Buchcover: Gott hat eine Idee. Und ich habe einen Mac. – Susanne Albers
Autobiografie · Online lesen

Gott hat eine Idee.
Und ich habe einen Mac.

50 Jahre Epilepsie, Mystik und ein ziemlich ungewöhnliches Leben

Susanne Albers
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Leseschrift:21 pxVollständiger Buchtext · 26 Kapitel

Impressum

Susanne Albers – Gott hat eine Idee. Und ich habe einen Mac.

© Susanne Albers – Kiehlufer 125 – D-12059 Berlin – Tel. +49-1525-1311487

E-Mail: webmaster@susannealbers.de

Webseiten: www.susannealbers.de, www.susili.de, mystikonline.de, liebesmystik.de, kindermystik.de, offenunddirekt.de

Stand: 19.10.2026, 17:00 Uhr

Copyright und Nutzungsbedingungen

Die Texte dürfen bei Nennung von „Erstellt von © Susanne Albers von https://www.susannealbers.de“ privat und pädagogisch, jedoch nicht kommerziell, genutzt und weiterverwendet werden.

Ja, du darfst meine Texte privat im Internet und auf Social Media veröffentlichen. Aber nur, wenn du dick und fett dazuschreibst, dass ich, Susanne Albers, mit „göttlicher“ und KI-Hilfe die Urheberin bin. Was „göttlich“ bedeutet, hast du ja nach dem Lesen meiner Texte hoffentlich kapiert. Ganz klar: Geld darfst du mit meinen Texten in keinster Weise verdienen.

Prolog – Ich habe da noch ein paar Fragen

Berlin, Oktober 2026

Ich bin 61 Jahre alt und habe seit fünfzig Jahren Epilepsie.

Das ist ein halbes Jahrhundert. Fünf Jahrzehnte. Eine ziemlich lange Zeit, um sich mit einer Krankheit herumzuschlagen, die grundsätzlich unangemeldet auftauchen kann und sich einen Dreck darum schert, ob ich gerade etwas Wichtiges vorhabe.

1976 war ich elf Jahre alt.

Damals gab es die Bundesrepublik Deutschland, die Deutsche Demokratische Republik, Helmut Schmidt als Bundeskanzler, Kassettenrekorder, Telefonzellen und Ärzte, die ihre Diagnosen mit einem Füllfederhalter in Karteikarten schrieben.

Heute sitze ich vor einem MacBook, habe Zugang zu medizinischen Fachpublikationen aus aller Welt, produziere Musik mit künstlicher Intelligenz und kann mich mit einer KI darüber unterhalten, ob mein Neurologe von 1976 eigentlich gewusst hat, was er tat.

Das ist schon eine bemerkenswerte Entwicklung.

Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich immer noch Epilepsie habe.

Irgendetwas ist in diesen fünfzig Jahren also offensichtlich besser geworden. Nur mit der vollständigen Abschaffung meiner Anfälle hat es bisher nicht geklappt.

Ich habe schon einmal ein Buch über mein Leben geschrieben. Es heißt Ich durfte alles und habe oft teuer bezahlt.

Und weil es dieses Buch bereits gibt, werde ich die alten Geschichten nicht einfach noch einmal erzählen. Ich könnte natürlich meine Bücherregale durchforsten, die alten Texte hervorholen und noch einmal bei meinem ersten Anfall im Zelt anfangen.

Aber wozu?

Was mich heute viel mehr interessiert, ist eine andere Frage:

Was haben wir in diesen fünfzig Jahren eigentlich dazugelernt?

Die Ärzte. Die Wissenschaft. Die Gesellschaft.

Und ich selbst.

Denn es wäre ausgesprochen vermessen, anzunehmen, dass allein die Medizin klüger geworden ist und ich fünfzig Jahre lang daneben gesessen und brav meine Tabletten geschluckt habe.

Brav war ich nämlich keineswegs immer.

Ich bin vom Zehn-Meter-Turm gesprungen. Ich bin Rennrad gefahren. Ich habe Dinge gemacht, bei denen einem heutigen Epileptologen vermutlich die Haare zu Berge stehen würden.

Ich habe Risiken unterschätzt, bin verletzt worden und habe Entscheidungen getroffen, die ich heute möglicherweise anders treffen würde.

Aber ich habe auch gelebt.

Und das ist ein Punkt, über den ich unbedingt sprechen möchte.

Nicht, weil ich andere Menschen mit Epilepsie dazu ermuntern will, gefährliche Dinge zu tun. Um Himmels willen. Jeder Anfall kann ganz andere Folgen haben, und was ich damals überstanden habe, hätte auch anders ausgehen können.

Sondern weil ich wissen möchte, wer eigentlich bestimmt, wie viel Leben einem Menschen mit einer chronischen Erkrankung zugestanden wird.

Der Arzt?

Die Eltern?

Eine medizinische Leitlinie?

Oder vielleicht doch der Mensch selbst, der mit den Folgen seiner Entscheidungen leben muss?

Es gibt darauf keine einfache Antwort. Und wer jetzt schon eine hat, darf sich gern erst einmal einen Kaffee holen.

Ich brauche für diese Frage nämlich ein bisschen länger.

Besuch aus der Vergangenheit

Manchmal denke ich darüber nach, was ich der elfjährigen Susanne sagen würde, wenn sie plötzlich vor mir stünde.

Wahrscheinlich würde sie sich zuerst mein MacBook anschauen.

Dann meine Medikamente.

Und anschließend würde sie fragen, warum ich so alt geworden bin.

Frech war sie schon damals.

Ich stelle mir vor, wie sie 1976 aus dem Sprechzimmer von Dr. Blumenbach kommt. Sie hat gerade ihr EEG hinter sich. Eine ziemlich merkwürdige Untersuchung mit Elektroden, Kabeln und einem Apparat, der Gehirnströme auf lange Papierbahnen schreibt.

Der Arzt hat nichts Auffälliges gefunden.

Und trotzdem hat dieses Kind schwere epileptische Anfälle.

Ich würde mich neben sie setzen.

„Na, wie war's?“

„Doof.“

„Was war doof?“

„Das Atmen. Und dieses Flackerlicht.“

Ich müsste lachen. Daran kann ich mich noch erinnern.

Dann würde sie mich misstrauisch anschauen.

„Wer bist du überhaupt?“

„Du. In fünfzig Jahren.“

„Ach du Scheiße.“

Ja. Das könnte tatsächlich ihre erste Reaktion sein.

Und dann käme vermutlich eine ganze Lawine von Fragen.

Ob die Anfälle wieder verschwinden.

Ob sie trotzdem studieren darf.

Ob sie später einen Beruf haben wird.

Ob sie jemanden findet, der sie liebt.

Ob es irgendwann Medikamente gibt, mit denen alles besser wird.

Und ob sie alt werden kann.

Was würde ich ihr antworten?

Ich könnte ihr von modernen Epilepsiezentren erzählen, von Video-EEG, Magnetresonanztomografie, Medikamenten, von denen Dr. Blumenbach 1976 noch nichts wissen konnte.

Ich könnte ihr erklären, dass ein unauffälliges EEG eine Epilepsie keineswegs ausschließt.

Und ich könnte ihr sagen, dass auch die moderne Medizin nicht alles weiß.

Aber die Antwort auf ihre wichtigste Frage wäre viel einfacher.

„Hör mal, Kleene. Du wirst noch eine ganze Menge erleben.“

„Gute Sachen?“

„Ja.“

„Schlechte auch?“

„Leider.“

„Und was wird aus mir?“

Darauf würde ich erst einmal schweigen.

Denn wie erklärt man einem elfjährigen Mädchen, dass das Leben, das vor ihm liegt, weder eine Erfolgsgeschichte noch eine Tragödie ist?

Dass es lieben und verlieren wird, verzweifeln und lachen, kämpfen, aufgeben, wieder anfangen und gelegentlich über Dinge glücklich sein wird, die anderen Menschen vollkommen unbedeutend erscheinen?

Und dass eine Krankheit zwar ein ganzes Leben beeinflussen kann, aber niemals ausreicht, um einen Menschen vollständig zu beschreiben?

Vielleicht würde ich ihr einfach sagen:

„Du wirst Susanne.“

„Bin ich doch schon.“

„Siehste.“

Die Sache mit dem Fortschritt

Nun könnte man annehmen, dass die vergangenen fünfzig Jahre eine wunderschöne Geschichte medizinischer Fortschritte ergeben.

1976 war alles altmodisch, 2026 ist alles modern, und dazwischen wurden die Ärzte immer schlauer.

So einfach ist das leider nicht.

Medizinischer Fortschritt bedeutet nicht, dass früher alle unfähig gewesen wären. Und moderne Technik bedeutet nicht automatisch, dass jeder Patient heute besser verstanden wird.

Es gab früher ausgezeichnete Ärzte.

Es gibt heute schlechte Arztgespräche.

Es gab früher Medikamente, die vielen Menschen geholfen haben.

Und es gibt heute hochmoderne Medikamente mit Nebenwirkungen, die einem das Leben gründlich vermiesen können.

Gleichzeitig gibt es Behandlungsmöglichkeiten, die vor fünfzig Jahren noch nicht verfügbar waren und die für viele Betroffene einen gewaltigen Unterschied machen.

Das alles möchte ich verstehen.

Nicht, um die Vergangenheit vor Gericht zu stellen.

Auch nicht, um der modernen Medizin pauschal auf die Schulter zu klopfen.

Sondern weil ich selbst lange genug Patientin bin, um zu wissen, dass zwischen einem medizinischen Befund und einem menschlichen Leben manchmal verdammt viel Platz ist.

Und in diesem Platz spielt sich das Entscheidende ab.

Dort sitzen die Hoffnungen.

Die Ängste.

Die Familien.

Die Freundschaften.

Die Wünsche.

Und gelegentlich sitzt dort eine ziemlich eigensinnige Susanne, die ihrem Arzt erklärt, warum sie schon wieder etwas gemacht hat, von dem er ihr dringend abgeraten hatte.

Ein Besuch bei Herrn Jung

Und weil wir gerade bei den Ärzten sind, würde ich gern noch weiter zurückreisen.

Ins Jahr 1905.

Damals beschäftigte sich der junge Psychiater Carl Gustav Jung mit psychologischen Untersuchungen im Zusammenhang mit Epilepsie.

Er untersuchte Wortassoziationen, Reaktionszeiten, Auffälligkeiten im Denken und mögliche Zusammenhänge mit der Persönlichkeit.

Das finde ich faszinierend.

Nicht etwa, weil seine damaligen Deutungen heute sämtlich gültig wären. Sondern weil man daran sehen kann, wie Wissenschaftler versuchen, etwas zu verstehen, das sie noch nicht ausreichend erklären können.

Ich würde mich gern zu ihm an den Tisch setzen.

„Herr Jung, ich habe da mal eine Frage.“

Wahrscheinlich hätte er mich zunächst ziemlich verwundert angeschaut.

Eine Frau aus dem Jahr 2026, die seit fünfzig Jahren Epilepsie hat und plötzlich über seine Untersuchungsmethoden diskutieren möchte, dürfte selbst für einen neugierigen Psychiater eine gewisse Herausforderung darstellen.

Ich würde ihn fragen, was er damals aus seinen Untersuchungen wirklich wissen konnte.

Was eine Reaktionszeit über einen Menschen aussagt.

Ob eine ungewöhnliche Wortassoziation bereits eine krankhafte Eigenschaft verrät.

Und wie man eigentlich unterscheiden kann, was zur Erkrankung gehört und was zur Persönlichkeit eines Menschen.

Dann würde ich ihm von meinen eigenen Erfahrungen erzählen.

Von Anfällen.

Von Auren.

Von meinem Denken.

Von meiner Musik.

Und vielleicht würde ich ihn am Ende bitten, mir ein einziges Reizwort zu nennen.

„Neugier“, könnte er sagen.

„Noch eine Frage!“, würde ich antworten.

Ich glaube, damit hätten wir beide erst einmal genug zu tun.

Und nun?

Ich habe nicht vor, mit diesem Buch die Welt zu retten.

Auch nicht die Epilepsie zu erklären, als wäre ich plötzlich Neurologieprofessorin geworden.

Ich bin eine Frau, die seit fünfzig Jahren mit dieser Erkrankung lebt. Die sich mit Ärzten auseinandergesetzt hat, mit Medikamenten, mit Vorurteilen, mit ihrer eigenen Angst und gelegentlich mit ihrem eigenen Übermut.

Ich habe sehr viel falsch gemacht.

Und manches, was andere für falsch hielten, würde ich trotzdem nicht aus meinem Leben streichen wollen.

Ich wünsche mir, dass Menschen mit Epilepsie dieses Buch lesen und sich darin wiederfinden können.

Ich wünsche mir, dass Angehörige etwas besser verstehen, warum Fürsorge manchmal wunderbar und manchmal ziemlich erdrückend sein kann.

Und ich wünsche mir, dass Ärzte beim Lesen nicht nur an Anfallshäufigkeiten, Diagnosen und Wirkstoffspiegel denken, sondern auch an den Menschen, der ihnen gegenübersitzt.

Vor allem aber wünsche ich mir, dass dieses Buch Spaß macht.

Dass man lachen kann.

Dass man sich ärgert.

Dass man manchmal erschrickt.

Und dass man ab und zu innehält und denkt:

Moment mal. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Denn eines habe ich nach fünfzig Jahren Epilepsie begriffen:

Ich bin nicht verpflichtet, meine Krankheit schönzufinden.

Ich muss auch nicht jeden Tag stark sein.

Ich darf müde werden, mich aufregen, Hilfe brauchen und gelegentlich einfach meine Ruhe haben wollen.

Aber ich möchte weiterhin neugierig bleiben.

Auf Menschen.

Auf Wissenschaft.

Auf Geschichte.

Und auf das Leben.

So.

Und jetzt reisen wir los.

Ich habe nämlich noch ein paar Fragen.

Sehr viele sogar.

Kapitel 1

Alles in Ordnung. Nur ich nicht.

Oder: Was ein Gehirn alles verschweigen kann

Berlin, Oktober 2026

Ich habe in meinem Leben eine ganze Menge EEGs hinter mich gebracht.

Wie viele?

Keine Ahnung.

Irgendwann habe ich aufgehört, sie zu zählen. Es wäre vermutlich einfacher gewesen, die Untersuchungen zu zählen, die ich nicht bekommen habe.

Und wenn ich an meine ersten EEGs denke, muss ich heute manchmal lachen.

Da saß ich 1976 als elfjähriges Mädchen bei Dr. Blumenbach in Lüneburg. Auf meinem Kopf ein seltsames Gumminetz mit Elektroden, unter meinem Kinn ein Riemen, und neben mir stand eine Maschine, die meine Gehirnströme auf Papier schrieb.

Papier!

Meterweise Papier.

Heute speichert man so etwas digital. Damals konnte man seine Gehirnströme noch in die Hand nehmen, auseinanderfalten und auf den Schreibtisch legen.

Eigentlich eine ganz hübsche Vorstellung.

Mein Gehirn zum Mitnehmen.

Nur leider stand auf diesen Papieren nicht das, was wir gern herausgefunden hätten.

Die Untersuchung war unauffällig.

Meine Anfälle waren es nicht.

Und damit begann ein Widerspruch, der mich über Jahrzehnte begleiten sollte.

Ein kleiner Besuch im Jahr 1976

Ich stelle mir vor, ich könnte noch einmal in dieses Sprechzimmer zurückkehren.

Nicht als Patientin, sondern als Besucherin aus dem Jahr 2026.

Die elfjährige Susanne sitzt neben ihrer Mutter und wartet darauf, dass der Arzt fertig wird.

Ich setze mich daneben.

„Na, Susanne, was meinst du?“

Sie schaut mich an.

„Worüber?“

„Über diese ganze Untersuchung.“

„Ach, ich fand das eigentlich ganz interessant. Nur dieses tiefe Atmen war scheußlich.“

„Kann ich verstehen.“

„Und warum musste ich immer die Augen auf- und zumachen?“

„Weil man schauen wollte, wie dein Gehirn auf bestimmte Reize reagiert.“

„Aha. Und hat es reagiert?“

„Offenbar nicht so, dass der Arzt etwas Auffälliges erkennen konnte.“

Sie überlegt.

„Dann bin ich also gesund?“

Und da wären wir.

Bei der Frage, die mir auch fünfzig Jahre später noch begegnet.

Denn ein unauffälliges EEG bedeutet keineswegs, dass jemand keine Epilepsie hat.

Ein EEG misst elektrische Aktivität des Gehirns über Elektroden an der Kopfhaut. Es kann Hinweise auf epilepsietypische Veränderungen liefern. Aber es zeichnet nicht jeden Vorgang auf, der sich irgendwo im Gehirn abspielt.

Und vor allem: Eine kurze Untersuchung ist immer nur ein begrenzter Ausschnitt.

Wenn gerade keine auffällige Aktivität zu sehen ist, kann das EEG unauffällig bleiben.

Auch bei einem Menschen, der tatsächlich Epilepsie hat.

Das klingt zunächst gar nicht so kompliziert.

Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich sage:

„Wir haben nichts Auffälliges gemessen.“

Oder ob ich daraus mache:

„Da ist nichts.“

Diese beiden Sätze sind nämlich nicht dasselbe.

Herr Blumenbach und die Wahrheit

Ich möchte meinem damaligen Neurologen keineswegs unterstellen, dass er keine Ahnung hatte.

Im Gegenteil.

Er war ein erfahrener Facharzt und hat mich über viele Jahre behandelt.

Die Elektroenzephalografie war bereits seit Jahrzehnten etabliert, und natürlich wusste man 1976, dass nicht jedes EEG bei einem Menschen mit Epilepsie auffällig sein muss.

Das Problem lag für mich viel eher darin, dass ich als Patientin lange Zeit nicht richtig verstand, was die Untersuchungen aussagten.

Und dann war da noch diese merkwürdige Sache mit meiner Diagnose.

Ich hatte angeblich keine Epilepsie.

Ich hatte ein „hirnorganisches Anfallsleiden“.

Nun gut.

Das klang zunächst einmal vornehm.

Fast so, als wäre ein hirnorganisches Anfallsleiden gesellschaftlich besser angesehen als eine ganz gewöhnliche Epilepsie.

Nur leider konnte ich mit diesem Begriff überhaupt nichts anfangen.

Ich fiel um.

Ich verlor das Bewusstsein.

Ich krampfte.

Ich verletzte mich.

Und hinterher war ich oft stundenlang völlig erschöpft.

Was sollte mir dieses Wort also sagen?

Ich stelle mir vor, wie die elfjährige Susanne mich jetzt anstupst.

„Sag mal, ist das nicht dasselbe?“

„In unserem Fall beschrieb beides jedenfalls deine Anfallserkrankung. Warum der Arzt diese begriffliche Unterscheidung so betonte, wissen wir nicht sicher.“

„Warum sagt er dann nicht einfach Epilepsie?“

„Das hätte ich auch gern gewusst.“

„Kannst du ihn nicht fragen?“

„Leider nicht mehr.“

„Na toll.“

Ja.

Na toll.

Das ist übrigens eine der Schwierigkeiten, wenn man ein halbes Jahrhundert später über seine Krankengeschichte nachdenkt.

Man kann sich erinnern.

Man kann alte Unterlagen lesen.

Man kann die Medizin jener Zeit untersuchen.

Aber man kann nicht mehr jeden Arzt fragen, warum er damals einen bestimmten Satz gesagt hat.

Und deshalb werde ich mich hüten, aus heutiger Sicht ständig über die Vergangenheit zu urteilen.

Manche Dinge wissen wir.

Andere können wir nur vermuten.

Und manches bleibt schlicht ungeklärt.

Was wusste man eigentlich vor dem EEG?

Jetzt machen wir einen kleinen Ausflug.

Und zwar nicht nur nach 1976, sondern noch ein gutes Stück weiter zurück.

Denn ich finde es unglaublich interessant, wie lange die Menschheit epileptische Anfälle bereits kennt.

Schon in antiken medizinischen Texten werden Zustände beschrieben, die wir heute als epileptische Anfälle erkennen können.

Aber eine genaue Beobachtung und eine richtige Erklärung sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Über Jahrtausende wurden epileptische Anfälle mit göttlichen Mächten, Dämonen, Besessenheit oder anderen übernatürlichen Einflüssen in Verbindung gebracht.

Daneben existierten schon früh medizinische Erklärungen.

Hippokrates beziehungsweise die Autoren der hippokratischen Schrift Über die heilige Krankheit widersprachen bereits in der Antike der Vorstellung, Epilepsie sei göttlicher als andere Krankheiten.

Sie suchten ihre Ursache im Körper, insbesondere im Gehirn.

Das war ein bemerkenswerter Gedanke.

Allerdings bedeutete eine kluge Erkenntnis noch lange nicht, dass sie sich allgemein durchsetzte.

Und selbst eine zutreffende Vorstellung über den Ort einer Erkrankung ist noch keine wirksame Behandlung.

Die Menschheit wusste also seit sehr langer Zeit, dass es epileptische Anfälle gibt.

Aber sie konnte ihre Entstehung weder ausreichend erklären noch zuverlässig verhindern.

Dann kam die moderne neurologische Forschung.

Und schließlich Hans Berger.

Der deutsche Psychiater gelangte 1924 zu den ersten menschlichen EEG-Aufzeichnungen. 1929 veröffentlichte er seine Ergebnisse.

Das war ein wissenschaftlicher Durchbruch.

Plötzlich konnte man elektrische Vorgänge des lebenden menschlichen Gehirns von außen erfassen.

Ich finde das bis heute beeindruckend.

Man muss sich das einmal vorstellen.

Das Gehirn denkt, fühlt, erinnert sich, träumt, steuert Bewegungen und verarbeitet unvorstellbar viele Informationen.

Und ein Teil seiner elektrischen Aktivität lässt sich messen.

Nicht alles.

Aber immerhin.

Und aus dieser Entdeckung entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte Untersuchungsmethoden, die für die Epilepsiediagnostik von enormer Bedeutung wurden.

1976 saß ich also keineswegs am Anfang dieser Entwicklung.

Ich saß mitten darin.

Nur wusste ich davon als Elfjährige herzlich wenig.

2026 – Willkommen im Computerzeitalter

Heute gibt es digitale EEG-Systeme, Langzeitaufzeichnungen und Video-EEG-Monitoring.

Es gibt Möglichkeiten, Gehirnaktivität über viele Stunden oder Tage mit gleichzeitig aufgezeichneten Bildern des Patienten zu vergleichen.

Dazu kommen moderne bildgebende Verfahren, die helfen können, strukturelle Veränderungen im Gehirn zu erkennen.

Es gibt außerdem spezielle Untersuchungen für schwierigere diagnostische Fragestellungen.

Das alles ist ein gewaltiger Fortschritt.

Und ich habe selbst erlebt, wie wichtig eine spezialisierte Epilepsiediagnostik sein kann.

Erst 2026 war ich wieder mehrere Wochen im Krankenhaus, unter anderem in einem Epilepsiezentrum.

Fünfzig Jahre nach meinem ersten Anfall.

Das muss man sich wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Fünfzig Jahre!

Die Bundesrepublik ist längst wiedervereinigt, das Internet ist selbstverständlich geworden, künstliche Intelligenz schreibt Texte, Computer erkennen Muster in riesigen Datenmengen, und ich sitze immer noch da und beschäftige mich mit der Frage, was mein Gehirn eigentlich veranstaltet.

Allerdings wäre es ungerecht, daraus zu schließen, dass die Medizin in diesen fünfzig Jahren versagt hätte.

Viele Menschen können heute durch eine passende Behandlung anfallsfrei werden. Andere haben deutlich weniger Anfälle oder profitieren von Möglichkeiten, die früher nicht zur Verfügung standen.

Und manche Menschen gehören weiterhin zu denen, bei denen die Behandlung außerordentlich schwierig bleibt.

Zu denen gehöre ich.

Das ist keine wissenschaftliche Bewertung des medizinischen Fortschritts.

Das ist meine Lebenswirklichkeit.

Und die ist manchmal ausgesprochen unbequem.

Was sagt eigentlich die Patientin?

Es gibt etwas, das mich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder beschäftigt hat.

Ein EEG wird geschrieben.

Der Arzt schaut auf die Aufzeichnung.

Er betrachtet Kurven, Ausschläge, Rhythmen und mögliche Auffälligkeiten.

Das ist seine Arbeit.

Und die ist wichtig.

Aber während er auf die Kurven schaut, sitzt vor ihm ein Mensch, der etwas erlebt.

Vielleicht hat dieser Mensch gerade Angst.

Vielleicht ist er erschöpft.

Vielleicht hat er Schmerzen.

Vielleicht hat er einen Anfall gehabt, an den er sich selbst überhaupt nicht erinnern kann.

Oder er berichtet von einer Aura, von einer eigenartigen Empfindung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.

Ich kenne solche Auren.

Und ich weiß, wie schwer es sein kann, sie zu beschreiben.

Da reicht manchmal die medizinische Sprache allein nicht aus.

Denn wie soll ich jemandem erklären, was ich innerlich empfinde, wenn mir selbst die Worte fehlen?

Ein Messgerät kann wichtige Informationen liefern.

Aber es ersetzt keine Anamnese, keine Beobachtung und kein Gespräch.

Das ist keine Kritik am EEG.

Es ist eine Erinnerung daran, dass Diagnostik mehr umfasst als ein einzelnes Untersuchungsergebnis.

Ich möchte, dass meine Ärztinnen und Ärzte moderne Technik einsetzen.

Sehr gern sogar.

Ich möchte nur gleichzeitig, dass sie mir zuhören.

Und ich glaube, damit verlange ich nicht zu viel.

Was nach dem Anfall bleibt

Wenn ich an meine großen Anfälle zurückdenke, denke ich nicht zuerst an die elektrischen Vorgänge in meinem Gehirn.

Ich denke an das, was danach kam.

An meine zerbissene Zunge.

An Kopfschmerzen.

An meine vollgepisste Unterhose.

Und an diese unendliche Müdigkeit.

Das mit der Unterhose war mir als Mädchen besonders unangenehm. Da war man gerade elf oder zwölf Jahre alt, wollte dazugehören, wollte nicht auffallen, und dann lag man plötzlich irgendwo, hatte einen Anfall gehabt und die Hose war nass.

Das war scheiße.

Anders kann ich es nicht ausdrücken.

Und wenn ich mir heute vorstelle, dass jemand in einem Arztbrief schreibt, es sei zu einem Harnabgang gekommen, dann muss ich beinahe lachen.

Harnabgang!

Ein wunderbares Wort.

Klingt fast so, als hätte sich der Harn ordentlich verabschiedet.

In Wirklichkeit war meine Unterhose vollgepisst, und ich habe mich geschämt.

Mit der Zunge war es auch nicht besser.

Wenn ich sie während eines Anfalls zerbissen hatte, tat hinterher alles weh. Essen wurde zur Herausforderung. Ausgerechnet dann, wenn ich wieder Hunger hatte, konnte ich nicht vernünftig kauen.

Und dann die Kopfschmerzen.

Als hätte mein Gehirn beschlossen, nach dem ganzen Theater noch eine Zugabe zu veranstalten.

Danach schlief ich.

Vier Stunden. Fünf Stunden. Manchmal gefühlt eine halbe Ewigkeit.

Nicht einfach ein kleines Mittagsschläfchen.

Sondern tief und fest, weil ich nach einem großen Anfall völlig erschöpft war.

Ich schätze, dass ich in meinem Leben mehr als dreihundert solcher großen Anfälle erlebt habe.

Dreihundertmal Kontrollverlust.

Dreihundertmal das Erwachen danach.

Und sehr oft anschließend stundenlanger Schlaf.

Wenn man nur die Anfälle zählt, übersieht man leicht, was jeder einzelne davon einem Menschen zusätzlich abverlangt.

Schmerzen, Scham, Erschöpfung. Manchmal Verletzungen. Und Zeit, die man eigentlich ganz anders verbringen wollte.

Die elfjährige Susanne hätte die Sache vermutlich ziemlich einfach zusammengefasst:

„Also mir ist scheißegal, wie ihr das medizinisch nennt. Ich will nicht schon wieder meine Zunge zerbeißen.“

Und die Susanne von 2026?

Die würde ihr vermutlich antworten:

„Kann ich verstehen, Susanne. Geht mir genauso.“

Denn manche Dinge ändern sich auch in fünfzig Jahren nicht.

Eine Frage an die Susanne von 1976

Zum Schluss besuche ich meine elfjährige Ausgabe noch einmal.

Sie sitzt inzwischen wieder zu Hause in Bardowick.

Vielleicht ist sie draußen gewesen. Vielleicht hat sie mit Annette gespielt. Vielleicht hat sie sich über irgendetwas geärgert.

Ich weiß es nicht mehr.

Also erfinde ich lieber keine zusätzliche Erinnerung.

Aber ich kann ihr eine Frage stellen.

„Susanne, weißt du eigentlich, was dich damals am meisten gestört hat?“

„An der Untersuchung?“

„Ja.“

„Dieses blöde Atmen.“

Ich muss lachen.

„Und sonst?“

Sie denkt nach.

„Ich wollte wissen, warum ich diese Anfälle bekomme.“

„Genau.“

„Und weißt du das jetzt?“

Ich könnte ihr eine ganze Menge erzählen.

Über Nervenzellen.

Über elektrische Entladungen.

Über verschiedene Anfallsformen.

Über Medikamente und Untersuchungsmethoden.

Und darüber, wie unterschiedlich Epilepsien verlaufen können.

Aber ich müsste ihr auch sagen, dass nicht jede Frage in meiner eigenen Krankengeschichte endgültig beantwortet ist.

„Ich weiß heute erheblich mehr als damals.“

„Aber nicht alles?“

„Nein.“

„Dann musst du eben weiterfragen.“

Ja.

Das werde ich wohl müssen.

Und weißt du, was das Verrückte ist?

Vielleicht hat die kleine Susanne gerade etwas sehr Wichtiges gesagt.

Nicht, dass wir der Medizin misstrauen sollten.

Sondern dass wir neugierig bleiben dürfen.

Auch dann, wenn wir schon seit fünfzig Jahren Patientin sind.

Auch dann, wenn eine Untersuchung nichts Auffälliges zeigt.

Auch dann, wenn ein Arzt sagt, dass etwas wahrscheinlich so oder so ist.

Denn Wissenschaft lebt davon, dass Menschen Fragen stellen, Untersuchungen verbessern und bisherige Erkenntnisse überprüfen.

Und Patienten dürfen das ebenfalls.

Sie sollten sogar verstehen können, was untersucht wurde, was das Ergebnis bedeutet und welche Fragen offenbleiben.

Ich habe jedenfalls nicht vor, damit aufzuhören.

Fünfzig Jahre Epilepsie haben mich vielleicht vieles gekostet. Meine Neugier jedenfalls nicht.

Und die nächste Frage wartet schon.

Denn nach dem EEG kam der Arzt.

Und mit ihm ein Thema, das mich bis heute beschäftigt:

Wer hat eigentlich das letzte Wort, wenn es um mein Leben geht?

Kapitel 2

Herr Doktor, darf ich widersprechen?

Oder: Vom Halbgott in Weiß zum Menschen am Schreibtisch

Berlin, Oktober 2026

Ich habe in fünfzig Jahren Epilepsie eine ganze Menge Ärzte kennengelernt.

Gute Ärzte.

Weniger gute Ärzte.

Ärzte, denen ich unendlich dankbar bin.

Und Ärzte, bei denen ich mich hinterher gefragt habe, warum ich überhaupt hingegangen bin.

Natürlich gab es auch welche, die fachlich ausgezeichnet waren und menschlich nicht unbedingt zu meinen Lieblingsmenschen gehörten.

Das eine schließt das andere schließlich nicht aus.

Und umgekehrt kann ein Arzt unglaublich freundlich sein, einem geduldig zuhören, einen Kaffee anbieten und trotzdem von Epilepsie ungefähr so viel verstehen wie ich von der Reparatur eines Atomreaktors.

Wobei ich zugeben muss, dass ich mich bei Atomreaktoren vermutlich erst einmal gründlich einlesen würde.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Was mich heute interessiert, ist die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten in diesen fünfzig Jahren verändert hat.

Denn als ich 1976 zum ersten Mal bei einem Neurologen saß, war ich elf Jahre alt.

Meine Mutter saß neben mir.

Und vor uns saß ein Mann, der ziemlich genau wusste, wer in diesem Zimmer das Sagen hatte.

1976 – Der Herr Doktor spricht

Dr. Arnold Blumenbach war eine Persönlichkeit in Lüneburg.

Ein richtiger Nervenarzt.

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.

Allein diese Berufsbezeichnung klang für mich damals schon beeindruckend.

Neurologie.

Psychiatrie.

Gehirn.

Nerven.

Irgendwie gehörte das alles zusammen, und trotzdem hatte ich keine Ahnung, was davon nun eigentlich mit mir zu tun hatte.

Ich war schließlich nicht verrückt.

Ich hatte Anfälle.

Das war schon schlimm genug.

In meinem früheren Buch habe ich diesen Arzt ausführlich beschrieben. Seine Kleidung, seine Ausstrahlung, seine schnelle, laute Sprache, seinen Füllfederhalter.

Ich werde diese Begegnungen hier nicht noch einmal erzählen.

Aber eines ist mir geblieben.

Dieses Gefühl, einem Menschen gegenüberzusitzen, der über Dinge Bescheid wusste, von denen wir anderen keine Ahnung hatten.

Und der deshalb auch bestimmte, wie es weiterging.

Meine Mutter war eine kluge Frau.

Sie hatte selbst eine pädagogische Ausbildung begonnen, war lebhaft, neugierig und konnte ausgesprochen energisch werden.

Aber in diesem Sprechzimmer war sie zunächst einmal die Mutter eines kranken Kindes.

Und der Arzt war der Arzt.

Punkt.

Ich glaube, man muss sich die gesellschaftliche Atmosphäre der siebziger Jahre noch einmal vor Augen führen, um zu verstehen, was das bedeutete.

Natürlich gab es auch damals selbstbewusste Patienten und Ärzte, die partnerschaftlich mit ihnen sprachen.

Aber die Vorstellung vom Arzt als nahezu unantastbarer Autorität war noch sehr lebendig.

Man ging zum Arzt.

Man schilderte seine Beschwerden.

Der Arzt untersuchte.

Der Arzt entschied.

Und dann ging man mit einem Rezept nach Hause.

Im Idealfall verstand man sogar, warum man diese Tabletten nehmen sollte.

Ich stelle mir vor, wie die Susanne von 2026 neben ihrer elfjährigen Ausgabe sitzt.

„Sag mal, Susanne, hast du damals eigentlich alles verstanden?“

„Was denn?“

„Was Dr. Blumenbach gesagt hat.“

„Nö.“

„Hast du nachgefragt?“

„Manchmal.“

„Und?“

„Na ja. Er war der Doktor.“

Ja.

Genau das war der Punkt.

Er war der Doktor.

Und ich war das Kind.

Was wäre, wenn ich heute noch einmal dort säße?

Fünfzig Jahre später würde ich vermutlich ein ganz anderes Gespräch führen.

Schon deshalb, weil ich inzwischen weiß, welche Fragen ich stellen möchte.

Ich würde nach der Diagnose fragen.

Nach den möglichen Ursachen.

Nach den Risiken.

Nach den Medikamenten.

Nach den Nebenwirkungen.

Nach anderen Behandlungsmöglichkeiten.

Und selbstverständlich würde ich wissen wollen, warum ein unauffälliges EEG und meine schweren Anfälle keinen Widerspruch darstellen müssen.

Aber ich würde auch etwas fragen, das mir inzwischen mindestens genauso wichtig erscheint:

„Herr Doktor, was bedeutet diese Behandlung eigentlich für mein Leben?“

Nicht nur für meine Anfallshäufigkeit.

Für mein Leben.

Denn ich möchte nicht nur möglichst wenige Anfälle haben.

Ich möchte denken können.

Arbeiten können.

Lieben können.

Lachen können.

Und gelegentlich Dinge machen, die überhaupt keinen medizinischen Nutzen haben, aber verdammt viel Spaß.

Das ist kein nebensächlicher Wunsch.

Das ist der Grund, warum ich behandelt werden möchte.

1982 – Meine Mutter begeht eine kleine Majestätsbeleidigung

Sechs Jahre später geschah etwas, das ich rückblickend ziemlich bemerkenswert finde.

Meine Mutter las einen Zeitungsartikel.

Das klingt zunächst nicht besonders aufregend.

Aber dieser Artikel handelte von Epilepsie.

Und von einem Professor in Hamburg.

Professor Funke, damals an den Alsterdorfer Anstalten.

Meine Mutter las den Artikel und dachte offenbar:

Da müssen wir hin.

So einfach war das.

Nun war Hamburg nicht am anderen Ende der Welt. Von Bardowick aus konnte man mit dem Auto dorthin fahren.

Aber zwischen dem Entschluss meiner Mutter und dem Besuch beim Professor stand noch ein Mann.

Dr. Blumenbach.

Wir brauchten eine Überweisung.

Und damit begann ein kleines Problem.

Denn mein Neurologe war von der Idee, dass wir uns bei einem anderen Spezialisten eine Meinung einholen wollten, überhaupt nicht begeistert.

Ich stelle mir heute manchmal vor, wie meine Mutter ihm erklärte, dass sie mit ihrer Tochter nach Hamburg fahren wollte.

Wohlgemerkt: Ich weiß nicht mehr, welche Worte genau gefallen sind.

Aber die Situation ist in meinem alten Buch beschrieben.

Und ich kann mir die Atmosphäre sehr gut vorstellen.

Da behandelt ein Arzt ein Mädchen über Jahre.

Und plötzlich kommt die Mutter und möchte einen anderen Arzt hinzuziehen.

Das konnte man als vernünftigen Wunsch nach zusätzlicher fachlicher Einschätzung verstehen.

Oder als Zweifel an der eigenen Kompetenz.

Ich weiß nicht, was Dr. Blumenbach dabei dachte.

Aber glücklich war er offensichtlich nicht.

Am Ende bekamen wir die Überweisung trotzdem.

Und ich denke heute:

Gut gemacht, Mama.

Denn es gehört schon ein bisschen Mut dazu, einem Arzt zu widersprechen, von dessen Behandlung man weiterhin abhängig ist.

Der Professor aus Hamburg

Professor Funke nahm sich Zeit.

Das ist eine Erinnerung, die mir wichtig geblieben ist.

Er hörte zu.

Er untersuchte mich.

Er ließ ein EEG schreiben.

Und er beschäftigte sich mit meiner bisherigen Behandlung.

Anschließend empfahl er eine Änderung der Medikation.

Ich sollte Leptilan bekommen, einen Handelsnamen für ein Präparat mit Valproinsäure.

Damals war ich ein junges Mädchen.

Heute weiß ich, dass wir bei diesem Medikament über eine ganze Reihe wichtiger medizinischer Fragen sprechen müssen.

Nicht nur darüber, ob es Anfälle unterdrücken kann.

Sondern auch über Nebenwirkungen, hormonelle Veränderungen und insbesondere über erhebliche Risiken für ungeborene Kinder bei einer Einnahme während der Schwangerschaft.

Diese Risiken und die entsprechenden Einschränkungen sind heute ein zentraler Bestandteil der Behandlung und Beratung von Mädchen und Frauen, die schwanger werden können.

Das war Anfang der achtziger Jahre in dieser Form noch nicht der Fall.

