Folge 16a – Warum traust du dich nicht, göttlich zu sein?

Denkwerkstatt – Über Mystik, Mut und das große Herumdrucksen

Vorwort:
Diese Denkwerkstatt ist kein Text zum Wohlfühlen.
Sie ist wie der Moment, in dem eine Kuh merkt:
Der Elektrozaun ist das Einzige, was mich hier hält.
Wenn du sie ernst nimmst, weißt du:
Freiheit beginnt dort, wo es kurz weh tun kann.

1. Die unbequeme Feststellung

Ich sage es hart, weil es sonst wieder im Nebel endet: Wer ernsthaft mystisch unterwegs ist, merkt irgendwann, dass die alte Trennung nicht stimmt.

Nicht als Theorie. Nicht als „schöne Idee“. Sondern wie ein innerer Klick: Gott ist nicht das Gegenüber da draußen – und „Ich“ ist nicht das isolierte Ding hier drinnen.

Und jetzt kommt der Teil, bei dem viele plötzlich wieder ganz klein werden: Du weißt es – aber du traust dich nicht, es auszusprechen.

2. Zwei Wege – und beide führen in dieselbe Richtung

Viele bleiben bei Gott als DU: Gebet, Beziehung, Nähe, Liebe. Das ist nicht falsch. Und andere rutschen tiefer – und landen in etwas, das nicht mehr „Beziehung“ ist, sondern Einheit.

Wer die christliche Mystik kennt, weiß aber längst: Das sind keine zwei getrennten Religionen im Kopf. Du-Mystik und Einheitsmystik fließen ineinander.

Das heißt: Wer ehrlich geht, merkt irgendwann: Gott ist nicht nur das Gegenüber – sondern auch der Grund, der alles trägt. Wer dann noch so tut, als gäbe es nur „ich hier“ und „Gott da“, hat nicht „Demut“, sondern schlichtweg noch ein altes Bild gerettet.

3. „Gott verschwindet“ / „Ich verschwindet“ – und warum das dasselbe meint

Hier kommt der Knackpunkt, bei dem westliche Köpfe sofort Alarm schlagen: Wenn jemand sagt, im tiefen Schweigen „verschwindet Gott“, klingt das wie Blasphemie. Wenn jemand sagt „ich verschwinde“, klingt es wie Selbstauflösung.

Aber in der Tiefe geht es nicht um Zerstörung. Es geht um etwas anderes: Die Dualität bricht weg. Die alten Bilder von „Ich hier“ und „Gott dort“ fallen zusammen.

Dann bleibt nicht „nichts“. Dann bleibt ein einziges Gewahren – ohne Gegenüber-Spiel, ohne Trennung, ohne religiöse Kulisse.

Und hier ist die scharfe Diagnose: Viele haben genau das schon gekostet – und tun trotzdem so, als wären sie noch am Suchen. Nicht weil sie es nicht wissen. Sondern weil sie den Preis nicht zahlen wollen.

4. Das Schweigen ist nicht Demut

Manche nennen es Demut. Manche nennen es Reife. Manche nennen es „differenziert“. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es meistens etwas anderes: Angst.

Angst vor Spott. Angst vor Ablehnung. Angst vor dem Stempel „größenwahnsinnig“. Angst, dass Leute nicht unterscheiden können zwischen Erfahrung und Ego-Show.

Und dann entsteht diese merkwürdige spirituelle Kultur: Alle wissen es – und keiner sagt’s.

5. Die Ausreden (und warum sie billig sind)

Du kennst sie alle. Hier die Klassiker – und ich übersetze sie:

Das ist nicht „spirituell“. Das ist angepasst. Und Anpassung wird hier plötzlich als Tugend verkauft.

6. Der Test, der alles entlarvt

Wenn du wirklich „verstanden“ hast, was du verstanden haben willst, dann mach etwas ganz Einfaches:

Geh nicht zu deinem Retreat-Kreis. Geh nicht zu Leuten, die das Spiel kennen. Geh zu einem normalen Menschen. Nachbar. Freund. Schwester. Kollege.

Und sag – ohne Theater, ohne Predigt, ohne Überhöhung: „Ich bin göttlich.“

Dann beobachte, was in dir passiert: Scham? Panik? Rückzug? Rechtfertigungen? Dort sitzt dein eigentlicher Glaube. Nicht in deinen Zitaten.

7. „Gottes Auge ist mein Auge“ – nicht als Poesie, sondern als Diagnose

Die christliche Mystik kennt dieses Motiv sehr klar: Das Sehen selbst wird eins. Nicht: „Ich schaue auf Gott.“ Sondern: Das Gewahrsein, das du „dein“ nennst, und das, was du „Gott“ nennst, fallen zusammen – als sei es ein Blick.

Und genau darum ist das so gefährlich für angepasste Spiritualität: Weil du dann nicht mehr ehrlich sagen kannst: „Ich bin nur ein kleines Ich, das Gott besucht.“

Du müsstest sagen: Ich bin in etwas aufgewacht, das größer ist als mein Ich – und trotzdem nicht getrennt von mir. Und ja: Das ist der Punkt, an dem viele kneifen.

8. Schluss: Die Frage, die du vermeiden willst

Wenn du längst weißt, dass du göttlich bist – warum traust du dich nicht, es zu leben?

Und wenn deine Antwort lautet: „Weil man das nicht sagt“ – dann hast du dein Gefängnis gefunden.

 

 

 

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