Susannes Denkwerkstatt – Folge 26

Warum die Gesellschaft sich zu leicht herausredet

Teil 1: Die schnelle Erklärung

Wenn etwas Entsetzliches geschieht – ein Brand, ein Amoklauf, ein massiver Gewaltausbruch –, dann sucht die Öffentlichkeit sofort nach einer Erklärung. Und erstaunlich oft kommt sehr schnell derselbe Satz: Der Täter sei offenbar psychisch krank.

Das klingt zunächst wie eine nüchterne Einordnung. Aber in Wahrheit ist es oft viel mehr als das. Es ist eine Beruhigungsformel. Denn sobald dieser Satz im Raum steht, geschieht etwas Entscheidendes: Die Gesellschaft lehnt sich zurück und tut so, als habe das alles mit ihr selbst nichts zu tun.

1. Die bequeme Entlastung

„Psychisch krank“ wird dann zur Schublade, in die man das Unfassbare hineinlegt. Das Böse ist aussortiert, benannt und scheinbar erklärt. Die übrige Gesellschaft darf sich wieder für normal, gesund und unschuldig halten.

Doch genau hier beginnt das Problem. Denn diese Erklärung ist nicht nur zu schnell, sondern oft auch zu billig. Sie verschiebt die Aufmerksamkeit vom gesellschaftlichen Klima auf das angeblich defekte Individuum.

2. Die Beleidigung für Millionen Betroffene

Wer selbst psychiatrische Diagnosen bekommen hat, spürt sofort, wie verletzend diese Logik ist. Denn unterschwellig entsteht eine fatale Gleichung: psychisch krank gleich gefährlich. psychisch krank gleich unberechenbar. psychisch krank gleich mögliches Monster.

Das ist nicht nur menschlich unerquicklich, sondern auch gesellschaftlich verheerend. Denn damit werden zahllose Menschen stigmatisiert, die niemandem etwas antun, sondern oft selbst genug mit innerem Schmerz, Ausgrenzung und Missverständnissen zu kämpfen haben.

Fazit

Die schnelle Diagnose erklärt also nicht nur zu wenig. Sie verdeckt auch etwas: die Verantwortung der sozialen Welt, in der ein Mensch geworden ist.

Teil 2: Wie Menschen gemacht werden

1. Ein Mensch entsteht nicht erst bei der Tat

Kein Mensch fällt als fertiger Täter vom Himmel. Ein Mensch entsteht über Jahre. In Blicken. In Worten. In Abwesenheiten. In Grenzsetzungen oder deren Fehlen. In Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit, Überforderung, Kälte und fehlender Beziehung.

Wenn wir also wirklich verstehen wollen, wie ein Mensch innerlich entgleisen kann, dann müssen wir früher hinsehen. Nicht erst auf die Explosion, sondern auf die zahllosen kleinen Momente davor.

2. Das Kind im Kinderwagen

Man sieht es überall: Eine Mutter schiebt den Kinderwagen, das Kind schaut zu ihr hoch – und sie schaut die ganze Zeit aufs Handy. Das Kind sieht nicht ein zugewandtes Gesicht. Es sieht ein abgewandtes Bewusstsein.

Natürlich entscheidet kein einzelner Blick über ein ganzes Leben. Aber tausend solcher Situationen sind nicht nichts. Ein Kind wird dadurch sozialisiert, dass es gespürt hat, ob jemand wirklich da war oder nur körperlich anwesend.

3. Das Kind, das sich selbst versorgt

Auch größere Kinder tragen heute oft schon eine seltsame Form von Verlassenheit in sich. Sie kommen aus der Schule, organisieren sich irgendwie selbst, stopfen den Hunger notdürftig weg und wirken doch nicht wirklich gehalten. Es geht hier nicht um Herkunft. Es geht um ein Muster, das überall vorkommen kann: Kinder werden funktional mitgeführt, aber innerlich nicht wirklich begleitet.

Wer nicht gesehen wird, lernt womöglich früh, dass die eigenen Bedürfnisse keine wirkliche Antwort finden. Und wer nie wirklich Antwort erfährt, kann innerlich hart, leer oder verzweifelt werden.

Fazit

Ein Mensch wird nicht nur durch Gene oder Diagnosen geformt. Er wird durch Beziehung geformt – oder durch deren Mangel.