Und jetzt wird es interessant.

Denn aus der Sicht meiner Mutter bedeutete der Besuch in Hamburg zunächst einmal Hoffnung.

Ein Spezialist hatte eine neue Behandlung empfohlen.

Vielleicht würde sie besser helfen.

Vielleicht würden die Anfälle weniger werden.

Vielleicht würde ihre Tochter endlich ein normaleres Leben führen können.

Und aus meiner Sicht?

Nun ja.

Ich bekam ein neues Medikament.

Nahm an Gewicht zu.

Und meine Monatsblutung geriet durcheinander.

Großartig.

Ich hatte damals bereits einen Freund.

Und als meine Regel ausblieb, war meine Begeisterung über den medizinischen Fortschritt ausgesprochen begrenzt.

Plötzlich stand eine ganz andere Frage im Raum.

Bin ich schwanger?

Das war eine Aufregung!

Schwangerschaftstests.

Untersuchungen.

Sorgen.

Am Ende stellte sich heraus, dass ich nicht schwanger war.

Aber das Problem mit der unregelmäßigen Monatsblutung blieb zunächst bestehen.

Und da haben wir wieder diesen Unterschied zwischen medizinischem Behandlungserfolg und persönlicher Lebenswirklichkeit.

Ein Medikament kann aus fachlicher Sicht eine sinnvolle Wahl sein.

Und gleichzeitig kann es einem jungen Mädchen erhebliche Probleme bereiten.

Beides kann stimmen.

Die Susanne von 1982 hat Fragen

Ich würde meiner siebzehnjährigen Ausgabe heute gern gegenübersitzen.

Wahrscheinlich hätte sie gerade ganz andere Dinge im Kopf als die Epilepsiemedizin.

Freunde.

Musik.

Liebe.

Die Schule.

Und natürlich die Frage, warum ihr Körper schon wieder macht, was er will.

„Sag mal, Susanne, hat dir eigentlich jemand richtig erklärt, welche Nebenwirkungen das Medikament haben kann?“

„Weiß ich nicht mehr.“

„Und was hast du gemacht, als deine Regel ausblieb?“

„Na, Panik gekriegt!“

„Verständlich.“

„Und was würdest du heute machen?“

„Ich würde meinen Arzt fragen, ob das mit dem Medikament zusammenhängen kann. Und ich würde mir genau erklären lassen, welche Alternativen es gibt.“

„Und dann?“

„Dann würde ich mitentscheiden.“

„Du meinst, der Arzt entscheidet das nicht allein?“

„Jedenfalls sollte es nicht so laufen.“

Sie schaut mich skeptisch an.

„Und wenn ich keine Ahnung habe?“

„Dann muss er es so erklären, dass du eine Ahnung bekommst.“

Ich glaube, diesen Satz würde ich gern jedem jungen Menschen mit einer chronischen Erkrankung mitgeben.

Nicht als großes philosophisches Vermächtnis.

Einfach als ganz praktischen Gedanken.

Ich muss kein Medizinstudium abgeschlossen haben, um verstehen zu dürfen, was mit meinem Körper geschieht.

Eine kleine Revolution namens Patientenrechte

Heute sprechen wir in der Medizin von gemeinsamer Entscheidungsfindung.

Im Englischen heißt das Shared Decision Making.

Ein hübscher Begriff.

Klingt nach einem gemeinsamen Frühstück, bei dem alle friedlich überlegen, ob es Marmelade oder Käse geben soll.

In Wirklichkeit geht es um erheblich schwierigere Entscheidungen.

Welche Behandlung kommt infrage?

Welche Vorteile sind zu erwarten?

Welche Risiken bestehen?

Welche Alternativen gibt es?

Und was ist dem einzelnen Patienten besonders wichtig?

Denn selbst wenn zwei Menschen dieselbe Erkrankung haben, müssen sie nicht dieselben Prioritäten setzen.

Dem einen ist möglichst vollständige Anfallsfreiheit besonders wichtig.

Der andere leidet so sehr unter bestimmten Nebenwirkungen, dass er gemeinsam mit seinem Arzt nach einer anderen Lösung sucht.

Ein dritter hat vielleicht ganz andere Probleme, weil seine Anfälle in bestimmten Situationen auftreten.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jede gewünschte Behandlung medizinisch sinnvoll wäre.

Auch ein Patient kann sich irren.

Das habe ich in meinem Leben durchaus bewiesen.

Aber die persönlichen Wünsche und Lebensumstände gehören zu einer guten Behandlungsentscheidung dazu.

In Deutschland sind Aufklärung, Einwilligung und die Dokumentation medizinischer Behandlungen heute auch gesetzlich geregelt.

Besonders wichtig ist mir dabei:

Ich darf eine Behandlung nicht nur deshalb verstehen wollen, weil ich sie vielleicht ablehnen möchte.

Ich darf sie verstehen wollen, weil es mein Körper ist.

Und weil ich anschließend mit den Folgen lebe.

Kann ein Arzt auch zu viel erklären?

Jetzt muss ich allerdings einmal etwas zugeben.

Manchmal denke ich, wir haben es mit der modernen Informationsflut auch ein bisschen übertrieben.

Ich bekomme einen Beipackzettel.

Der ist gefühlt so lang wie ein mittlerer Roman.

Darauf stehen sämtliche möglichen Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Vorsichtsmaßnahmen und Warnungen.

Anschließend suche ich im Internet.

Und finde noch zwanzig weitere Möglichkeiten, was alles passieren könnte.

Wenn ich dann fertig bin, frage ich mich manchmal, ob ich nicht sicherheitshalber überhaupt keine Tablette mehr anschauen sollte.

Natürlich wäre das Unsinn.

Gerade bei Epilepsie kann es gefährlich sein, Medikamente eigenmächtig abzusetzen.

Aber es zeigt ein neues Problem.

1976 bekam ich möglicherweise zu wenig verständliche Information.

2026 bekomme ich manchmal so viele Informationen, dass ich entscheiden muss, welche davon für mich tatsächlich wichtig sind.

Auch das ist eine Aufgabe guter ärztlicher Beratung.

Nicht nur möglichst viel Wissen auszuschütten.

Sondern mir zu helfen, es einzuordnen.

Ein Beipackzettel ersetzt kein Gespräch.

Und Google auch nicht.

1996 – Ich rufe einfach einen Professor an

Nun könnte man meinen, ich hätte aus meinen Erfahrungen gelernt, immer brav auf den nächsten Arzttermin zu warten.

Denkste.

Mitte der neunziger Jahre war ich längst in Berlin.

Und mit meiner neurologischen Betreuung nicht zufrieden.

Ich hatte weiterhin schwere Anfälle.

Ich brauchte einen Arzt, der sich mit komplizierten Epilepsien wirklich auskannte.

Also überlegte ich.

Wo sitzen eigentlich die Spezialisten?

Ich wusste von Bethel.

Und von Professor Peter Wolf.

Was machte ich?

Ich griff zum Telefon.

Einfach so.

Und rief den Professor an.

Heute muss ich selbst darüber schmunzeln.

Da saß also eine Patientin in Berlin, die beschlossen hatte, einen bekannten Epilepsiespezialisten anzurufen, um ihn zu fragen, wen er ihr empfehlen würde.

Und das Verrückte war:

Er ging tatsächlich ans Telefon.

Persönlich.

Ohne dass ich erst durch fünf Vorzimmer, drei Anrufbeantworter und ein digitales Terminportal musste.

Ich schilderte ihm mein Problem.

Er hörte zu.

Und nannte mir einen Namen.

Bettina Schmitz.

Im Virchow-Klinikum in Berlin.

Damit war das Telefonat praktisch beendet.

Keine große Veranstaltung.

Kein wissenschaftliches Symposium.

Einfach eine Patientin, die um Rat fragte.

Und ein Arzt, der ihr einen Namen nannte.

Manchmal beginnt eine entscheidende Veränderung im Leben mit einem Gespräch, das nur wenige Minuten dauert.

Eine Ärztin, die zuhörte

Ich vereinbarte einen Termin.

Und lernte Dr. Bettina Schmitz kennen.

Ich erinnere mich noch an den langen Flur im Virchow-Klinikum.

An ihre Schritte.

An meine Aufregung.

Und an die Hoffnung, endlich jemanden gefunden zu haben, der mir helfen konnte.

Ich schilderte meine Krankengeschichte.

Sie hörte zu.

Ruhig.

Geduldig.

Und nahm sich meiner Behandlung an.

Daraus entwickelte sich eine lange, vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung.

Das ist mir bis heute wichtig.

Denn ich möchte in diesem Buch nicht den Eindruck erwecken, ich hätte fünfzig Jahre lang nur gegen Ärzte kämpfen müssen.

Ganz im Gegenteil.

Es gab Menschen in der Medizin, denen ich sehr viel verdanke.

Und manchmal bestand ihre wichtigste Leistung zunächst einmal darin, dass sie mir zuhörten.

Nicht, weil Zuhören ein Medikament ersetzt.

Sondern weil man ohne ein gutes Gespräch manchmal nicht einmal richtig versteht, welches Problem behandelt werden soll.

Natürlich braucht ein guter Epileptologe Fachwissen.

Sehr viel Fachwissen sogar.

Er muss Anfallsformen unterscheiden können, Medikamente kennen, Untersuchungsergebnisse einordnen und Risiken beurteilen.

Aber er sollte dabei den Menschen nicht aus den Augen verlieren.

Mir erscheint das eigentlich selbstverständlich.

Und trotzdem ist es offenbar schwierig genug, dass wir auch heute noch darüber reden müssen.

Wenn ich anderer Meinung bin

Fünfzig Jahre Epilepsie haben mich nicht zu einer Neurologin gemacht.

Das möchte ich ausdrücklich festhalten.

Ich habe viel erlebt.

Ich habe mich mit Medikamenten beschäftigt.

Ich habe Fachliteratur gelesen.

Ich kenne bestimmte Reaktionen meines Körpers inzwischen sehr genau.

Aber daraus folgt nicht, dass ich immer recht habe.

Ein Arzt kann etwas erkennen, das ich übersehe.

Er kann ein Risiko anders einschätzen.

Er kann mir von einer Entscheidung abraten, die ich selbst für vernünftig halte.

Und manchmal hat er damit vollkommen recht.

Das Problem beginnt für mich nicht beim Widerspruch.

Es beginnt dort, wo ein Gespräch gar nicht mehr möglich ist.

Wenn ich etwas frage und keine verständliche Antwort bekomme.

Wenn ich eine Nebenwirkung schildere und den Eindruck habe, dass sie nicht ernst genommen wird.

Oder wenn mir jemand erklärt, was ich angeblich empfinde, obwohl ich gerade versucht habe, mein tatsächliches Erleben zu beschreiben.

Dann werde ich ungemütlich.

Nicht unbedingt laut.

Aber hartnäckig.

Und manchmal vermutlich auch ziemlich anstrengend.

Das gebe ich gern zu.

2026 – Und jetzt?

Heute bin ich 61 Jahre alt.

Ich habe schwere neurologische Krisen erlebt.

Ich habe viele Medikamente genommen.

Ich habe Operationen und lange Krankenhausaufenthalte hinter mir.

Und ich beschäftige mich weiterhin mit meiner Epilepsie.

Auch 2026 habe ich wieder Wochen in spezialisierten Klinikabteilungen verbracht.

Und auch heute ist nicht jede medizinische Entscheidung einfach.

Es gibt neue Wirkstoffe, neue Möglichkeiten und neue Risiken.

Da muss man abwägen.

Manchmal muss man Geduld haben.

Manchmal muss man eine Behandlung neu beurteilen.

Und manchmal muss man akzeptieren, dass es keine Lösung gibt, die alle Probleme gleichzeitig beseitigt.

Ich kann nicht erwarten, dass ein Arzt mir jeden Wunsch erfüllt.

Aber ich darf erwarten, dass er mir erklärt, warum er etwas empfiehlt oder ablehnt.

Und umgekehrt schulde ich ihm etwas.

Ehrlichkeit.

Ich sollte ihm erzählen, welche Medikamente ich tatsächlich nehme.

Welche Beschwerden auftreten.

Welche Entscheidungen ich selbst getroffen habe.

Auch dann, wenn ich weiß, dass er darüber nicht begeistert sein wird.

Denn ein Arzt kann nur mit den Informationen arbeiten, die er hat.

Eine Behandlung ist keine Theateraufführung, bei der beide Seiten versuchen, möglichst überzeugend ihre Rolle zu spielen.

Jedenfalls sollte sie das nicht sein.

Noch einmal zurück nach Lüneburg

Zum Schluss möchte ich die elfjährige Susanne noch einmal besuchen.

Sie sitzt im Wartezimmer von Dr. Blumenbach.

Ihre Mutter ist dabei.

Gleich wird sie aufgerufen.

Und ich frage sie:

„Susanne, hast du Angst vor dem Arzt?“

Sie überlegt.

„Nicht so richtig.“

„Aber du bist aufgeregt?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich wissen will, was mit mir los ist.“

Das verstehe ich.

Nur zu gut.

„Und was würdest du ihm gern sagen?“

Sie überlegt wieder.

„Dass ich diese Anfälle nicht mehr haben will.“

Ich muss lächeln.

„Das würde ich ihm heute auch noch sagen.“

„Echt?“

„Ja.“

„Und was sagt dein Arzt dann?“

„Dass wir weiter nach einer möglichst guten Behandlung suchen müssen.“

„Und wenn ich etwas nicht verstehe?“

„Dann fragst du nach.“

„Und wenn er keine Zeit hat?“

„Dann sagst du, dass du noch eine wichtige Frage hast.“

„Und wenn er trotzdem nicht antwortet?“

„Dann müssen wir einen anderen Weg finden, die Antwort zu bekommen.“

Sie schaut mich an.

„Du bist aber ganz schön frech geworden.“

„Ach, Susanne. Das warst du doch damals schon.“

Sie grinst.

Und ich muss lachen.

Denn vielleicht besteht die eigentliche Veränderung nach fünfzig Jahren gar nicht darin, dass ich gelernt habe, Ärzten zu widersprechen.

Vielleicht besteht sie darin, dass ich heute besser weiß, wann ich widersprechen sollte.

Und wann ich zuhören muss.

Ich brauche keine Ärzte, die mir nach dem Mund reden.

Und ich brauche auch keine Ärzte, die mich kleinmachen.

Ich brauche Menschen, die ihr Fach verstehen, meine Erfahrungen ernst nehmen und bereit sind, gemeinsam mit mir nach einer guten Lösung zu suchen.

Mehr verlange ich eigentlich nicht.

Obwohl ...

Eine Frage hätte ich da noch.

Wenn die Medizin über Jahrzehnte versucht hat, Epilepsie zu verstehen, warum hat sie dann manchmal geglaubt, aus einer Erkrankung gleich auf den Charakter eines Menschen schließen zu können?

Das würde ich gern mit einem jungen Psychiater besprechen.

Sein Name ist Carl Gustav Jung.

Und wir schreiben das Jahr 1905.

Kapitel 3

Ich bin ein Mensch, keine Diagnose

Oder: Herr Jung, ich habe da mal eine Frage

Zürich, 1905 – eine literarische Zeitreise

Ich habe mir vorgenommen, einen berühmten Psychiater zu besuchen.

Carl Gustav Jung.

Nicht den alten Jung, den man von späteren Fotografien kennt, mit weißem Haar und einem Gesicht, das aussieht, als hätte er sämtliche Geheimnisse der menschlichen Seele persönlich kennengelernt.

Nein.

Den jungen Jung.

Dreißig Jahre alt.

Arzt an der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich.

Wir schreiben das Jahr 1905.

Und ich habe ein kleines Problem.

Ich bin nämlich noch gar nicht geboren.

Das hält mich allerdings nicht davon ab, Fragen zu stellen.

Schließlich handelt es sich um eine Zeitreise.

Und bei einer Zeitreise darf man sich gelegentlich Freiheiten erlauben, die einem im gewöhnlichen Leben leider nicht zur Verfügung stehen.

Ich betrete also gedanklich sein Arbeitszimmer.

Vor mir sitzt ein junger Arzt, der sich mit psychologischen Experimenten beschäftigt. Er möchte herausfinden, wie Menschen auf bestimmte Wörter reagieren, was sich aus ihren Antworten ablesen lässt und welche Zusammenhänge zwischen Denken, Gefühlen und psychischen Erkrankungen bestehen könnten.

Ich bin neugierig.

Er vermutlich auch.

Damit hätten wir schon einmal etwas gemeinsam.

„Guten Tag, Herr Jung.“

Er blickt auf.

„Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich möchte mit Ihnen über Epilepsie sprechen.“

„Sind Sie Ärztin?“

„Nein.“

„Psychologin?“

„Auch nicht.“

„Dann beschäftigen Sie sich wissenschaftlich mit Epilepsie?“

„Unter anderem. Aber zunächst einmal habe ich sie.“

„Seit wann?“

„Seit fünfzig Jahren.“

Er schaut mich an.

„Das ist bemerkenswert.“

„Finde ich auch. Besonders, weil ich erst 1965 geboren werde.“

Nun ist es still.

Ich genieße diesen Augenblick.

Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass man einen Psychiater bereits nach wenigen Sätzen derart aus dem Konzept bringt.

„Sie kommen aus der Zukunft?“

„Aus dem Jahr 2026.“

„Und weshalb besuchen Sie mich?“

„Weil ich Ihre Arbeit gelesen habe.“

Er richtet sich etwas auf.

Das scheint ihn zu interessieren.

„Und?“

„Ich habe Fragen.“

„Dann stellen Sie sie.“

Na bitte.

Wir verstehen uns.

Ein Tisch, eine Uhr und zweihundert Wörter

Jung beschäftigte sich damals mit Wortassoziationsexperimenten.

Das Prinzip war zunächst erstaunlich einfach.

Ein Versuchsleiter nennt ein Wort.

Der untersuchte Mensch soll möglichst unmittelbar darauf antworten.

Die Reaktionszeit wird gemessen.

Außerdem wird betrachtet, welche Begriffe miteinander verbunden werden, ob Antworten wiederholt werden und ob ungewöhnliche Reaktionen auftreten.

In einer Untersuchung zu Epilepsie verwendete Jung zweihundert Reizwörter.

Ich finde diese Vorstellung wunderbar.

Da sitzt also ein Mensch an einem Tisch.

Ein Arzt sagt etwas.

Der Patient antwortet.

Und der Arzt versucht anschließend herauszufinden, was diese Antwort über den Menschen verrät.

Ich würde das gern ausprobieren.

„Herr Jung, nennen Sie mir ein Wort.“

Er überlegt.

„Mutter.“

„Liebe.“

„Kindheit.“

„Bardowick.“

Er hält inne.

„Was bedeutet Bardowick?“

„Das ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin.“

„Dann antworten Sie also mit einem persönlichen Erinnerungsbild.“

„Ja. Was denn sonst?“

„Nun, ein anderer Mensch hätte möglicherweise anders geantwortet.“

„Na, das will ich doch hoffen!“

Er betrachtet mich aufmerksam.

Ich muss lachen.

„Herr Jung, wenn alle Menschen auf dieselben Wörter dieselben Antworten geben würden, hätten Sie doch überhaupt nichts mehr zu untersuchen.“

Das scheint ihm einzuleuchten.

Zumindest stelle ich mir vor, dass er ein wenig lächelt.

„Noch ein Wort?“, fragt er.

„Unbedingt.“

„Arzt.“

„Fragen.“

„Krankheit.“

„Epilepsie.“

„Epilepsie.“

„Noch mehr Fragen.“

Jetzt lacht er vielleicht tatsächlich.

Ich weiß natürlich nicht, ob der historische Jung über so etwas gelacht hätte.

Aber in meiner Zeitreise darf er.

Der sogenannte epileptische Charakter

Nun kommen wir zu einem schwierigen Thema.

In der medizinischen und psychiatrischen Literatur um 1900 gab es die Vorstellung, Menschen mit Epilepsie hätten bestimmte charakteristische Persönlichkeitseigenschaften.

Beschrieben wurden unter anderem verlangsamtes Denken, umständliche Ausdrucksweisen, eingeschränkte geistige Fähigkeiten, Reizbarkeit, Starrsinn und eine besondere Neigung zu religiösen Vorstellungen.

Man sprach vom epileptischen Charakter.

Schon dieser Ausdruck lässt mich aufhorchen.

Ein Charakter.

Aufgrund einer Erkrankung.

Ich schaue Herrn Jung an.

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Selbstverständlich.“

„Wenn jemand Epilepsie hat, wissen Sie dann schon, was für ein Mensch er ist?“

„Nein, so einfach ist das nicht.“

„Warum sprechen Ihre Zeitgenossen dann von einem epileptischen Charakter?“

Er würde mir nun vermutlich erklären, welche klinischen Beobachtungen seinerzeit vorlagen, wie Patienten in psychiatrischen Einrichtungen untersucht wurden und warum man nach wiederkehrenden Merkmalen suchte.

Ich würde ihm zuhören.

Denn ich möchte verstehen, wie Menschen damals geforscht haben.

Aber dann würde ich nachfragen.

„Welche Menschen haben Sie eigentlich untersucht?“

„Patienten.“

„Welche Patienten?“

„Unter anderem solche, die sich in spezialisierten Einrichtungen befanden.“

„Und glauben Sie, dass diese Menschen stellvertretend für alle Menschen mit Epilepsie stehen?“

Das wäre für mich die entscheidende Frage.

Denn wer hauptsächlich Menschen untersucht, die aufgrund schwerer Erkrankungen, zusätzlicher Beeinträchtigungen oder sozialer Schwierigkeiten in Einrichtungen leben, sieht nicht unbedingt das gesamte Spektrum einer Krankheit.

Das klingt heute selbstverständlich.

Aber genau solche Unterschiede waren in der Wissenschaftsgeschichte keineswegs immer ausreichend berücksichtigt worden.

Ich würde Herrn Jung deshalb fragen:

„Woher wissen Sie eigentlich, ob das, was Sie beobachten, von der Epilepsie kommt?“

Er schaut mich an.

„Was meinen Sie?“

„Vielleicht hat ein Mensch zusätzlich eine andere Erkrankung. Vielleicht hat er eine Hirnverletzung. Vielleicht nimmt er Medikamente, die sein Denken beeinflussen. Vielleicht ist er erschöpft. Vielleicht hat er Angst. Vielleicht hat er ein ganz anderes Bildungsniveau.“

Ich mache eine Pause.

„Und vielleicht ist er einfach ein umständlicher Mensch.“

Das wäre doch immerhin eine Möglichkeit.

Nicht jeder, der lange redet, ist krank.

Manche haben nur viel zu erzählen.

Ich beispielsweise.

Und jetzt reden wir über mich

„Herr Jung, ich möchte Ihnen etwas über mein Leben erzählen.“

Ich lehne mich zurück.

„Ich habe seit 1976 Epilepsie. Ich hatte schwere Anfälle, habe mich verletzt, habe Medikamente genommen, war in Kliniken und habe Erfahrungen gemacht, die ich niemandem wünsche.“

Er hört zu.

„Ich habe aber auch Architektur studiert. Ich beschäftige mich mit Geschichte, Literatur, Philosophie, Religion und Kunst. Ich schreibe Texte, produziere Musik und habe im Laufe meines Lebens eine ganze Menge Unsinn gemacht.“

„Unsinn?“

„Allerdings.“

„Was denn beispielsweise?“

„Ich bin trotz Epilepsie vom Zehn-Meter-Turm gesprungen.“

Er schaut mich an.

„War das nicht gefährlich?“

„Doch.“

„Warum haben Sie es getan?“

„Weil ich springen wollte.“

Das ist tatsächlich eine ziemlich einfache Antwort.

Und gleichzeitig eine, über die man lange nachdenken kann.

„Sehen Sie, Herr Jung, ich habe ein Leben. Mit guten und schlechten Entscheidungen. Mit Begabungen und Schwächen. Mit Ängsten, Wünschen und Eigenheiten.“

Ich schaue ihn an.

„Was davon ist jetzt mein epileptischer Charakter?“

Darauf sollte er nicht vorschnell antworten.

Denn genau hier liegt das Problem.

Eine Krankheit kann einen Menschen beeinflussen.

Sie kann sein Denken beeinträchtigen, seine Gefühle verändern, seinen Alltag bestimmen und sein Verhalten mitprägen.

Aber daraus folgt nicht, dass die Krankheit seine gesamte Persönlichkeit erklärt.

Bin ich eigentlich besonders religiös?

Jetzt wird es für mich persönlich interessant.

Denn in den älteren Beschreibungen des sogenannten epileptischen Charakters spielte auch Religiosität eine Rolle.

Und ausgerechnet ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Mystik, Theologie und religiösen Erfahrungen.

Na wunderbar.

Da hätte ein Psychiater um 1900 möglicherweise seine Freude an mir gehabt.

Epilepsie.

Mystik.

Religion.

Was will man mehr?

Ich stelle mir vor, wie Herr Jung aufmerksam wird.

„Sie beschäftigen sich mit religiösen Fragen?“

„Ja.“

„Intensiv?“

„Sehr.“

„Und Sie haben Epilepsie?“

„Auch das.“

Er macht vielleicht eine Notiz.

„Moment mal, Herr Jung.“

Er schaut auf.

„Jetzt wird es interessant.“

Ich würde ihn fragen, wie er unterscheiden möchte zwischen einer religiösen Überzeugung, einer mystischen Erfahrung, einer kulturellen Prägung und einem möglichen neurologischen oder psychiatrischen Symptom.

Denn das sind nicht automatisch dieselben Dinge.

Natürlich gibt es epileptische Phänomene, bei denen Menschen außergewöhnliche Gefühle, Wahrnehmungen oder Erlebnisse berichten.

Es gibt auch psychische Erkrankungen, bei denen religiöse Inhalte eine Rolle spielen können.

Aber ein Mensch wird nicht allein dadurch psychiatrisch auffällig, dass er sich für Gott, Mystik oder die großen Fragen des Lebens interessiert.

Sonst müssten wir vermutlich einen erheblichen Teil der Philosophie- und Religionsgeschichte neu diagnostizieren.

Und das könnte dauern.

„Herr Jung, ich möchte nicht, dass Sie meine religiösen Vorstellungen automatisch aus meiner Epilepsie ableiten.“

Er hört zu.

„Aber ich möchte auch nicht behaupten, dass mein Gehirn mit meinem Erleben überhaupt nichts zu tun hat.“

Denn so einfach ist es ebenfalls nicht.

Ich habe einen Körper.

Ich habe ein Gehirn.

Ich habe Erfahrungen.

Und ich interpretiere diese Erfahrungen.

Was neurologisch geschieht, was ich subjektiv empfinde und welche Bedeutung ich einem Erlebnis gebe, sind unterschiedliche Fragen.

Sie können miteinander zusammenhängen.

Aber sie sind nicht beliebig austauschbar.

Und ich möchte sie auch nicht vorschnell miteinander verwechseln.

1976 – Und plötzlich bin ich ein Epi

Jetzt nehme ich Herrn Jung auf eine kleine Gegenreise mit.

Gedanklich natürlich.

Wir besuchen die elfjährige Susanne in Bardowick.

Sie hat gerade erfahren, dass sie eine Anfallserkrankung hat.

Und plötzlich bekommt ein Wort eine völlig neue Bedeutung.

Epi.

Ich hatte dieses Wort in meiner Kindheit selbst als Schimpfwort verwendet.

Ich wusste damals überhaupt nicht, was es bedeutete.

Und nun war ich selbst betroffen.

Ich habe in meinem früheren Buch ausführlich beschrieben, welche Schuldgefühle dadurch entstanden.

Wie ich zeitweise sogar glaubte, die Krankheit könne eine Strafe Gottes sein.

Heute könnte ich darüber lachen.

Wenn es nicht so traurig wäre.

Denn niemand bekommt Epilepsie, weil er als Kind ein Schimpfwort benutzt hat.

Und keine Krankheit ist ein Beweis dafür, dass ein Mensch moralisch versagt hat.

Aber die elfjährige Susanne wusste das nicht.

Ich würde mich zu ihr setzen.

„Susanne, sag mal, glaubst du wirklich, dass du diese Anfälle bekommen hast, weil du früher andere Kinder Epi genannt hast?“

Sie schaut mich unsicher an.

„Vielleicht.“

„Nein.“

„Woher weißt du das?“

„Weil eine neurologische Erkrankung keine Strafe für unartige Kinder ist.“

„Aber warum habe ich sie dann?“

Und da müsste ich wieder ehrlich sein.

„Die genaue Ursache deiner Anfälle war damals nicht geklärt.“

„Also weißt du es auch nicht?“

„Ich weiß heute viel mehr über Epilepsie. Aber nicht jede Frage zu unserem eigenen Krankheitsverlauf ist beantwortet.“

Sie zieht eine Schnute.

„Das ist aber doof.“

„Ja, Susanne. Das ist es.“

Dann würde ich ihr noch etwas sagen.

„Du bist nicht weniger wert, weil du Epilepsie hast.“

„Weiß ich.“

Ich muss grinsen.

Na bitte.

Vielleicht ist manches doch einfacher, als wir Erwachsenen es gelegentlich machen.

2026 – Sind wir inzwischen klüger geworden?

Nun könnte ich sagen: Das mit dem epileptischen Charakter haben wir hinter uns gelassen.

Zumindest als pauschale medizinische Erklärung einer bestimmten Persönlichkeit.

Heute weiß man sehr viel mehr über die unterschiedlichen Ursachen und Erscheinungsformen epileptischer Erkrankungen.

Man untersucht auch Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache, Konzentration und andere geistige Funktionen wesentlich differenzierter.

Und man weiß, dass verschiedene Faktoren dabei eine Rolle spielen können.

Die Art der Epilepsie.

Die zugrunde liegende Hirnerkrankung.

Die Medikamente.

Der Schlaf.

Psychische Belastungen.

Und viele weitere Einflüsse.

Nicht jeder Mensch mit Epilepsie hat kognitive Schwierigkeiten.

Und wenn Schwierigkeiten auftreten, muss man genauer untersuchen, welche Ursachen dafür infrage kommen.

Das ist ein erheblicher Fortschritt gegenüber pauschalen Charakterzuschreibungen.

Aber damit ist das Problem gesellschaftlicher Vorurteile noch lange nicht erledigt.

Denn Vorurteile verschwinden nicht automatisch, nur weil wissenschaftliche Bücher neu geschrieben werden.

Ich habe selbst erlebt, wie Menschen auf epileptische Anfälle reagieren.

Mit Angst.

Mit Unsicherheit.

Mit Hilfsbereitschaft.

Aber auch mit Ablehnung, Spott oder ausgesprochen dummen Bemerkungen.

Und manchmal mit dieser besonderen Art von Mitleid, bei der man sich hinterher kleiner fühlt als vorher.

Das ist eine Kunst für sich.

Jemand möchte einem etwas Gutes tun.

Und vermittelt einem dabei gleichzeitig, dass man offenbar zu einem eigenständigen Leben kaum noch fähig ist.

Ich weiß, dass viele Menschen es gut meinen.

Aber gut gemeint und gut gemacht sind nicht immer dasselbe.

Ein Mensch kann mehr als seine Diagnose

Ich habe über die Jahre viele Menschen kennengelernt, die mit schweren Erkrankungen leben.

Manche sind ausgesprochen mutig.

Andere eher vorsichtig.

Manche sind gesellig.

Andere zurückhaltend.

Manche beschäftigen sich mit Religion.

Andere können damit überhaupt nichts anfangen.

Manche sind humorvoll.

Andere nicht.

Und manche sind frech.

Ich zum Beispiel.

Aber das war ich schon vor meinem ersten epileptischen Anfall.

Das möchte ich ausdrücklich festhalten.

Mein Dickkopf ist kein medizinischer Befund.

Zumindest nicht, solange niemand das Gegenteil überzeugend nachweist.

Wenn ein Arzt mir heute erklärt, dass bestimmte Beschwerden mit meiner Erkrankung zusammenhängen könnten, höre ich selbstverständlich zu.

Aber ich möchte wissen, worauf sich diese Einschätzung stützt.

Und ich möchte auch wissen, welche anderen Erklärungen infrage kommen.

Nicht, weil ich Medizin grundsätzlich misstraue.

Sondern weil ich gern genau hinschaue.

Das habe ich mit elf Jahren getan.

Und das mache ich mit 61 noch immer.

Zurück an Jungs Schreibtisch

Unsere Zeitreise neigt sich dem Ende zu.

Ich sitze wieder gegenüber dem jungen Carl Gustav Jung.

Vor ihm liegen seine Aufzeichnungen.

Wörter.

Antworten.

Reaktionszeiten.

Beobachtungen.

Und ich denke darüber nach, wie schwierig es ist, einen Menschen wirklich zu verstehen.

Selbst dann, wenn man ihn jahrzehntelang kennt.

Manchmal verstehe ich mich schließlich selbst nicht vollständig.

Warum sollte es einem Wissenschaftler nach einer begrenzten Untersuchung gelingen?

„Herr Jung, darf ich Ihnen zum Schluss noch eine Frage stellen?“

„Bitte.“

„Was glauben Sie, was eine einzige Antwort über einen Menschen verraten kann?“

Er denkt nach.

„Möglicherweise mehr, als man zunächst vermutet.“

„Vielleicht.“

Ich nicke.

„Aber möglicherweise auch weniger.“

Er betrachtet mich.

„Sie sind ziemlich hartnäckig.“

„Ja.“

„Waren Sie das schon immer?“

„Soweit ich mich erinnern kann.“

„Auch vor Ihrer Epilepsie?“

„Aber selbstverständlich.“

Ich grinse.

„Da haben Sie jetzt ein Problem mit Ihrer Charaktertheorie.“

Das ist natürlich etwas frech.

Aber wir wollten ja nicht nach Zürich reisen, um ausschließlich höflich zu nicken.

Was bleibt von diesem Besuch?

Ich möchte Jung nicht nachträglich für sämtliche Irrtümer seiner Epoche verantwortlich machen.

Er hat untersucht, gefragt, verglichen und versucht, menschliche Vorgänge mit wissenschaftlichen Methoden zu verstehen.

Das verdient eine ernsthafte Auseinandersetzung.

Seine Forschungen zeigen aber auch, wie sehr wissenschaftliche Fragen und ihre Deutungen vom Wissen und den Vorstellungen einer bestimmten Zeit geprägt sein können.

Und wie wichtig es ist, zwischen einer Beobachtung und einer allgemeinen Schlussfolgerung zu unterscheiden.

Wenn ich einen Menschen mit Epilepsie untersuche, habe ich zunächst einmal einen Menschen untersucht.

Nicht sämtliche Menschen mit Epilepsie.

Wenn ich bei diesem Menschen bestimmte Eigenschaften beobachte, weiß ich noch lange nicht, wodurch sie entstanden sind.

Und wenn ich aus einem einzelnen Fall eine allgemeine Charakterbeschreibung ableite, sollte ich verdammt gute Gründe dafür haben.

Die Medizin hat seit 1905 enorme Fortschritte gemacht.

Das betrifft nicht nur technische Untersuchungsmethoden, sondern auch unsere Vorstellungen davon, wie komplex neurologische Erkrankungen und ihre Auswirkungen sein können.

Aber eines bleibt.

Hinter jedem Befund sitzt ein Mensch.

Mit einer Geschichte.

Mit Gefühlen.

Mit Erfahrungen.

Und mit Dingen, die sich möglicherweise überhaupt nicht messen lassen.

Ich stehe auf.

„Herr Jung, vielen Dank für das Gespräch.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Fragen.“

„Oh, ich habe noch eine ganze Menge.“

„Das habe ich bemerkt.“

„Dann darf ich vielleicht irgendwann wiederkommen?“

„Gewiss.“

Ich gehe zur Tür.

Dann drehe ich mich noch einmal um.

„Ach, Herr Jung?“

„Ja?“

„Noch ein Reizwort.“

Er seufzt möglicherweise.

„Welches?“

„Neugier.“

Ich überlege keine Sekunde.

„Noch eine Frage!“

Und damit verabschiede ich mich.

Denn nach diesem Besuch bleibt mir ein Gedanke besonders wichtig:

Ich habe Epilepsie. Aber meine Epilepsie hat nicht mich.

Sie beeinflusst mein Leben.

Manchmal erheblich.

Sie kann mich verletzen, erschöpfen und einschränken.

Aber sie erklärt nicht meine gesamte Persönlichkeit.

Sie erklärt nicht meine Liebe zur Musik.

Nicht meine Freude an Architektur.

Nicht meine Begeisterung für Geschichte.

Und schon gar nicht meine Angewohnheit, Ärzten unbequeme Fragen zu stellen.

Die hatte ich nämlich schon als Kind.

Und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts mehr ändern.

Allerdings hat die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte noch sehr viel merkwürdigere Erklärungen für epileptische Anfälle gefunden als die Vorstellung eines bestimmten Charakters.

Dämonen.

Göttliche Strafen.

Besessenheit.

Der Einfluss des Mondes.

Das klingt heute teilweise abenteuerlich.

Aber über viele Jahrhunderte waren solche Vorstellungen für Menschen ausgesprochen ernst.

Und manche haben furchtbare Folgen gehabt.

Deshalb führt uns die nächste Reise noch viel weiter zurück.

Lange vor Jung.

Lange vor dem EEG.

Und lange vor meiner Geburt.

Wir reisen in eine Zeit, in der ein epileptischer Anfall nicht unbedingt als medizinisches Ereignis verstanden wurde – sondern als Eingreifen unsichtbarer Mächte.

Kapitel 4

Der liebe Gott, die Dämonen und mein Gehirn

Oder: Wie man Jahrtausende lang versuchte, einen epileptischen Anfall zu erklären

Berlin, Oktober 2026

Ich habe beschlossen, noch ein bisschen weiter zurückzureisen.

Nach meinem Besuch bei Carl Gustav Jung im Jahr 1905 könnte ich natürlich direkt wieder nach Bardowick fahren.

Elf Jahre alt.

Epilepsie.

Aber nein.

Mir geht eine Frage nicht aus dem Kopf.

Was haben die Menschen eigentlich gemacht, bevor es Neurologen gab?

Bevor jemand ein EEG schreiben konnte?

Bevor man wusste, dass Nervenzellen elektrische Signale erzeugen?

Und bevor es Medikamente gab, mit denen sich epileptische Anfälle bei vielen Menschen erfolgreich behandeln lassen?

Ich meine, so ein epileptischer Anfall ist ja keine Erfindung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Menschheit kennt ihn seit Jahrtausenden.

Und wenn man bedenkt, wie erschreckend ein großer Anfall aussehen kann, verstehe ich durchaus, dass Menschen früher nach Erklärungen gesucht haben.

Da fällt jemand plötzlich um.

Verliert das Bewusstsein.

Krampft.

Vielleicht kommt Speichel aus dem Mund.

Vielleicht verändert sich die Atmung.

Und hinterher weiß der Betroffene häufig nicht einmal, was eigentlich geschehen ist.

Das ist ein ziemlich eindrucksvolles Geschehen.

Ich habe selbst mehr als dreihundert große Anfälle erlebt, soweit ich das über mein Leben abschätzen kann.

Und ich kann versichern:

Besonders vergnüglich war keiner davon.

Aber was hätten die Menschen vor dreitausend Jahren über mich gedacht?

Wäre ich krank gewesen?

Heilig?

Besessen?

Verflucht?

Oder hätte man mich schlicht für ziemlich merkwürdig gehalten?

Nun gut.

