1. Michael Newton beschreibt Wiedergeburt als Teil eines geordneten Systems aus Zwischenleben, Seelenführung, Lebenswahl und Weiterentwicklung.
2. Ich frage, ob das nicht zu verwaltungsmäßig gedacht ist - zu sehr wie eine Schule der Seele.
3. Für mich ist die Seele nicht einfach ein Einzelwesen auf Entwicklungsreise, sondern Teil eines gemeinsamen göttlichen Feldes.
4. Das Grundproblem ist nicht, dass die Seele erst besser werden müsste, sondern dass sie vergessen hat, dass sie göttlich ist.
5. Wiedergeburt ist für mich deshalb nicht zuerst Schulfortschritt, sondern Wiedererinnerung, Vertiefung, Rückbindung und Klärung.
6. Lernen kann dazugehören - aber nicht als kosmischer Stundenplan, sondern als tieferes Erinnern an das, was wir immer schon sind.
Ich habe mich mit Michael Newton beschäftigt, vor allem mit seinem Buch Die Reisen der Seele. Darin entwirft er ein ziemlich geschlossenes Modell vom Leben zwischen den Leben. Die Seele stirbt nicht einfach, sondern kehrt in eine geistige Welt zurück, durchläuft dort verschiedene Stationen, begegnet Führern, wird ausgewertet, vorbereitet und entscheidet sich später für ein neues Leben und einen neuen Körper.
Das ist zunächst faszinierend, weil es Ordnung in ein Feld bringt, das die meisten Menschen nur ahnen. Newton gibt dem Jenseits eine Struktur. Man könnte fast sagen: Er macht aus dem großen Unbekannten eine geistige Landkarte.
Aber genau hier beginnt auch meine Frage: Ist die Seele wirklich so unterwegs? Oder denken wir Wiedergeburt damit schon wieder viel zu menschlich, viel zu organisiert, viel zu verwaltungsmäßig?
Bei Newton ist die Seele ein individuelles Wesen mit eigener Geschichte, eigener Reife und eigenem Entwicklungsstand. Nach dem Tod kehrt sie nicht einfach ins Nichts oder in ein undefinierbares Licht zurück, sondern in eine geistige Welt mit bestimmten Bereichen und Abläufen.
Dazu gehören nach seiner Darstellung Übergänge wie Tod und Abschied, das Tor zur geistigen Welt, Heimkehr, Orientierungssitzung, Übergangsphase, Platzierung, Führer, Entwicklungsstufen der Seele, die Wahl eines neuen Lebens, die Wahl eines neuen Körpers, die Vorbereitung auf die Abreise und schließlich die Wiedergeburt.
Dieses Modell hat Kraft, weil es Trost bietet. Niemand fällt ins Nichts. Niemand ist allein. Die Seele wird begleitet. Es gibt einen Zusammenhang. Das Leben erscheint nicht zufällig, sondern eingebettet in einen größeren Plan.
Gleichzeitig klingt das alles auch sehr nach geistiger Verwaltung. Fast wie ein System aus Beratung, Auswertung, Lernzielen, Aufgaben und neuer Zuweisung. Das kann man faszinierend finden - aber man kann auch fragen, ob hier nicht sehr menschliche Denkweisen ins Jenseits projiziert werden.
Ich habe ein anderes Bild. Für mich sind die Seelen nicht primär einzelne Wesen, die nacheinander durch Stationen geschleust werden. Ich sehe eher eine Art gemeinsames Feld. Wenn ich es bildhaft sage: eine geistige Petrischale, in der alle Seelen schwimmen - und das Göttliche selbst schwimmt mit darin.
Dann ist die Seele nicht einfach ein isoliertes Ich auf Karriereweg, sondern Ausdruck eines viel größeren Zusammenhangs. Das Göttliche ist nicht außerhalb der Seele, sondern in ihr, mit ihr, um sie herum.
Wenn das so ist, dann besteht das Grundproblem des Menschen nicht darin, dass er erst würdig oder entwickelt genug werden müsste. Das Grundproblem ist vielmehr, dass er vergessen hat, wer oder was er ist.
Die Seele weiß von sich aus um ihre Tiefe, vielleicht sogar um ihre Göttlichkeit. Aber etwas trübt sie ein: Sozialisation, Angst, Erziehung, Identität, Rollen, Anpassung, Welt. Es ist, als würde ständig eine Verwässerung in diese Seelen-Petrischale gekippt, bis kaum noch jemand weiß, dass das Göttliche in ihm wohnt.