Teil 3: Die Schule der Rücksichtslosigkeit

1. Das Silvester-Beispiel

In meinem großen Hinterhof leben Tiere: Igel, Kaninchen, Ratten, Vögel, all das, was sich in Gebüschen, auf Wiesen und in Nischen seinen stillen Platz sucht. An Silvester gingen alle anderen vorne zur Straße zum Böllern. Aber eine Oma, ihre Tochter und das Enkelkind stellten sich hinten an den Hof und knallten dort in diese Tiere hinein.

Als ich etwas sagte, kam keine Einsicht. Keine Korrektur. Keine Reaktion wie: „Stimmt, da haben Sie recht, wir gehen nach vorne.“ Stattdessen kam sofort das Trotzsignal der Erwachsenenwelt: Wir können böllern, wo wir wollen.

2. Das eigentliche Problem

Der Knackpunkt war nicht nur das Böllern. Der Knackpunkt war das Vorbild. Die erwachsene Autoritätsperson hätte zeigen können, wie Verantwortung aussieht. Sie hätte sagen können: Wir haben einen Fehler gemacht. Wir korrigieren ihn. Genau daraus lernen Kinder.

Stattdessen lernte das Kind etwas anderes: Wenn jemand einen berechtigten Einwand hat, dann verteidigt man nicht die Sache, sondern das eigene Ego. Man gibt nicht nach. Man reflektiert nicht. Man setzt sich durch.

3. Kleine Szenen, große Wirkung

Natürlich wird aus so einer Szene nicht automatisch ein späterer Gewalttäter. So schlicht ist der Mensch nicht. Aber genau solche alltäglichen Vorgänge sind die Schule einer Haltung. Rücksichtslosigkeit, Abwehr, fehlende Selbstkritik und mangelnde Empathie werden nicht erst in Katastrophen sichtbar. Sie beginnen im Kleinen.

Und wenn eine Gesellschaft im Kleinen ständig Gleichgültigkeit, Egoismus und fehlende Korrektur vormacht, darf sie sich nicht wundern, wenn später im Großen etwas entgleist.

Teil 4: Die eigentliche Anklage

1. Das Monster ist nicht vom Himmel gefallen

Wenn ein Mensch irgendwann ausrastet, ist das nicht automatisch die direkte Schuld der Gesellschaft. So einfach wäre es wieder. Aber ebenso falsch ist die andere bequeme Erzählung: Der Einzelne war eben krank, und damit ist alles gesagt.

Nein. Die Gesellschaft hat Bedingungen geschaffen. Sie hat Kinder mit Bildschirmen allein gelassen. Sie hat Erwachsene zu Egomaschinen sozialisiert. Sie hat Beziehung durch Ablenkung ersetzt. Sie hat Rücksicht durch Selbstbehauptung verdrängt. Sie hat seelische Not stigmatisiert, statt sie zu verstehen.

2. Die Diagnose als Flucht

Darum ist der Satz „offenbar psychisch krank“ so oft eine Fluchtbewegung. Er soll erklären, damit nichts mehr erklärt werden muss. Er soll benennen, damit niemand weiter fragen muss. Er soll beruhigen, damit die Gesellschaft nicht in den Spiegel schauen muss.

Dabei wäre genau das nötig: der Blick in den Spiegel. Nicht um jede Tat kollektiv zu entschuldigen. Sondern um endlich zu begreifen, dass eine soziale Welt mit daran beteiligt ist, welche Menschen in ihr heranwachsen.

3. Die größere Frage

Vielleicht ist also die eigentliche Denkwerkstatt-Frage nicht: War dieser Mensch psychisch krank? Sondern: In welcher Gesellschaft musste er werden? Welche Kälte hat ihn geprägt? Welche Gleichgültigkeit? Welche fehlende Beziehung? Welche falschen Vorbilder? Welche Abwehr jeder echten Selbstkritik?

Und vielleicht gilt dann auch: Nicht jede psychische Entgleisung ist bloß ein individuelles Schicksal. Manches daran ist ein Symptom einer kranken Gesellschaft.

Schluss

Dies war Folge 26 von Susannes Denkwerkstatt. Ein Ort, an dem die einfachen Erklärungen nicht reichen – und an dem die Gesellschaft sich nicht so leicht aus ihrer Mitverantwortung stehlen darf.

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