Das Letztere kommt gelegentlich auch heute noch vor.

Aber damit kann ich leben.

Mesopotamien – Besuch bei den Babyloniern

Unsere erste Reise führt nach Mesopotamien.

In jene Region zwischen Euphrat und Tigris, in der über viele Jahrhunderte bedeutende Kulturen entstanden.

Hier entwickelten Menschen Schrift, Verwaltungssysteme, astronomische Beobachtungen und medizinische Vorstellungen.

Und sie schrieben auf Tontafeln.

Ich finde das faszinierend.

Heute tippe ich auf meinem MacBook.

Damals drückte jemand Zeichen in feuchten Ton.

Und Jahrtausende später können wir noch immer lesen, was dieser Mensch festhalten wollte.

Das soll uns erst einmal jemand nachmachen.

Ob meine Computerdateien in dreitausend Jahren noch lesbar sein werden, weiß ich jedenfalls nicht.

In mesopotamischen medizinischen Texten finden sich schon sehr frühe Beschreibungen von Anfällen.

Besonders interessant ist das babylonische diagnostische Handbuch, das unter dem Namen Sakikku bekannt ist.

Eine Fassung dieser Texttradition wird ungefähr auf das elfte Jahrhundert vor Christus datiert.

Darin wurden ganz unterschiedliche Anfallserscheinungen beschrieben.

Stürze.

Zuckungen.

Veränderungen des Bewusstseins.

Auffälligkeiten vor und nach einem Anfall.

Ich muss zugeben:

Das ist erstaunlich.

Denn offensichtlich haben Menschen schon damals sehr genau hingeschaut.

Sie beobachteten.

Sie verglichen.

Sie beschrieben wiederkehrende Erscheinungen.

Das ist im Grunde genommen ein wichtiger Bestandteil jeder medizinischen Arbeit.

Nur mit der Erklärung der Ursachen sah es anders aus.

Denn in den babylonischen Vorstellungen konnten übernatürliche Mächte, Gottheiten oder Geister für solche Zustände verantwortlich gemacht werden.

Und damit beginnt das eigentliche Drama.

Entschuldigung, welcher Dämon ist heute zuständig?

Ich stelle mir vor, ich sitze einem babylonischen Heiler gegenüber.

Er hat gerade erfahren, dass ich seit fünfzig Jahren epileptische Anfälle habe.

Natürlich weiß er nichts von diesen fünfzig Jahren.

Wir befinden uns schließlich in einer anderen Zeit.

Aber ich erzähle es ihm trotzdem.

„Ich bekomme Anfälle.“

Er betrachtet mich aufmerksam.

„Wie äußern sie sich?“

„Ich verliere das Bewusstsein, falle manchmal hin, krampfe und bin hinterher völlig erschöpft.“

Er überlegt.

Vielleicht denkt er an die Beschreibungen seiner medizinischen Überlieferung.

Vielleicht zieht er religiöse Erklärungen heran.

Und möglicherweise würde er in meinem Zustand das Wirken einer übernatürlichen Macht vermuten.

Ich schaue ihn an.

„Aha. Ein Geist.“

Er würde das vermutlich ernst nehmen.

Ich hingegen hätte Fragen.

„Und woher wissen Sie, dass es ein Geist ist?“

Das könnte schwierig werden.

„Weil die Anfälle so auftreten, wie es in unseren Überlieferungen beschrieben wird.“

„Ja, aber das beschreibt doch zunächst einmal nur den Anfall.“

Er schaut mich an.

„Woher wissen Sie, wodurch er verursacht wird?“

Ich fürchte, wir würden ziemlich lange miteinander reden.

Denn zwischen einer Beobachtung und einer Erklärung liegt manchmal ein gewaltiger Unterschied.

Und genau diesen Unterschied finde ich an der gesamten Geschichte der Epilepsie so interessant.

Die Menschen konnten bestimmte Erscheinungen richtig beschreiben.

Und gleichzeitig falsche Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Das geschieht übrigens nicht ausschließlich in der Antike.

Aber dazu später.

Die Sache mit dem Mond

Jetzt wird es astronomisch.

Oder vielleicht eher astrologisch.

Denn auch der Mond spielte in alten Vorstellungen über epileptische Anfälle eine Rolle.

In Mesopotamien gab es Verbindungen zwischen bestimmten Anfallserscheinungen und dem Mondgott Sin.

In späteren griechischen Vorstellungen tauchten ebenfalls Zusammenhänge zwischen dem Mond und besonderen körperlichen oder seelischen Zuständen auf.

Ich finde das auf eine gewisse Weise nachvollziehbar.

Der Mond war sichtbar.

Er veränderte scheinbar seine Gestalt.

Er kam regelmäßig wieder.

Und die Menschen versuchten seit Jahrtausenden, Zusammenhänge zwischen Himmelserscheinungen und dem Leben auf der Erde zu erkennen.

Warum also nicht auch zwischen Mondphasen und Krankheiten?

Ich stelle mir vor, jemand würde mir erklären, mein nächster Anfall hänge vom Mond ab.

Das würde mich neugierig machen.

„Wie kommen Sie darauf?“

Vielleicht würde man mir von Beobachtungen erzählen, von bestimmten Mondphasen, bei denen epileptische Anfälle angeblich häufiger auftraten.

Und dann würde ich nachfragen.

„Haben Sie das tatsächlich untersucht? Oder haben Sie einen Zusammenhang vermutet, weil der Mond ohnehin schon als geheimnisvolle Macht galt?“

Denn genau das interessiert mich.

Wie entsteht aus einer Beobachtung eine Überzeugung? Und wann wird aus einer Überzeugung vermeintliches Wissen?

Wie häufig treten Anfälle bei Vollmond auf?

Wie häufig bei Neumond?

Wie oft an allen anderen Tagen?

Und wurden dabei überhaupt andere Einflussfaktoren berücksichtigt?

Denn nur weil zwei Dinge zeitlich zusammenfallen, muss das eine noch lange nicht die Ursache des anderen sein.

Das ist ein Gedanke, den die Menschheit im Laufe ihrer Wissenschaftsgeschichte mühsam lernen musste.

Und den wir uns auch heute gelegentlich in Erinnerung rufen sollten.

Ein Zusammenhang ist noch keine Ursache.

Ein Verdacht ist noch kein Beweis.

Und eine hübsche Erklärung ist nicht automatisch eine richtige.

Das gilt für den Mond.

Und auch für sehr viel modernere Vorstellungen.

Indien – eine andere medizinische Tradition

Nun reisen wir nach Indien.

Auch dort existieren sehr alte medizinische Beschreibungen von Zuständen, die mit epileptischen Anfällen in Verbindung gebracht werden.

In der ayurvedischen Tradition findet sich der Begriff Apasmara.

Er wird unter anderem mit Bewusstseinsverlust beziehungsweise einer Störung von Erinnerung und Bewusstsein verbunden.

In der Charaka Samhita, einer bedeutenden Schrift der altindischen Medizin, werden entsprechende Zustände und Behandlungsvorstellungen beschrieben.

Das ist interessant, weil sich hier eine andere medizinische Tradition entwickelte als in Mesopotamien oder Griechenland.

Auch die altindische Medizin hatte eigene Vorstellungen vom Körper, von Krankheiten und ihrem Zusammenhang mit körperlichen, geistigen und spirituellen Faktoren.

Diese Vorstellungen lassen sich nicht einfach mit modernen neurologischen Begriffen gleichsetzen.

Aber sie zeigen, dass Menschen in unterschiedlichen Kulturen versuchten, epileptische Erscheinungen zu erkennen und zu verstehen.

Ich stelle mir vor, wie ich einem altindischen Arzt gegenübersitze.

Er erläutert mir seine Sichtweise.

Ich höre aufmerksam zu.

Dann erzähle ich von den elektrischen Vorgängen im Gehirn.

Von Nervenzellen.

Von Anfällen.

Von modernen Medikamenten.

Und vermutlich hätten wir beide erhebliche Schwierigkeiten, die Begriffe des anderen vollständig zu verstehen.

Das wäre auch nicht verwunderlich.

Zwischen unseren medizinischen Weltbildern liegen Jahrtausende.

Aber wir hätten ein gemeinsames Problem:

Ein Mensch hat Anfälle.

Und wir möchten ihm helfen.

Das ist zunächst einmal etwas sehr Menschliches.

Es wird erst dann gefährlich, wenn eine Erklärung nicht mehr hinterfragt werden darf.

Oder wenn eine Behandlung selbst zum Leid wird.

Wenn aus Hilfe Gewalt wird

Und damit sind wir bei einem Thema, über das ich nicht lachen möchte.

Übernatürliche Erklärungen epileptischer Anfälle haben in verschiedenen Zeiten und Gesellschaften dazu geführt, dass Betroffene ausgegrenzt, misshandelt oder erniedrigt wurden.

Wenn jemand glaubt, ein Mensch sei von einem bösen Geist besessen, kann daraus der Wunsch entstehen, diesen Geist auszutreiben.

Und wenn die Betroffenen dabei geschlagen, gefesselt, ausgehungert oder anderweitig misshandelt werden, ist das keine Hilfe.

Das ist Gewalt.

Ich möchte dabei vorsichtig sein, nicht ganze Kulturen oder Religionen über einen Kamm zu scheren.

Denn es gab und gibt überall unterschiedliche Auffassungen.

Auch traditionelle Heiler sind nicht automatisch gewalttätig.

Und religiöser Glaube führt keineswegs zwangsläufig zur Ablehnung medizinischer Behandlung.

Aber wo Menschen wegen ihrer Erkrankung misshandelt werden, gibt es nichts zu beschönigen.

Da hilft auch keine noch so ehrwürdige Tradition.

Ich denke an die elfjährige Susanne.

An ihre Angst.

An die Schmerzen nach einem großen Anfall.

An ihre zerbissene Zunge.

An die Scham wegen der nassen Unterhose.

Und an die stundenlange Erschöpfung.

Und dann stelle ich mir vor, jemand hätte ihr zusätzlich erklärt, sie sei von einem bösen Geist besessen und müsse deshalb bestraft werden.

Allein dieser Gedanke macht mich wütend.

Denn sie brauchte keine Bestrafung.

Sie brauchte Hilfe.

Und ein bisschen Verständnis.

Vor allem aber brauchte sie Menschen, die nicht noch zusätzliche Angst erzeugten.

Hippokrates – Endlich einer, der nachdenkt!

Jetzt kommen wir ins antike Griechenland.

Und zu einem Mann, den ich gern einmal besuchen würde.

Hippokrates.

Genauer gesagt: zu der medizinischen Tradition, die mit seinem Namen verbunden ist.

Denn eine wichtige antike Schrift über Epilepsie trägt den Titel Über die heilige Krankheit.

Wer sie tatsächlich verfasst hat, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen.

Aber sie gehört zur hippokratischen Textsammlung.

Und darin findet sich ein bemerkenswerter Gedanke.

Die sogenannte heilige Krankheit sei nicht göttlicher oder heiliger als andere Krankheiten.

Sie habe natürliche Ursachen.

Und das Gehirn spiele dabei eine entscheidende Rolle.

Na endlich!

Ich stelle mir vor, ich komme bei einem griechischen Arzt vorbei.

„Guten Tag. Ich habe Epilepsie.“

Er kennt natürlich nicht unsere modernen diagnostischen Begriffe.

Aber die Erscheinungen sind ihm vertraut.

„Die heilige Krankheit?“

„Ja, so wird sie offenbar genannt.“

„Sie hat natürliche Ursachen.“

„Das finde ich außerordentlich vernünftig.“

Er erklärt mir seine damaligen Vorstellungen vom Körper.

Und nun wird es schwierig.

Denn auch die hippokratische Medizin hatte noch keine Ahnung von Nervenzellen, elektrischer Hirnaktivität oder modernen neurologischen Mechanismen.

Ihre Erklärungen beruhten auf ganz anderen Vorstellungen über Körpersäfte und körperliche Vorgänge.

Das war aus heutiger Sicht keineswegs alles richtig.

Aber der Versuch, eine Krankheit mit natürlichen Ursachen zu erklären, war ein bedeutender Schritt.

Ich würde mich vermutlich bedanken.

Und anschließend noch etwas fragen.

„Wenn Sie schon erkannt haben, dass die Krankheit natürliche Ursachen hat, warum werden Menschen dann noch über Jahrtausende hinweg für besessen gehalten?“

Darauf hätte er vermutlich auch keine befriedigende Antwort.

Denn die Geschichte wissenschaftlicher Erkenntnisse ist leider nicht die Geschichte eines einzigen großen Sieges der Vernunft.

Es ist eher ein ziemlich mühsamer Weg.

Mit Fortschritten.

Mit Irrtümern.

Mit Rückschritten.

Und mit Menschen, die manchmal ausgesprochen hartnäckig an Vorstellungen festhalten, obwohl es längst gute Gründe gibt, sie zu überdenken.

Ich kenne das übrigens auch von mir selbst.

Aber das gebe ich nur ungern zu.

Die heilige Krankheit

Mich beschäftigt dieser Ausdruck besonders.

Die heilige Krankheit.

Warum sollte ausgerechnet Epilepsie heilig sein?

Weil Anfälle ungewöhnlich aussehen?

Weil Menschen plötzlich das Bewusstsein verlieren?

Weil sie manchmal Erfahrungen machen, die sich schwer erklären lassen?

Oder weil in vergangenen Jahrhunderten neurologische Vorgänge und religiöse Vorstellungen miteinander verknüpft wurden?

Die Geschichte kennt verschiedene Deutungen.

Und ich möchte daraus keine einfache Antwort machen.

Denn auch hier müssen wir unterscheiden.

Ein Mensch kann während oder im Zusammenhang mit einer Erkrankung ein außergewöhnliches Erlebnis haben.

Dieses Erlebnis kann für ihn religiöse oder spirituelle Bedeutung besitzen.

Und gleichzeitig kann die Medizin versuchen, die körperlichen Vorgänge zu untersuchen.

Das eine ist die subjektive Bedeutung.

Das andere die medizinische Erklärung.

Beides muss man sauber auseinanderhalten.

Ich kenne selbst außergewöhnliche Erfahrungen.

Und ich habe mich mein Leben lang mit Mystik beschäftigt.

Aber daraus folgt weder, dass Epilepsie eine heilige Krankheit ist, noch, dass jede religiöse Erfahrung durch Epilepsie erklärt werden kann.

Solche einfachen Antworten überzeugen mich nicht.

Ich möchte genauer hinschauen.

Und ich möchte, dass auch andere genauer hinschauen.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus dieser alten Bezeichnung:

Eine Krankheit wird nicht verständlicher, indem man sie mit einem besonders eindrucksvollen Namen versieht.

Das Mittelalter – Zwischen Fürsorge und Furcht

Unsere Reise führt weiter.

Durch die Spätantike und das Mittelalter.

Über viele Jahrhunderte bestanden religiöse, medizinische und volkstümliche Erklärungen nebeneinander.

Epilepsie wurde in verschiedenen Gegenden und Zeiten mit Heiligen, Dämonen, Besessenheit oder körperlichen Störungen in Verbindung gebracht.

Menschen beteten um Heilung.

Sie pilgerten zu Heiligtümern.

Sie suchten religiöse Hilfe.

Aber sie verwendeten auch medizinische Mittel nach dem Wissen ihrer jeweiligen Zeit.

Man sollte sich die Geschichte nicht so vorstellen, als hätte im Mittelalter jeder Mensch ausschließlich an Dämonen geglaubt.

Das wäre historisch falsch.

Es gab medizinische Gelehrte, überlieferte antike Schriften und unterschiedliche Behandlungstraditionen.

Und es gab Menschen, die Kranke pflegten und versorgten.

Aber es gab auch Angst, Vorurteile und Grausamkeit.

Ich würde gern wissen, wie viele Menschen mit Epilepsie damals ein vergleichsweise normales Leben führen konnten.

Wie viele heirateten.

Wie viele arbeiteten.

Wie viele Kinder bekamen.

Wie viele von ihren Familien geschützt wurden.

Und wie viele ausgegrenzt wurden.

Die Geschichte überliefert oft besonders auffällige Fälle.

Aber sie erzählt uns längst nicht jedes gewöhnliche Leben.

Das sollte man bedenken.

Denn auch die Geschichte einer Krankheit besteht nicht nur aus berühmten Ärzten, grausamen Einrichtungen und außergewöhnlichen Patienten.

Sie besteht vor allem aus sehr vielen Menschen, deren Namen wir nicht kennen.

Menschen, die versucht haben, mit ihren Anfällen zurechtzukommen.

Menschen wie ich.

Nur in einer ganz anderen Zeit.

Und wann wurde die Medizin endlich modern?

Irgendwann gelangen wir in die Neuzeit.

Die Anatomie entwickelt sich weiter.

Die Untersuchung des Nervensystems wird genauer.

Und im neunzehnten Jahrhundert verändert sich das Verständnis epileptischer Anfälle erheblich.

Besonders wichtig ist dabei der englische Neurologe John Hughlings Jackson.

Er beschäftigte sich mit der Beziehung zwischen epileptischen Anfällen und der Funktion des Gehirns.

Er beschrieb Anfälle als Ausdruck vorübergehender, übermäßiger und ungeordneter Entladungen von Nervenzellen beziehungsweise nervöser Zentren, wie es die damalige Sprache ausdrückte.

Damit rückte die elektrische und funktionelle Tätigkeit des Gehirns stärker in den Mittelpunkt der Erklärung.

Das war noch nicht die moderne Epileptologie, wie wir sie heute kennen.

Aber ein bedeutender Schritt dorthin.

Und wieder stelle ich fest:

Wissenschaftlicher Fortschritt beginnt nicht immer mit einer fertigen Antwort.

Manchmal beginnt er mit einer besseren Frage.

Wo entsteht ein Anfall?

Wie breitet er sich aus?

Warum sind bei manchen Menschen zunächst nur einzelne Körperteile betroffen?

Und warum verlieren andere das Bewusstsein?

Solche Fragen führten zu einem differenzierteren Verständnis neurologischer Vorgänge.

Ich finde das großartig.

Denn nun wird aus der geheimnisvollen Fallsucht allmählich eine Erkrankung, die man mit wissenschaftlichen Methoden immer genauer untersuchen kann.

Allerdings wird damit noch längst nicht alles gut.

Das zwanzigste Jahrhundert – Jetzt wird es richtig bitter

Denn während die neurologische Forschung Fortschritte machte, blieben Menschen mit Epilepsie weiterhin gesellschaftlichen Vorurteilen und rechtlicher Diskriminierung ausgesetzt.

Und jetzt reden wir nicht mehr über das antike Babylon.

Nicht über das Mittelalter.

Sondern über das zwanzigste Jahrhundert.

In verschiedenen Ländern bestanden Gesetze, die Menschen mit Epilepsie die Eheschließung erschwerten oder verboten.

In mehreren amerikanischen Bundesstaaten existierten Vorschriften zur zwangsweisen Sterilisation.

Teilweise konnten öffentliche Einrichtungen Menschen mit Epilepsie ausschließen.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Da entwickelt sich die Medizin weiter.

Und gleichzeitig werden Menschen wegen einer neurologischen Erkrankung in ihren grundlegenden Rechten eingeschränkt.

Heiraten.

Eine Familie gründen.

Am öffentlichen Leben teilnehmen.

Über den eigenen Körper bestimmen.

Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich waren, konnten ihnen verweigert werden.

Und nun kommen wir zu einem Kapitel der deutschen Geschichte, bei dem jeder Humor fehl am Platz ist.

Epilepsie und die nationalsozialistische Verfolgung

Im Nationalsozialismus wurden Menschen mit bestimmten Erkrankungen und Behinderungen Opfer einer menschenverachtenden Politik.

Das sogenannte Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 ermöglichte Zwangssterilisationen.

Dabei gehörte die damals als erblich eingestufte Fallsucht ausdrücklich zu den erfassten Diagnosen.

Menschen wurden gegen ihren Willen sterilisiert.

Sie wurden entrechtet.

Und im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde wurden zahlreiche Menschen mit Behinderungen und psychiatrischen Erkrankungen ermordet.

Es ist wichtig, dabei die einzelnen Gruppen, Diagnosen und historischen Vorgänge genau zu unterscheiden.

Aber an der grundsätzlichen Tatsache ändert das nichts.

Eine staatliche Ideologie entschied darüber, welches Leben angeblich wertvoll und welches angeblich minderwertig sei.

Und medizinische Einrichtungen und Fachleute waren daran beteiligt.

Das gehört zur Geschichte der Medizin.

Und damit auch zur Geschichte der gesellschaftlichen Behandlung von Menschen mit Epilepsie.

Ich denke an mein Geburtsjahr.

Gerade einmal zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Als ich 1976 meinen ersten epileptischen Anfall bekam, waren die nationalsozialistischen Verbrechen gerade gut drei Jahrzehnte vergangen.

Das ist historisch gesehen überhaupt keine lange Zeit.

Die Gesellschaft, in der ich aufwuchs, war nicht einfach aus dem Nichts entstanden.

Sie trug Erfahrungen, Denkmuster und Vorurteile aus früheren Generationen mit sich.

Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Arzt oder jeder Nachbar dieselben Vorstellungen hatte.

Aber historische Entwicklungen hören nicht an einem bestimmten Datum einfach auf.

Sie wirken nach.

In Gesetzen.

In Institutionen.

In Sprache.

Und in der Art, wie Menschen über andere Menschen denken.

1976 – Willkommen in der modernen Welt?

Und damit sind wir wieder in Bardowick.

Ich bin elf Jahre alt.

Habe epileptische Anfälle.

Und bin plötzlich ein Epi.

Dieses Wort hatte ich früher selbst als Schimpfwort verwendet.

Nun bekam es eine persönliche Bedeutung.

Ich war das Kind, das Anfälle bekam.

Das beim Unterricht vom Stuhl fallen konnte.

Das danach erschöpft war.

Das unter Umständen abgeholt werden musste.

Und das von anderen Kindern gelegentlich gemieden oder verspottet wurde.

Was hatte sich also in all diesen Jahrtausenden verändert?

Eine ganze Menge.

Es gab medizinische Erklärungen.

Es gab Medikamente.

Es gab EEG-Untersuchungen.

Es gab Neurologen.

Und es gab Menschen, die sich wirklich Mühe gaben, mir zu helfen.

Aber die Angst vor einem epileptischen Anfall war geblieben.

Das Unverständnis.

Die Unsicherheit.

Und manchmal auch die Ausgrenzung.

Ich will das nicht mit den Grausamkeiten früherer Jahrhunderte gleichsetzen.

Natürlich nicht.

Aber ich erkenne darin einen gemeinsamen Mechanismus.

Menschen sehen etwas, das sie nicht verstehen.

Und reagieren darauf mit Angst.

Manchmal mit Mitgefühl.

Manchmal mit Ablehnung.

Und manchmal mit ziemlich viel Unsinn.

Eine Unterhaltung mit der elfjährigen Susanne

Ich stelle mir vor, ich besuche meine jüngere Ausgabe noch einmal.

Sie sitzt in ihrem Zimmer.

Vielleicht macht sie Hausaufgaben.

Vielleicht liest sie.

Ich weiß es nicht.

Also bleiben wir bei unserer erfundenen Begegnung.

„Susanne, ich muss dir etwas erzählen.“

Sie schaut auf.

„Was denn?“

„Früher haben Menschen geglaubt, epileptische Anfälle würden von Dämonen verursacht.“

Sie starrt mich an.

„Echt jetzt?“

„Ja.“

„Und was haben die dagegen gemacht?“

„Das war unterschiedlich. Manche haben gebetet, manche Heilmittel verwendet, und es gab auch Behandlungen, bei denen Menschen schwer misshandelt wurden.“

Sie schweigt.

„Das ist ja schrecklich.“

„Ja.“

„Und heute weiß man, dass das Quatsch ist?“

„Heute wissen wir, dass epileptische Anfälle neurologische Vorgänge sind.“

„Gut.“

Sie denkt nach.

„Aber warum lachen mich dann manche Kinder aus?“

Da sitze ich nun.

Die Susanne von 2026.

Mit fünfzig Jahren Erfahrung.

Mit Kenntnissen über die Geschichte der Epilepsie.

Mit all den medizinischen Entwicklungen.

Und plötzlich stellt mir eine Elfjährige eine Frage, die viel schwieriger ist als die nach dem Mondgott Sin.

Warum lachen Menschen über jemanden, der krank ist?

Warum haben manche Angst vor einem Menschen, der Anfälle bekommt?

Warum wird eine Diagnose manchmal wichtiger genommen als der Mensch?

Ich könnte ihr von Unwissenheit erzählen.

Von Gruppendruck.

Von Angst.

Von Vorurteilen.

Von Unsicherheit.

Aber ich könnte ihr keine Antwort geben, die das Verhalten dieser Kinder richtig machen würde.

„Weißt du, Susanne, manche Menschen verstehen einfach nicht, was mit dir passiert.“

„Dann könnten sie doch fragen.“

Ich muss lachen.

„Ja. Das könnten sie.“

„Mach ich doch auch.“

„Eben.“

Vielleicht ist das tatsächlich ein guter Anfang.

Fragen, statt vorschnell zu urteilen.

2026 – Alles aufgeklärt?

Und nun sitzen wir wieder in der Gegenwart.

Fünfzig Jahre nach meinem ersten Anfall.

Mehrere Jahrtausende nach den frühen mesopotamischen Beschreibungen.

Rund zweieinhalb Jahrtausende nach den hippokratischen Schriften.

Über hundert Jahre nach den Forschungen von Jung.

Und ein Jahrhundert nach den ersten EEG-Aufzeichnungen von Hans Berger.

Was haben wir erreicht?

Sehr viel.

Wir kennen unterschiedliche Epilepsieformen.

Wir haben zahlreiche Medikamente.

Wir können Gehirnaktivität aufzeichnen.

Wir können Veränderungen des Gehirns bildlich darstellen.

Wir haben spezialisierte Epilepsiezentren.

Und wir wissen heute wesentlich mehr über die Ursachen und Mechanismen epileptischer Anfälle.

Das ist beeindruckend.

Und ich bin froh, im Jahr 2026 zu leben und nicht dreitausend Jahre früher.

Denn bei aller Begeisterung für Geschichte möchte ich meine Epilepsie lieber mit moderner Medizin behandeln lassen.

Vielen Dank.

Aber wir haben die Vorurteile nicht vollständig überwunden.

Noch immer gibt es weltweit Menschen, die wegen ihrer Epilepsie diskriminiert werden.

Noch immer fehlt mancherorts der Zugang zu geeigneter Behandlung.

Und selbst in Gesellschaften mit gut entwickelten Gesundheitssystemen kann Unwissenheit zu Ausgrenzung führen.

Das zeigt mir, dass medizinischer Fortschritt und gesellschaftlicher Fortschritt zwar zusammenhängen können, aber nicht automatisch dasselbe sind.

Man kann sehr viel über das Gehirn wissen.

Und trotzdem wenig Verständnis für den Menschen haben, dessen Gehirn man untersucht.

Was ich aus dieser Reise mitnehme

Ich habe heute einen ziemlich langen Ausflug hinter mir.

Zu den Babyloniern.

Nach Indien.

Ins antike Griechenland.

Durch das Mittelalter.

In die moderne Neurologie.

Und schließlich zurück zu meiner eigenen Kindheit.

Dabei ist mir etwas aufgefallen.

Die Geschichte der Epilepsie besteht aus zwei miteinander verbundenen Geschichten.

Die eine handelt von der Krankheit.

Davon, wie Menschen Anfälle beobachtet, beschrieben, erklärt und behandelt haben.

Die andere handelt von den Menschen mit dieser Krankheit.

Davon, welche Vorstellungen andere über sie hatten.

Welche Rechte sie besaßen.

Welche Ängste sie erlebten.

Und welche Freiheiten ihnen zugestanden oder verweigert wurden.

Beide Geschichten gehören zusammen.

Denn eine noch so gute medizinische Behandlung kann nicht sämtliche gesellschaftlichen Probleme lösen.

Und eine noch so tolerante Gesellschaft ersetzt keine wirksame medizinische Versorgung.

Wir brauchen beides.

Wissen.

Und Menschlichkeit.

Ich finde es bemerkenswert, dass schon Menschen vor Jahrtausenden epileptische Anfälle sehr genau beobachten konnten.

Und gleichzeitig völlig andere Vorstellungen über ihre Ursachen hatten.

Das sollte uns heute ein bisschen bescheiden machen.

Nicht, weil unsere modernen Erkenntnisse mit antiken Dämonenvorstellungen gleichwertig wären.

Das sind sie nicht.

Sondern weil auch Wissenschaftler unserer Zeit mit offenen Fragen leben müssen.

Und weil es immer wieder neue Erkenntnisse geben wird, die unser bisheriges Verständnis erweitern.

Ich bin neugierig darauf.

Sehr sogar.

Aber ich habe noch eine ganz andere Frage.

Wenn man seit Jahrtausenden versucht, Menschen mit Epilepsie zu erklären, was sie haben und was sie deshalb tun oder lassen sollten:

Wer entscheidet dann eigentlich, wie viel Freiheit ein Mensch mit Epilepsie haben darf?

Das ist keine rein historische Frage.

Sie betrifft mich persönlich.

Und zwar ganz erheblich.

Denn ich war einmal ein junges Mädchen, das unbedingt Dinge tun wollte, vor denen andere Menschen Angst hatten.

Fahrradfahren.

Schwimmen.

Reisen.

Und vom Zehn-Meter-Turm springen.

Ich wusste, dass ein Anfall gefährlich sein konnte.

Ich wusste es sogar verdammt gut.

Und trotzdem wollte ich leben.

Nicht irgendwann.

Nicht erst, wenn ich gesund wäre.

Sondern jetzt.

Und deshalb besuchen wir im nächsten Kapitel eine Susanne, die hoch oben auf einem Sprungturm steht.

Zehn Meter über dem Wasser.

Mit Epilepsie.

Mit ziemlich viel Übermut.

Und mit einer Frage, auf die auch die moderne Medizin keine einfache Antwort geben kann.

Wie viel Risiko gehört zu einem guten Leben?

Kapitel 5

Zehn Meter bis zum Wasser

Oder: Warum ich etwas nicht bereue, das ich nie wieder tun würde

Berlin, Oktober 2026

Ich habe in den vergangenen Tagen über etwas nachgedacht.

Würde ich heute noch einmal vom Zehn-Meter-Turm springen?

Nein.

Ganz eindeutig nein.

Und trotzdem finde ich es bis heute unglaublich geil, dass ich es damals gemacht habe.

Ich weiß, das klingt merkwürdig.

Da sitzt eine 61-jährige Frau, die seit fünfzig Jahren Epilepsie hat, auf eine ziemlich umfangreiche Krankengeschichte zurückblickt und sich über eine Entscheidung freut, bei der sie sich ernsthaft in Lebensgefahr gebracht hat.

Aber genau so ist es.

Ich habe damals etwas erlebt, das ich niemals vergessen werde.

Und obwohl ich heute anders entscheiden würde, möchte ich diese Erinnerung nicht missen.

Vielleicht muss man nicht jede Entscheidung seines früheren Lebens mit den Augen von heute beurteilen.

Vielleicht darf man auch einfach anerkennen, dass man damals ein anderer Mensch war.

Oder genauer gesagt:

Dass man derselbe Mensch war, nur mit weniger Lebenserfahrung und einer gehörigen Portion Übermut.

Der Sprungturm im Bayerischen Wald

Es war während eines Urlaubs mit meinen Eltern im Bayerischen Wald.

Wir waren auf einem wunderschönen Campingplatz mit einem See, einem großen Freibad und zahlreichen Freizeitmöglichkeiten.

Ich liebte unsere Urlaube.

Meine Eltern waren gern unterwegs, und wir hatten im Laufe der Jahre schon unzählige schöne Reisen gemacht.

Wir fuhren mit dem Wohnwagen durch Deutschland und Europa, besuchten Städte, Landschaften und Sehenswürdigkeiten.

Ich durfte viel erleben.

Und manchmal kam ich dabei auf Ideen, die meine Eltern vermutlich lieber nicht so genau gekannt hätten.

Auf diesem Campingplatz gab es jedenfalls ein Freibad.

Und in diesem Freibad stand ein Sprungturm.

Zehn Meter hoch.

Ich hatte schon einmal einen Sprung aus fünf Metern Höhe gewagt.

Aber zehn Meter waren etwas anderes.

Von unten sah das gewaltig aus.

Und wenn man sich vorstellte, dort oben zu stehen und hinunterzuspringen, bekam man durchaus ein merkwürdiges Gefühl im Bauch.

Ich fand es faszinierend.

Ich umkreiste die Sprunganlage, schaute nach oben und dachte:

Das will ich machen.

Nicht irgendwann.

Jetzt.

Meine Eltern wussten, dass ich schwimmen war.

Sie wussten nicht, dass ich mir vorgenommen hatte, von diesem Turm zu springen.

Und wahrscheinlich hätten sie einiges dazu zu sagen gehabt.

Ich hatte schließlich Epilepsie.

Ich bekam schwere Anfälle.

Ohne Vorwarnung.

Ich konnte einfach bewusstlos werden, umfallen und krampfen.

Das wusste ich.

Aber ich war jung.

Und ich wollte springen.

Stufe für Stufe

Ich erinnere mich noch gut an die Leiter.

Sie war rutschig.

Ich stieg hinauf.

Stufe für Stufe.

Und während des Aufstiegs schaute ich nicht nach unten.

Vielleicht war das ganz vernünftig.

Jedenfalls erschien mir der Turm von unten schon ziemlich hoch.

Ich musste mir nicht auch noch unterwegs ständig vor Augen führen, wie weit ich inzwischen vom Boden entfernt war.

Also kletterte ich weiter.

Bis nach oben.

Als ich schließlich auf der Plattform stand, war mein Badeanzug inzwischen beinahe trocken.

Ein leichter Wind wehte.

Und vor mir lag das Wasser.

Zehn Meter tiefer.

Jetzt wurde mir doch ein bisschen anders.

Von unten hatte ich mir das alles wunderbar vorgestellt.

Hinaufsteigen.

An die Kante gehen.

Springen.

Fertig.

Aber oben sah die Sache plötzlich erheblich beeindruckender aus.

Ich ging langsam nach vorn.

Bis an den Rand.

Und schaute hinunter.

Meine Güte.

War das hoch.

Ich hatte Angst.

Das möchte ich ausdrücklich sagen.

Ich stand dort nicht wie eine professionelle Turmspringerin, die täglich ihre Trainingssprünge absolviert.

Ich war ein junges Mädchen, das sich etwas ziemlich Verrücktes vorgenommen hatte.

Und nun musste ich mich entscheiden.

Wieder umdrehen?

Die Leiter hinuntersteigen?

Oder springen?

Ich weiß noch, dass ich mir innerlich einen Ruck gab.

Jetzt spring endlich!

Und dann tat ich es.

Der Augenblick

Ich sprang.

Für einen kurzen Moment war da nur noch dieses Gefühl.

Die Höhe.

Die Bewegung.

Der freie Fall.

Es kam mir unglaublich lange vor, bis ich auf das Wasser traf.

Dann tauchte ich ein.

Und wieder auf.

Ich schwamm zum Beckenrand, zog mich aus dem Wasser und stand schließlich wieder auf festem Boden.

Ich war völlig aus dem Häuschen.

Ich hatte es tatsächlich gemacht.

Zehn Meter!

Ich schaute noch einmal nach oben.

Auf die Plattform.

Auf den Turm.

Auf diesen gewaltigen Abstand zwischen dort oben und hier unten.

Und ich konnte es kaum fassen.

Ich war gesprungen.

Ganz allein.

Aus eigenem Entschluss.

Und es hatte geklappt.

Ich war stolz wie Bolle.

Ich glaube, wenn mich in diesem Moment jemand gefragt hätte, ob ich glücklich sei, hätte ich ihn nur ungläubig angeschaut.

Natürlich war ich glücklich!

Ich hatte etwas geschafft, das ich vorher für beinahe unmöglich gehalten hatte.

Und dieses Gefühl war so großartig, dass ich noch heute darüber lächeln muss.

Besuch aus dem Jahr 2026

Jetzt stelle ich mir vor, wie ich als 61-jährige Susanne noch einmal an diesem Schwimmbecken stehe.

Ich schaue nach oben.

Und sehe meine jüngere Ausgabe auf der Plattform.

Sie steht dort, wo ich vor vielen Jahren gestanden habe.

Aufgeregt.

Ein bisschen ängstlich.

Und fest entschlossen.

Ich würde gern mit ihr sprechen.

Also reisen wir gedanklich noch einmal zehn Meter nach oben.

„Moin, Susanne.“

Sie schaut mich überrascht an.

„Moin. Wer bist du denn?“

„Du. Ein paar Jahrzehnte später.“

Sie betrachtet mich.

„Ach du Scheiße.“

Ich muss lachen.

„Ja, das dachte ich mir.“

Sie schaut noch einmal zum Wasser.

„Willst du auch springen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich inzwischen ein bisschen vorsichtiger geworden bin.“

„Wie langweilig.“

Na wunderbar.

Kaum bin ich angekommen, erklärt mich meine jüngere Ausgabe für langweilig.

„Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich viel erlebt“, antworte ich.

„Und?“

„Und manches davon hat mir gezeigt, dass ich nicht jedes Risiko eingehen muss.“

Sie zuckt mit den Schultern.

„Ich will aber springen.“

„Das sehe ich.“

„Ich habe mich extra hier hochgetraut.“

„Weiß ich.“

„Woher?“

„Weil ich du bin.“

Sie sieht mich einen Moment an.

Dann grinst sie.

„Ach ja.“

Ich schaue hinunter.

Das Wasser liegt weit unter uns.

„Weißt du eigentlich, was passieren könnte, wenn du jetzt einen Anfall bekommst?“

Sie wird ernst.

„Ja.“

„Und?“

„Ich glaube nicht, dass ich jetzt einen bekomme.“

Das ist eine Antwort, die ich nur zu gut kenne.

Denn genau so habe ich damals gedacht.

Nicht, weil ich die Epilepsie vergessen hatte.

Sondern weil ich in diesem Augenblick nicht mit einem Anfall rechnete.

„Das kannst du aber nicht wissen“, sage ich.

„Du auch nicht.“

Da hat sie recht.

Ich weiß nicht, ob sie in den nächsten Sekunden einen Anfall bekommen wird.

Ich weiß nur, dass die Möglichkeit besteht und dass die Folgen hier besonders gefährlich wären.

„Nein“, antworte ich. „Das kann ich nicht wissen.“

Wir stehen schweigend nebeneinander.

Dann fragt sie:

„Bist du eigentlich schon mal von zehn Metern gesprungen?“

„Ja.“

„Und?“

„Es war hammergeil.“

Sie strahlt.

„Na siehste!“

Ich muss lachen.

Diese Antwort habe ich verdient.

Aber ich möchte ihr trotzdem etwas sagen.

„Susanne, ich bin froh, dass ich dieses Erlebnis in meinem Leben habe. Aber heute würde ich das nicht mehr machen.“

Sie schaut mich nachdenklich an.

„Warum?“

„Weil ich inzwischen besser verstehe, wie gefährlich ein Anfall in dieser Situation sein kann.“

„Und findest du, dass ich blöd bin?“

„Nein.“

Das ist mir wichtig.

Ich finde meine jüngere Ausgabe nicht blöd.

Sie ist neugierig.

Sie ist übermütig.

Sie möchte etwas erleben.

