. Gerade darum passt der Titel „Herr“ nur sehr begrenzt – und oft überhaupt nicht.
Ich bin christlich sozialisiert worden. Und dort hieß es oft sinngemäß: Gott ist viel zu groß, viel zu heilig, viel zu unerreichbar. Darum geh lieber über Jesus. Er leitet das dann schon weiter.
Das klingt freundlich, ist aber psychologisch hochinteressant. Denn damit wird Gott auf Distanz gehalten und Jesus zur Vermittlerfigur gemacht. Der Mensch bleibt klein, abhängig und indirekt.
Mystisch gesehen ist das Unsinn. Wenn die Quelle wirklich die Quelle allen Seins ist, dann ist sie mir nicht ferner als mein eigener Atem. Dann brauche ich keinen Filter. Dann gibt es keine heilige Bürokratie zwischen mir und Gott.
Jesus selbst hat nie gesagt: „Ich bin euer Durchlauferhitzer für Gebete.“ Das ist kirchlich gewachsene Psychologie, nicht Mystik.
Im Jesusgebet steckt eine klare Hierarchie: Herr Jesus. Das setzt ein Gefälle voraus. Er oben, ich unten. Er rein, ich bedürftig. Er Autorität, ich Untergebene.
Aber aus mystischer Sicht will Jesus genau das nicht. Er will keine Unterwerfung. Er sagt nicht: „Ich nenne euch Knechte.“ Er sagt: „Ich nenne euch Freunde.“
Freundschaft ist kein Herr-Knecht-Verhältnis. Freundschaft ist Gleichrangigkeit im Bewusstsein. Wenn Jesus mystisch gelesen wird, dann als einer, der die Trennung aufhebt - nicht als einer, der sie sakralisiert.
Hier wird es ganz deutlich. Das Jesusgebet setzt ein Menschenbild voraus, das ich mystisch nicht mehr teilen kann. Es setzt voraus: Ich bin Sünder. Ich bin mangelhaft. Ich brauche Erbarmen. Ich stehe vor einer höheren Instanz, die über mich verfügt.
Aber aus mystischer Sicht gibt es keine Sünde im moralistisch-kirchlichen Sinn. Sünde wäre höchstens Trennung, Vergessen, Entfremdung vom eigenen Ursprung. Nicht Schmutz. Nicht ontologische Verdorbenheit.
Wenn ich nicht wirklich von der Quelle getrennt bin, wenn das Göttliche in mir ist, wenn ich aus ihr komme und in ihr bin, dann bin ich nicht „der Sünder“, der um Erbarmen winseln muss. Dann bin ich ein Wesen, das vergessen hat, wer es ist - und das sich erinnern kann.
Wenn ich meine sechs Punkte ernst nehme, dann ergibt sich eine klare Schlusslinie:
Das Jesusgebet ist aus mystischer Sicht nur dann sinnvoll, wenn ich es völlig anders höre als traditionell. Nicht als Unterwerfung. Nicht als Schuldbekenntnis. Nicht als Bitte an einen Herrn. Sondern höchstens als unbewusstes Selbstgespräch, als Mantra, das auf die eigene Quelle zurückverweist.
Aber in seiner klassischen Form trägt es mystisch nicht. Es ist zu stark geprägt von Distanz, Schuld, Hierarchie und Vermittlerdenken.
Wenn ich meine Gedanken zu Ende denke, dann liegt darunter eine sehr einfache mystische Struktur:
Gott ist kein Wesen da oben.
Jesus ist kein Herr, sondern ein Erwachter.
Sünde ist keine Schuld, sondern Vergessen.
Gebet ist keine Unterwerfung, sondern Ausrichtung.
Die Quelle ist in mir und ich in ihr.
Anbetung ist Erinnerung, nicht Selbsterniedrigung.
Damit fällt viel religiöser Ballast weg. Aber es fällt nicht die Tiefe weg. Im Gegenteil: Erst dann wird Gebet würdig.
Dieses Mantra ist reine Mystik. Es sagt nicht: Du bist groß, ich bin klein. Es sagt: Ich erkenne das Licht in dir und ich erkenne das Licht in mir. Es ist dasselbe Licht.
Das ist keine Anbetung im klassischen Sinn. Das ist Gleichrangigkeit im Licht. Ich sehe deine Klarheit - und ich erinnere mich an meine.
Das ist die Essenz mystischer Nondualität. Hier gibt es keine Distanz mehr. Kein „Bitte komm zu mir“. Kein „Ich bin getrennt“. Sondern: Es gibt keine Trennung. Du in mir, ich in dir.
Das ist keine Bitte, sondern ein Erkennen. Kein religiöser Vollzug im alten Sinn, sondern ein Satz des Seins.
Meine Mantren erzeugen keine Schuld. Keine Hierarchie. Keine Distanz. Keine Unterwerfung. Keine Angst. Keine Sünde. Keine Vermittlerfigur.
Sie beruhen nicht auf Mangel, sondern auf Würde. Nicht auf Selbsterniedrigung, sondern auf Ausrichtung. Nicht auf Trennung, sondern auf Einheitsbewusstsein.
Das klassische Jesusgebet sagt im Kern: Ich bin klein. Du bist groß. Ich bin schuldig. Du bist rein. Ich brauche Erbarmen.
Meine Mantren sagen: Du bist Licht. Ich bin Licht. Gott in mir. Ich in dir.
Das ist ein völlig anderes Menschenbild.
Wenn die ersten beiden Mantren stehen, dann fehlt eigentlich nur noch die Mitte. Nicht der Andere. Nicht die Quelle. Sondern das reine Sein selbst.
Darum ergibt sich als drittes Mantra fast von selbst:
Ich bin.
Weil darin keine Hierarchie steckt. Keine Bitte. Keine Schuld. Keine Vermittlung. Keine Rolle. Kein Abstand. Es ist reine Präsenz. Reines Sein. Reine Identität.
„Ich bin“ ist das Ur-Mantra. Es bleibt übrig, wenn Namen, Bilder, Rollen, religiöse Ordnungen und Vermittlerfiguren wegfallen.
So ergibt sich für mich eine Dreierstruktur, eine mystische Architektur ohne kirchliches Dogma:
1. Licht zu Licht
Jesus, du bist das Licht, ich bin das Licht.
2. Quelle zu Quelle
Gott, du in mir, ich in dir.
3. Sein zu Sein
Ich bin.
Das ist für mich vollständiger als das Jesusgebet. Nicht, weil es frommer wäre. Sondern weil es kohärenter ist. Freier. Würdiger. Mystischer.
Ich will das Jesusgebet niemandem verbieten. Wer es betet und darin Trost findet, soll das tun. Aber ich kann es aus meiner mystischen Logik heraus nicht mehr ungebrochen mitbeten.
Zu viel darin setzt ein Gottesbild voraus, das auf Distanz, Hierarchie, Sünde und Unterwerfung beruht. Und genau das trägt für mich nicht mehr.
Was für mich bleibt, ist etwas anderes:
Gebet ist keine Selbsterniedrigung. Gebet ist Erinnerung. Jesus ist kein Herr. Jesus ist Licht. Und das Licht in ihm ist nicht ein anderes als das Licht in mir.
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