Im Gespräch kam die Frage auf, ob Wiedergeburt so etwas ist wie ein Lernprozess. Wird die Seele von Leben zu Leben besser? Ist das Ganze eine Art Schule, in der man Lektionen macht, Fehler korrigiert und sich hocharbeitet?
Ich glaube: Lernen kann darin stecken. Aber nicht so platt, wie man es manchmal hört. Nicht wie ein kosmischer Schulunterricht. Nicht nach dem Motto: Leben eins war Klasse 3, Leben zwei ist Klasse 4, und irgendwann hat man das Abitur der Seele bestanden.
Das klingt mir zu ordentlich, zu pädagogisch, zu mechanisch. Zu sehr danach, als hätte das Universum einen Lehrplan.
Ich glaube eher an Wiedererinnerung. Die Seele kommt nicht nur zurück, um besser zu werden, sondern um tiefer zu verstehen, freier zu werden, offenes Lieben zu Ende zu bringen, alte Linien zu klären und sich wieder an das zu erinnern, was sie im Grunde immer schon ist.
Wiedergeburt wäre dann keine Schule der Leistung, sondern eine Bewegung der Rückbindung. Kein Schulfach. Eher ein Kreisen um einen verlorenen Mittelpunkt.
Newton ist stark, wenn man ein Modell will. Er liefert Begriffe, Stationen, Übergänge, eine ganze Dramaturgie der Seele. Für Menschen, die Struktur brauchen, ist das hochinteressant.
Aber genau darin liegt vielleicht auch seine Grenze. Denn was, wenn die Seele nicht so verwaltet wird, wie wir es uns vorstellen? Was, wenn das Göttliche nicht in Stufen denkt? Was, wenn Wiedergeburt nicht primär Fortschritt ist, sondern Erinnerung?
Dann würde Newton einen wichtigen Teil erfassen - aber nicht den tiefsten.
Die Seele entwickelt sich in einem geordneten System weiter.
Die Seele erinnert sich in einem göttlichen Feld tiefer an das, was sie immer schon war.
Das ist nicht dasselbe. Bei Newton ist die Seele stärker Einzelwesen, Fortschrittswesen, Entwicklungswesen. Bei mir ist sie stärker Feldwesen, Erinnerungswesen, göttlich durchwirktes Wesen.
Bei Newton hat Karma eine deutliche Funktion. Vergangene Taten, Fehler und Erfolge werden ausgewertet. Daraus ergeben sich neue Aufgaben und neue Lebenslinien.
Aber will ich wirklich in einem Universum leben, das wie eine moralische Buchhaltung funktioniert? Oder geht es viel eher darum, was offen geblieben ist, was sich noch nicht erlöst hat, was noch nicht durchliebt wurde?
Ich glaube eher das Zweite. Nicht Konto. Nicht Abrechnung. Eher offene Bewegung.
Dann leben wir in einer Art sinnvoll geordneter Seelenentwicklung mit Führern, Vorbereitung und Lebenswahl. Das kann trösten und Orientierung geben.
Dann geht es nicht darum, sich immer weiter hochzuarbeiten, sondern sich von den Verwässerungen zu befreien, die uns vergessen lassen, dass wir göttlich sind. Dann ist das Leben keine Prüfung im klassischen Sinn, sondern ein Raum der Wiedererinnerung.
Dann lautet die zentrale Frage nicht: „Was muss ich lernen?“
Sondern: „Woran in mir muss ich mich wieder erinnern?“
Ich glaube an Wiedergeburt nicht deshalb, weil ich ein geschlossenes esoterisches System brauche. Sondern weil ich ahne, dass nichts einfach verschwindet. Weil ich ahne, dass Seelen nicht nur einmal aufflackern und dann für immer gelöscht sind.
Aber ich glaube nicht, dass man das nur als Seelenschule begreifen sollte. Für mich ist Wiedergeburt tiefer.
Wiedergeburt ist vielleicht keine Schule der Leistung, sondern ein Kreisen der Seele um das, was sie im Grunde immer schon ist.
Michael Newton hat etwas Spannendes gemacht: Er hat versucht, dem Unsichtbaren eine Form zu geben. Dafür kann man ihm Respekt zollen.
Aber vielleicht muss man noch einen Schritt weitergehen. Vielleicht reicht es nicht, die Wege der Seele zu kartieren. Vielleicht muss man fragen, worin diese Seele eigentlich gründet.
Und da komme ich zu meinem Punkt:
Die Seele ist nicht nur unterwegs. Sie ist ursprünglich. Sie ist nicht nur lernend. Sie ist erinnernd. Und vielleicht ist Wiedergeburt am Ende nichts anderes als der lange Weg zurück in das göttliche Wissen, das nie ganz verloren war.
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