Und sie kann die Gefahr noch nicht so einschätzen wie ich heute.

„Aber du könntest dich schwer verletzen oder ertrinken“, sage ich.

Sie schaut wieder hinunter.

„Ich weiß.“

Vielleicht weiß sie es nicht in seiner ganzen Tragweite.

Vielleicht will sie es in diesem Moment auch gar nicht wissen.

Ich kann ihr jedenfalls nicht die fünfzig Jahre Erfahrung mitgeben, die zwischen uns liegen.

Und genau deshalb stehen wir hier oben als zwei unterschiedliche Susannes.

Die eine möchte unbedingt springen.

Die andere würde lieber wieder die Leiter hinuntersteigen.

Beide haben ihre Gründe.

Und ich glaube, wir würden uns darüber noch eine ganze Weile unterhalten.

Meine Eltern haben mir viel Freiheit gelassen

Wenn ich an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, denke ich auch an meine Eltern.

An meinen Vater.

An meine Mutter.

Und an die erstaunliche Freiheit, die sie mir trotz meiner Epilepsie ermöglicht haben.

Sie haben mich nicht in Watte gepackt.

Natürlich gab es Regeln.

Natürlich gab es Sorgen.

Natürlich mussten sie mit ansehen, wie ich schwere Anfälle bekam.

Und ich kann mir vorstellen, dass das für sie manchmal kaum auszuhalten war.

Aber sie wollten offensichtlich, dass ich ein möglichst normales Leben führen konnte.

Wir machten weiterhin Urlaub.

Wir fuhren ans Meer.

Wir besuchten Freizeitparks.

Ich durfte Fahrrad fahren.

Ich durfte schwimmen.

Und ich durfte mich mit anderen Jugendlichen ausprobieren.

Das war für mich unglaublich wichtig.

Ich wollte nicht ausschließlich die kranke Susanne sein.

Ich wollte dazugehören.

Ich wollte Spaß haben.

Ich wollte mit meinen Freunden unterwegs sein.

Und ich wollte nicht ständig daran denken müssen, dass ich jederzeit einen Anfall bekommen könnte.

Meine Eltern haben mir diese Freiheit weitgehend gelassen.

Das bedeutet nicht, dass jede ihrer Entscheidungen medizinisch richtig war.

Ich bin mir sicher, dass wir alle gelegentlich Risiken unterschätzt haben.

Aber ich bin ihnen dankbar für das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachten.

Denn ich kenne auch die andere Seite.

Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man wegen seiner Epilepsie plötzlich etwas nicht mehr darf.

Wenn andere Menschen bestimmen, was angeblich zu gefährlich ist.

Wenn man eine Klasse wiederholen soll, obwohl man keine Fünf im Zeugnis hat.

Wenn einem nahegelegt wird, sich zu schonen.

Wenn das Leben immer kleiner wird, weil alle nur noch daran denken, was passieren könnte.

Für ein junges Mädchen kann das furchtbar sein.

Und genau deshalb war die Freiheit, die mir meine Eltern ermöglichten, ein großes Geschenk.

Und was ist mit der Verantwortung?

Nun wäre es allerdings ziemlich einfach, aus dieser Geschichte die Schlussfolgerung zu ziehen, dass man Menschen mit Epilepsie möglichst alles erlauben sollte.

Aber das wäre Unsinn.

Epilepsie ist eine ernsthafte neurologische Erkrankung.

Und bestimmte Anfälle können in bestimmten Situationen lebensgefährlich sein.

Besonders im Wasser.

Wer plötzlich das Bewusstsein verliert, kann ertrinken, auch wenn er hervorragend schwimmen kann.

Daran ändert keine noch so große Begeisterung für das Schwimmen etwas.

Deshalb müssen Risiken ernst genommen und geeignete Schutzmaßnahmen mit den behandelnden Fachleuten besprochen werden.

Und manchmal bedeutet das tatsächlich, auf bestimmte Aktivitäten zu verzichten.

Das ist keine Diskriminierung.

Das ist eine vernünftige Reaktion auf eine konkrete Gefahr.

Schwierig wird es dort, wo aus einer berechtigten Warnung ein pauschales Urteil über das gesamte Leben eines Menschen wird.

Wenn plötzlich nicht mehr gefragt wird, welche Anfallsform jemand hat, wie häufig die Anfälle auftreten oder welche Schutzmaßnahmen möglich sind.

Sondern nur noch die Diagnose zählt.

Epilepsie.

Also verboten.

So einfach darf man es sich nicht machen.

Denn Menschen mit Epilepsie unterscheiden sich erheblich voneinander.

Manche sind seit vielen Jahren anfallsfrei.

Andere haben nur bestimmte Anfallsformen.

Wieder andere leiden unter häufigen, schweren und unvorhersehbaren Anfällen.

Die Risiken sind nicht bei allen gleich.

Und deshalb kann es auch keine einzige Antwort geben, die für sämtliche Menschen mit Epilepsie und sämtliche Lebenssituationen gleichermaßen gilt.

Was ist eigentlich Lebensqualität?

Ich habe in meinem Leben viele Untersuchungen hinter mich gebracht.

EEGs.

Blutuntersuchungen.

Bildgebende Verfahren.

Krankenhausaufenthalte.

Medikamentenwechsel.

Und immer wieder ging es um dieselben Fragen.

Wie viele Anfälle habe ich?

Wie lange dauern sie?

Welche Medikamente nehme ich?

Welche Nebenwirkungen treten auf?

Das alles ist wichtig.

Aber irgendwann habe ich mich gefragt, ob man nicht noch etwas anderes berücksichtigen muss.

Wie lebe ich eigentlich mit dieser Krankheit?

Bin ich glücklich?

Kann ich die Dinge tun, die mir wichtig sind?

Habe ich Freude an meinem Alltag?

Kann ich selbst Entscheidungen treffen?

Oder besteht mein Leben irgendwann nur noch daraus, möglichst keinen Anfall zu bekommen?

Natürlich ist Anfallsfreiheit ein wichtiges medizinisches Ziel.

Für viele Menschen verändert sie das Leben grundlegend.

Aber Lebensqualität besteht aus mehr als der Zahl epileptischer Anfälle.

Ein Mensch kann weniger Anfälle haben und trotzdem sehr unter Nebenwirkungen leiden.

Er kann medizinisch gut behandelt sein und sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen.

Und er kann trotz fortbestehender Anfälle ein Leben führen, das für ihn persönlich reich und erfüllend ist.

Das eine schließt das andere nicht aus.

Deshalb wünsche ich mir eine Medizin, die nicht nur die Erkrankung behandelt, sondern auch danach fragt, was dem Menschen wichtig ist.

Und ich wünsche mir Patienten, die bereit sind, über ihre Wünsche und ihre Ängste offen zu sprechen.

Denn nur dann kann man gemeinsam vernünftige Entscheidungen treffen.

Der Arzt und die Patientin

Ich stelle mir vor, ich erzähle meinem Neurologen heute von diesem Sprung.

Er würde vermutlich nicht gerade begeistert reagieren.

Und ich könnte es ihm nicht verdenken.

„Frau Albers, das war lebensgefährlich.“

„Ja.“

„Sie hätten einen Anfall bekommen können.“

„Ja.“

„Und das hätte im Wasser tödlich enden können.“

„Das ist mir inzwischen vollkommen klar.“

Dann würde ich ihm erzählen, wie glücklich ich damals war.

Wie stolz.

Und wie sehr mich dieses Erlebnis bis heute begleitet.

Vielleicht würde er verstehen, was ich meine.

Vielleicht auch nicht.

Aber ich erwarte gar nicht, dass ein Arzt jede meiner früheren Entscheidungen gutheißt.

Er soll die Risiken medizinisch beurteilen.

Und ich darf erzählen, welche Bedeutung ein Erlebnis für mein Leben hatte.

Das sind unterschiedliche Perspektiven.

Und gerade deshalb lohnt es sich, miteinander zu sprechen.

Ein guter Arzt muss nicht immer meiner Meinung sein.

Und ich muss nicht immer seiner Meinung sein.

Aber wir sollten einander ernst nehmen.

Das ist für mich der entscheidende Punkt.

Was ich heute nicht mehr brauche

Mit 61 Jahren muss ich niemandem mehr beweisen, dass ich mutig bin.

Ich muss nicht mehr auf einen hohen Sprungturm steigen, um mich selbst zu überraschen.

Und ich muss nicht jede Herausforderung annehmen, nur weil sie vor mir steht.

Ich habe inzwischen andere Dinge, die mich begeistern.

Ich schreibe.

Ich beschäftige mich mit Geschichte, Philosophie, Kunst und Mystik.

Ich produziere Musik.

Ich entwickle Projekte.

Und manchmal sitze ich stundenlang vor meinem Computer, weil mich eine Idee so fasziniert, dass ich einfach nicht aufhören kann.

Das kann ebenfalls ein Abenteuer sein.

Nur muss ich dafür nicht zehn Meter tief fallen.

Und ich kann zwischendurch einen Kaffee trinken.

Was ich ausgesprochen angenehm finde.

Aber eines habe ich mir bewahrt.

Meine Neugier.

Meinen Eigensinn.

Und diesen Wunsch, Dinge selbst herauszufinden.

Den hatte ich schon als Kind.

Und den habe ich heute noch.

Nur die Art, wie ich ihn auslebe, hat sich verändert.

Zurück an den Beckenrand

Wenn ich heute an diesen Sommer im Bayerischen Wald denke, sehe ich das Freibad vor mir.

Den Sprungturm.

Die Leiter.

Den Wind.

Und dieses junge Mädchen, das nach dem Sprung aus dem Wasser steigt.

Sie schaut nach oben.

Auf die Plattform, von der sie gerade gesprungen ist.

Und kann es kaum fassen.

Zehn Meter.

Sie hat sich getraut.

Sie ist glücklich.

Ich weiß heute, wie gefährlich das war.

Ich weiß, wie anders diese Geschichte hätte ausgehen können.

Und ich würde den Sprung nicht wiederholen.

Aber wenn ich an dieses Mädchen denke, muss ich lächeln.

Denn ich erinnere mich nicht nur an die Gefahr.

Ich erinnere mich an ihre Freude.

An ihren Stolz.

Und an diesen einen Augenblick, in dem sie unten am Beckenrand stand und sich fühlte, als könnte sie die ganze Welt erobern.

Ich bin damals nicht gesprungen, um meine Epilepsie zu besiegen.

Ich bin gesprungen, weil ich springen wollte.

Und ich war glücklich.

Heute würde ich unten bleiben.

Aber diese Erinnerung gehört mir.

Zehn Meter.

Ich habe mich getraut.

Kapitel 6

Eine Tablette kommt selten allein

Oder: Wenn die Behandlung zur eigenen Krankengeschichte wird

Berlin, Oktober 2026

Ich habe seit fünfzig Jahren Epilepsie.

Und ich nehme seit fünfzig Jahren Medikamente dagegen.

Wenn ich mir vorstelle, wie viele Tabletten ich in dieser Zeit geschluckt habe, wird mir ganz anders.

Primidon.

Valproinsäure.

Carbamazepin.

Levetiracetam.

Lacosamid.

Cenobamat.

Und das sind längst nicht alle Wirkstoffe, die in meinem Leben eine Rolle gespielt haben.

Es gab Zeiten, in denen ich jeden Morgen und jeden Abend eine ganze Reihe kleiner Pillen vor mir liegen hatte.

Manche sollten epileptische Anfälle verhindern.

Andere sollten Nebenwirkungen behandeln.

Und wieder andere waren notwendig geworden, weil meine Gesundheit inzwischen an mehreren Stellen gleichzeitig Probleme machte.

Ich habe oft darüber nachgedacht, was diese Medikamente mit meinem Leben gemacht haben.

Manche haben mir unglaublich geholfen.

Andere haben mich so müde gemacht, dass ich kaum noch wach bleiben konnte.

Und manche haben in meiner Krankengeschichte eine Rolle gespielt, über die ich bis heute nicht ohne Wut sprechen kann.

Wobei ich gleich etwas klarstellen möchte.

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Medikamente.

Das wäre nach fünfzig Jahren Epilepsie auch ziemlich merkwürdig.

Ich weiß sehr genau, was ein schwerer epileptischer Anfall bedeutet.

Ich kenne die Verletzungen.

Die zerbissene Zunge.

Die Kopfschmerzen.

Die stundenlange Erschöpfung.

Und die Angst, die ein solcher Anfall bei anderen Menschen auslösen kann.

Natürlich bin ich froh, dass es Medikamente gibt.

Aber ich bin auch ein Mensch, der Fragen stellt.

Und inzwischen stelle ich gelegentlich ziemlich unangenehme Fragen.

Besonders dann, wenn es um die Pharmaindustrie geht.

1976 – Meine ersten Tabletten

Alles begann mit Primidon.

Ich war elf Jahre alt.

Dr. Blumenbach hatte meine Epilepsie diagnostiziert beziehungsweise das, was er damals lieber als hirnorganisches Anfallsleiden bezeichnete.

Nun bekam ich Medikamente.

Regelmäßig.

Jeden Tag.

Ob ich gerade einen Anfall hatte oder nicht.

Für ein Kind war das eine merkwürdige Angelegenheit.

Ich fühlte mich zwischen meinen Anfällen schließlich häufig vollkommen normal.

Ich konnte spielen.

Lesen.

Zur Schule gehen.

Mit meinen Freundinnen unterwegs sein.

Und dann sollte ich plötzlich jeden Tag Tabletten nehmen.

Nicht für eine Woche.

Nicht bis zum nächsten Wochenende.

Sondern auf unbestimmte Zeit.

Das war neu.

Und es war ein Eingriff in meinen Alltag, der mich fortan begleiten sollte.

Dabei war Primidon damals keineswegs irgendein exotischer Wirkstoff.

Es gehörte zu den etablierten Medikamenten gegen epileptische Anfälle.

Man wusste bereits, dass es bei bestimmten Anfallsformen helfen konnte.

Man wusste allerdings auch, dass solche Medikamente müde und benommen machen konnten.

Das ist eine unangenehme Kombination.

Denn einerseits möchte man die epileptischen Anfälle unterdrücken.

Andererseits möchte ein elfjähriges Mädchen schließlich nicht den ganzen Tag halb schlafend durch die Gegend laufen.

Ich war ohnehin nicht begeistert davon, ständig zu Ärzten zu müssen.

Und nun kamen auch noch diese Tabletten dazu.

Aber wir hofften, dass sie helfen würden.

Meine Eltern.

Die Ärzte.

Und natürlich ich.

Hamburg 1982 – Jetzt versuchen wir etwas anderes

Einige Jahre später kam Professor Funke ins Spiel.

Meine Mutter hatte einen Zeitungsartikel über ihn gelesen und sich darum bemüht, dass ich in Hamburg vorgestellt wurde.

Das haben wir bereits in Kapitel 2 erlebt.

Ich bekam ein anderes Medikament.

Leptilan.

Valproinsäure.

Ein wichtiger Wirkstoff in der Epilepsiebehandlung.

Und wieder begann ein neuer Versuch.

Vielleicht würden die Anfälle nun endlich besser kontrolliert.

Vielleicht wäre das genau das richtige Medikament für mich.

Aber so einfach wurde es nicht.

Ich nahm zu.

Meine Monatsblutung wurde unregelmäßig.

Und als junge Frau mit einem Freund stand ich plötzlich vor einer Frage, die mir erheblich mehr Sorgen machte als der Name des Wirkstoffs.

Bin ich schwanger?

Die Regel blieb aus.

Ich machte mir Gedanken.

Es gab Untersuchungen.

Und schließlich Entwarnung.

Nicht schwanger.

Ich war erleichtert.

Aber ich fand es überhaupt nicht lustig, dass ein Medikament derart in meinen Körper eingreifen konnte.

Heute weiß man erheblich mehr über Valproat und insbesondere über seine Risiken während einer Schwangerschaft.

Die Arzneimittelbehörden haben die Anwendung für Menschen, die schwanger werden können, deshalb stark eingeschränkt.

Auch das gehört zur Geschichte der Medikamente.

Ein Wirkstoff wird entwickelt.

Er wird eingesetzt.

Menschen machen Erfahrungen damit.

Manche profitieren.

Andere bekommen erhebliche Probleme.

Und im Laufe der Jahre verändert sich das Wissen.

Manchmal frage ich mich allerdings, wie viele Menschen erst schlechte Erfahrungen machen müssen, bevor bestimmte Risiken ausreichend ernst genommen werden.

Diese Frage wird uns in diesem Kapitel noch beschäftigen.

Doris und mein Radiowecker

Jetzt kommen wir zu einer Geschichte, über die ich heute noch lachen muss.

Ob Doris sie genauso lustig fand, bezweifle ich allerdings.

Doris wohnte unter uns.

Und sie hatte einen ziemlich direkten Einblick in die Nebenwirkungen meiner Epilepsiemedikamente.

Nicht, weil sie Medizin studiert hätte.

Sondern weil mein Radiowecker ihr Leben erschwerte.

Ich nahm damals Carbamazepin.

Ein Medikament, das bei mir hinsichtlich der Anfälle nicht den erhofften Erfolg brachte.

Dafür machte es mich unglaublich müde.

Ich meine wirklich müde.

Ich schlief nachts zwölf Stunden.

Manchmal so tief, dass mich praktisch nichts wecken konnte.

Tagsüber versuchte ich mit Kaffee gegenzusteuern.

Vier große Kannen Melitta Auslese.

Am Tag.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Vier Kannen Kaffee, damit ich nicht ständig wieder einschlief.

Und trotzdem bekam ich morgens ein Problem.

Mein Radiowecker.

Er stand auf sechs Uhr.

Dann ging das Radio an.

Mit ordentlich Lautstärke.

Normalerweise sollte man meinen, dass ein Mensch davon wach wird.

Ich nicht.

Ich schlief friedlich weiter.

Der Radiowecker plärrte.

Und plärrte.

Und plärrte.

Eine Viertelstunde.

Eine halbe Stunde.

Manchmal fünfundvierzig Minuten.

Und wer war wach?

Doris.

Eine Etage tiefer.

Sie lag in ihrem Bett und durfte sich meine morgendliche Musik anhören, während ich oben überhaupt nichts mitbekam.

Irgendwann wurde es ihr zu bunt.

Dann griff sie zum Telefon.

Und rief mich an.

Das Telefon klingelte.

Und ich wurde wach.

Warum ausgerechnet davon?

Weil ich schon immer neugierig war.

Wenn das Telefon klingelt, möchte ich wissen, wer dran ist.

Offenbar reichte diese Neugier selbst durch die medikamentöse Müdigkeit hindurch.

Ich ging also ans Telefon.

Und Doris konnte endlich wieder ausschlafen.

Ich habe sie damit wirklich gequält.

Ganz unbeabsichtigt natürlich.

Aber ich stelle mir noch heute vor, wie diese arme Frau morgens um sechs in ihrem Bett lag und darauf wartete, dass Susanne über ihr endlich ihren verdammten Radiowecker ausschaltet.

Das ist eine herrliche Geschichte.

Aber sie hat einen ziemlich ernsten Hintergrund.

Denn ich bekam Medikamente, die mich derart müde machten, dass mein gesamter Tagesablauf davon beeinflusst wurde.

Die Anfälle waren trotzdem nicht zufriedenstellend kontrolliert.

Und ich versuchte, mit Unmengen Kaffee einigermaßen wach zu bleiben.

So sah meine Behandlung damals aus.

Das muss man sich bei aller Komik einmal klarmachen.

2002 – Ein Medikament, das tatsächlich half

Dann kam Keppra.

Levetiracetam.

Im Jahr 2002.

Ich war 37 Jahre alt.

Und hatte inzwischen eine beeindruckende Sammlung schwerer epileptischer Anfälle hinter mir.

Ich hatte unterschiedliche Medikamente ausprobiert.

Ich hatte Verletzungen erlitten.

Ich war unzählige Male im Krankenhaus gewesen.

Und ich kannte dieses Gefühl, nie wirklich sicher zu wissen, wann der nächste große Anfall kommen würde.

Frau Schmitz schlug vor, Keppra auszuprobieren.

Ich war einverstanden.

Und dann geschah etwas, womit ich nach all den Jahren kaum noch gerechnet hatte.

Die großen Anfälle blieben aus.

Ich war anfallsfrei, was diese schweren Anfälle betraf.

Ein ganzes Jahr.

Später zwei Jahre.

Drei.

Vier.

Es war unglaublich.

Ich konnte morgens aufwachen und feststellen, dass wieder eine Nacht vergangen war, ohne dass ich einen großen epileptischen Anfall bekommen hatte.

Ich konnte meinen Alltag anders erleben.

Und ich musste nicht ständig mit den Folgen eines großen Anfalls zurechtkommen.

Ich war glücklich.

Richtig glücklich.

An meinem ersten Jahrestag der Anfallsfreiheit kaufte ich zwei Flaschen Sekt und fuhr zu Frau Schmitz ins Virchow-Klinikum.

Ich wollte mich bedanken.

Nicht mit einem höflichen Brief.

Nicht mit einem Blumenstrauß.

Sondern mit Sekt.

Ich fand, das war angemessen.

Immerhin hatte ich etwas erlebt, das ich über viele Jahre hinweg kaum noch für möglich gehalten hatte.

Eine Behandlung, die meine großen Anfälle tatsächlich unterdrückte.

Ich war Frau Schmitz dankbar.

Und ich war auch froh, dass Keppra entwickelt worden war.

Das möchte ich ausdrücklich sagen.

Denn alles, was jetzt kommt, ändert nichts daran, dass dieses Medikament für mich zunächst einen enormen medizinischen Erfolg bedeutete.

2004 und 2005 – Die andere Seite

Leider blieb es nicht bei der Freude über die Anfallsfreiheit.

Ich erlebte schwere psychiatrische Krisen.

Bereits in den Jahren nach Beginn der Keppra-Behandlung traten ungewöhnliche Wahrnehmungen auf.

Damals habe ich manches überhaupt nicht richtig eingeordnet.

Später kam es zu Psychosen.

Und 2005.

Beide Male musste ich psychiatrisch behandelt werden.

Das steht in meinem Anfallskalender.

Und es gehört zu meiner Krankengeschichte.

Ich bringe diese Psychosen mit meiner damaligen medikamentösen Situation, insbesondere Keppra, in Verbindung.

Die psychiatrischen Nebenwirkungen von Levetiracetam beschäftigen mich deshalb seit vielen Jahren.

Denn hier stand ich plötzlich vor einer vollkommen absurden Situation.

Ein Medikament half mir hervorragend gegen die großen epileptischen Anfälle.

Und gleichzeitig entstanden Probleme, die mein Leben in einer ganz anderen Weise bedrohten.

Dagegen bekam ich Risperdal.

Risperidon.

Ein Neuroleptikum.

Damit sollten die psychotischen Symptome behandelt beziehungsweise weitere Krisen verhindert werden.

Und so war ich inzwischen bei einer Behandlung angekommen, bei der ein Medikament meine Epilepsie unterdrückte und ein anderes Medikament helfen sollte, die psychischen Probleme zu kontrollieren.

Das war meine Realität.

Nicht irgendeine theoretische pharmakologische Überlegung.

Sondern mein Alltag.

2009 – Meine linke Hand

Jetzt kommen wir zu einem Ereignis, das ich nicht verharmlosen werde.

Im Jahr 2009 erlitt ich erneut eine schwere Psychose.

In diesem Zustand schnitt ich mir die linke Hand ab.

Nicht ein bisschen verletzt.

Nicht verstümmelt.

Abgeschnitten.

Die Hand wurde später wieder angenäht.

Es folgten zahlreiche Operationen.

Lange Krankenhausaufenthalte.

Und eine Zeit, in der mein Leben von diesem Ereignis und seinen Folgen bestimmt wurde.

Ich habe darüber bereits ausführlich geschrieben.

Ich habe Bilder veröffentlicht.

Arztbriefe.

Berichte.

Und meine eigenen Überlegungen darüber, was damals mit mir geschah.

Ich möchte diese ganze Geschichte hier nicht erneut in allen Einzelheiten erzählen.

Aber sie gehört zwingend in dieses Kapitel.

Denn wenn ich über Arzneimittelnebenwirkungen spreche, dann rede ich nicht über einen kleinen Hautausschlag oder ein bisschen Schwindel.

Ich rede über Ereignisse, die ein ganzes Leben verändern können.

Und deshalb kann ich ausgesprochen wütend werden, wenn ich das Gefühl habe, dass der Umgang mit diesen Risiken vor allem aus juristischen Absicherungen besteht.

Der Beipackzettel – oder: Steht doch alles drin!

Ich habe im Laufe der Jahrzehnte unzählige Beipackzettel gelesen.

Und ich erinnere mich sehr genau daran, wie sich meine Wahrnehmung dieser Texte verändert hat.

Als ich Keppra bekam, kannte ich Hinweise auf psychische Nebenwirkungen.

Aber die ausdrücklichen Warnungen vor Psychosen, wie ich sie später in den Arzneimittelinformationen fand, erinnere ich aus meiner damaligen Packungsbeilage nicht.

Dann kamen meine psychiatrischen Krisen.

Und später las ich in den Fachinformationen Begriffe wie:

Halluzinationen.

Psychotische Störungen.

Suizidgedanken.

Suizidversuch.

Suizid.

Schön.

Jetzt steht es da.

Aber was soll ich als Betroffene daraus machen?

Mich freuen, dass diese Gefahren irgendwann ausdrücklich aufgeführt wurden?

Mich bedanken?

Ich möchte wissen, wie die Hersteller mit solchen Erfahrungen umgehen.

Was geschieht, wenn ein Patient unter einer Arzneimittelbehandlung eine schwere psychiatrische Krise erlebt?

Welche Meldungen werden ausgewertet?

Welche Warnungen werden ergänzt?

Wer entscheidet darüber?

Und vor allem:

Welche Verantwortung übernimmt das Unternehmen, wenn ein Mensch schwer geschädigt wurde?

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die juristische Absicherung der Hersteller bei solchen Dingen eine gewaltige Rolle spielt.

Denn wenn später jemand klagt, lässt sich wunderbar auf den Beipackzettel verweisen.

Da steht es doch.

Wir haben doch gewarnt.

Ende der Diskussion.

So einfach kann und will ich das nicht akzeptieren.

Denn ich habe meine linke Hand nicht auf einem Blatt Papier verloren.

Ich habe sie in einer Psychose abgeschnitten.

Und danach musste ich mit den Folgen leben.

Mein Fall und die medizinische Fachwelt

Meine Erfahrungen blieben nicht einfach eine private Angelegenheit.

Nach meiner Kenntnis wurde mein Fall in medizinischen Fachkreisen diskutiert.

Frau Schmitz stellte ihn auch auf internationalen Konferenzen vor.

Und ich selbst habe meine Erfahrungen öffentlich gemacht.

Ich habe geschrieben.

Ich habe mich in Foren ausgetauscht.

Ich habe mit anderen Betroffenen diskutiert.

Und ich habe mich mit dem Hersteller auseinandergesetzt.

Mich beschäftigte insbesondere der Zusammenhang zwischen Keppra und schweren psychiatrischen Reaktionen.

Ich wollte wissen, welche Erfahrungen andere Menschen gemacht hatten.

Ob Ärzte solche Zusammenhänge ausreichend ernst nahmen.

Und wie die Pharmaindustrie darauf reagierte.

Dabei habe ich keineswegs vergessen, wie gut Keppra meine großen Anfälle zunächst unterdrückt hatte.

Im Gegenteil.

Genau das machte die Sache so schwierig.

Ich war dem Medikament einerseits dankbar.

Und andererseits musste ich mich mit schwersten Krisen und deren möglichen Ursachen beschäftigen.

Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen.

Wenn aus Erfahrungen Warnhinweise werden

Bei Arzneimitteln verändert sich die Liste bekannter Nebenwirkungen im Laufe der Jahre.

Das ist zunächst einmal ein normaler Teil der Arzneimittelüberwachung.

Nach der Zulassung werden Erfahrungen aus der medizinischen Praxis gesammelt.

Neue Risiken können bekannt werden.

Und die Arzneimittelinformationen werden entsprechend angepasst.

So weit, so gut.

Aber ich frage mich, was das aus Sicht der Menschen bedeutet, deren Erfahrungen zu diesen Erkenntnissen beigetragen haben.

Da steht irgendwann ein zusätzlicher Begriff.

Psychotische Störungen.

Vielleicht noch ein weiterer.

Suizidversuch.

Und für denjenigen, der so etwas tatsächlich erlebt hat, steckt hinter diesem einen Wort möglicherweise eine vollständige Katastrophe.

Ein zerstörter Alltag.

Krankenhausaufenthalte.

Operationen.

Verlorene Lebenszeit.

Und Folgen, die nicht einfach verschwinden.

Ich kann deshalb nicht so unbefangen auf diese Listen schauen wie jemand, der nur wissen möchte, ob eine Tablette gelegentlich Kopfschmerzen macht.

Für mich sind das keine abstrakten Begriffe.

Ich kenne die Wirklichkeit hinter manchen dieser Wörter.

Und genau deshalb finde ich es so wichtig, dass Patienten nicht einfach nur als Zahlen in einer Nebenwirkungsstatistik erscheinen.

Risperdal – die nächste Geschichte

Nun kommen wir zu einem zweiten Medikament.

Und zu einem zweiten Pharmaunternehmen.

Risperdal.

Risperidon.

Aus dem Hause Janssen, das zum Johnson-&-Johnson-Konzern gehörte.

Ich nahm Risperdal über viele Jahre.

Es wurde eingesetzt, um meine psychiatrischen Symptome zu behandeln und weitere Psychosen möglichst zu verhindern.

Und wieder erlebte ich zwei Seiten einer Behandlung.

Einerseits hatte das Medikament einen wichtigen Zweck.

Andererseits bekam ich erhebliche Probleme mit Nebenwirkungen.

Besonders belastete mich das Restless-Legs-Syndrom.

Diese quälende Unruhe in den Beinen.

Das Bedürfnis, sie ständig bewegen zu müssen.

Und die Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen.

Wer so etwas noch nie erlebt hat, kann sich möglicherweise nur schwer vorstellen, wie unangenehm das werden kann.

Jedenfalls war ich irgendwann so weit, dass ich die Behandlung verändern wollte.

Aber ein Medikament, das man über einen sehr langen Zeitraum genommen hat, verschwindet nicht einfach folgenlos aus dem Leben.

Das sollte ich im Jahr 2022 noch einmal auf ziemlich brutale Weise erfahren.

2022 – Die Hölle friert zu

So habe ich damals meine Internetseite überschrieben.

Risperdal-Entzug – die Hölle friert zu.

Und ich finde, der Titel passt.

Im Herbst 2022 wurde meine Behandlung ärztlich begleitet umgestellt.

Risperdal wurde reduziert.

Abilify, also Aripiprazol, kam hinzu.

Es gab einen genauen Plan.

Zunächst wurde das neue Medikament schrittweise aufdosiert.

Dann sollte Risperdal reduziert und schließlich abgesetzt werden.

Das war keine spontane Entscheidung, bei der ich morgens aufwachte und einfach beschloss, meine Tabletten wegzulassen.

Es war eine geplante Umstellung.

Und trotzdem wurde es für mich ausgesprochen schlimm.

Kopfschmerzen.

Bauchschmerzen.

Übelkeit.

Durchfall.

Unruhe.

Muskelkrämpfe.

Anfälle.

Alles zusammen.

Ich fühlte mich entsetzlich.

Und schrieb damals ziemlich unverblümt auf meine Homepage, was ich davon hielt.

Ich könnte kotzen.

Und genau das tat ich auch.

Es war eine furchtbare Zeit.

Dazu kam anschließend noch ein Long-COVID-Crash mit ausgeprägter Belastungsverschlechterung.

Am 3. November 2022 schrieb ich schließlich, dass ich diesen Kampf überstanden hatte.

Ich war erleichtert.

Aber ich hatte auch eine weitere Erfahrung mitgenommen.

Ein Medikament kann einem über Jahre helfen.

Und sein Absetzen oder der Wechsel auf einen anderen Wirkstoff kann erneut erhebliche Probleme mit sich bringen.

Das ist schon eine ziemlich bemerkenswerte Angelegenheit.

Man nimmt Medikamente, weil man krank ist.

Dann bekommt man Probleme mit den Medikamenten.

Dann versucht man, die Medikamente zu verändern.

Und bekommt möglicherweise wieder Probleme.

Ich weiß nicht, ob man darüber lachen oder sich darüber aufregen soll.

Wahrscheinlich beides.

Johnson & Johnson – und meine Wut

Als ich mich 2022 mit den Nebenwirkungen von Risperdal beschäftigte, schaute ich mir die umfangreichen Auflistungen an.

Was da alles stand!

Von Müdigkeit und Schlafstörungen über Bewegungsstörungen, Veränderungen des Stoffwechsels und zahlreiche weitere Beschwerden bis hin zu schwerwiegenden Erkrankungen.

Eine eindrucksvolle Liste.

Und ich dachte:

Was davon wusste man eigentlich schon vor zwanzig Jahren?

Was wurde später ergänzt?

Und warum?

Ich beschäftigte mich auch mit den großen juristischen Auseinandersetzungen um Risperdal und Johnson & Johnson in den Vereinigten Staaten.

Mit Schadenersatzforderungen.

Mit Prozessen.

Mit der Frage, was Unternehmen über Risiken wussten und wie sie darüber informierten.

Und bei mir entstand ein ziemlich bitterer Eindruck.

Wenn in einem Beipackzettel möglichst viele Risiken stehen, kann das Unternehmen später sagen:

Wir haben darauf hingewiesen.

Der Patient hätte es wissen können.

Und damit verlagert sich aus meiner Sicht ein Teil der Verantwortung.

Weg vom Hersteller.

Hin zum Patienten.

Ich finde das beschissen.

Ganz einfach.

Denn ich frage mich, wie ein Patient, der womöglich schon unter schweren neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen leidet, die ganze Tragweite solcher Risiken überhaupt beurteilen soll.

Und ich frage mich, wie viel Verantwortung ein Pharmaunternehmen tatsächlich übernimmt, wenn es sich im Streitfall auf seine schriftlichen Warnhinweise berufen kann.

Natürlich haben Arzneimittelhersteller gesetzliche Pflichten zur Überwachung und Information über Risiken.

Aber damit ist für mich die Frage nach ihrer Verantwortung noch lange nicht erledigt.

Ich möchte nicht, dass man sich hinter einem Beipackzettel verstecken kann.

Zwei Unternehmen und dieselbe Frage

UCB.

Janssen.

Johnson & Johnson.

Zwei unterschiedliche Medikamentengeschichten.

Und doch beschäftigt mich bei beiden dieselbe grundsätzliche Frage.

Was geschieht mit den Menschen, die schwere Nebenwirkungen erleben?

Wer nimmt ihre Erfahrungen ernst?

Wer hört ihnen zu?

Wer prüft, welche Zusammenhänge bestehen?

Und wer übernimmt Verantwortung?

Ich behaupte nicht, dass jedes Medikament schlecht ist.

Und ich behaupte auch nicht, dass sämtliche Nebenwirkungen von Herstellern absichtlich verschwiegen werden.

Aber ich bin nach meinen Erfahrungen ausgesprochen kritisch geworden.

Besonders gegenüber dem Gedanken, dass ein ausführlicher Beipackzettel schon ausreichen könnte, um alle Beteiligten ihrer Verantwortung zu entheben.

Denn was hilft mir ein Warnhinweis, wenn ich mich bereits in einer psychotischen Krise befinde und meine Situation nicht mehr angemessen beurteilen kann?

Was hilft er einem Menschen, der in einem Zustand schwerer Verwirrung handelt?

Dann braucht es mehr als einen bedruckten Zettel.

Dann braucht es Menschen, die erkennen, was geschieht.

Und die handeln.

Meine Medikamente und ich – 2026

Und nun sitzen wir wieder im Oktober 2026.

Ich bin 61 Jahre alt.

Und nehme nach wie vor Medikamente gegen Epilepsie.

In diesem Jahr hat sich meine Behandlung erneut erheblich verändert.

Keppra wurde nach langer Zeit abgesetzt.

Cenobamat kam hinzu.

Lacosamid gehört ebenfalls zu meiner Behandlung.

Und auch Risperidon spielt weiterhin eine Rolle.

Man könnte meinen, nach fünfzig Jahren hätte ich langsam genug von dieser ganzen Geschichte.

Habe ich auch manchmal.

Sehr sogar.

Aber ich habe schließlich weiterhin Epilepsie.

Und damit muss ich umgehen.

Ich kann die Erkrankung nicht einfach wegdiskutieren.

Und ich kann auch nicht sämtliche Medikamente verteufeln, nur weil ich mit manchen furchtbare Erfahrungen gemacht habe.

Ich will schließlich möglichst wenige Anfälle haben.

Ich möchte denken können.

Arbeiten.

Schreiben.

Musik machen.

Mich mit Kunst, Geschichte und Mystik beschäftigen.

Und meinen Alltag leben.

Dafür brauche ich eine Behandlung, die möglichst gut funktioniert.

Aber ich möchte auch verstehen, was diese Behandlung mit mir macht.

Und ich möchte, dass meine eigenen Beobachtungen ernst genommen werden.

Nach fünfzig Jahren habe ich dazu schließlich einiges beizutragen.

Ein Gespräch mit meinem Neurologen

Ich stelle mir vor, ich sitze bei meinem Neurologen.

Vor uns liegt meine Medikamentenliste.

Eine ziemlich beeindruckende Ansammlung von Wirkstoffen.

Er erklärt mir, welche Möglichkeiten wir haben.

Welche Medikamente wirken könnten.

Welche Nebenwirkungen bekannt sind.

Und welche Wechselwirkungen berücksichtigt werden müssen.

Ich höre aufmerksam zu.

Denn mich interessiert das.

Ich möchte verstehen, warum ein Medikament vorgeschlagen wird.

Aber dann stelle ich meine Fragen.

„Was passiert, wenn ich davon wieder unerträglich müde werde?“

„Was machen wir, wenn die Kopfschmerzen zunehmen?“

„Welche psychiatrischen Nebenwirkungen sind möglich?“

„Und wie wollen wir feststellen, ob eine Veränderung tatsächlich durch das neue Medikament verursacht wird?“

Das sind keine Fragen aus grundsätzlichem Misstrauen.

Das sind Fragen aus Erfahrung.

Ich habe schließlich schon einiges erlebt.

Und wenn ich nach fünfzig Jahren Epilepsie noch immer bereit bin, neue Behandlungen auszuprobieren, dann erwarte ich auch, dass man meine Krankengeschichte ernst nimmt.

Nicht nur die Diagnosen.

Sondern die tatsächlichen Erfahrungen.

Denn die stehen nicht immer vollständig in den üblichen Tabellen.

Was ich der Susanne von 1976 erzählen würde

Ich stelle mir vor, ich besuche noch einmal die elfjährige Susanne in Bardowick.

Sie sitzt am Küchentisch.

Vor sich ihre ersten Epilepsietabletten.

Ich setze mich zu ihr.

„Na, Susanne.“

„Na.“

„Du wirst dich ziemlich lange mit diesen Dingern beschäftigen.“

Sie schaut auf die Packung.

„Wie lange?“

„Fünfzig Jahre. Mindestens.“

Sie reißt die Augen auf.

„Fünfzig Jahre?“

„Ja.“

„Und helfen die?“

Ich überlege.

„Manche sehr gut.“

„Und die anderen?“

„Manche weniger gut.“

Sie denkt nach.

„Dann sollen die Ärzte eben bessere erfinden.“

Ich muss lachen.

„Daran arbeiten sie tatsächlich.“

„Na also.“

So einfach kann die Welt mit elf Jahren sein.

Und vielleicht ist das gar nicht schlecht.

Denn trotz allem, was ich erlebt habe, bin ich froh, dass Menschen weiterhin Medikamente entwickeln und nach besseren Behandlungsmöglichkeiten suchen.

Ich wünsche mir nur, dass sie dabei nicht vergessen, wer diese Medikamente später einnimmt.

Menschen.

Mit einem Leben.

Mit Hoffnungen.

Mit Ängsten.

Und manchmal mit Erfahrungen, die überhaupt nicht in die schönen Erfolgsgeschichten eines Arzneimittels passen.

Was mir geblieben ist

Wenn ich heute auf fünfzig Jahre Medikamente zurückblicke, fallen mir viele Geschichten ein.

Die ersten Tabletten in Bardowick.

Meine Angst vor einer Schwangerschaft unter Valproinsäure.

Die unglaubliche Müdigkeit unter Carbamazepin.

Doris und ihr morgendlicher Radiowecker.

Die vier Jahre ohne große Anfälle unter Keppra.

Die zwei Flaschen Sekt für Frau Schmitz.

Die Psychosen.

Die abgeschnittene und wieder angenähte Hand.

Die vielen Operationen.

Der Risperdal-Entzug.

Und die neuen Medikamente des Jahres 2026.

Das ist keine gewöhnliche Medikamentenliste mehr.

Das ist eine Lebensgeschichte.

Und wenn ich noch einmal auf den Titel dieses Kapitels schaue, muss ich unwillkürlich lächeln.

Eine Tablette kommt selten allein.

Bei mir stimmt das jedenfalls.

Aber ich habe inzwischen eine ziemlich klare Vorstellung davon, was ich von der Medizin und der Pharmaindustrie erwarte.

Ich möchte wirksame Medikamente.

Ich möchte ehrliche Informationen.

Ich möchte, dass schwere Nebenwirkungen ernst genommen werden.

Und ich möchte, dass Verantwortung nicht dort aufhört, wo ein Beipackzettel beginnt.

Denn am Ende geht es nicht um die Frage, wie viele Warnhinweise ein Unternehmen auf Papier unterbringen kann.

Sondern um die Menschen, die mit den Folgen einer Behandlung leben müssen.

Und manchmal bezahlen sie dafür einen verdammt hohen Preis.

Kapitel 7

Ich bin nicht blöd, ich habe Epilepsie

Oder: Was ein Zeugnis über einen Menschen verrät – und was nicht

Berlin, Oktober 2026

Ich muss etwas gestehen.

Ich bin ein ausgesprochen neugieriger Mensch.

Das war schon immer so.

Wenn mich etwas interessiert, möchte ich es verstehen.

Nicht nur ungefähr.

Sondern möglichst richtig.

Ich kann mich stundenlang mit einer historischen Frage beschäftigen, einem Gemälde, einem philosophischen Text oder irgendeinem technischen Problem.

Und wenn ich dabei auf etwas stoße, das ich nicht weiß, werde ich erst richtig neugierig.

Das kann ziemlich anstrengend werden.

Vor allem für die Menschen, denen ich anschließend meine Fragen stelle.

Aber ich finde, Neugier ist eine wunderbare Eigenschaft.

Sie hat nur einen Nachteil.

Manchmal führt sie dazu, dass ich mitten in der Nacht vor meinem Computer sitze, weil mir plötzlich eine Frage eingefallen ist, deren Antwort ich unbedingt wissen möchte.

Und dann wird aus einer Frage die nächste.

Und aus der nächsten wieder eine.

Bis ich irgendwann feststelle, dass es draußen hell wird.

Nun könnte man meinen, dass ein Mensch, der sich freiwillig mit Philosophie, Architekturgeschichte, Theologie, Kunst und Technik beschäftigt, schon immer ausgesprochen gern zur Schule gegangen sein müsste.

Weit gefehlt.

Meine Schulzeit war teilweise der reinste Horror.

Und das hatte sehr viel mit meiner Epilepsie zu tun.

1975 – Ein Mädchen möchte aufs Gymnasium

Als ich 1975 auf das Gymnasium in Scharnebeck kam, war ich zehn Jahre alt.

Die Epilepsie hatte damals noch nicht begonnen.

Ich war ein ganz normales Mädchen aus Bardowick.

Neugierig.

Lebhaft.

Manchmal frech.

Und mit ziemlich vielen Interessen.

Scharnebeck lag ungefähr zehn Kilometer entfernt.

Wir fuhren mit dem Schulbus.

Das war eine Angelegenheit für sich.

Kinder aus verschiedenen Dörfern.

Lärm.

Gedränge.

Eine lange Fahrt mit vielen Haltestellen.

Und irgendwann kamen wir tatsächlich in der Schule an.

Ich war nicht unbedingt begeistert von diesen Fahrten.

Aber ich war auf dem Gymnasium.

Und das war zunächst einmal selbstverständlich.

Niemand hatte mir bis dahin erklärt, dass ich wegen einer neurologischen Erkrankung möglicherweise besser keine anspruchsvolle Schulausbildung bekommen sollte.

Die Erkrankung gab es ja noch gar nicht.

Ein Jahr später sah die Sache anders aus.

1976 – Plötzlich ist alles schwierig

Mit elf bekam ich meine ersten epileptischen Anfälle.

Und damit veränderte sich mein Schulalltag grundlegend.

Ich bekam Anfälle mitten im Unterricht.

Ohne Vorwarnung.

Ich konnte vom Stuhl fallen.

Krampfen.

Das Bewusstsein verlieren.

Und anschließend war ich vollkommen erschöpft.

Manchmal hatte ich mir auf die Zunge gebissen.

Manchmal war meine Kleidung nass.

Ich musste mich hinlegen.

Meine Mutter wurde angerufen.

Und schließlich fuhr ich nach Hause, um mehrere Stunden zu schlafen.

Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Unterrichtsstunden ich dadurch versäumt habe, wundert es mich überhaupt nicht, dass meine schulischen Leistungen irgendwann darunter litten.

Aber damals betrachtete man die Sache häufig anders.

Da war nun ein Mädchen mit Epilepsie.

Und dieses Mädchen sollte sich möglichst nicht überanstrengen.

Das war gut gemeint.

Davon bin ich überzeugt.

Nur hatte es Folgen.

Die Sache mit dem Gehirn

Ich finde es bemerkenswert, wie schnell Menschen aus einer Erkrankung des Gehirns Rückschlüsse auf die geistigen Fähigkeiten eines Menschen ziehen.

Bei einem gebrochenen Bein käme vermutlich niemand auf die Idee, dass ein Kind deshalb schlechter rechnen können müsste.

Bei Epilepsie sieht das offenbar anders aus.

Da ist das Gehirn betroffen.

Also liegt die Vermutung nahe, dass auch das Denken nicht richtig funktioniert.

Nur ist das viel zu einfach.

Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung mit immer denselben Auswirkungen.

Es gibt unterschiedliche Epilepsieformen.

Unterschiedliche Ursachen.

Unterschiedliche Anfälle.

Und natürlich auch unterschiedliche Menschen.

Manche haben erhebliche kognitive Einschränkungen.

Andere überhaupt nicht.

Bei manchen beeinflussen Anfälle, zugrunde liegende Hirnerkrankungen oder Medikamente die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis oder das Lerntempo.

Bei anderen ist das nicht der Fall.

Und manche Menschen haben ausgesprochen hohe geistige Fähigkeiten und gleichzeitig schwere epileptische Anfälle.

Das ist kein Widerspruch.

Warum sollte es auch einer sein?

Ein Mensch kann schließlich sehr klug sein und trotzdem eine neurologische Erkrankung haben.

Ich finde diesen Gedanken eigentlich ziemlich selbstverständlich.

Aber offensichtlich war er das nicht immer.

Eine Begegnung mit der dreizehnjährigen Susanne

Ich stelle mir vor, ich besuche meine jüngere Ausgabe in Scharnebeck.

Sie sitzt vor ihren Schulheften.

Vielleicht hat sie gerade Französischunterricht gehabt.

Vielleicht Mathematik.

Jedenfalls sieht sie nicht besonders glücklich aus.

„Na, Susanne.“

Sie schaut auf.

„Na.“

„Was machst du?“

„Hausaufgaben.“

„Und?“

„Scheiße.“

Das ist immerhin eine klare Antwort.

„Warum?“

„Weil ich keine Lust habe.“

Ich setze mich zu ihr.

„Was ist denn los?“

Sie schaut mich an.

„Ich habe schon wieder Unterricht verpasst.“

„Wegen eines Anfalls?“

Sie nickt.

„Und jetzt verstehe ich das hier nicht.“

Sie zeigt auf ihr Heft.

Ich schaue hinein.

Und denke:

Ja, das kann passieren.

Wenn man nicht da war, als etwas erklärt wurde, fehlt einem unter Umständen die Grundlage für das, was danach kommt.

Das ist kein Mangel an Intelligenz.

Das ist ein Mangel an Unterricht.

Aber aus Sicht der Schule sieht man zunächst einmal das Ergebnis.

Die Schülerin kann eine Aufgabe nicht lösen.

Ihre Note wird schlechter.

Und schon steht die Frage im Raum, ob sie vielleicht überfordert ist.

Ich würde die jüngere Susanne gern etwas fragen.

„Glaubst du eigentlich, dass du dumm bist?“

Sie schaut mich empört an.

„Nee!“

„Gut.“

„Ich war doch bloß nicht da.“

Das ist eine Antwort, die ich sehr ernst nehme.

Denn genau hier beginnt ein Problem, das mich bis heute beschäftigt.

Nicht jede schlechte Leistung ist Ausdruck einer mangelnden Fähigkeit.

Manchmal fehlen schlicht die Voraussetzungen, unter denen eine gute Leistung möglich wäre.

Eine Klasse wiederholen – ohne eine Fünf

Nun kommen wir zu einer Entscheidung, die mich damals tief verletzt hat.

Ich musste die siebte Klasse wiederholen.

Nicht, weil ich eine Fünf im Zeugnis hatte.

Ich hatte keine.

Sondern weil meine Eltern wollten, dass ich es leichter hatte.

Ich sollte mich schonen.

Weniger Leistungsdruck.

Weniger Stress.

Vielleicht weniger Anfälle.

Das waren die Überlegungen.

Ich kann sie heute nachvollziehen.

Meine Eltern hatten Angst um mich.

Sie sahen, wie schlecht es mir nach den Anfällen ging.

Sie wussten, dass ich Unterricht versäumte.

Und sie wollten verhindern, dass ich mich überforderte.

Aber für mich war die Entscheidung furchtbar.

Ich musste meine Klasse verlassen.

Meine Mitschüler.

Meinen Lehrer Barthel.

Und in einen anderen Klassenverband wechseln.

Ich war sitzen geblieben.

So nannte man das.

Dabei hatte ich das Schuljahr nicht wegen schlechter Noten wiederholen müssen.

Ich weiß noch, wie sehr ich darunter litt.

Ich habe heimlich geweint.

Und ich fand es ungerecht.

Denn mir wurde etwas genommen, das für die Erwachsenen vermutlich nur eine organisatorische Entscheidung war.

Für mich war es ein Stück Zugehörigkeit.

Ich hatte ohnehin Schwierigkeiten mit meinen Mitschülern.

Und nun sollte ich auch noch die Klasse verlassen.

Ich kann nicht behaupten, dass diese Entscheidung mein gesamtes späteres Leben bestimmt hätte.

So einfach ist das nicht.

Aber sie gehört zu den Erinnerungen, die geblieben sind.

Weil sie mir gezeigt hat, dass andere Menschen sehr weitreichende Entscheidungen über mich treffen konnten, obwohl ich selbst die Konsequenzen tragen musste.

Was hätte man anders machen können?

Heute würde ich wahrscheinlich ziemlich viele Fragen stellen.

Wie viele Unterrichtsstunden hat Susanne tatsächlich versäumt?

Welche Lerninhalte fehlen ihr?

Kann man diese nachholen?

Welche Unterstützung wäre möglich?

Wie geht es ihr mit den Medikamenten?

Und vor allem:

Was möchte Susanne selbst?

Ich weiß natürlich, dass wir über die siebziger Jahre sprechen.

Damals gab es nicht dieselben Möglichkeiten individueller schulischer Unterstützung wie heute.

Und ich möchte meine Eltern nicht nachträglich für etwas verurteilen, das sie aus Sorge entschieden haben.

Aber ich frage mich, ob es nicht auch damals andere Wege gegeben hätte.

Vielleicht hätte ich Nachhilfe bekommen können.

Vielleicht hätte man den Unterrichtsstoff gezielt mit mir nacharbeiten können.

Vielleicht hätte jemand einmal mit mir darüber sprechen sollen, wie ich selbst meine Situation einschätzte.

Denn ich war zwar ein Kind.

Aber ich war nicht ohne Meinung.

Wer mich kennt, weiß das.

Latein oder Französisch?

Es gibt noch eine andere Erinnerung aus dieser Zeit.

In der siebten Klasse stand die zweite Fremdsprache zur Wahl.

Latein oder Französisch.

Ich wollte Latein.

Unbedingt.

Mich interessierten damals bereits Geschichte und Religion.

Und ich dachte darüber nach, vielleicht irgendwann Theologie, Philosophie oder Medizin zu studieren.

Latein erschien mir dafür ausgesprochen passend.

Aber meine Mutter fand das nicht besonders sinnvoll.

„Susanne, mit Latein kannst du doch nichts anfangen. Das ist eine tote Sprache. Nimm Französisch.“

Also nahm ich Französisch.

Nicht allein wegen meiner Mutter.

Ich wollte ihr auch gefallen.

Und ich wollte bei bestimmten Mitschülern dazugehören.

Wie das eben so ist, wenn man jung ist.

Manchmal trifft man Entscheidungen, die gar nicht den eigenen Interessen entsprechen.

Und merkt das erst viel später.

Heute finde ich die damalige Diskussion ziemlich amüsant.

Eine tote Sprache!

Wenn ich inzwischen bedenke, wie oft ich mich mit lateinischen Texten, theologischen Begriffen, historischen Quellen und philosophischen Traditionen beschäftige, muss ich darüber lachen.

Tot ist Latein jedenfalls nicht in dem Sinne, dass es für mich bedeutungslos wäre.

Im Gegenteil.

Es begegnet mir ständig.

Nur habe ich es damals eben nicht gelernt.

Und deshalb muss ich heute gelegentlich nachschlagen.

Was mich wiederum zu neuen Fragen führt.

Und die Sache beginnt von vorn.

Kinder, Küche, Kirche

Was meine Eltern für meine Zukunft vorgesehen hatten, war nicht unbedingt das, was ich mir selbst vorstellte.

Sie wünschten sich, dass ich später einen vernünftigen Beruf erlernte.

Einen, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdienen konnte.

Möglichst ohne zu große Belastungen.

Ein Studium hielten sie für schwierig.

Nicht zuletzt wegen meiner Epilepsie.

Und natürlich spielte auch die damalige Vorstellung davon eine Rolle, wie das Leben einer jungen Frau aussehen sollte.

Ein Beruf.

Eine Familie.

Ein möglichst geregeltes Leben.

Ich hatte dagegen ganz andere Gedanken.

Ich wollte lernen.

Ich wollte verstehen.

Ich wollte wissen, wie die Welt funktioniert.

Und ich wollte nicht schon mit dreizehn Jahren festgelegt bekommen, welche geistigen Herausforderungen angeblich zu anstrengend für mich wären.

Allerdings muss ich heute auch etwas einräumen.

Meine Eltern hatten nicht völlig unrecht mit ihrer Sorge, dass ein Studium unter meinen gesundheitlichen Bedingungen schwierig werden könnte.

Das wurde es tatsächlich.

Aber daraus folgt nicht, dass ich geistig nicht dazu fähig gewesen wäre.

Und genau diesen Unterschied möchte ich herausarbeiten.

Können und Leisten sind nicht dasselbe

Ich finde, hier liegt ein wesentlicher Punkt.

Ein Mensch kann zu einer bestimmten geistigen Leistung grundsätzlich fähig sein und sie trotzdem unter bestimmten Umständen nicht erbringen.

Weil er krank ist.

Weil er Schmerzen hat.

Weil er schlecht geschlafen hat.

Weil Medikamente seine Aufmerksamkeit beeinträchtigen.

Oder weil er gerade einen epileptischen Anfall hinter sich hat.

Das ist etwas anderes, als die Aufgabe grundsätzlich nicht verstehen zu können.

Wenn ich nach einem schweren Anfall vier oder fünf Stunden tief schlafen muss, kann ich in dieser Zeit keine Mathematikaufgaben lösen.

Daraus folgt aber nicht, dass ich Mathematik nicht verstehe.

Wenn ich unter Carbamazepin unerträglich müde bin, kann ich möglicherweise nicht dieselbe Leistung erbringen wie an einem wachen, konzentrierten Tag.

Aber meine geistigen Fähigkeiten sind dadurch nicht automatisch verschwunden.

Man muss unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch kann, und dem, was er unter bestimmten Bedingungen gerade leisten kann.

Das klingt einfach.

Hat aber weitreichende Konsequenzen.

Für die Schule.

Für die Ausbildung.

Für den Beruf.

Und für die Art, wie wir über Menschen mit chronischen Erkrankungen urteilen.

Die Sache mit Isabelle

In meiner Schulzeit gab es noch ein Erlebnis, das mich sehr beschäftigt hat.

Wir hatten einen Schüleraustausch mit Frankreich.

Mir wurde eine Austauschschülerin aus Clamart bei Paris zugeteilt.

Isabelle.

Sie kam aus einem ausgesprochen gebildeten Elternhaus.

Ihre Familie hatte akademische Berufe.

Sie selbst interessierte sich für klassische Musik.

Und ich fand sie damals ziemlich altmodisch.

Hornbrille.

Lange blonde Zöpfe.

Kleidung, die nicht gerade meinem damaligen Geschmack entsprach.

Ich mochte sie nicht besonders.

Aber gleichzeitig bewunderte ich sie.

Vor allem ihre Familie.

Ich hatte damals eine merkwürdige Vorstellung davon, was Bildung mit gesellschaftlichem Ansehen zu tun hatte.

Mein Vater war Sattler-, Polster- und Tapezierermeister.

Meine Mutter Hausfrau.

Und ich schämte mich manchmal dafür, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gab.

Ich beneidete Isabelle um ihr akademisches Elternhaus.

Das ist heute eine Erinnerung, bei der ich ein bisschen über mich selbst den Kopf schüttele.

Denn natürlich ist ein Handwerksmeister nicht weniger wert als ein Arzt oder Staatsanwalt.

Aber damals empfand ich das anders.

Isabelle war zwei Wochen bei uns.

Anschließend sollte ich zu ihrer Familie nach Frankreich reisen.

Nach Paris.

Darauf freute ich mich.

Und dann bekam ich einen schweren epileptischen Anfall.

Ich durfte nicht mitfahren.

Das war bitter.

Sehr bitter.

Denn da war sie wieder.

Diese Krankheit.

Und schon hatte sie sich in etwas eingemischt, das ich unbedingt erleben wollte.

Ich blieb zu Hause.

Paris musste ohne mich auskommen.

Was ich damals ziemlich ungerecht fand.

Was eine Schule eigentlich leisten sollte

Ich habe später oft darüber nachgedacht, was Schule für Kinder mit chronischen Erkrankungen bedeutet.

Natürlich geht es darum, Wissen zu vermitteln.

Lesen.

Schreiben.

Mathematik.

Fremdsprachen.

Naturwissenschaften.

Geschichte.

Aber Schule ist auch ein sozialer Raum.

Ein Ort, an dem Kinder Freundschaften schließen.

Sich miteinander vergleichen.

Erfolge erleben.

Und manchmal furchtbar untereinander sein können.

Ich weiß das.

Denn ich wurde wegen meiner Epilepsie gemieden, ausgelacht und ausgegrenzt.

Das hat wehgetan.

Besonders in einem Alter, in dem man dazugehören möchte.

Ich war keineswegs ein stilles, schüchternes Kind, das sich immer nur in eine Ecke setzte.

Im Gegenteil.

Ich konnte laut sein.

Frech.

Und durchaus selbstbewusst auftreten.

Aber das bedeutete nicht, dass mir die Ablehnung meiner Mitschüler nichts ausmachte.

Man kann nach außen ziemlich cool wirken und innerlich trotzdem verletzt sein.

Das wissen Jugendliche vermutlich besser als manche Erwachsene.

Ein Gespräch mit einem Lehrer von damals

Stellen wir uns vor, ich könnte einen Lehrer aus meiner Schulzeit besuchen.

Nicht, um ihn nachträglich zur Rechenschaft zu ziehen.

Sondern um etwas zu verstehen.

„Guten Tag.“

„Guten Tag, Frau Albers.“

„Ich möchte mit Ihnen über Epilepsie sprechen.“

„Ja?“

„Was wussten Sie damals eigentlich darüber?“

Er müsste vermutlich überlegen.

Vielleicht hätte er erklärt, dass epileptische Anfälle gefährlich sein können.

Dass man aufpassen muss.

Dass ein Kind nach einem Anfall Ruhe braucht.

Alles richtig.

Aber dann würde ich fragen:

„Und was wussten Sie über die Auswirkungen auf das Lernen?“

Vielleicht hätte er darauf keine genaue Antwort gehabt.

„Wie haben Sie unterschieden zwischen mangelnder Begabung, versäumtem Unterricht und Nebenwirkungen von Medikamenten?“

Das wäre eine interessante Frage.

Und dann noch eine:

„Haben Sie Susanne eigentlich einmal gefragt, was sie selbst braucht?“

Ich weiß nicht, was er antworten würde.

Vielleicht hätten Lehrer damals tatsächlich gern mehr geholfen, aber ihnen fehlten die Kenntnisse und Möglichkeiten.

Vielleicht waren sie mit der Situation überfordert.

Vielleicht gab es auch welche, die es sich zu einfach machten.

Ich möchte das nicht pauschal beurteilen.

Aber ich glaube, dass die Frage nach den tatsächlichen Bedürfnissen eines Kindes eine zentrale Aufgabe jeder Schule sein sollte.

Und zwar unabhängig davon, ob dieses Kind eine chronische Erkrankung hat oder nicht.

Berlin – Ich studiere trotzdem

1988 zog ich nach Berlin.

Und irgendwann landete ich an der Technischen Universität.

Ich studierte.

Später Architektur.

Und plötzlich beschäftigte ich mich mit Dingen, die mich wirklich interessierten.

Zeichnen.

Konstruieren.

Räume verstehen.

Gebäude entwerfen.

Technische Zusammenhänge begreifen.

Ich hatte bereits eine Ausbildung als technische Zeichnerin hinter mir.

Deshalb fiel mir manches leichter.

In einigen Fächern kam ich sehr gut zurecht.

Ich konnte hervorragende Leistungen erbringen.

Und ich hatte Freude daran.

Das ist für mich bis heute eine wichtige Erinnerung.

Denn da saß nun eine junge Frau an einer Universität, der man früher geraten hatte, sich möglichst nicht zu überfordern.

Und sie konnte studieren.

Nicht immer problemlos.

Nicht ohne Schwierigkeiten.

Aber sie konnte es.

Zwanzig Semester und kein gerader Lebenslauf

Nun muss ich allerdings auch hier ehrlich sein.

Mein Studium war keine Geschichte, in der ich mit einem glänzenden Abschluss in Rekordzeit alle Skeptiker widerlegte.

So war mein Leben nie.

Ich studierte über viele Semester.

Insgesamt zwanzig.

Ich wechselte Interessen.

Arbeitete nebenbei.

Hatte unterschiedliche Jobs.

Und natürlich mischte sich die Epilepsie weiterhin ein.

Manchmal ging es gesundheitlich besser.

Dann wieder schlechter.

Ich bekam Anfälle.

Musste mich erholen.

Und versuchte anschließend weiterzumachen.

Dazu kam, dass mich unzählige Dinge gleichzeitig interessierten.

Ich konnte mich für Architektur begeistern.

Aber ebenso für Kunstgeschichte.

Für Philosophie.

Für Religion.

Für Musik.

Für gesellschaftliche Fragen.

Und manchmal wusste ich überhaupt nicht, womit ich mich zuerst beschäftigen sollte.

Man könnte sagen, ich war nicht unbedingt die ideale Studentin für einen streng durchorganisierten Studienverlauf.

Aber ich war neugierig.

Und ich wollte lernen.

Das war der entscheidende Punkt.

Ich möchte nicht, dass jemand meine zwanzig Semester romantisiert.

Natürlich hätte ich manches anders machen können.

Und nicht alles, was schwierig war, lag an der Epilepsie.

Aber ich möchte ebenso wenig, dass aus einem langen, nicht abgeschlossenen Studium ein Urteil über meine geistigen Fähigkeiten gemacht wird.

Denn ein Lebenslauf ist kein Intelligenztest.

Moskau und die Welt außerhalb des Hörsaals

Während meiner Studienzeit arbeitete ich auch als studentische Mitarbeiterin.

Ich bekam einen Tutorenjob an der TU.

Und nahm an studentischen Austauschprogrammen teil.

Unter anderem führte mich das nach Moskau.

Das war in den neunziger Jahren.

Für mich eine aufregende Zeit.

Ich lernte andere Menschen kennen.

Andere Orte.

Andere Arbeitsweisen.

Und ich erlebte, dass ich trotz meiner Epilepsie in einem akademischen Umfeld anerkannt sein konnte.

Das fand ich großartig.

Denn hier ging es plötzlich nicht darum, ob ich wegen meiner Anfälle besser eine Klasse wiederholen sollte.

Hier ging es darum, was ich beitragen konnte.

Was ich wusste.

Was ich lernen konnte.

Und wie ich mit anderen Menschen zusammenarbeitete.

Natürlich hatte ich weiterhin meine gesundheitlichen Schwierigkeiten.

Aber die waren nicht meine gesamte Persönlichkeit.

Das war eine wohltuende Erfahrung.

Was misst eigentlich ein Intelligenztest?

Jetzt möchte ich etwas grundsätzlicher werden.

Denn wir reden die ganze Zeit über Intelligenz.

Aber was ist das überhaupt?

Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht.

In der Psychologie werden unter anderem Fähigkeiten wie logisches Schlussfolgern, sprachliches Verständnis, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen untersucht.

Daraus können standardisierte Testergebnisse entstehen.

Solche Tests können sehr nützlich sein.

Besonders dann, wenn man bestimmte Stärken und Schwierigkeiten erkennen möchte.

Aber sie erfassen nicht jede menschliche Fähigkeit.

Und sie sind auch nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen jemand getestet wird.

Wenn ein Mensch gerade schwer erschöpft ist, Schmerzen hat oder unter sedierenden Medikamenten steht, kann das seine Testleistung beeinflussen.

Deshalb muss man Ergebnisse im Zusammenhang betrachten.

Und das gilt bei Menschen mit Epilepsie ganz besonders.

Ich finde diese Unterscheidung wichtig.

Denn manchmal wird aus einer Zahl sehr schnell ein Urteil über einen ganzen Menschen.

Und dann wird aus einer Untersuchung plötzlich eine Schublade.

Da passe ich ausgesprochen ungern hinein.

Kann Epilepsie das Denken beeinträchtigen?

Natürlich kann sie das.

Ich möchte hier keine falschen Behauptungen aufstellen.

Es gibt Epilepsieformen und zugrunde liegende Erkrankungen, die erhebliche Auswirkungen auf die geistige Entwicklung haben können.

Auch häufige Anfälle können Aufmerksamkeit und Gedächtnis beeinflussen.

Und bestimmte Medikamente können die Konzentration oder Verarbeitungsgeschwindigkeit beeinträchtigen.

Das muss man ernst nehmen.

Aber es ist eben nicht bei jedem Menschen mit Epilepsie gleich.

Und aus der Diagnose allein lässt sich nicht ableiten, wie intelligent jemand ist.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Ich kann eine neurologische Erkrankung haben und gleichzeitig eine große Begeisterung für anspruchsvolle geistige Tätigkeiten.

Ich kann in bestimmten Situationen Gedächtnisprobleme erleben und trotzdem komplexe Zusammenhänge verstehen.

Und ich kann nach einem schweren Anfall stundenlang erschöpft sein, ohne deshalb grundsätzlich weniger intelligent zu sein.

Das sind unterschiedliche Dinge.

Man sollte sie nicht durcheinanderwerfen.

Was mein Kopf heute so alles macht

Nun sitzen wir wieder im Jahr 2026.

Ich bin 61 Jahre alt.

Und beschäftige mich mit Dingen, die mich begeistern.

Ich schreibe Texte.

Ich entwickle Unterrichtsmaterialien.

Ich beschäftige mich mit Geschichte und Philosophie.

Ich untersuche Kunstwerke.

Ich produziere Musik.

Ich baue Webseiten.

Und ich versuche, komplizierte Zusammenhänge so aufzubereiten, dass auch andere Menschen etwas damit anfangen können.

Manchmal denke ich dabei an die dreizehnjährige Susanne.

An das Mädchen, das eigentlich Latein lernen wollte.

Und dem man erklärte, dass es sich besser nicht zu sehr anstrengen sollte.

Wenn sie sehen könnte, womit ich mich heute beschäftige, würde sie vermutlich ziemlich große Augen machen.

Nicht unbedingt, weil sie alles verstehen würde.

Sondern weil sie erkennen könnte, dass ihre Neugier nie verschwunden ist.

Ich finde diesen Gedanken schön.

Wissen ist kein Wettbewerb

Nun möchte ich aber nicht den nächsten Fehler machen.

Ich möchte meine Epilepsie nicht dadurch rechtfertigen, dass ich mich mit besonders anspruchsvollen Themen beschäftige.

Das wäre Unsinn.

Ein Mensch mit Epilepsie muss nicht studieren.

Er muss nicht philosophieren.

Er muss keine Bücher schreiben.

Und er muss schon gar nicht besonders intelligent sein, um respektiert zu werden.

Auch Menschen mit erheblichen kognitiven Einschränkungen haben selbstverständlich dieselbe Würde.

Ich finde das wichtig.

Denn sonst würden wir nur ein Vorurteil gegen ein anderes austauschen.

Dann hieße es plötzlich:

Schaut her, Susanne ist trotz Epilepsie intelligent, also ist sie etwas Besonderes.

Nein.

Ich bin ein Mensch.

Und meine geistigen Interessen sind ein Teil meiner Persönlichkeit.

Nicht die Voraussetzung dafür, dass man mich ernst nehmen sollte.

Das gilt für jeden anderen Menschen genauso.

Die Sache mit dem Etikett

Wenn ich über meine Schulzeit nachdenke, fällt mir auf, wie mächtig bestimmte Etiketten sein können.

Epileptikerin.

Krank.

Nicht belastbar.

Überfordert.

Solche Begriffe können irgendwann anfangen, das Bild eines Menschen zu bestimmen.

Und manchmal übernimmt der Betroffene dieses Bild sogar selbst.

Ich glaube, das ist besonders gefährlich.

Denn wenn einem immer wieder gesagt wird, dass man bestimmte Dinge wahrscheinlich nicht schaffen wird, kann man irgendwann aufhören, es überhaupt zu versuchen.

Nicht, weil man dazu unfähig wäre.

Sondern weil man glaubt, es sei ohnehin sinnlos.

Ich hatte das Glück, dass meine Neugier stärker blieb.

Ich wollte trotzdem wissen, was möglich war.

Ich wollte lernen.

Ich wollte ausprobieren.

Und ich wollte meinen eigenen Weg gehen.

Der war nicht gerade.

Aber er war meiner.

Noch einmal in die siebte Klasse

Zum Schluss möchte ich die dreizehnjährige Susanne noch einmal besuchen.

Sie sitzt vor ihren Schulheften.

Die Entscheidung, dass sie die Klasse wiederholen soll, ist bereits gefallen.

Sie ist traurig.

Und sie findet es ungerecht.

Ich setze mich neben sie.

„Susanne?“

„Was denn?“

„Du wirst später tatsächlich studieren.“

Sie schaut auf.

„Echt?“

„Ja.“

„Was denn?“

„Unter anderem Architektur.“

Sie überlegt.

„Ist das nicht schwer?“

„Manchmal.“

„Und schaff ich das?“

Ich denke nach.

Denn ich möchte ihr nichts vormachen.

„Du wirst in manchen Fächern sehr gute Leistungen erbringen. Aber du wirst auch Schwierigkeiten bekommen.“

„Wegen der Epilepsie?“

„Auch.“

„Und was wird aus mir?“

Das ist eine große Frage.

Für eine Dreizehnjährige.

Und auch für eine 61-Jährige.

Ich schaue sie an.

„Du wirst sehr viel lernen.“

Sie schweigt.

Dann fragt sie:

„Darf ich später trotzdem noch Latein lernen?“

Ich muss lachen.

„Natürlich.“

„Gut.“

Sie nimmt ihren Stift.

Und wendet sich wieder ihren Hausaufgaben zu.

Ich lasse sie in Ruhe.

Denn sie hat noch viel vor sich.

Und ich weiß etwas, das sie damals noch nicht wissen konnte.

Das Zeugnis der siebten Klasse wird nicht darüber entscheiden, welche Fragen sie sich fünfzig Jahre später stellt.

Was ich aus meiner Schulzeit mitgenommen habe

Ich habe die Schule nicht besonders geliebt.

Das liegt nicht daran, dass ich nicht gern lernte.

Sondern daran, dass Lernen und Schule für mich zeitweise zwei sehr unterschiedliche Dinge waren.

Die Schule war ein Ort, an dem ich mich oft unwohl fühlte.

An dem ich Anfälle bekam.

An dem andere Kinder mich auslachten.

Und an dem Entscheidungen getroffen wurden, die ich kaum beeinflussen konnte.

Das Lernen dagegen ist mir geblieben.

Meine Neugier.

Meine Freude daran, Zusammenhänge zu verstehen.

Und mein Wunsch, neue Dinge zu entdecken.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Geschichte.

Ich sollte mich damals möglichst schonen.

Und heute sitze ich manchmal stundenlang an einem philosophischen Text, weil ich unbedingt herausfinden möchte, was ein Mensch vor fünfhundert Jahren gedacht hat.

Ich sollte mich nicht überfordern.

Und heute beschäftige ich mich freiwillig mit Themen, bei denen andere Menschen schon nach der Überschrift das Buch wieder zuklappen würden.

Das ist nicht unbedingt vernünftig.

Aber es macht mir Spaß.

Und das darf es auch.

Denn mein Gehirn hat in den vergangenen fünfzig Jahren eine ganze Menge Unsinn veranstaltet.

Es hat epileptische Anfälle produziert.

Es hat mir Schmerzen bereitet.

Es hat mich manchmal vollkommen im Stich gelassen.

Aber es hat auch gedacht.

Gelernt.

Gefragt.

Gezweifelt.

Und sich immer wieder für etwas Neues begeistert.

Und wenn ich auf all das zurückblicke, fällt mir ein Satz ein, den ich gern meinem damaligen Schulzeugnis hinzufügen würde:

Ich bin nicht blöd. Ich habe Epilepsie.

Und damit ist eigentlich alles gesagt.

Kapitel 8

Was macht ihr eigentlich, wenn ich umfalle?

Oder: Von tausend Studenten, einer geschenkten Pizza und einer Cocker-Spaniel-Dame ohne Approbation

Berlin, Oktober 2026

Ich habe in meinem Leben so viele epileptische Anfälle bekommen, dass ich irgendwann aufgehört habe, sie alle zählen zu wollen.

Es dürften mehr als dreihundert große Anfälle gewesen sein.

Dazu unzählige kleinere.

Manche zu Hause.

Manche im Krankenhaus.

Manche unterwegs.

Und manche an Orten, an denen ein epileptischer Anfall wirklich ausgesprochen unpraktisch ist.

Wobei es dafür vermutlich überhaupt keinen praktischen Ort gibt.

Aber es macht schon einen Unterschied, ob man im eigenen Bett einen Anfall bekommt oder mitten in einer Mathematikvorlesung mit tausend Studenten.

Ich habe beides erlebt.

Und noch einiges mehr.

Das Merkwürdige daran ist, dass ich bei vielen dieser großen Anfälle selbst gar nicht richtig mitbekommen habe, was geschah.

Andere Menschen konnten mir hinterher erzählen, wie ich umgefallen war.

Wie ich gekrampft hatte.

Wie lange der Anfall dauerte.

Wer geholfen hatte.

Und wie ich schließlich ins Krankenhaus gekommen war.

Ich selbst wusste davon manchmal überhaupt nichts.

Das ist eine eigenartige Angelegenheit.

Mein eigener Körper veranstaltet ein Riesentheater.

Und ausgerechnet ich bekomme die Vorstellung nicht mit.

Deshalb handelt dieses Kapitel nicht nur von meinen epileptischen Anfällen.

Es handelt vor allem von den Menschen, die dabei waren.

Von Menschen, die geholfen haben.

Von Menschen, die überfordert waren.

Von solchen, die mich verletzt haben.

Und von einem Cocker Spaniel, der einer geplanten Nasenoperation auf sehr ungewöhnliche Weise zuvorkam.

Aber fangen wir vorne an.

1988 – Höhere Mathematik und ein voller Hörsaal

Als ich 1988 nach Berlin kam, war alles neu.

Die Stadt.

Die Universität.

Die Menschen.

Und natürlich die Vorstellung, dass ich nun studieren würde.

Ich hatte zunächst ein Lehramtsstudium begonnen, bevor ich später zur Architektur wechselte.

Dazu gehörte unter anderem Höhere Mathematik für Ingenieure.

Mathematik I und II.

Das war keine kleine Veranstaltung, bei der ein Professor vor zwanzig Studenten stand und gemütlich Differentialgleichungen erklärte.

Nein.

Diese Vorlesungen waren für zahlreiche technische Studiengänge vorgesehen.

Ingenieure.

Lehramtsstudenten.

Und alle möglichen anderen Studierenden, die sich mit dieser Mathematik beschäftigen mussten.

Montags und donnerstags morgens von acht bis zehn saßen wir im Audimax der Technischen Universität Berlin.

Im großen Hörsaal.

Mit ungefähr tausend Menschen.

Ich war gerade erst angekommen in dieser Stadt.

Ich musste mich orientieren.

Mich an die Universität gewöhnen.

Und ich war natürlich auch ein bisschen stolz darauf, dass ich jetzt tatsächlich studierte.

Irgendwann während einer der allerersten Vorlesungen saß ich mitten in diesem gewaltigen Hörsaal.

Und bekam einen großen epileptischen Anfall.

Einfach so.

Ohne Vorwarnung.

Mitten während der Mathematik.

Ich weiß nicht, ob der Professor gerade etwas besonders Anspruchsvolles an die Tafel schrieb.

Das wäre natürlich eine schöne Erklärung gewesen.

Aber nein.

Meine Epilepsie brauchte keinen mathematischen Anlass.

Sie kam auch ohne Differentialrechnung hervorragend zurecht.

Tausend Studenten müssen raus

Was anschließend geschah, war beeindruckend.

Die Technische Universität setzte offenbar ihr vollständiges Notfallprogramm in Gang.

Die Feuerwehr wurde gerufen.

Der Hörsaal wurde geräumt.

Ungefähr tausend Studierende mussten die Vorlesung verlassen.

Und ich wurde ins Krankenhaus gebracht.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Eine einzige Studentin bekommt einen epileptischen Anfall.

Und plötzlich steht der gesamte Lehrbetrieb still.

Tausend Menschen verlassen den Hörsaal.

Rettungskräfte kommen.

Und irgendwo mittendrin liege ich.

Bewusstlos.

Oder inzwischen bereits wieder benommen.

Jedenfalls kaum in der Lage, dieses ganze organisatorische Spektakel zu verfolgen.

Ich würde wirklich gern wissen, was die anderen Studenten damals gedacht haben.

Vielleicht hatten einige Angst.

Vielleicht waren manche neugierig.

Und vielleicht gab es auch Studenten, die sich insgeheim darüber freuten, dass die Mathematikvorlesung unerwartet ausfiel.

Das weiß ich natürlich nicht.

Aber ich kann mir vorstellen, dass dieser Vormittag einigen Menschen in Erinnerung geblieben ist.

Mir jedenfalls.

Nicht unbedingt wegen der eigentlichen Anfallssekunden.

Sondern wegen allem, was daraus folgte.

Besuch im Audimax

Ich stelle mir vor, ich könnte als Susanne von 2026 noch einmal in diesen Hörsaal zurückkehren.

Die Studierenden sitzen auf ihren Plätzen.

Vorne steht der Professor.

Es ist früh am Morgen.

Die Vorlesung beginnt.

Und irgendwo in der Mitte sitzt meine 23-jährige Ausgabe.

Noch ziemlich neu in Berlin.

Noch ziemlich neu an der Universität.

Und mit einer Epilepsie, die sich offensichtlich wenig für den Stundenplan interessiert.

Ich würde mich gern neben sie setzen.

„Na, Susanne.“

Sie schaut mich an.

„Na.“

„Wie gefällt dir Berlin?“

„Gut.“

„Und die Mathematik?“

„Muss ich halt machen.“

„Weißt du eigentlich, was gleich passiert?“

Sie schaut misstrauisch.

„Was denn?“

Ich würde kurz überlegen.

Denn was soll ich ihr sagen?

Dass sie gleich einen großen Anfall bekommt?

Dass tausend Studenten deshalb den Hörsaal verlassen müssen?

Dass sie anschließend im Krankenhaus landet?

Vielleicht würde ich ihr nur sagen:

„Du wirst heute noch ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen.“

„Warum?“

„Das erkläre ich dir später.“

Sie würde mich vermutlich für vollkommen bescheuert halten.

Und kurz darauf wäre die Vorlesung tatsächlich vorbei.

Jedenfalls für uns beide.

Kaiserin-Augusta-Straße – Stillstand im Untergrund

Ein anderes Mal erwischte mich meine Epilepsie in der Berliner U-Bahn.

Am U-Bahnhof Kaiserin-Augusta-Straße in Tempelhof.

Ich kann den genauen Ablauf heute nicht mehr vollständig rekonstruieren.

Es war eine hochdramatische Situation im Zusammenhang mit einer einfahrenden U-Bahn.

Ich erinnere mich daran, dass ich möglicherweise vor den Zug gestürzt war oder mich in einer äußerst gefährlichen Situation unmittelbar an der Bahn befand.

Auch der weitere Ablauf rund um den Waggon ist mir nicht mehr vollständig gegenwärtig.

Was mir aber sehr deutlich in Erinnerung geblieben ist, war das gewaltige Aufgebot an Rettungs- und Sicherheitsmaßnahmen.

Der Bahnhof wurde abgesperrt beziehungsweise geräumt.

Der U-Bahn-Verkehr wurde unterbrochen.

Und wieder war meine Epilepsie dafür verantwortlich, dass plötzlich sehr viele Menschen ihre ursprünglichen Pläne ändern mussten.

Ich finde das bis heute bemerkenswert.

Ein epileptischer Anfall dauert möglicherweise nur wenige Minuten.

Aber seine Auswirkungen können einen ganzen Bahnhof betreffen.

Züge stehen still.

Menschen warten.

Rettungskräfte kommen.

Und irgendwo befindet sich ein Mensch, der überhaupt nicht beabsichtigt hatte, den Berliner Nahverkehr durcheinanderzubringen.

Ich jedenfalls hatte an diesem Tag ganz bestimmt nicht vor, eine U-Bahn-Linie lahmzulegen.

Ich wollte einfach nur irgendwo hinfahren.

Wie andere Menschen auch.

Und dann kam der Anfall.

Das Theater, das ich selbst nicht sehen konnte

Bei solchen Ereignissen beschäftigt mich ein Gedanke besonders.

Ich habe durch meine Anfälle manchmal gewaltige Rettungseinsätze ausgelöst.

Aber während die Feuerwehr kam, Menschen den Bahnhof verließen oder ein Hörsaal geräumt wurde, bekam ich selbst von vielem überhaupt nichts mit.

Erst später erfuhr ich, welches Aufgebot meinetwegen entstanden war.

Das muss für Außenstehende eine außergewöhnliche Situation gewesen sein.

Und ich bin froh, dass die Verantwortlichen in solchen Momenten nicht einfach davon ausgingen, es werde schon nichts passieren.

Gerade im Bereich von Bahngleisen oder einfahrenden Zügen kann ein Bewusstseinsverlust tödliche Folgen haben.

Da ist es richtig, den Verkehr zu stoppen und die Umgebung zu sichern.

Bei der Erinnerung daran muss ich allerdings auch an die vielen Menschen denken, die damals auf irgendeinem Bahnsteig standen und sich vermutlich fragten, wann es endlich weitergeht.

Die wussten möglicherweise überhaupt nicht, weshalb der Verkehr unterbrochen worden war.

Und ich lag irgendwo zwischen Rettungsdienst und Krankenhaus.

So unterschiedlich kann man ein und dasselbe Ereignis erleben.

Thomas – der Anfall, den ich bewusst erlebte

Jetzt kommen wir zu einer Geschichte, die für mich besonders außergewöhnlich ist.

Denn sie betrifft einen der wenigen großen Anfälle, bei denen ich bewusst wahrgenommen habe, was in meinem Körper geschah.

Das war während meiner Studienzeit.

Ich arbeitete nebenbei im telefonischen Weinverkauf.

Wir saßen an unseren Arbeitsplätzen und telefonierten mit Kunden.

Ein ganz normaler Job.

Bis ich einen großen epileptischen Anfall bekam.

Ich fiel vom Stuhl.

Und verletzte mich.

Am nächsten Tag war noch ein Blutfleck an der Wand zu sehen.

Eine ziemlich deutliche Erinnerung daran, dass mein Arbeitsplatz am Vortag für einen Moment kein gewöhnlicher Arbeitsplatz gewesen war.

Aber das eigentlich Bemerkenswerte war Thomas.

Thomas kannte sich mit Epilepsie aus.

Und als ich auf dem Boden lag und krampfte, kümmerte er sich um mich.

Er kniete sich hinter mich.

Er brachte meinen Oberkörper so in Position, dass mein Kopf auf seinen Knien lag.

Und dort blieb ich während des Anfalls.

Mein Kopf war gestützt.

Mein Oberkörper ebenfalls.

Thomas wollte verhindern, dass ich mich durch die heftigen Bewegungen weiter verletzte.

Ich habe ihm das nie vergessen.

Die Wellen vom Scheitel bis zur Sohle

Was ich in dieser Situation erlebte, war vollkommen ungewöhnlich.

Ich nahm den Anfall wahr.

Nicht nur das Danach.

Sondern den Anfall selbst.

Ich spürte, wie sich die Krampfwellen durch meinen Körper bewegten.

Vom Scheitel bis zur Sohle.

Eine gewaltige körperliche Empfindung.

Als würden sich die Muskelkontraktionen in Wellen durch meinen gesamten Körper arbeiten.

Dann ließ es nach.

Für einen Moment wurde es ruhiger.

Und dann begann es erneut.

Wieder diese Wellen.

Wieder die heftigen Bewegungen.

Und ich konnte sie fühlen.

Das war für mich unglaublich beeindruckend.

Denn normalerweise verlor ich bei meinen großen Anfällen das Bewusstsein.

Ich bekam das eigentliche Geschehen gar nicht mit.

Hier war es anders.

Zumindest Teile dieses Anfalls konnte ich bewusst erleben.

Ich kann heute nicht mehr genau erklären, welche neurologischen Vorgänge dafür verantwortlich waren.

Und ich möchte aus meiner Erinnerung auch keine nachträgliche EEG-Diagnose machen.

Aber ich weiß, was ich empfunden habe.

Diese Krampfwellen.

Das Auf und Ab.

Und die außergewöhnliche Tatsache, dass ich währenddessen etwas von dem mitbekam, was sonst für mich verborgen blieb.

Das war eine Erfahrung, die ich nie vergessen habe.

Ein Mensch, der wusste, was er tat

Natürlich muss ich bei Thomas noch etwas unterscheiden.

Ich erzähle, wie er damals gehandelt hat und wie ich seine Hilfe erlebt habe.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch bei einem Krampfanfall den Oberkörper des Betroffenen auf die eigenen Knie nehmen sollte.

Bei der Ersten Hilfe kommt es darauf an, Verletzungen zu vermeiden und den Betroffenen nicht gewaltsam festzuhalten.

Aber Thomas hatte in dieser konkreten Situation versucht, meinen Kopf zu schützen.

Und für mich war es eine außerordentlich fürsorgliche Erfahrung.

Er war da.

Er kümmerte sich.

Und er ließ mich nicht einfach auf dem Boden liegen.

Ich finde, solche Menschen verdienen es, in einer Lebensgeschichte vorzukommen.

Denn Thomas gehört zu denjenigen, die mich während meiner Epilepsie begleitet haben, ohne daraus eine große Sache zu machen.

Er sah, dass ich Hilfe brauchte.

Und er half.

Der Pizzabäcker in der Rigaer Straße

Nun machen wir einen kleinen Ortswechsel.

Nach Friedrichshain.

In die Rigaer Straße.

Ich war unterwegs.

Und bekam wieder einmal einen großen epileptischen Anfall.

Ich fiel mit dem Kopf auf das Pflaster.

Mitten auf der Straße beziehungsweise dem Gehweg.

Vor einer Pizzeria.

Der Laden hatte noch nicht geöffnet.

Aber der Pizzabäcker war bereits da.

Er sah mich draußen liegen.

Bewusstlos.

Krampfend.

Und er kam sofort heraus.

Er rief den Notarzt.

Und sorgte damit dafür, dass ich Hilfe bekam.

Ich kannte diesen Mann vorher nicht.

Er war einfach ein Pizzabäcker, der sich auf seinen Arbeitstag vorbereitete.

Dann lag plötzlich eine Frau vor seinem Geschäft auf dem Pflaster und hatte einen epileptischen Anfall.

Und er kümmerte sich.

Das finde ich wunderbar.

Eine Pizza als Dankeschön

Ein oder zwei Tage später ging ich wieder an der Pizzeria vorbei.

Mir ging es inzwischen besser.

Und ich wollte mich bei dem Mann bedanken.

Also ging ich hinein.

Ich erzählte ihm, dass ich die Frau gewesen war, die vor seinem Laden einen epileptischen Anfall bekommen hatte.

Und bedankte mich dafür, dass er den Notarzt gerufen hatte.

Der Mann freute sich unglaublich.

Er war richtig glücklich darüber, mich wiederzusehen.

Offensichtlich hatte ihn der Vorfall sehr beschäftigt.

Und nun stand ich lebendig und einigermaßen wohlauf vor ihm.

Er war so erfreut, dass er mir eine Pizza spendierte.

Einfach so.

Aus Freude.

Ich finde diese Geschichte bis heute wunderschön.

Da hilft ein vollkommen fremder Mensch einer Frau, die auf dem Pflaster liegt.

Und als sie später zurückkommt, um Danke zu sagen, bekommt sie eine Pizza geschenkt.

Ich weiß nicht mehr, welche Sorte es war.

Aber das ist auch vollkommen egal.

Wichtig ist mir dieser Mann.

Seine spontane Hilfsbereitschaft.

Und seine Freude darüber, dass es mir wieder gut ging.

Solche Begegnungen sind für mich ein Stück Menschlichkeit, das ich niemals vergessen möchte.

Andrea – „Das hast du aber gut gespielt“

Leider waren nicht alle Erfahrungen so schön.

Es gab auch Menschen, deren Reaktionen mich tief verletzt haben.

Eine besonders unangenehme Erinnerung verbindet sich mit der Offenbar.

Ich war dort mit Freunden zusammen.

Unter anderem mit Andrea, die bei mir im Haus wohnte und mit der ich gut befreundet war.

Wir saßen auf einem Sofa.

Ziemlich eng nebeneinander.

Es war gemütlich.

Wir waren zusammen.

Und plötzlich bekam ich einen großen epileptischen Anfall.

Ich saß zwischen den anderen Menschen regelrecht festgeklemmt.

Ich konnte nicht einfach zur Seite fallen.

Mein Körper krampfte.

Ich nässte ein.

Und irgendwann war der Anfall vorbei.

Ich war vollkommen benommen.

Erschöpft.

Und wollte nur noch nach Hause.

Meine Wohnung lag genau gegenüber der Offenbar.

Das war in diesem Moment mein einziger Wunsch.

Rüber in die Wohnung.

Ruhe.

Schlafen.

Bloß weg.

Ich hatte überhaupt keine Lust, mich jetzt noch lange mit der Situation auseinanderzusetzen.

Und ich konnte es in meinem Zustand auch kaum.

Der nächste Tag an den Mülltonnen

Am folgenden Tag ging es mir noch immer nicht besonders gut.

Ich war erschöpft.

Mein Körper hatte den Anfall noch längst nicht weggesteckt.

Und dann traf ich Andrea auf dem Hof.

Bei den Mülltonnen.

Sie hatte den Anfall am Vorabend aus nächster Nähe miterlebt.

Sie wusste, dass ich Epilepsie hatte.

Und wir waren befreundet.

Ich hätte alles Mögliche erwartet.

Vielleicht:

„Susanne, wie geht es dir?“

Oder:

„Mensch, das war gestern ganz schön heftig.“

Vielleicht auch eine Frage, weil sie sich erschrocken hatte.

Aber Andrea sagte etwas völlig anderes.

„Oh Susanne, sowas habe ich ja noch nie erlebt. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand einen epileptischen Anfall so gut spielen kann.“

Ich war sprachlos.

Und verletzt.

Sehr verletzt.

Da hatte ich vor ihren Augen einen großen epileptischen Anfall bekommen.

Ich hatte gekrampft.

Ich hatte eingenässt.

Ich war hinterher völlig erschöpft gewesen.

Und nun erklärte mir eine Freundin, ich hätte das alles hervorragend gespielt.

Was soll man darauf antworten?

Dass man sich für die schauspielerische Anerkennung bedankt?

Dass man erklärt, die nasse Unterhose sei ebenfalls Teil der Aufführung gewesen?

Nein.

Das war nicht lustig.

Überhaupt nicht.

Es war eine Unterstellung.

Und eine ausgesprochen verletzende dazu.

Glaubst du mir überhaupt?

Ich finde, diese Erfahrung unterscheidet sich grundsätzlich von der Angst eines Menschen, der zum ersten Mal einen epileptischen Anfall sieht.

Man kann sich erschrecken.

Man kann überfordert sein.

Man kann nicht wissen, wie man reagieren soll.

Das alles verstehe ich.

Aber wenn jemand einen großen Anfall erlebt und dem Betroffenen anschließend Schauspielerei unterstellt, ist das etwas anderes.

Dann wird nicht nur die Situation missverstanden.

Dann wird die Glaubwürdigkeit des Menschen infrage gestellt.

Und das ist bitter.

Besonders, wenn es sich um einen Freund oder eine Freundin handelt.

Ich frage mich bis heute, was Andrea damals gedacht hat.

War sie überfordert?

Konnte sie nicht glauben, was sie gesehen hatte?

Oder hatte sie irgendeine andere Vorstellung davon, wie epileptische Anfälle aussehen müssen?

Ich weiß es nicht.

Ich kann es nicht mehr klären.

Aber ich weiß, wie ihre Worte bei mir ankamen.

Und dass sie mich verletzt haben.

Der Pizzabäcker in der Rigaer Straße kannte mich nicht und half sofort.

Thomas kannte sich mit Epilepsie aus und schützte mich während eines Anfalls.

Andrea kannte mich persönlich und hielt meinen Anfall für gespielt.

Das sagt eine ganze Menge darüber aus, wie unterschiedlich Menschen reagieren können.

Wenn man mich schon vorher ausschließt

Es gibt allerdings noch eine andere Form des Umgangs mit Epilepsie, die mich immer wieder geärgert hat.

Und dafür muss überhaupt kein Anfall stattfinden.

Es reicht schon die Möglichkeit, dass einer auftreten könnte.

Man plant einen Ausflug.

Eine Reise.

Eine Veranstaltung.

Oder irgendetwas, was andere Menschen ganz selbstverständlich unternehmen.

Und plötzlich heißt es:

„Susanne sollte lieber nicht mitkommen.“

Warum?

„Sie könnte ja einen Anfall bekommen.“

Natürlich könnte ich das.

Ich habe schließlich Epilepsie.

Aber soll ich deshalb überhaupt nirgendwo mehr hingehen?

Manchmal liegt der letzte Anfall lange zurück.

Vielleicht ein Jahr.

Vielleicht zwei.

Und trotzdem bestimmt die Erinnerung an diesen einen Anfall darüber, was andere Menschen mir zutrauen.

Das ist etwas, das ich nie besonders gut ertragen konnte.

Nicht weil Risiken grundsätzlich unwichtig wären.

Darüber haben wir im Kapitel mit dem Zehn-Meter-Turm bereits ausführlich gesprochen.

Sondern weil ich nicht möchte, dass andere Menschen aus ihrer Angst vor einem möglichen Anfall mein gesamtes Leben organisieren.

Wenn eine konkrete Gefahr besteht, muss man darüber reden.

Aber eine pauschale Ausgrenzung ist keine Lösung.

Vor allem dann nicht, wenn der Betroffene überhaupt nicht gefragt wird.

Die Berliner Notaufnahmen kennen mich

Kommen wir zurück in die neunziger Jahre.

Damals hatte ich zeitweise so viele epileptische Anfälle, dass ich ausgesprochen häufig in Berliner Krankenhäusern landete.

Mal in dieser Klinik.

Mal in jener.

Mal schwer verletzt.

Mal weniger schwer.

Und gelegentlich glücklicherweise ohne größere Verletzungen.

Ich wurde mit dem Rettungswagen gebracht.

In die Notaufnahme.

Untersucht.

Versorgt.

Und irgendwann war ich dort offenbar so bekannt, dass manche Ärzte mich bereits beim Namen begrüßten.

„Ach, guten Tag, Frau Albers. Sie schon wieder!“

Ja.

Ich schon wieder.

Es war fast wie ein Wiedersehen unter alten Bekannten.

Nur dass ich diesen besonderen Bekanntheitsgrad lieber nicht gehabt hätte.

Ich war schließlich nicht freiwillig vorbeigekommen, um einen Kaffee zu trinken.

Ich hatte einen epileptischen Anfall bekommen.

Und war wieder einmal in der Notaufnahme gelandet.

Das übliche Programm

Mit der Zeit entwickelte sich eine gewisse Routine.

War etwas gebrochen?

Hatte ich eine Platzwunde?

Musste eine Verletzung versorgt werden?

War eine weitere Untersuchung notwendig?

Musste ich im Krankenhaus bleiben?

Oder konnte ich wieder nach Hause?

Ich kannte irgendwann viele Abläufe.

Nicht, weil ich Medizin studiert hätte.

Sondern weil ich sie oft genug selbst durchlaufen hatte.

Das ist eine eigentümliche Form praktischer Erfahrung.

Ich wusste, wie sich eine Notaufnahme anfühlte.

Wie lange man manchmal warten musste.

Wie man nach einem schweren Anfall langsam wieder zu sich kam.

Und wie unangenehm es sein konnte, wenn man sich gerade erst orientierte und schon die ersten Fragen beantworten sollte.

Name.

Geburtsdatum.

Was ist passiert?

Welche Medikamente nehmen Sie?

Wann war der letzte Anfall?

Nun ja.

Was passiert ist, hätte ich selbst auch gern gewusst.

Deshalb war ich schließlich hier.

Fünfzehnmal die Nase gebrochen

Wenn ich über die Verletzungen meiner vielen Anfälle spreche, muss ich eine Zahl nennen.

Fünfzehn.

So oft habe ich mir im Laufe meines Lebens nach meiner eigenen Zählung das Nasenbein gebrochen.

Fünfzehnmal.

Dazu kamen zwei Jochbeinbrüche, zwei Brüche im Bereich des Orbitabogens und drei Stirnbeinbrüche.

Das ist eine ziemlich erschreckende Bilanz.

Und dahinter stehen Stürze, bei denen ich keine Möglichkeit hatte, mich bewusst abzufangen.

Wenn man plötzlich das Bewusstsein verliert, kann man nicht einfach die Hände ausstrecken und den Kopf schützen.

Man fällt.

Und wenn der Kopf auf dem Pflaster, einem Fußboden oder einer anderen harten Oberfläche aufschlägt, können schwere Verletzungen entstehen.

Das habe ich oft genug erlebt.

Meine Nase hatte irgendwann jedenfalls einiges hinter sich.

Und natürlich wurde sie dadurch nicht schöner.

Vor allem aber war es medizinisch immer wieder notwendig, Verletzungen zu versorgen.

Was mich zu einem meiner ungewöhnlichsten Restaurantbesuche bringt.

Rinderfilet mit Gorgonzolasoße

Ich war wieder einmal nach einem epileptischen Anfall im Krankenhaus.

Meine Nase war gebrochen.

Die Ärztin untersuchte mich.

Und erklärte mir, dass das Nasenbein gerichtet werden müsse.

Das war mir nicht vollkommen neu.

Ich hatte in dieser Hinsicht ja bereits eine gewisse Erfahrung.

Aber ich hatte in diesem Moment ein ganz anderes Problem.

Ich hatte Hunger.

Richtigen Hunger.

Und ich wusste, dass sich unmittelbar vor dem Krankenhaus ein Italiener befand.

Ein Restaurant, in dem ich unbedingt etwas essen wollte.

Rinderfilet.

Mit Gorgonzolasoße.

Also sah ich die Ärztin an.

„Ich habe Hunger.“

Sie erklärte mir, dass die Nase gerichtet werden müsse.

Ich wusste das.

Aber ich hatte bereits einen Plan.

„Hier vor der Tür ist doch ein Italiener. Ich will unbedingt noch ein Rinderfilet mit Gorgonzolasoße essen.“

Sie schaute mich vermutlich nicht gerade begeistert an.

Jedenfalls erklärte ich ihr, wie ich mir den weiteren Ablauf vorstellte.

Sie sollte mir die Betäubung in die Nase spritzen.

Während diese wirkte, würde ich hinunter zum Italiener gehen.

Mein Rinderfilet essen.

Und anschließend wiederkommen.

Dann könnte sie meine Nase richten.

Das war mein Vorschlag.

Und tatsächlich ließ sich die Ärztin darauf ein.

Ich bekam die Betäubungsspritzen.

Ging zum Italiener.

Bestellte mein Rinderfilet mit Gorgonzolasoße.

Aß in aller Ruhe.

Und kehrte anschließend ins Krankenhaus zurück.

Dann wurde mein Nasenbein gerichtet.

Und danach fuhr ich nach Hause.

Ich weiß.

Das klingt vollkommen verrückt.

Aber genau so ist es passiert.

Ich war damals offenbar so an solche Verletzungen gewöhnt, dass ich meinen Krankenhausbesuch schon beinahe mit einem Restaurantbesuch verbinden konnte.

Ich möchte daraus ausdrücklich keine Empfehlung für den Umgang mit Nasenbeinbrüchen machen.

Es ist einfach eine Geschichte aus meinem Leben.

Und ich finde, dass sie einen ziemlich guten Eindruck davon vermittelt, wie ich manchmal mit solchen Situationen umgegangen bin.

Die Nase war kaputt.

Die Ärztin wollte sie richten.

Und ich wollte vorher essen.

Am Ende haben wir alles unter einen Hut bekommen.

Wenn eine Nase irgendwann nicht mehr mitmacht

Nun kann man sich vorstellen, dass fünfzehn Nasenbeinbrüche nicht unbedingt spurlos an einem Menschen vorbeigehen.

Meine Nase war irgendwann in einem Zustand, den ich nur noch als schrottig bezeichnen konnte.

Ich bekam kaum noch Luft hindurch.

Ich konnte nicht mehr richtig riechen.

Und es war eine größere Operation geplant, bei der die beschädigten Strukturen korrigiert werden sollten.

Eine richtige Nasenoperation.

Nicht nur das übliche Richten nach einem frischen Bruch.

Ich hatte einen Termin dafür.

Und ich wollte endlich wieder vernünftig durch die Nase atmen können.

Allerdings kam, wie in meinem Leben häufiger, die Epilepsie dazwischen.

Ich musste wegen eines neurologischen Problems ins Krankenhaus.

Nach meiner Erinnerung ging es möglicherweise um Anfälle oder um die medikamentöse Behandlung.

Den genauen Zusammenhang bekomme ich heute nicht mehr vollständig zusammen.

Jedenfalls sollte ich dort eigentlich länger bleiben.

Aber die bevorstehende Nasenoperation machte die Terminplanung schwierig.

Ich wollte diesen Operationstermin nicht verlieren.

Ich brauchte schließlich meine Nase.

Und zwar möglichst in einem Zustand, in dem sie wieder einigermaßen funktionierte.

Jens kommt zu Besuch

Während dieses Krankenhausaufenthaltes meldete sich Jens bei mir.

Mein früherer Mann.

Er wollte mich besuchen.

Und er hatte die beiden Hunde dabei.

Cora und Lucy.

Unsere Cocker Spaniels.

Natürlich freute ich mich riesig.

Nur gab es ein kleines Problem.

Hunde durften nicht einfach mit ins Krankenhaus.

Also sagte Jens, er würde mit den beiden vorbeikommen und ich solle vor den Eingang gehen.

Gesagt, getan.

Ich ging hinunter.

Vor das Krankenhaus.

Und wartete.

Dann sah ich Jens kommen.

Mit den beiden Hunden.

Und als Cora und Lucy mich entdeckten, gab es kein Halten mehr.

Die beiden stürmten auf mich zu.

Natürlich freute ich mich genauso.

Ich ging in die Hocke, um sie zu begrüßen.

Und dann geschah etwas vollkommen Unerwartetes.

Cora, die Nasenchirurgin

Cora war offenbar der Meinung, eine gewöhnliche Begrüßung reiche nicht aus.

Sie war so überschwänglich, dass sie mir mit voller Wucht ins Gesicht sprang.

Ausgerechnet auf meine Nase.

Meine ohnehin schwer beschädigte Nase.

Es krachte.

Richtig heftig.

Und es tat höllisch weh.

Ich war vollkommen erschrocken.

Was für ein Aufprall!

Ausgerechnet jetzt.

Kurz vor der geplanten Nasenoperation.

Ich hätte jeden Grund gehabt anzunehmen, dass meine Nase nun endgültig ruiniert sei.

Aber dann bemerkte ich etwas.

Ich bekam wieder Luft.

Durch die Nase.

Ich konnte plötzlich wieder atmen.

Und ich konnte wieder riechen.

Auch die Stellung der Nase erschien mir wieder gerade.

Ich konnte es kaum glauben.

Vorher war alles blockiert gewesen.

Ich hatte schlecht Luft bekommen.

Kaum etwas gerochen.

Und nun, nach diesem gewaltigen Zusammenstoß mit einem begeisterten Cocker Spaniel, hatte sich meine Atmung schlagartig verändert.

Die geplante Nasenoperation wurde schließlich nicht mehr benötigt.

Ob Cora durch ihren Aufprall tatsächlich eine verschobene Struktur wieder in eine günstigere Position gebracht hatte, kann ich rückblickend nicht medizinisch erklären.

Ich weiß nur, was ich damals erlebt habe.

Vorher konnte ich kaum durch die Nase atmen.

Dann sprang Cora mir ins Gesicht.

Es krachte.

Und anschließend ging es wieder.

Ich war vollkommen verblüfft.

Vier Pfoten, zwei Schlappohren und kein medizinischer Abschluss

Wenn ich heute an diese Geschichte denke, muss ich lachen.

Da hatte ich über Jahre hinweg unzählige Nasenverletzungen erlitten.

Ich war bei Ärzten gewesen.

Hatte Behandlungen hinter mich gebracht.

Und nun stand eine größere Operation bevor.

Dann kam Cora.

Ein Cocker Spaniel.

Keine medizinische Ausbildung.

Keine chirurgische Facharztausbildung.

Und offensichtlich keinerlei Vorstellung davon, wie empfindlich eine menschliche Nase sein kann.

Sie wollte einfach nur ihre Susanne begrüßen.

Und sprang mir mitten ins Gesicht.

Das Ergebnis war für mich der absolute Oberhammer.

Die Nase funktionierte plötzlich wieder.

Ich konnte riechen.

Ich konnte atmen.

Und die Operation wurde nicht mehr gebraucht.

Ich bin sicher, dass man diese Behandlungsmethode in keinem seriösen Lehrbuch der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde finden wird.

Und das ist vermutlich auch gut so.

Aber als persönliche Geschichte finde ich sie einfach herrlich.

Cora hat mich damals nicht operiert.

Sie hat mich vor Freude angesprungen.

Und ausgerechnet dieser völlig unkontrollierte Zusammenstoß ging für mich überraschend gut aus.

Das muss man erst einmal erleben.

Erste Hilfe – und was davon wirklich wichtig ist

Nach all diesen Geschichten möchte ich doch noch ein paar Worte darüber verlieren, was Menschen bei epileptischen Anfällen tun können.

Nicht als ausführlichen medizinischen Ratgeber.

Sondern weil meine Erlebnisse zeigen, wie wichtig das Verhalten anderer Menschen sein kann.

Bei einem großen Krampfanfall sollte man vor allem versuchen, Verletzungen zu verhindern.

Gefährliche Gegenstände entfernen.

Den Kopf möglichst vor harten Aufschlägen schützen.

Die Dauer des Anfalls beobachten.

Den Betroffenen nicht gewaltsam festhalten.

Und ihm auf keinen Fall etwas in den Mund stecken.

Nach dem Anfall braucht ein Mensch häufig Ruhe und Unterstützung.

Wenn er noch nicht wieder bei Bewusstsein ist, aber normal atmet, kann die stabile Seitenlage wichtig sein.

Bei einem länger andauernden Krampfanfall, insbesondere ab etwa fünf Minuten, bei wiederholten Anfällen ohne Erholung, schweren Verletzungen oder anderen Notfallzeichen muss der Rettungsdienst gerufen werden.

Auch bei einem Anfall im Bereich von Bahngleisen oder im Wasser ist die Situation besonders gefährlich.

Das alles sind wichtige Grundlagen.

Aber ich möchte noch etwas hinzufügen, das in keiner technischen Anleitung vollständig beschrieben werden kann.

Wie spricht man mit einem Menschen, der gerade einen Anfall hatte?

Wie behandelt man ihn?

Und wie verhindert man, dass er sich anschließend zusätzlich schämen oder rechtfertigen muss?

Denn auch das gehört zum Helfen.

Was ich nach einem Anfall brauche

Wenn ich nach einem schweren Anfall wieder zu mir komme, bin ich meistens nicht gerade in Bestform.

Ich kann erschöpft sein.

Desorientiert.

Vielleicht habe ich Schmerzen.

Vielleicht ist meine Zunge verletzt.

Vielleicht weiß ich überhaupt nicht, wo ich bin.

Dann hilft es mir, wenn jemand ruhig bleibt.

Mir erklärt, was passiert ist.

Und mich nicht mit Fragen überschüttet.

Ich möchte nicht das Gefühl haben, gerade eine öffentliche Vorführung veranstaltet zu haben.

Ich möchte auch nicht hören, dass ich meinen Anfall besonders überzeugend gespielt hätte.

Ich möchte wissen, ob ich verletzt bin.

Ob ich ins Krankenhaus muss.

Und wann ich mich endlich wieder hinlegen kann.

Das ist eigentlich nicht besonders kompliziert.

Aber es setzt voraus, dass mein Gegenüber mich als Menschen wahrnimmt.

Nicht als spektakulären medizinischen Zwischenfall.

Die Menschen, die geblieben sind

Wenn ich heute auf diese Geschichten zurückblicke, sehe ich viele Gesichter.

Thomas.

Den Pizzabäcker in der Rigaer Straße.

Rettungsdienstmitarbeiter.

Ärztinnen und Ärzte.

Menschen in den Berliner Notaufnahmen, die mich bereits beim Namen kannten.

Und natürlich Jens.

Dazu kommen Menschen, deren Reaktionen mich verletzt haben.

Wie Andrea.

Und schließlich Cora und Lucy.

Zwei Hunde, die mich mit einer Begeisterung begrüßten, die keinerlei Rücksicht auf meine medizinischen Termine nahm.

Es sind sehr unterschiedliche Erinnerungen.

Manche sind komisch.

Manche traurig.

Manche erschreckend.

Und manche so ungewöhnlich, dass ich selbst heute kaum glauben kann, was ich alles erlebt habe.

Aber sie gehören zusammen.

Denn Epilepsie findet nicht nur im EEG statt.

Nicht nur in Arztbriefen.

Und nicht nur in Krankenhäusern.

Sie findet mitten im Leben statt.

In Hörsälen.

Auf Bahnsteigen.

Am Arbeitsplatz.

Vor Pizzerien.

In Kneipen.

Und manchmal vor einem Krankenhaus, wenn zwei Cocker Spaniels ihre Susanne wiedersehen.

Wen ich wirklich nicht vergessen möchte

Wenn ich aus all diesen Begegnungen etwas mitgenommen habe, dann vor allem dies:

Ich erinnere mich nicht nur an die Menschen, die medizinisch besonders viel für mich getan haben.

Ich erinnere mich auch an kleine Gesten.

An jemanden, der stehen blieb.

An jemanden, der Hilfe holte.

An jemanden, der meinen Kopf schützte.

An einen Pizzabäcker, der sich so sehr über meine Genesung freute, dass er mir eine Pizza schenkte.

Und ich erinnere mich ebenso an die Menschen, die mir nicht glaubten oder mich wegen meiner Epilepsie ausschließen wollten.

Manchmal waren es Fremde, die mir besonders freundlich begegneten.

Und manchmal waren es Menschen aus meinem Bekanntenkreis, die mich enttäuschten.

Das ist eine Erfahrung, die weit über die Epilepsie hinausgeht.

Aber ohne diese Krankheit hätte ich sie möglicherweise niemals in dieser Deutlichkeit gemacht.

Ich habe in fünfzig Jahren sehr viel Hilfe gebraucht.

Mehr, als mir manchmal lieb war.

Und ich habe gelernt, dass Menschlichkeit nicht unbedingt mit medizinischer Ausbildung zu tun hat.

Der Pizzabäcker hatte keine Ahnung, wer ich war.

Er sah mich auf dem Pflaster liegen.

Und half.

Später gab es eine Pizza.

Thomas wusste, wie ernst meine Situation war.

Und kümmerte sich.

Andrea hingegen kannte mich.

Und hielt meinen Anfall für eine schauspielerische Leistung.

Wenn ich heute an diese drei Menschen denke, brauche ich eigentlich keine weitere Erklärung.

Die Geschichten sprechen für sich.

Und dann fällt mir Cora ein.

Meine liebe Cora.

Die vermutlich von alldem überhaupt nichts verstanden hätte.

Sie wollte einfach nur zu mir.

Und sprang.

Mitten ins Gesicht.

Ich konnte anschließend wieder riechen.

Und die Nasenoperation war erledigt.

Nach fünfzehn Nasenbeinbrüchen hatte ich also ausgerechnet einem Cocker Spaniel eine meiner erstaunlichsten Erinnerungen an die medizinische Versorgung zu verdanken.

Manchmal kommt Hilfe von Menschen, die man überhaupt nicht kennt.

Und manchmal kommt Cora.

Kapitel 9

Ich kann mehr, als du denkst. Aber nicht immer.

Oder: Warum meine Leistungsfähigkeit keine Stechuhr kennt und Hilfe keine Herrschaft bedeutet

Berlin, Oktober 2026

Es gibt einen Satz, den ich in meinem Leben ausgesprochen häufig gehört habe.

„Aber Sie haben doch Epilepsie.“

Meistens kam danach etwas, das ich angeblich nicht konnte.

Oder nicht durfte.

Oder besser lassen sollte.

„Aber Sie haben doch Epilepsie. Können Sie das überhaupt?“

„Aber Sie haben doch Epilepsie. Ist das nicht zu anstrengend?“

„Aber Sie haben doch Epilepsie. Was machen wir denn, wenn Sie einen Anfall bekommen?“

Ich habe irgendwann angefangen, bei diesem Satz innerlich die Augen zu verdrehen.

Nicht, weil die Frage nach möglichen Anfällen grundsätzlich unberechtigt wäre.

Natürlich muss man darüber reden.

Aber mich irritiert, dass manche Menschen offenbar glauben, sie könnten aus meiner Diagnose meine gesamten Fähigkeiten ableiten.

Ich habe Epilepsie.

Ja.

Seit fünfzig Jahren.

Und nun?

Was genau wissen Sie deshalb über mich?

Wissen Sie, welche Bücher ich lese?

Welche Probleme ich lösen kann?

Wie schnell ich etwas begreife?

Wie lange ich mich mit einer komplizierten Frage beschäftigen kann?

Nein?

Dann sollten wir vielleicht erst einmal darüber reden.

Denn ich habe in meinem Leben die bemerkenswerte Erfahrung gemacht, dass Menschen manchmal sehr genau zu wissen glauben, was ich nicht kann.

Und erschreckend wenig darüber wissen wollen, was ich tatsächlich kann.

Berlin, ungefähr 1998 – Ein Bewerbungsgespräch

Ich war damals Studentin und suchte einen Nebenjob.

Nichts Weltbewegendes.

Keine Professur.

Keine leitende Position in einem großen Unternehmen.

Ich wollte in einer Poststelle arbeiten.

Beim Bundesministerium für Verkehr.

Post verteilen.

Eine überschaubare Tätigkeit.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass ich dafür durchaus geeignet sein könnte.

Also bewarb ich mich.

Und bekam eine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Ich freute mich.

Natürlich war ich aufgeregt.

Ich machte mich zurecht.

Zog ordentliche Kleidung an.

Und erschien pünktlich im Ministerium.

Am Eingang gab es eine Sicherheitskontrolle.

Meine Jacke und meine Tasche wurden durchsucht.

Dann führte man mich in einen Besprechungsraum.

Dort stand ein Tisch mit sechs Plätzen.

Einige Personen warteten bereits.

Andere kamen noch hinzu.

Ich erinnere mich unter anderem an die Schwerbehindertenbeauftragte, den Poststellenleiter, die Personalchefin und einen Gewerkschaftsvertreter.

Es war eine beeindruckende Runde.

Für einen studentischen Nebenjob in der Poststelle.

Aber gut.

Das Bundesministerium für Verkehr wollte schließlich offenbar sorgfältig entscheiden, wem es seine Briefe anvertraute.

Sechs Menschen und eine Epilepsie

Das Gespräch dauerte ungefähr fünfundvierzig Minuten.

Es wurden die üblichen Fragen gestellt.

Ich beantwortete sie.

Ich hatte den Eindruck, dass es ordentlich lief.

Natürlich war ich aufgeregt.

Aber ich konnte meine Fähigkeiten darstellen und die Fragen zufriedenstellend beantworten.

Dann bat man mich, den Raum zu verlassen.

Die Anwesenden wollten sich beraten.

Ich wartete draußen auf dem Flur.

Etwa eine Viertelstunde.

Ich weiß nicht mehr, was mir währenddessen alles durch den Kopf ging.

Wahrscheinlich hoffte ich, die Stelle zu bekommen.

Vielleicht stellte ich mir bereits vor, wie ich dort arbeiten würde.

Schließlich wurde ich wieder hineingebeten.

Die Entscheidung war gefallen.

Man wollte mich nicht einstellen.

Das war zunächst enttäuschend.

Eine Absage ist nie besonders schön.

Aber dann kam die Begründung.

Und die hat mich wirklich umgehauen.

Man erklärte mir, den Mitarbeitern der Poststelle sei es nicht zuzumuten, einen meiner epileptischen Anfälle mitzuerleben.

Sie könnten Angst bekommen.

Deshalb sei ich für das Ministerium nicht tragbar.

Ich saß da.

Und konnte es kaum glauben.

Die Angst der anderen

Man muss sich das einmal vorstellen.

Ich hatte mich auf eine einfache Tätigkeit beworben.

Die Verantwortlichen hatten mich zum Gespräch eingeladen.

Ich hatte ihre Fragen beantwortet.

Und nun sollte ich nicht eingestellt werden, weil andere Menschen möglicherweise Angst bekommen könnten, falls ich irgendwann einen epileptischen Anfall hätte.

Nicht, weil ich eine bestimmte Aufgabe nachweislich nicht bewältigen konnte.

Nicht, weil man konkrete Arbeitsabläufe mit mir untersucht und dabei unlösbare Schwierigkeiten festgestellt hätte.

Sondern weil meine Erkrankung bei anderen Menschen möglicherweise unangenehme Gefühle auslösen könnte.

Das fand ich ungeheuerlich.

Und ich finde es bis heute ungeheuerlich.

Denn was ist das für ein Maßstab?

Ein Mensch hat eine Krankheit.

Andere Menschen könnten erschrecken, wenn sie Symptome dieser Krankheit sehen.

Also bleibt der kranke Mensch draußen.

Dann müssen sich die anderen auch nicht erschrecken.

Problem gelöst.

Jedenfalls für die anderen.

Ich dagegen stand wieder ohne Job da.

Und war tief verletzt.

Ausgerechnet ein Bundesministerium.

Ausgerechnet in einer Gesprächsrunde, an der sogar eine Schwerbehindertenbeauftragte teilgenommen hatte.

Ich war fassungslos.

Was hätten sie eigentlich fragen können?

Wenn ich heute an dieses Bewerbungsgespräch denke, fällt mir auf, welche Fragen ich mir gewünscht hätte.

Wie häufig bekommen Sie Anfälle?

Wie wirken sich Ihre Medikamente aus?

Gibt es bestimmte Situationen, die gefährlich werden könnten?

Welche Aufgaben können Sie zuverlässig übernehmen?

Wo benötigen Sie möglicherweise Unterstützung?

Und was könnte der Arbeitgeber tun, damit Sie unter geeigneten Bedingungen tätig sein können?

Das wären sachliche Fragen gewesen.

Vielleicht hätte sich dann herausgestellt, dass die Stelle für mich geeignet gewesen wäre.

Vielleicht hätte es auch tatsächlich Probleme gegeben, für die man keine praktikable Lösung gefunden hätte.

Das kann ich rückblickend nicht beurteilen.

Aber ich hätte eine Entscheidung über meine tatsächlichen Fähigkeiten und die konkreten Anforderungen der Stelle akzeptieren können.

Eine Absage, weil andere Menschen möglicherweise Angst vor meinem Anfall bekommen könnten, war etwas anderes.

Da ging es nicht mehr um meine berufliche Eignung.

Da ging es um die Zumutbarkeit meiner Existenz als Mensch mit Epilepsie.

Und ich fand das beschissen.

Die Susanne von 2026 möchte mitreden

Ich stelle mir vor, ich könnte noch einmal in diesen Besprechungsraum zurückkehren.

Die jüngere Susanne sitzt am Tisch.

Sechs Menschen schauen sie an.

Man hat ihr gerade die Absage erklärt.

Ich setze mich neben sie.

„Entschuldigung, ich habe da noch eine Frage.“

Die Personalchefin schaut auf.

„Ja bitte?“

„Wenn einer Ihrer Mitarbeiter Diabetes hat und während der Arbeitszeit unterzuckert, wäre das für die Kollegen auch unzumutbar?“

Ich warte.

„Oder wenn jemand einen Herzinfarkt bekommt?“

Noch immer keine Antwort.

„Vielleicht sollten wir grundsätzlich keine Menschen mehr einstellen. Die können schließlich alle irgendwann krank werden.“

Das wäre natürlich eine überspitzte Bemerkung.

Aber ich würde gern wissen, wie die Runde darauf reagieren würde.

Denn plötzlich wird sichtbar, wie seltsam die ursprüngliche Begründung war.

Natürlich gibt es Tätigkeiten, bei denen bestimmte Erkrankungen erhebliche Risiken mit sich bringen.

Darüber braucht man nicht zu streiten.

Aber eine Ablehnung allein mit der möglichen Angst anderer Menschen zu begründen, ist für mich eine ganz andere Angelegenheit.

Ich hätte damals gern so geantwortet.

In Wirklichkeit war ich vor allem traurig und entsetzt.

Manchmal fallen einem die besten Antworten leider erst Jahrzehnte später ein.

Und nun kommt die andere Wahrheit

Bis hierhin könnte man meinen, dieses Kapitel würde eine Geschichte darüber werden, wie eine außergewöhnlich leistungsfähige Frau von der Gesellschaft verkannt wird.

Aber so einfach ist es nicht.

Und genau deshalb möchte ich jetzt etwas sagen, das möglicherweise überhaupt nicht zu dem passt, was der Leser nach dieser Bewerbungsgeschichte erwartet.

Ich bin seit 2007 berentet.

Ich stehe dem regulären Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung.

Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch eine Erwerbstätigkeit.

Ich beziehe Sozialhilfe.

Ich habe einen anerkannten Grad der Behinderung von 70.

Und ich habe Pflegegrad 2.

Das sind keine kleinen Einschränkungen.

Das ist meine Lebenswirklichkeit.

Wenn ich jetzt also erzählen würde, ich sei vollkommen arbeitsfähig und könnte jederzeit eine reguläre Stelle übernehmen, wäre das schlicht falsch.

Ich kann das nicht.

Jedenfalls nicht unter den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes.

Und dafür gibt es Gründe.

Ein Tag, an dem ich alles kann

Nehmen wir einen meiner guten Tage.

Ich sitze vor meinem Computer.

Habe eine Idee.

Und fange an.

Vielleicht entwickle ich eine neue Unterrichtseinheit.

Vielleicht schreibe ich einen Text über Meister Eckhart.

Vielleicht beschäftige ich mich mit einem Gemälde von Albrecht Dürer.

Vielleicht programmiere ich eine Webseite.

Oder ich produziere Musik.

Dann kann es passieren, dass ich stundenlang vollkommen in meiner Tätigkeit aufgehe.

Ich recherchiere.

Vergleiche.

Schreibe.

Entwerfe.

Verwerfe.

Fange neu an.

Und finde Lösungen für Probleme, über die ich vorher lange nachgedacht habe.

Manchmal entstehen innerhalb weniger Tage ganze Reihen von Unterrichtsmaterialien, Videos, Musikstücken oder Texten.

Ich habe in den vergangenen Jahren Projekte verwirklicht, für die andere Menschen vermutlich ein Team zusammenstellen würden.

Das sage ich nicht, um anzugeben.

Es ist einfach eine Beschreibung dessen, was ich tatsächlich mache.

Ich kann an solchen Tagen eine ungeheure geistige Energie entwickeln.

Ich kann mich konzentrieren.

Komplexe Zusammenhänge erfassen.

Verschiedene Themen miteinander verbinden.

Und ich habe Freude daran.

Große Freude.

Manchmal bin ich selbst verblüfft, wie viel dabei entsteht.

Und dann gibt es den nächsten Tag.

Zehn Stunden schlafen

Heute Nachmittag habe ich zehn Stunden geschlafen.

Zehn Stunden.

Nicht aus Langeweile.

Nicht, weil ich nichts Besseres zu tun hatte.

Sondern weil ich diesen Schlaf gebraucht habe.

Es gibt solche Phasen.

Ich kann stundenlang geistig auf Hochtouren laufen.

Und dann brauche ich plötzlich Ruhe.

Manchmal sehr viel Ruhe.

Manchmal habe ich Kopfschmerzen.

Manchmal epileptische Anfälle.

Manchmal bin ich von meinen Medikamenten müde.

Und manchmal ist mein Körper einfach am Ende.

Dann ist es völlig egal, welche Ideen ich noch habe.

Oder welche Projekte ich gern fortsetzen würde.

Ich brauche Schlaf.

Oder ich brauche einen Tag, an dem ich möglichst wenig tun muss.

Manchmal mehrere.

Das ist keine schlechte Arbeitseinstellung.

Das ist keine mangelnde Disziplin.

Und auch keine Frage des guten Willens.

Ich kann meine neurologische Erkrankung nicht einfach für acht Stunden ausschalten, weil irgendwo ein Arbeitgeber auf mich wartet.

Das ist die Wirklichkeit.

Montag genial, Dienstag gar nichts

Ich stelle mir vor, jemand würde meine Leistungsfähigkeit ausschließlich anhand meiner produktiven Tage beurteilen.

Er würde meine Webseiten anschauen.

Meine Texte lesen.

Meine Videos sehen.

Meine Unterrichtsmaterialien.

Und vielleicht sagen:

„Frau Albers, Sie sind doch ausgesprochen leistungsfähig!“

Ja.

Bin ich.

Manchmal.

Aber wenn derselbe Mensch nun daraus ableiten würde, ich könne deshalb problemlos fünf Tage in der Woche zu festen Zeiten berufstätig sein, müsste ich widersprechen.

Denn er kennt nur eine Seite.

Vielleicht sehe ich am Montag vor meinem Computer und entwickle ein komplexes Projekt.

Am Dienstag habe ich einen Anfall.

Am Mittwoch bin ich noch vollkommen erschöpft.

Am Donnerstag geht es mir besser.

Und am Freitag schlafe ich einen großen Teil des Tages.

Wie soll ich das einem Arbeitgeber versprechen?

„Ich komme immer, wenn mein Gehirn mitspielt.“

Das ist keine besonders überzeugende Grundlage für einen normalen Arbeitsvertrag.

Und doch kann ich in meinen guten Phasen Dinge schaffen, die geistig alles andere als anspruchslos sind.

Das ist der Widerspruch, mit dem ich lebe.

Genauer gesagt:

Für mich ist es kein Widerspruch.

Aber für manche Vorstellungen von Erwerbsfähigkeit offenbar schon.

Der Unterschied zwischen Können und Verfügbarkeit

Ein Arbeitgeber interessiert sich nicht ausschließlich dafür, ob ein Mensch eine bestimmte Aufgabe grundsätzlich beherrscht.

Er muss auch wissen, ob dieser Mensch zu den vereinbarten Zeiten zur Verfügung steht.

Ob Termine eingehalten werden können.

Ob eine Tätigkeit regelmäßig ausgeübt werden kann.

Und ob die erforderliche Belastbarkeit vorhanden ist.

Das verstehe ich.

Ein Unternehmen muss planen.

Ein Krankenhaus muss seine Dienste besetzen.

Eine Schule muss Unterricht organisieren.

Ein Geschäft muss öffnen.

Und wenn jemand eine Aufgabe übernimmt, müssen sich andere Menschen darauf verlassen können.

Genau hier liegt für mich das Problem.

Nicht unbedingt bei meinen geistigen Fähigkeiten.

Sondern bei meiner gesundheitlichen Verfügbarkeit.

Ich kann häufig selbst nicht zuverlässig vorhersagen, wie es mir morgen gehen wird.

Vielleicht hervorragend.

Vielleicht überhaupt nicht.

Und das macht einen gewaltigen Unterschied.

Ich kann sehr viel.

Aber ich kann nicht immer darüber verfügen, wann ich es kann.

Das ist ein Satz, den ich mir im Laufe der Jahre oft hätte aufschreiben sollen.

Vielleicht hätte er manche Diskussion abgekürzt.

Pflegegrad und produktive Tage

Nun kommt noch etwas hinzu.

Ich habe Pflegegrad 2.

Ich brauche bei bestimmten Dingen Unterstützung.

Ein Pflegedienst hilft mir im Alltag.

Es gibt Aufgaben, die ich nicht zuverlässig oder nicht ohne Hilfe bewältigen kann.

Auch das ist wahr.

Und jetzt stelle ich mir vor, jemand sieht mich an einem meiner besonders produktiven Tage.

Ich sitze am Computer.

Baue Webseiten.

Entwickle Unterrichtsmaterialien.

Und erkläre möglicherweise noch nebenbei ein technisches Problem.

Dann könnte er fragen:

„Wieso brauchen Sie eigentlich einen Pflegedienst?“

Eine interessante Frage.

Aber sie beruht auf einem Denkfehler.

Denn die Fähigkeit, am Computer ein kompliziertes Projekt zu verwirklichen, sagt nicht automatisch etwas darüber aus, ob ich regelmäßig einkaufen, putzen, körperliche Belastungen bewältigen oder meinen gesamten Alltag zuverlässig organisieren kann.

Das sind unterschiedliche Tätigkeiten.

Mit unterschiedlichen Anforderungen.

Und dazu kommt mein schwankender Gesundheitszustand.

Wenn ich an einem Tag geistig besonders leistungsfähig bin, bedeutet das nicht, dass alle anderen Einschränkungen verschwunden sind.

Sie sind noch da.

Auch wenn man sie gerade nicht sieht.

Die Gesellschaft liebt einfache Kategorien

Ich glaube, viele Menschen haben ein Problem mit Widersprüchen.

Sie möchten die Welt gern ordentlich sortieren.

Arbeitsfähig.

Nicht arbeitsfähig.

Gesund.

Krank.

Selbstständig.

Hilfsbedürftig.

Leistungsfähig.

Nicht leistungsfähig.

Und dann komme ich.

Mit meinem Pflegegrad.

Meiner Erwerbsminderung.

Meiner Epilepsie.

Und meinen großen Projekten.

Ich sitze irgendwo zwischen diesen Schubladen und mache es den Menschen nicht besonders leicht.

Denn ich bin nicht permanent hilfsbedürftig.

Aber ich bin auch nicht permanent belastbar.

Ich bin nicht geistig eingeschränkt, nur weil ich Epilepsie habe.

Aber meine Erkrankung kann meine geistige Leistungsfähigkeit zeitweise durchaus beeinträchtigen.

Ich kann schwierige Probleme lösen.

Und trotzdem an einer ganz einfachen Alltagstätigkeit scheitern.

Das alles kann gleichzeitig wahr sein.

Warum eigentlich nicht?

Ein Mensch besteht schließlich nicht aus einem einzigen Messwert.

Wer entscheidet, was normal ist?

Ich habe oft gehört, dass Menschen mit Epilepsie ganz normal behandelt werden möchten.

Natürlich.

Ich möchte auch nicht, dass jemand ständig um mich herumläuft und mich wie ein zerbrechliches Porzellanfigürchen behandelt.

Aber ich finde die Forderung nach Normalität manchmal merkwürdig.

Was bedeutet das überhaupt?

Soll ich genauso behandelt werden wie ein Mensch ohne Epilepsie?

Auch dann, wenn ich gerade einen schweren Anfall hatte?

Soll ich dieselben Arbeitszeiten erfüllen?

Dieselbe körperliche Belastung aushalten?

Immer funktionieren?

Natürlich nicht.

Gleichberechtigung bedeutet für mich nicht, dass alle Menschen unter exakt denselben Bedingungen leben müssen.

Sondern dass man ihre unterschiedlichen Voraussetzungen ernst nimmt.

Ich möchte nicht bevorzugt werden, weil ich Epilepsie habe.

Aber ich möchte auch nicht benachteiligt werden, weil andere Menschen nicht verstehen, wie meine Erkrankung funktioniert.

Und manchmal brauche ich eben besondere Rücksichtnahme.

Das ist keine Schande.

Es ist eine Tatsache.

Und jetzt wird es unangenehm

Bis jetzt haben wir über Leistungsfähigkeit gesprochen.

Über Arbeit.

Über Pflege.

Und über gesellschaftliche Erwartungen.

Aber es gibt noch ein anderes Thema.

Und das ist wesentlich unangenehmer.

Es geht um Macht.

Genauer gesagt:

Um die Macht, die ein Mensch plötzlich über einen anderen bekommen kann, wenn dieser vorübergehend nicht in der Lage ist, sich zu wehren.

Ich habe bei meinen epileptischen Anfällen sehr unterschiedliche Formen von Bewusstseinsstörungen erlebt.

Manchmal war ich vollständig bewusstlos.

Manchmal bekam ich noch etwas mit.

Manchmal konnte ich bestimmte Dinge wahrnehmen, aber nicht richtig einordnen.

Und manchmal war ich erst nach längerer Zeit wieder vollständig orientiert.

In solchen Situationen bin ich verletzlich.

Nicht unbedingt körperlich allein.

Sondern auch gegenüber dem Verhalten anderer Menschen.

Denn wenn ich gerade nicht vollständig verstehe, was um mich herum geschieht, kann ich auch nicht immer sofort entscheiden, wie ich darauf reagieren möchte.

Und genau das eröffnet anderen Menschen Möglichkeiten.

Gute Möglichkeiten.

Und schlechte.

Ein Mensch wird hilflos – und jemand anders plötzlich wichtig

Ich möchte einmal eine Situation beschreiben.

Keine konkrete Person.

Keinen einzelnen Vorfall.

Sondern eine Konstellation, die ich im Laufe meines Lebens als besonders schwierig empfunden habe.

Da sind zwei Menschen.

Der eine ist krank.

Vielleicht hat er gerade einen fokalen epileptischen Anfall.

Er ist verwirrt.

Kann nicht richtig reagieren.

Und braucht möglicherweise Hilfe.

Der andere ist gesund.

Oder jedenfalls in diesem Moment handlungsfähig.

Er kann entscheiden.

Sprechen.

Anweisungen geben.

Und die Situation organisieren.

Plötzlich verändert sich das Verhältnis zwischen beiden.

Vorher waren sie gleichberechtigte Gesprächspartner.

Jetzt ist einer abhängig.

Und der andere hat Handlungsmacht.

Was macht dieser zweite Mensch daraus?

Das ist für mich eine ungeheuer wichtige Frage.

Denn nicht jeder Mensch geht mit Macht gleich um.

Der hilfreiche Mensch

Da ist zunächst jemand, der wirklich helfen möchte.

Er erkennt, dass ich gerade einen Anfall habe.

Er schützt mich.

Bleibt ruhig.

Und versucht, die Situation so sicher wie möglich zu gestalten.

Wenn ich vorübergehend nicht in der Lage bin, Entscheidungen zu treffen, übernimmt er nur das, was notwendig ist.

Er lässt mich nicht allein.

Er behandelt mich respektvoll.

Und sobald ich wieder vollständig bei Bewusstsein bin, gibt er mir die Entscheidungen zurück.

So sollte es sein.

Das ist Hilfe.

Und ich habe solche Menschen in meinem Leben erlebt.

Thomas beispielsweise.

Oder den Pizzabäcker in der Rigaer Straße.

Menschen, die nicht plötzlich zu meinen Vorgesetzten werden wollten.

Sondern die erkannten, dass ich Unterstützung brauchte.

Und sie mir gaben.

Der Mensch, der es zu gut meint

Dann gibt es eine zweite Gruppe.

Menschen, die aufrichtig helfen möchten, dabei aber gelegentlich zu weit gehen.

Sie haben Angst.

Sie möchten verhindern, dass wieder etwas passiert.

Und deshalb beginnen sie, Entscheidungen für mich zu treffen.

Vielleicht sagen sie:

„Du solltest heute lieber zu Hause bleiben.“

Oder:

„Das ist nichts für dich.“

Oder:

„Wir haben beschlossen, dass du da besser nicht mitkommst.“

Es kann gut gemeint sein.

Ich will das überhaupt nicht bestreiten.

Aber es kann trotzdem bevormundend werden.

Denn der Unterschied zwischen Fürsorge und Bevormundung liegt für mich nicht nur in der Absicht.

Sondern auch darin, ob der andere Mensch meine eigene Entscheidung respektiert.

Natürlich darf jemand seine Sorgen äußern.

Natürlich darf er Risiken ansprechen.

Und selbstverständlich gibt es Situationen, in denen unmittelbares Handeln notwendig ist, weil Gefahr besteht.

Aber wenn die akute Gefahr vorbei ist, möchte ich wieder selbst entscheiden.

Auch dann, wenn mein Gegenüber meine Entscheidung nicht besonders klug findet.

Der Mensch, der sich groß fühlen möchte

Und schließlich gibt es noch eine dritte Möglichkeit.

Die ist mir besonders unangenehm.

Denn Menschen können die Hilflosigkeit anderer auch ausnutzen.

Nicht unbedingt spektakulär.

Nicht unbedingt mit offener Gewalt.

Manchmal genügt es, dass jemand merkt:

Jetzt kann ich bestimmen.

Jetzt widerspricht sie nicht.

Jetzt bin ich derjenige, der die Anweisungen gibt.

Ich habe im Laufe meines Lebens über solche Machtverhältnisse viel nachgedacht.

Und dabei ist mir ein Satz eingefallen, den ich ziemlich treffend finde:

Es gibt Leute, die sich groß fühlen, wenn ich klein bin. Und es gibt große Leute, die fühlen sich klein, wenn ich groß bin.

Ich meine damit nicht, dass sich jeder Mensch, der mir während eines Anfalls hilft, innerlich überlegen fühlt.

Das wäre unfair.

Aber ich halte es für möglich, dass manche Menschen aus der Hilflosigkeit anderer ein Gefühl eigener Bedeutung gewinnen.

Vielleicht waren sie selbst häufig machtlos.

Vielleicht haben sie erlebt, dass andere über sie bestimmten.

Vielleicht sehnen sie sich danach, endlich einmal das Sagen zu haben.

Und dann steht oder liegt plötzlich ein Mensch vor ihnen, der gerade nicht widersprechen kann.

Ich finde, hier beginnt eine gefährliche Versuchung.

Denn wer helfen will, muss sich fragen, ob er tatsächlich dem anderen dient.

Oder ob er gerade vor allem seine eigene Bedeutung genießt.

Warum mich das so beschäftigt

Wenn ich bei vollem Bewusstsein bin, kann ich diskutieren.

Und zwar ziemlich ausführlich.

Ich kann widersprechen.

Fragen stellen.

Argumente auseinandernehmen.

Und wenn mir jemand Unsinn erzählt, bin ich keineswegs verpflichtet, ihn höflich für eine brillante Erkenntnis zu halten.

Aber bei einem fokalen Anfall kann das anders aussehen.

Vielleicht verstehe ich die Situation nicht vollständig.

Vielleicht kann ich auf eine Frage nicht sinnvoll antworten.

Vielleicht bin ich verwirrt.

Und vielleicht kann ich auch nicht angemessen widersprechen, wenn jemand beginnt, über mich zu bestimmen.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Meine Fähigkeiten sind in diesem Moment nicht unbedingt dauerhaft verschwunden.

Aber ich kann sie vorübergehend nicht so einsetzen, wie ich es normalerweise könnte.

Und deshalb entsteht ein Machtgefälle.

Das kann jemand verantwortungsvoll überbrücken.

Oder ausnutzen.

Ich finde, darüber sollte viel häufiger gesprochen werden.

Nicht nur bei Epilepsie.

Auch bei Menschen mit Demenz.

Bei psychiatrischen Erkrankungen.

Bei schwerer körperlicher Krankheit.

Und überall dort, wo Menschen vorübergehend oder dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sind.

Hilfe ist keine Beförderung

Ich möchte dazu eine ziemlich klare Aussage machen.

Wenn ich einen epileptischen Anfall bekomme, wird mein Helfer dadurch nicht automatisch mein Vorgesetzter.

Er bekommt keinen höheren menschlichen Rang.

Keine umfassende Entscheidungsbefugnis über mein weiteres Leben.

Und schon gar nicht das Recht, mich anschließend wie ein unmündiges Kind zu behandeln.

Natürlich darf er im Notfall handeln.

Wenn ich auf eine Straße zugehe und dabei nicht bei Bewusstsein bin, soll er mich schützen.

Wenn ich in Gefahr bin, soll er Hilfe holen.

Wenn ich medizinische Versorgung benötige, soll er sich darum kümmern.

Aber sobald ich wieder selbst entscheiden kann, möchte ich meine Selbstständigkeit zurückhaben.

Das ist der entscheidende Punkt.

Hilfe ist eine vorübergehende Verantwortung.

Keine Beförderung.

Die unsichtbare Veränderung

Ich frage mich manchmal, ob Menschen überhaupt bemerken, wie sich ihr Verhalten verändert, sobald sie erfahren, dass jemand eine Behinderung hat.

Vielleicht sprechen sie plötzlich langsamer.

Obwohl der Betroffene ganz normal versteht.

Vielleicht erklären sie einfache Dinge besonders ausführlich.

Obwohl niemand um eine Erklärung gebeten hat.

Vielleicht wenden sie sich lieber an eine Begleitperson.

Obwohl der Mensch mit der Behinderung unmittelbar daneben sitzt.

Solche Situationen können ausgesprochen unangenehm sein.

Denn es geht nicht immer um offene Ablehnung.

Manchmal ist es die Veränderung im Tonfall.

Die Selbstverständlichkeit, mit der jemand annimmt, mehr zu wissen.

Oder die unausgesprochene Vorstellung, ein Mensch mit einer schweren Erkrankung müsse grundsätzlich weniger selbstständig sein.

Ich habe keine Lust, mir ständig meine geistige Eigenständigkeit bescheinigen zu lassen.

Ich möchte einfach als erwachsener Mensch behandelt werden.

Mit allen Fähigkeiten.

Und allen Einschränkungen.

Ich bin auch nicht immer einfach

Nun sollte ich fairerweise etwas zugeben.

Ich kann ziemlich eigensinnig sein.

Und ich lasse mir ungern etwas vorschreiben.

Das war schon in meiner Jugend so.

Manchmal war mein Wunsch nach Freiheit sicher größer als meine Bereitschaft, vernünftig über Risiken nachzudenken.

Der Sprung vom Zehn-Meter-Turm war dafür ein gutes Beispiel.

Ich würde ihn heute nicht wiederholen.

Aber ich bin bis heute froh, dass ich ihn damals gewagt habe.

Das haben wir bereits ausführlich besprochen.

Ich möchte daraus allerdings keine allgemeine Haltung ableiten, nach der jede Einschränkung grundsätzlich falsch wäre.

Natürlich gibt es Situationen, in denen andere Menschen recht haben, wenn sie mich auf Gefahren hinweisen.

Ich kann mich irren.

Ich kann Risiken unterschätzen.

Und ich kann manchmal unvernünftig sein.

Wie jeder andere Mensch auch.

Aber genau das ist der Punkt.

Ich möchte nicht, dass meine Unvernunft grundsätzlich anders bewertet wird, nur weil ich Epilepsie habe.

Ein Mensch ohne Behinderung darf schließlich auch gelegentlich eine schlechte Entscheidung treffen.

Warum sollte ausgerechnet ich immer besonders vernünftig sein müssen?

Mein Alltag gehört mir

Seit vielen Jahren lebe ich allein.

Und das hat für mich einen großen Vorteil.

Ich kann meinen Alltag selbst gestalten.

Wenn ich nachts um drei Uhr eine Idee habe, kann ich mich an den Computer setzen.

Wenn ich am Nachmittag müde bin, kann ich schlafen.

Wenn ich ein Projekt fertigstellen möchte, kann ich mich damit beschäftigen, solange meine Kräfte reichen.

Und wenn ich einen schlechten Tag habe, muss ich nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.

Natürlich habe ich Verpflichtungen.

Arzttermine.

Medikamente.

Besuche vom Pflegedienst.

Behördliche Angelegenheiten.

Und all die gewöhnlichen Dinge, die zum Leben gehören.

Aber ich muss meinen Tagesablauf nicht an einer Stechuhr ausrichten.

Das ist für mich eine große Erleichterung.

Nicht, weil ich besonders bequem wäre.

Sondern weil meine Erkrankung eben nicht nach festen Arbeitszeiten funktioniert.

Meine Leistungsfähigkeit ist ungleichmäßig.

Manchmal erstaunlich hoch.

Manchmal erschreckend niedrig.

Und ich habe gelernt, meinen Alltag so weit wie möglich darauf einzurichten.

Wovon lebe ich eigentlich?

Ich möchte auch über eine unangenehme Seite dieser Freiheit sprechen.

Denn natürlich hat meine Erwerbsminderung wirtschaftliche Folgen.

Ich bin seit 2007 berentet.

Und ich beziehe Sozialhilfe.

Ich bin finanziell nicht unabhängig.

Ich kann nicht einfach durch zusätzliche berufliche Tätigkeit mein Einkommen beliebig steigern.

Und ich muss mich mit den Regelungen der sozialen Sicherungssysteme auseinandersetzen.

Das ist nicht immer angenehm.

Es gibt Bescheide.

Anträge.

Nachweise.

Berechnungen.

Und gelegentlich Entscheidungen, über die ich mich sehr ärgere.

Ich habe mir dieses Leben nicht als gemütliche Alternative zu einer Berufstätigkeit ausgesucht.

Es hat sich aus meiner gesundheitlichen Situation ergeben.

Und deshalb finde ich es wichtig, dass man Erwerbsminderung nicht mit persönlichem Versagen verwechselt.

Ich habe nicht versagt, weil ich seit 2007 nicht mehr auf dem regulären Arbeitsmarkt tätig bin.

Ich habe eine schwere chronische Erkrankung.

Und ich lebe mit ihren Folgen.

Aber ich habe deswegen nicht aufgehört, neugierig zu sein.

Oder etwas gestalten zu wollen.

Was ist eine Leistung wert?

Jetzt wird es philosophisch.

Was ist eigentlich eine Leistung?

Ist eine Tätigkeit nur dann wertvoll, wenn jemand dafür bezahlt wird?

Ist ein Text weniger wert, weil ihn eine Sozialhilfeempfängerin geschrieben hat?

Ist ein Musikstück weniger interessant, weil seine Urheberin erwerbsgemindert ist?

Und ist eine Unterrichtseinheit weniger brauchbar, weil sie nicht im Rahmen eines regulären Arbeitsvertrages entstanden ist?

Ich finde diese Fragen spannend.

Denn wir haben uns gesellschaftlich sehr daran gewöhnt, Leistung mit Einkommen und Erwerbsarbeit zu verbinden.

Wer viel verdient, erscheint erfolgreich.

Wer nicht erwerbstätig ist, muss sich gelegentlich erklären.

Aber das sagt noch nichts über den geistigen, kulturellen oder menschlichen Wert dessen aus, was jemand tut.

Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel geschrieben.

Musik produziert.

Filme gestaltet.

Unterrichtsmaterial entwickelt.

Und umfangreiche Webseiten aufgebaut.

Das sind Tätigkeiten, die mir wichtig sind.

Sie bereichern mein Leben.

Und vielleicht helfen sie auch anderen Menschen.

Dafür brauche ich keine Stechuhr.

Aber ich brauche Freiheit.

Und die Möglichkeit, meine Kräfte selbst einzuteilen.

Die Kehrseite meiner Freiheit

Natürlich ist es nicht nur wunderbar, allein zu leben und seinen Tagesablauf selbst bestimmen zu können.

Es gibt auch schwierige Seiten.

Wenn ich einen Anfall habe, ist nicht automatisch jemand da.

Wenn es mir schlecht geht, muss ich überlegen, wen ich erreichen kann.

Wenn ich erschöpft bin, bleiben bestimmte Dinge liegen.

Und manches kann ich ohne Unterstützung nicht zuverlässig erledigen.

Dafür gibt es meinen Pflegedienst.

Dafür gibt es Hilfen.

Und dafür ist ein soziales Sicherungssystem schließlich da.

Nicht als Belohnung.

Nicht als besondere Gnade.

Sondern weil Menschen unterschiedlich belastbar sind und manchmal Unterstützung benötigen.

Ich finde, das sollte man nicht ständig rechtfertigen müssen.

Aber ich weiß auch, dass es gesellschaftlich keineswegs selbstverständlich ist, so darüber zu denken.

Das Missverständnis mit der Hochleistung

Vielleicht sieht jemand meine vielen Projekte und sagt:

„Wenn Sie so viel schaffen, könnten Sie doch auch arbeiten gehen.“

Darauf gibt es eine ziemlich einfache Antwort.

Nein.

Nicht unter den Bedingungen, unter denen ich seit 2007 als erwerbsgemindert gelte.

Denn meine Projekte entstehen gerade deshalb, weil ich mir meine Zeit einteilen kann.

Ich arbeite nicht nach einem fremden Dienstplan.

Ich muss nicht jeden Morgen zu einer festgelegten Stunde an einem bestimmten Arbeitsplatz erscheinen.

Und ich muss meine gesundheitlichen Schwankungen nicht vor einem Vorgesetzten verstecken.

Wenn ich zehn Stunden schlafen muss, schlafe ich.

Wenn ich mich nicht konzentrieren kann, lasse ich es.

Und wenn es mir gut geht, kann ich mich mit großer Intensität meinen Interessen widmen.

Das ist etwas grundsätzlich anderes als eine regelmäßige Erwerbstätigkeit.

Meine produktiven Phasen beweisen also nicht, dass ich jederzeit auf dem Arbeitsmarkt verfügbar wäre.

Sie zeigen nur, dass meine Fähigkeiten in diesen Phasen vorhanden sind.

Und das ist doch eigentlich eine erfreuliche Erkenntnis.

Warum sollte man daraus einen Vorwurf machen?

Zurück ins Bundesministerium

Ich möchte noch einmal an den Besprechungstisch im Bundesministerium für Verkehr zurückkehren.

Ungefähr 1998.

Die junge Susanne wartet auf die Entscheidung.

Die anwesenden Personen haben beraten.

Sie erklären ihr, dass man sie nicht einstellen möchte.

Weil ihre möglichen epileptischen Anfälle den Kollegen Angst machen könnten.

Ich schaue mir diese Situation heute mit anderen Augen an als damals.

Denn inzwischen weiß ich, dass meine gesundheitliche Belastbarkeit im Laufe der Jahre noch erheblich schwieriger werden würde.

Seit 2007 bin ich berentet.

Und ich stehe dem regulären Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung.

Aber das ändert nichts daran, dass ich die damalige Begründung für falsch halte.

Vielleicht hätte ich die Poststelle gesundheitlich auf Dauer nicht bewältigt.

Vielleicht doch.

Das wissen wir nicht.

Aber darüber wurde nach meiner Erinnerung gar nicht ernsthaft entschieden.

Stattdessen stand die mögliche Angst der anderen Mitarbeiter im Mittelpunkt.

Und damit wurde ich auf meine Erkrankung reduziert.

Das ist etwas, das ich bis heute nicht akzeptieren kann.

Die eigentliche Frage

Ich glaube, wir kommen langsam zum Kern.

Es geht nicht darum, dass ich möglichst viel leisten möchte, um meinen Wert zu beweisen.

Ich muss niemandem beweisen, dass ich besonders intelligent bin.

Oder besonders fleißig.

Oder besonders tapfer.

Ich habe Epilepsie.

Und das genügt als Erklärung dafür, warum manche Dinge in meinem Leben schwierig sind.

Aber meine Erkrankung ist keine vollständige Beschreibung meiner Person.

Ich habe Fähigkeiten.

Interessen.

Erfahrungen.

Eine eigene Meinung.

Und eine ausgeprägte Vorstellung davon, wie ich leben möchte.

Manchmal brauche ich Hilfe.

Und manchmal kann ich anderen Menschen etwas erklären, das sie vorher nicht verstanden haben.

Das ist kein Widerspruch.

Das ist menschliches Leben.

Ein Gespräch mit meiner jüngeren Ausgabe

Zum Schluss möchte ich noch einmal die Susanne besuchen, die ungefähr 1998 vor dem Bundesministerium steht.

Das Vorstellungsgespräch ist vorbei.

Sie hat die Stelle nicht bekommen.

Sie ist traurig.

Und wütend.

Ich stelle mich neben sie.

„Na, Susanne.“

Sie schaut mich an.

„Na.“

„War scheiße, was?“

„Ja.“

Eine Weile gehen wir nebeneinander her.

Dann fragt sie:

„Wird das irgendwann besser?“

Ich überlege.

Denn ich möchte ihr nichts vormachen.

„Manches wird besser.“

„Und die Epilepsie?“

„Die bleibt.“

Sie schaut auf den Boden.

„Toll.“

„Du wirst aber auch eine Menge Dinge machen, von denen du jetzt noch gar keine Ahnung hast.“

„Zum Beispiel?“

„Bücher schreiben.“

Sie schaut mich an.

„Echt?“

„Ja.“

„Und was noch?“

„Webseiten bauen. Musik machen. Filme produzieren. Unterrichtsmaterial entwickeln.“

„Das alles?“

„Ja.“

Sie grinst.

„Dann werde ich ja doch noch was.“

Ich bleibe stehen.

„Susanne.“

„Was denn?“

„Du bist jetzt schon jemand.“

Sie schaut mich einen Moment lang an.

Dann gehen wir weiter.

Ich weiß, dass noch viele schwierige Jahre vor ihr liegen.

Und ich weiß auch, dass sie manches erleben wird, was ich ihr am liebsten ersparen würde.

Aber ich weiß ebenso, dass sie ihre Neugier nicht verlieren wird.

Und ihren Eigensinn auch nicht.

Ich kann mehr, als du denkst

Wenn ich heute gefragt werde, was ich eigentlich kann, müsste ich wahrscheinlich ziemlich lange antworten.

Ich kann schreiben.

Denken.

Gestalten.

Programmieren.

Lernen.

Mich in komplizierte Themen einarbeiten.

Und ich kann manchmal eine geistige Energie entwickeln, die mich selbst überrascht.

Aber ich kann nicht jeden Tag dieselbe Leistung erbringen.

Ich kann nicht immer zuverlässig planen.

Ich kann nicht verhindern, dass meine Epilepsie meinen Alltag unterbricht.

Und ich kann nicht garantieren, dass ich morgen genauso belastbar bin wie heute.

Deshalb bin ich seit 2007 berentet.

Deshalb brauche ich in bestimmten Bereichen Unterstützung.

Und deshalb ist mein Alltag anders organisiert als der vieler Menschen ohne eine schwere chronische Erkrankung.

Ich finde, man muss beides sehen.

Meine Fähigkeiten.

Und meine Einschränkungen.

Nicht das eine gegen das andere ausspielen.

Nicht aus meinen guten Tagen schließen, dass ich gar nicht krank sein könne.

Und nicht aus meinen schlechten Tagen schließen, dass ich grundsätzlich nichts zustande bringe.

Vor allem aber möchte ich nicht, dass jemand meine vorübergehende Hilflosigkeit benutzt, um sich über mich zu stellen.

Wer mir während eines Anfalls hilft, dem bin ich dankbar.

Wer mich schützt, wenn ich mich selbst gerade nicht schützen kann, tut etwas Wichtiges.

Aber sobald ich wieder selbst entscheiden kann, möchte ich auch selbst entscheiden.

Meine Epilepsie ist keine Einladung zur Bevormundung.

Und meine Erwerbsminderung ist kein Urteil über meinen Verstand.

Ich kann mehr, als du denkst.

Aber nicht immer.

Und wann ich Hilfe brauche, entscheidet sich nicht daran, wie viel du mir zutraust, sondern daran, was ich tatsächlich gerade kann.

Kapitel 10

Mein Gehirn, die Diva

Oder: Wie ein Organ fünfzig Jahre lang im Mittelpunkt stand und der Rest meines Körpers langsam die Geduld verlor

Berlin, Oktober 2026

Ich habe beschlossen, ein ernstes Gespräch mit meinem Gehirn zu führen.

Nach fünfzig Jahren Epilepsie halte ich das für überfällig.

Schließlich hat dieses Organ in meinem Leben eine bemerkenswerte Karriere hingelegt.

Es hat sich nicht damit begnügt, zu denken.

Nein.

Es musste epileptische Anfälle veranstalten.

Dann kamen eine Subarachnoidalblutung und mehrere Aneurysmen dazu.

Fünf Operationen.

Psychiatrische Krisen.

Medikamente.

Unzählige EEGs.

Krankenhausaufenthalte.

Und eine Sammlung medizinischer Befunde, für die andere Menschen vermutlich ein eigenes Bücherregal anschaffen müssten.

Dabei ist mein Gehirn eigentlich nur eines von vielen Organen.

Aber das scheint es vergessen zu haben.

Mein Herz schlägt seit 61 Jahren.

Meine Lunge sorgt dafür, dass ich Luft bekomme.

Meine Leber hat jahrzehntelang Medikamente verstoffwechselt.

Mein Magen erinnert mich zuverlässig daran, dass ich Hunger habe.

Und meine Füße tragen mich durch die Gegend.

Jedenfalls dann, wenn sie gerade mitmachen.

Aber wer bekommt die meiste Aufmerksamkeit?

Mein Gehirn.

Immer mein Gehirn.

Ich finde, irgendwann ist auch mal gut.

Eine Vorladung ins Arbeitszimmer

Es ist ein ganz gewöhnlicher Abend.

Ich sitze an meinem Schreibtisch.

Vor mir mein MacBook.

Daneben eine Tasse Kaffee.

Und natürlich eine selbstgedrehte Zigarette.

Ohne Filter.

Gauloises.

Ich rauche seit meinem neunzehnten Lebensjahr.

Eine Gewohnheit, zu der ich ein ausgesprochen widersprüchliches Verhältnis habe.

Aber dazu kommen wir noch.

Zunächst möchte ich mit meinem Gehirn sprechen.

„So“, sage ich. „Jetzt reden wir mal miteinander.“

Eine Stimme meldet sich.

„Mit wem?“

„Mit dir.“

„Mit mir?“

„Ja. Mit meinem Gehirn.“

„Ach, Susanne. Haben wir nicht schon genug miteinander zu tun?“

„Eben deshalb.“

„Worum geht's?“

„Um deine maßlose Selbstüberschätzung.“

Eine kurze Pause.

„Bitte?“

„Du hast richtig gehört.“

„Ich bin immerhin dein Gehirn.“

„Das ist mir bekannt.“

„Ohne mich könntest du überhaupt nicht denken.“

„Und genau deshalb bildest du dir ein, du wärst der Mittelpunkt des Universums.“

„Nicht des Universums. Nur deines Lebens.“

Ich stelle meine Kaffeetasse ab.

„Na wunderbar. Wenigstens gibst du es zu.“

„Was denn?“

„Dass du eine Diva bist.“

„Ich bevorzuge den Begriff Zentralorgan.“

Ich muss lachen.

Das fängt ja gut an.

1976 – Der erste große Auftritt

„Fangen wir mal ganz vorne an“, sage ich.

„1965?“

„Nein. 1976.“

„Ach, das.“

„Ja, das.“

Ich war elf Jahre alt.

Ein ganz normales Mädchen in Bardowick.

Ich ging zur Schule.

Spielte mit anderen Kindern.

Hatte Interessen.

Pläne.

Und eine Zukunft, über die ich damals noch nicht allzu viel nachdenken musste.

Dann bekam ich meinen ersten epileptischen Anfall.

Und plötzlich drehte sich sehr vieles um meinen Kopf.

Arztbesuche.

Untersuchungen.

Medikamente.

Sorgen.

Die Frage, wann der nächste Anfall kommen würde.

Ich schaue mein Gehirn an.

„Kannst du dich daran erinnern?“

„Natürlich.“

„Warum hast du damit angefangen?“

„Schwierige Frage.“

„Das ist eine ziemlich unbefriedigende Antwort.“

„Ich bin kein eigenständiger Mensch, Susanne. Ich bin ein Organ.“

„Ach, jetzt plötzlich?“

„Ja.“

„Vorhin warst du noch der Mittelpunkt meines Lebens.“

„Das schließt sich doch nicht aus.“

Natürlich nicht.

Bei meinem Gehirn schließt sich offenbar überhaupt nichts aus.

Es kann hochkomplizierte philosophische Fragen bearbeiten.

Und gleichzeitig einen epileptischen Anfall produzieren.

Manchmal frage ich mich, ob es sich nicht besser auf eine Tätigkeit konzentrieren sollte.

Ein Star wird geboren

Mit den ersten Anfällen begann für mein Gehirn eine außergewöhnlich erfolgreiche Phase öffentlicher Aufmerksamkeit.

Jedenfalls medizinisch betrachtet.

Neurologen interessierten sich dafür.

Psychiater.

Später Neurochirurgen.

Radiologen.

Epileptologen.

Neuropsychologen.

Und alle möglichen anderen Fachleute.

Man machte EEGs.

Schrieb Befunde.

Untersuchte meine Reflexe.

Stellte Fragen.

Verordnete Medikamente.

Und versuchte herauszufinden, was in meinem Kopf eigentlich vor sich ging.

Ich kann meinem Gehirn nicht vorwerfen, dass es dabei unbeachtet geblieben wäre.

Im Gegenteil.

Es hatte ein Publikum.

Und zwar ein sehr qualifiziertes.

„Na“, sage ich, „das hat dir gefallen, oder?“

„Was?“

„Dass sich alle ständig mit dir beschäftigen.“

„Ich habe niemanden darum gebeten.“

„Ach nein?“

„Nein.“

„Und die Epilepsie?“

„Die war keine Werbekampagne.“

Da hat es leider recht.

Natürlich weiß ich, dass mein Gehirn keine absichtlichen Entscheidungen trifft, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ein epileptischer Anfall ist keine künstlerische Darbietung.

Und eine Hirnblutung erst recht nicht.

Aber manchmal hilft es mir, mir dieses Organ als eine eigenwillige Persönlichkeit vorzustellen.

Denn nach fünfzig Jahren habe ich durchaus den Eindruck, dass mein Kopf in meinem Leben ziemlich häufig das letzte Wort hatte.

Selbst dann, wenn ich ausgesprochen anderer Meinung war.

Der Rest des Körpers meldet sich

Plötzlich klopft es.

„Herein“, sage ich.

Meine Nase erscheint.

Ich erkenne sie sofort.

Wir haben schließlich einiges miteinander durchgemacht.

„Entschuldigung“, sagt sie. „Ich möchte mich beschweren.“

Mein Gehirn seufzt.

„Nicht jetzt.“

„Doch. Jetzt.“

Ich schaue interessiert zu.

„Was gibt's?“

„Fünfzehn Nasenbeinbrüche.“

„Ja“, sage ich. „Ich weiß.“

„Fünfzehn!“

„Ich habe mitgezählt.“

„Und warum?“

Sie zeigt nach oben.

„Wegen dem da.“

Mein Gehirn wirkt beleidigt.

„Ich habe dich nicht persönlich angegriffen.“

„Nein“, sagt meine Nase. „Du hast einfach dafür gesorgt, dass Susanne immer wieder umgefallen ist. Den Rest durfte ich erledigen.“

Das ist natürlich ein Argument.

Dazu kommen die gebrochenen Jochbeine.

Verletzungen an der Augenhöhle.

Und die Stirnbeinbrüche.

Mein Gesicht hat im Laufe der Jahrzehnte ausgesprochen viel mitmachen müssen.

Dabei hatte es mit der elektrischen Aktivität meines Gehirns ursprünglich überhaupt nichts zu tun.

„Und dann“, sagt meine Nase, „kam auch noch dieser Hund.“

„Cora“, sage ich.

„Genau.“

„Die hat dir doch geholfen.“

„Ich habe seitdem gemischte Gefühle gegenüber Cocker Spaniels.“

Verständlich.

Die Lunge platzt herein

Bevor meine Nase weitersprechen kann, fliegt die Tür auf.

Und zwar mit einer Wucht, die mich beinahe vom Stuhl fallen lässt.

„JETZT REICHT'S!“

Ich schaue erschrocken auf.

Mein Gehirn ebenso.

Vor uns steht meine Lunge.

Und die ist offensichtlich stinksauer.

„Was ist denn mit dir los?“, frage ich.

„Was mit mir los ist? Das fragst ausgerechnet DU?“

„Ja, ich wollte eigentlich gerade …“

„Seit deinem neunzehnten Lebensjahr!“

„Was?“

„Seit deinem NEUNZEHNTEN Lebensjahr!“

Jetzt ahne ich, worauf sie hinauswill.

„Ach so.“

„Nichts ach so!“

Meine Lunge stemmt die Hände in die Hüften.

Jedenfalls stelle ich sie mir so vor.

Denn selbstverständlich hat eine Lunge keine Hände.

Aber in meinem Arbeitszimmer dürfen heute offenbar alle Organe auftreten, wie sie möchten.

„Vier Jahrzehnte“, sagt sie. „Mehr als vier Jahrzehnte!“

„Ja.“

„Gauloises!“

„Ja.“

„Selbstgedreht!“

„Ja.“

„OHNE FILTER!“

Ich versuche, etwas zu sagen.

„Du musst zugeben, dass …“

„Ich muss überhaupt nichts zugeben!“

Mein Gehirn lehnt sich zufrieden zurück.

Endlich steht einmal jemand anderes im Mittelpunkt.

Die große Abrechnung

Meine Lunge hat sich inzwischen warmgeredet.

„Ich möchte hiermit offiziell Beschwerde einlegen.“

„Bei wem?“, frage ich.

„Bei dir!“

„Gut.“

„Und bei dem da.“

Sie zeigt auf mein Gehirn.

Das richtet sich auf.

„Wieso bei mir?“

„Weil du ständig behauptest, so wahnsinnig intelligent zu sein!“

„Ich behaupte überhaupt nichts.“

„Ach nein? Und wer verarbeitet seit Jahrzehnten sämtliche Gedanken, mit denen Susanne sich das Rauchen schönredet?“

Mein Gehirn schweigt.

„Wer findet immer wieder einen Grund, warum gerade jetzt unbedingt eine Zigarette notwendig ist?“

„Nun ja …“

„Wer sagt nach dem Kaffee: Jetzt wäre eine Zigarette schön?“

„Das ist komplizierter.“

„Und wer sorgt dafür, dass aus einer Zigarette die nächste wird?“

„Abhängigkeit ist ein komplexer neurobiologischer Vorgang“, erklärt mein Gehirn.

Meine Lunge starrt es an.

„Ach, hör doch auf mit deinem neurobiologischen Gesülze!“

Ich muss lachen.

„Da hat sie jetzt aber einen Punkt.“

„DU BIST STILL!“, fährt mich die Lunge an.

Gut.

Ich bin still.

Der Rauch und das Denken

Die Lunge wendet sich wieder an mein Gehirn.

„Ich möchte einmal etwas ganz Einfaches wissen.“

„Bitte.“

„Was brauchst du, damit du denken kannst?“

„Unter anderem Sauerstoff.“

„Aha!“

„Ja.“

„Und wer kümmert sich darum, dass du diesen Sauerstoff bekommst?“

Eine Pause.

„Du.“

„Richtig!“

Sie schaut triumphierend zu mir.

„Und was macht Susanne mit mir?“

Ich betrachte meine Zigarette.

„Sie raucht“, sagt mein Gehirn vorsichtig.

„Sie raucht! Seit sie neunzehn ist! Filterlose, selbstgedrehte Gauloises!“

„Ich weiß“, sage ich.

„Und nicht gerade gelegentlich.“

Ich überlege kurz, ob ich widersprechen soll.

Lieber nicht.

Meine Lunge ist heute in einer Stimmung, in der man sie besser ausreden lässt.

„Ich arbeite Tag und Nacht“, fährt sie fort. „Ich versorge den Körper mit Sauerstoff. Ich helfe dabei, Kohlendioxid abzugeben. Und als Dankeschön bekomme ich seit Jahrzehnten Tabakrauch!“

Das ist schwer zu bestreiten.

„Und dann“, sagt sie, „sitzt ihr hier und diskutiert darüber, ob das Gehirn eine Diva ist!“

Sie schlägt mit der imaginären Faust auf den Tisch.

„DAS BIN ICH DOCH WOHL DIEJENIGE, DIE HIER ETWAS ZU SAGEN HAT!“

Mein Gehirn räuspert sich.

„Rein anatomisch betrachtet hast du keinen direkten Einfluss auf die Tagesordnung.“

Die Lunge dreht sich langsam zu ihm um.

„Pass mal auf, mein Freund. Ohne Sauerstoff ist deine Tagesordnung sehr schnell beendet.“

Stille.

Ich finde, die Diskussion entwickelt sich ausgesprochen interessant.

Eine Zigarette ist keine philosophische Leistung

Nun muss ich allerdings etwas zugeben.

Ich rauche gern.

Das ist keine besonders vernünftige Aussage.

Aber sie ist wahr.

Ich mag das Ritual.

Das Drehen.

Die Zigarette zum Kaffee.

Das kurze Innehalten.

Und ich habe über viele Jahre eine feste Gewohnheit daraus gemacht.

Allerdings weiß ich selbstverständlich, dass Rauchen schädlich ist.

Gerade filterloser Tabakrauch belastet die Atemwege erheblich.

Er enthält zahlreiche giftige und krebserregende Stoffe.

Und er erhöht das Risiko schwerer Erkrankungen.

Daran ändert auch meine Freude an einer Zigarette nichts.

Ich könnte jetzt anfangen, mir allerlei Gründe auszudenken, warum ich trotzdem rauche.

Stress.

Epilepsie.

Schmerzen.

Medikamente.

Mein kompliziertes Leben.

Aber ich glaube, meine Lunge würde mich spätestens beim dritten Argument aus dem Arbeitszimmer werfen.

Denn keine dieser Erklärungen macht den Rauch für sie ungefährlich.

Und ich finde, man darf durchaus etwas tun, von dem man weiß, dass es ungesund ist, ohne deshalb behaupten zu müssen, es sei eigentlich harmlos.

Man sollte dann allerdings ehrlich genug sein, sich selbst nicht für besonders vernünftig zu halten.

Ich bin es in dieser Hinsicht jedenfalls nicht.

Die Leber möchte ebenfalls reden

„Entschuldigung.“

Jetzt meldet sich meine Leber.

Sie sieht müde aus.

Was nach fünfzig Jahren Medikamenteneinnahme zumindest als literarische Vorstellung nachvollziehbar ist.

„Ich hätte auch etwas zu sagen.“

„Bitte“, antworte ich.

„Ich finde es bemerkenswert, dass hier ständig über die Leistungen des Gehirns gesprochen wird.“

Mein Gehirn richtet sich auf.

„Nun ja, ich bin schließlich für äußerst komplexe Vorgänge verantwortlich.“

„Und ich nicht?“

„Das habe ich nicht behauptet.“

„Wer kümmert sich denn um den Stoffwechsel zahlreicher Medikamente?“

„Du.“

„Wer muss sich seit Jahrzehnten mit Wirkstoffen auseinandersetzen, die hauptsächlich wegen deiner Probleme eingenommen werden?“

„Du.“

„Und wer bekommt dafür die ganze Aufmerksamkeit?“

Mein Gehirn schweigt.

Die Leber nickt zufrieden.

„Eben.“

Die Lunge mischt sich ein.

„Und ich bekomme den Rauch!“

„Ja“, sage ich, „das haben wir inzwischen verstanden.“

„Offensichtlich nicht ausreichend!“

Das wird noch ein langer Abend.

Das Herz erhebt Einspruch

Jetzt meldet sich mein Herz.

„Ich möchte nur kurz etwas klarstellen.“

„Bitte.“

„Ich schlage seit 1965.“

„Das weiß ich.“

„Tag und Nacht.“

„Ja.“

„Ohne Urlaub.“

„Stimmt.“

„Und trotzdem hast du die letzten fünfzig Jahre hauptsächlich deinem Gehirn Aufmerksamkeit geschenkt.“

Ich überlege.

Das ist nicht ganz falsch.

Allerdings hat mein Herz ebenfalls seine dramatischen Auftritte gehabt.

Insbesondere im Zusammenhang mit schweren Anfällen und den Ereignissen, die ich später als Nahtoderfahrungen beschrieben habe.

Am 18. Mai 2000 kam es zu einer Situation, die mein gesamtes weiteres Leben beeinflussen sollte.

Nach den Angaben des damaligen Notarztes hatte mein Herz während eines schweren epileptischen Anfalls aufgehört zu schlagen.

Ich wurde wiederbelebt.

Darüber werden wir im nächsten Kapitel noch ausführlich sprechen.

Für heute möchte ich nur festhalten, dass mein Herz durchaus Anlass gehabt hätte, ein wenig mehr Beachtung zu verlangen.

„Immerhin“, sage ich, „habe ich dich nicht vergessen.“

„Nein“, antwortet es. „Aber du hast dir ziemlich viel Zeit gelassen.“

Mein Gehirn versucht, sich einzumischen.

„Technisch gesehen arbeite ich eng mit dem Herz-Kreislauf-System zusammen.“

„Ach, halt doch mal die Klappe“, sage ich.

Es ist schließlich nicht eingeladen worden, sämtliche Wortbeiträge zu kommentieren.

Meine Lunge nickt begeistert.

Endlich sind wir uns einmal einig.

Mein Körper war lange Zeit vor allem ein Problem

Jetzt wird es ernst.

Denn hinter dieser kleinen Vorstellung meiner Organe steckt etwas, worüber ich tatsächlich nachdenken möchte.

Ich habe mich seit meiner Kindheit außergewöhnlich intensiv mit meinem Gehirn beschäftigt.

Natürlich nicht freiwillig im eigentlichen Sinne.

Die Epilepsie zwang mich dazu.

Jeder große Anfall konnte mich verletzen.

Jede Medikamentenumstellung konnte neue Schwierigkeiten mit sich bringen.

Und viele Fragen über meine Gesundheit bezogen sich unmittelbar auf meinen Kopf.

Was geschieht im Gehirn?

Welche Nervenzellen sind beteiligt?

Warum entstehen die Anfälle?

Warum wirken bestimmte Medikamente?

Warum funktionieren andere nicht?

Und warum kann ich manchmal Dinge wahrnehmen, die ich selbst kaum einordnen kann?

Das alles hat mich beschäftigt.

Über Jahrzehnte.

Aber was war mit dem Rest meines Körpers?

Habe ich immer ausreichend auf ihn geachtet?

Auf meine Muskulatur?

Meine Kondition?

Meine Ernährung?

Meine körperliche Beweglichkeit?

Meine Erholung?

Und eben auch auf meine Lunge?

Ich glaube nicht.

Nicht immer.

Und das ist etwas, das ich heute durchaus kritisch betrachte.

Hätte ich sportlicher sein müssen?

Manchmal frage ich mich, ob ich in meinem Leben mehr Sport hätte machen sollen.

Regelmäßiger.

Gezielter.

Mit mehr Rücksicht auf meine körperliche Fitness.

Natürlich war ich nicht mein gesamtes Leben unsportlich.

Ich bin Fahrrad gefahren.

Habe Unternehmungen gemacht.

Bin gereist.

War unterwegs.

Und ich habe durchaus Dinge gewagt, über die ich heute den Kopf schüttele.

Der Sprung vom Zehn-Meter-Turm gehört dazu.

Aber zwischen solchen Erlebnissen und einer regelmäßigen, vernünftigen körperlichen Betätigung liegt ein erheblicher Unterschied.

Ein Mensch kann ausgesprochen abenteuerlustig sein und trotzdem seine körperliche Fitness vernachlässigen.

Und ich glaube, dass ich über lange Strecken meines Lebens eher damit beschäftigt war, meine neurologischen Erkrankungen zu bewältigen, als konsequent etwas für den übrigen Körper zu tun.

Andererseits möchte ich mir daraus keinen nachträglichen Vorwurf machen.

Denn es gab viele Zeiten, in denen ich durch Anfälle, Medikamente, Schmerzen oder andere Erkrankungen erheblich eingeschränkt war.

Ich konnte nicht einfach so tun, als hätte ich einen gesunden Körper, der jederzeit für ein ambitioniertes Sportprogramm zur Verfügung gestanden hätte.

Aber vielleicht hätte ich an manchen Stellen andere Möglichkeiten finden können.

Vielleicht.

Ich weiß es nicht.

Und manchmal ist das ehrlichste Ergebnis eines Rückblicks eben keine großartige Erkenntnis.

Sondern ein schlichtes:

Das hätte ich gern anders gemacht.

Die Beine wollen auch noch etwas sagen

„Moment mal“, höre ich.

Jetzt melden sich meine Beine.

„Wir möchten uns ebenfalls äußern.“

„Bitte.“

„Du sitzt ziemlich viel.“

„Ja.“

„Vor diesem Computer.“

„Ja.“

„Und beschäftigst dich mit Philosophie, Kunst, Geschichte und irgendwelchen Webseiten.“

„Das ist richtig.“

„Und wir?“

Ich schaue nach unten.

„Ihr seid doch dabei.“

„Dabei!“, empören sich meine Beine. „Wir liegen unter dem Schreibtisch!“

Ich muss lachen.

Ganz unrecht haben sie nicht.

Denn ich kann mich stundenlang mit geistigen Aufgaben beschäftigen.

Manchmal vergesse ich dabei tatsächlich, wie lange ich schon sitze.

Ich bin vollkommen in meine Gedanken vertieft.

Und mein Körper wartet geduldig darauf, dass ich irgendwann einmal aufstehe.

Natürlich kann geistige Tätigkeit ausgesprochen erfüllend sein.

Aber sie ersetzt nicht sämtliche anderen Bedürfnisse des Körpers.

Das weiß ich.

Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich dem nächsten Gedanken mehr Aufmerksamkeit schenke als der Frage, ob ich mich vielleicht einmal bewegen sollte.

Mein Gehirn grinst.

„Siehst du? Ich bin eben interessant.“

„Du bist vor allem anstrengend“, sage ich.

Die Lunge hustet demonstrativ.

„Und ich bin auch noch da.“

Die Sache mit der Natur

Es gibt allerdings etwas, das mein Gehirn und der Rest meines Körpers offenbar gleichermaßen schätzen.

Die Natur.

Ich brauche sie.

Nicht unbedingt in Form großer sportlicher Leistungen.

Sondern als Erfahrung.

Den Himmel.

Die Wolken.

Die Bäume.

Das Wasser.

Die Geräusche.

Die Jahreszeiten.

Die Möglichkeit, einfach irgendwo zu sein, ohne dass gerade ein medizinisches Gerät meinen Gesundheitszustand überwacht.

Ich bin in Bardowick aufgewachsen.

In einer Umgebung, in der wir als Kinder draußen spielen konnten.

Der Wald war nicht weit entfernt.

Felder.

Wege.

Der Himmel über der norddeutschen Landschaft.

Ich habe solche Erinnerungen tief in mir.

Und auch heute in Berlin liebe ich bestimmte Momente.

Wenn die Stadt noch schläft.

Wenn es draußen langsam hell wird.

Wenn Vögel zu hören sind.

Wenn sich das Licht verändert.

Und ich einfach einen Augenblick lang nichts leisten muss.

Das sind keine neurologischen Untersuchungen.

Keine philosophischen Seminare.

Und keine medizinischen Behandlungen.

Das ist Leben.

Vielleicht habe ich mich manchmal zu sehr damit beschäftigt, mein Gehirn zu verstehen.

Und zu wenig damit, einfach die Welt zu erleben.

Was ein Baum nicht von mir verlangt

Ein Baum fragt mich nicht, wie viele epileptische Anfälle ich im vergangenen Monat hatte.

Er möchte auch nicht wissen, welche Medikamente ich nehme.

Er fragt nicht nach meinem Pflegegrad.

Nicht nach meinem Schwerbehindertenausweis.

Und schon gar nicht nach meiner Erwerbsfähigkeit.

Er steht einfach da.

Und ich darf ihn anschauen.

Das finde ich ausgesprochen angenehm.

Denn in meinem Leben gab es unendlich viele Menschen, die Fragen zu meiner Gesundheit hatten.

Ärzte.

Behörden.

Gutachter.

Angehörige.

Freunde.

Manchmal berechtigte Fragen.

Manchmal notwendige.

Und gelegentlich solche, auf die ich überhaupt keine Lust hatte.

Ein Baum dagegen stellt keine Fragen.

Er ist einfach vorhanden.

Und manchmal reicht mir das.

Meine Lunge meldet sich vorsichtig.

„Und draußen ist wenigstens frische Luft.“

Ich nicke.

„Ja.“

„Die könntest du dann vielleicht auch mal ohne Zigarette genießen.“

Ich muss lachen.

„Du lässt aber auch nicht locker.“

„Nach über vierzig Jahren? Nein.“

Da hat sie einen gewissen Punkt.

2003 – Die Diva legt nach

Kommen wir zurück zu meinem Gehirn.

Denn es hatte nach den ersten Jahrzehnten Epilepsie offenbar noch nicht genug Aufmerksamkeit bekommen.

Im Jahr 2003 erlitt ich eine Subarachnoidalblutung.

Eine Blutung im Bereich der Hirnhäute, in den mit Nervenwasser gefüllten Raum zwischen Spinngewebshaut und weicher Hirnhaut.

Eine lebensgefährliche Angelegenheit.

Dazu kamen Aneurysmen.

Gefäßaussackungen an Hirnarterien.

Und in den folgenden Jahren mehrere neurochirurgische Eingriffe.

Insgesamt fünf Aneurysmaoperationen.

Ich kann nicht behaupten, dass mein Gehirn sich damit gesundheitlich zurückhaltend verhalten hätte.

„Sag mal“, frage ich es, „hätte die Epilepsie nicht gereicht?“

„Die Aneurysmen waren nicht meine Absicht.“

„Das hoffe ich doch sehr.“

„Gefäßerkrankungen entstehen nicht, weil ich Aufmerksamkeit möchte.“

„Ich weiß.“

„Warum unterstellst du es mir dann?“

„Weil ich mit dir rede.“

„Ach so.“

„Und weil ich nach fünfzig Jahren manchmal den Eindruck habe, dass du wirklich jede medizinische Spezialabteilung einmal kennenlernen wolltest.“

Eine Pause.

„Das ist eine ziemlich ungerechte Darstellung.“

„Vielleicht. Aber ich bin diejenige, die anschließend auf dem Operationstisch liegt.“

Damit ist das Gespräch vorerst beendet.

Die Sache mit den Aneurysmen

Ich möchte hier allerdings eines deutlich sagen.

Meine Epilepsie und meine Gefäßerkrankungen sind nicht automatisch dasselbe.

Ein Aneurysma ist kein epileptischer Anfall.

Und eine Subarachnoidalblutung ist nicht einfach eine besonders ausgeprägte Form der Epilepsie.

Es handelt sich um unterschiedliche neurologische beziehungsweise neurovaskuläre Probleme, die bei mir im Laufe meines Lebens zusammenkamen.

Dass sie alle meinen Kopf betrafen, machte die Sache für mich allerdings besonders bemerkenswert.

Wieder das Gehirn.

Wieder Krankenhaus.

Wieder Spezialisten.

Wieder medizinische Untersuchungen.

Und wieder die Frage, wie mein Leben weitergehen würde.

Ich kann mich gut daran erinnern, wie sich mein Verhältnis zu meinem Kopf dadurch veränderte.

Bei der Epilepsie hatte ich über viele Jahre gelernt, mit wiederkehrenden Anfällen zu leben.

Aber eine Hirnblutung und die Diagnose von Aneurysmen brachten eine andere Form von Gefahr mit sich.

Plötzlich ging es nicht nur darum, ob ich wieder einen Anfall bekommen würde.

Es ging auch um Blutgefäße.

Um Blutungen.

Um Operationen.

Und um Risiken, die selbst für Menschen ohne Epilepsie erschreckend sind.

Das war eine ganz andere Geschichte.

Eine, die wir später noch ausführlich erzählen werden.

Fünf Operationen am Kopf

Wenn ich heute darüber nachdenke, wie oft Neurochirurgen sich mit meinem Kopf beschäftigt haben, ist das schon bemerkenswert.

Es wurde untersucht.

Geplant.

Operiert.

Kontrolliert.

Und wieder untersucht.

Einmal wurde ein Aneurysma geclippt.

Ein anderes wurde gecoilt.

Das sind unterschiedliche Verfahren, um gefährliche Gefäßaussackungen zu behandeln.

Bei einem Clipping wird das Aneurysma operativ mit einem Clip verschlossen.

Beim Coiling werden über einen Katheter feine Spiralen in das Aneurysma eingebracht, um es von innen zu verschließen.

Das ist technisch hochinteressant.

Zumindest, solange man sich nicht selbst auf dem Operationstisch befindet.

Denn aus Sicht der Patientin kann dieselbe Angelegenheit erheblich weniger faszinierend sein.

Da liegt man.

Andere Menschen haben den Operationsplan erstellt.

Und man muss darauf vertrauen, dass alles gut geht.

Ich habe großen Respekt vor neurochirurgischer Arbeit.

Aber ich habe auch erlebt, wie erschreckend die Aussicht auf einen solchen Eingriff sein kann.

Das Gehirn ist schließlich nicht irgendein Organ, an dem man ein bisschen herumbastelt.

Es ist der Ort, an dem unsere Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedanken und unzählige Körperfunktionen verarbeitet werden.

Und wenn dort etwas schiefgeht, kann das weitreichende Folgen haben.

Ein Organ mit erstaunlichen Fähigkeiten

Bei aller Kritik muss ich meinem Gehirn allerdings etwas zugestehen.

Es kann auch eine ganze Menge.

Und zwar ausgesprochen interessante Dinge.

Es ermöglicht mir, Musik zu hören.

Bilder zu betrachten.

Komplexe Gedanken zu entwickeln.

Mich an Menschen zu erinnern, die ich geliebt habe.

Und neue Ideen zu verwirklichen.

Es kann eine Kathedrale betrachten und sich fragen, wie ihre Gewölbe konstruiert wurden.

Es kann ein Gemälde von Raffael anschauen und über die philosophischen Traditionen der Renaissance nachdenken.

Es kann sich mit den Schriften Meister Eckharts beschäftigen.

Oder mit den Fragen, die sich Menschen seit Jahrtausenden über Gott und die Welt stellen.

Und manchmal produziert es Ideen in einer Geschwindigkeit, bei der ich selbst kaum hinterherkomme.

Das ist durchaus beeindruckend.

„Na bitte“, meldet sich mein Gehirn.

„Was?“

„Endlich etwas Anerkennung.“

„Werde bloß nicht übermütig.“

„Ich habe immerhin eine Menge geleistet.“

„Ja. Und eine Menge Mist gebaut.“

„Niemand ist perfekt.“

Die Lunge räuspert sich.

„Das gilt übrigens auch für deine Entscheidungen.“

Ich schaue auf die Zigarette neben meiner Kaffeetasse.

„Ich weiß.“

„Gut.“

Zum ersten Mal klingt sie nicht ganz so wütend.

Das Gehirn ist nicht mein Feind

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich mein Gehirn mein ganzes Leben lang gehasst.

So ist es nicht.

Natürlich gab es Momente, in denen ich verzweifelt war.

In denen ich meine Epilepsie verflucht habe.

Meine Medikamente.

Meine Schmerzen.

Und all die Einschränkungen, die damit verbunden waren.

Aber ich habe auch sehr viel Freude an meinen geistigen Fähigkeiten.

An meiner Neugier.

An meiner Kreativität.

Und an der Möglichkeit, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich begeistern.

Das gehört genauso zu meiner Geschichte wie die Anfälle.

Vielleicht liegt gerade darin die Schwierigkeit.

Ich möchte mein Gehirn nicht loswerden.

Ich möchte nur, dass es sich gelegentlich ein bisschen vernünftiger benimmt.

Und wenn es schon so viel Aufmerksamkeit für sich beansprucht, könnte es wenigstens hin und wieder Rücksicht auf den Rest meines Körpers nehmen.

Das wäre ausgesprochen freundlich.

Ein kurzer Ausflug in die Philosophie

Nun wird es interessant.

Denn wenn ich mit meinem Gehirn spreche, entsteht eine ziemlich merkwürdige Situation.

Wer spricht da eigentlich mit wem?

Ich sage:

„Mein Gehirn.“

Als wäre es ein Gegenstand, den ich besitze.

Wie mein MacBook.

Oder meine Kaffeetasse.

Aber mein Gehirn ist doch an meinem Denken beteiligt.

Und wenn ich darüber nachdenke, ist es selbst Teil dieses Nachdenkens.

Ich kann mich also nicht einfach von ihm trennen und es von außen betrachten.

Zumindest nicht auf dieselbe Weise, wie ich einen Stuhl anschaue.

Ich bin zugleich diejenige, die über ihr Gehirn nachdenkt, und diejenige, deren Denken von diesem Gehirn ermöglicht wird.

Das ist philosophisch eine ausgesprochen vertrackte Angelegenheit.

Wer ist dieses Ich?

Bin ich mein Gehirn?

Bin ich mein ganzer Körper?

Oder entsteht mein Selbstgefühl aus dem Zusammenspiel all dieser Prozesse?

Und warum empfinde ich mich als eine zusammenhängende Person, obwohl in meinem Körper Milliarden einzelner Zellen tätig sind?

Ich finde solche Fragen faszinierend.

Und es überrascht mich überhaupt nicht, dass sich Philosophen und Neurowissenschaftler seit Langem damit beschäftigen.

Descartes schaut herein

Plötzlich steht René Descartes in meinem Arbeitszimmer.

Ich weiß nicht, wie er hereingekommen ist.

Aber in diesem Buch dürfen wir schließlich gelegentlich Besuch aus anderen Jahrhunderten empfangen.

„Madame“, sagt er höflich.

„Herr Descartes!“

„Ich hörte, Sie beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Denken und Sein.“

„Das kann man so sagen.“

„Dann kennen Sie gewiss meinen berühmten Satz.“

„Natürlich. Ich denke, also bin ich.“

Er nickt zufrieden.

„Sehr richtig.“

„Ich habe allerdings ein Problem damit.“

Sein Gesicht verändert sich.

„Ein Problem?“

„Ja.“

„Welches?“

„Was ist mit mir, wenn ich während eines großen epileptischen Anfalls bewusstlos bin?“

Er überlegt.

„Sie existieren selbstverständlich weiterhin.“

„Aber ich nehme mein Denken in diesem Moment nicht wahr.“

„Das wäre philosophisch genauer zu untersuchen.“

„Eben.“

Ich lehne mich zurück.

„Und was ist mit einem Menschen in Narkose? Mit einem Menschen im Koma? Mit einem Neugeborenen?“

Descartes hebt die Hand.

„Mein Argument lautet nicht, dass ein Mensch aufhört zu existieren, sobald er nicht bewusst denkt.“

Ich nicke.

„Das ist richtig. Ihr Satz wird häufig stärker vereinfacht, als es Ihre Überlegung verdient.“

Er wirkt erleichtert.

Aber ich bin noch nicht fertig.

„Mich interessiert trotzdem die Frage, wie sich mein Bewusstsein zu meinem Gehirn verhält. Denn ich habe Zustände erlebt, in denen mein gewöhnliches Gefühl von Zeit, Körper und Selbst vollständig verändert war.“

„Dann“, sagt Descartes, „haben wir offenbar ein interessantes Thema.“

„Das haben wir.“

Und ich glaube, wir werden in einem späteren Kapitel noch einmal ausführlicher miteinander sprechen müssen.

Für heute reicht es.

Mein Gehirn hat schließlich bereits genug Aufmerksamkeit bekommen.

Was mein Körper mir erzählt

Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, meinem Körper auf unterschiedliche Weise zuzuhören.

Manchmal durch Schmerzen.

Manchmal durch Müdigkeit.

Manchmal durch Hunger.

Oder durch die Erfahrung, dass bestimmte Dinge einfach nicht mehr gehen.

Aber ich möchte mich nicht ausschließlich über diese Warnsignale mit ihm beschäftigen.

Ich möchte ihn auch anders erleben.

Wenn ich etwas Schönes sehe.

Wenn mir die Sonne ins Gesicht scheint.

Wenn ich Musik höre und mich darüber freue.

Wenn ich ein gutes Essen genieße.

Oder wenn ich morgens aus dem Fenster schaue und die Vögel beobachte.

Das sind Momente, in denen mein Körper nicht nur als medizinisches Problem erscheint.

Sondern als Teil meines Lebens.

Vielleicht ist das eine Erkenntnis, die ich früher hätte gewinnen können.

Vielleicht auch nicht.

Jedenfalls ist sie mir heute wichtig.

Und inzwischen weiß ich, dass sich der übrige Körper nicht ewig damit zufriedengibt, als stiller Mitarbeiter meines Gehirns behandelt zu werden.

Schon gar nicht die Lunge.

Der große Irrtum mit dem Kopf

Ich glaube, wir Menschen neigen gelegentlich dazu, unseren Kopf für besonders wichtig zu halten.

Dort denken wir.

Dort planen wir.

Dort treffen wir Entscheidungen.

Und dort scheint sich unser bewusstes Ich zu befinden.

Aber was wäre dieses Denken ohne den übrigen Körper?

Ohne Sauerstoff?

Ohne Blutkreislauf?

Ohne Nahrung?

Ohne Schlaf?

Ohne die Sinnesorgane, durch die wir die Welt wahrnehmen?

Mein Gehirn kann noch so brillant über ein Kunstwerk nachdenken.

Wenn meine Augen es nicht sehen, fehlt ihm etwas Entscheidendes.

Es kann sich noch so viele Gedanken über Musik machen.

Wenn ich sie nicht hören kann, verändert sich mein Erleben.

Und es kann noch so wunderbare Pläne entwickeln.

Wenn mein Körper nicht mitmacht, bleiben manche davon eben Pläne.

Das bedeutet nicht, dass ein Mensch mit körperlichen Einschränkungen weniger wert wäre.

Natürlich nicht.

Aber es erinnert mich daran, dass mein Gehirn kein unabhängiger Herrscher ist.

Es ist Teil eines Organismus.

Und dieser Organismus bin ich.

Noch einmal die Diva

Ich wende mich meinem Gehirn zu.

„Also, was lernen wir daraus?“

„Dass ich ziemlich wichtig bin.“

„Nein.“

„Dass ich außerordentlich komplex bin?“

„Auch nicht.“

„Dass du ohne mich dieses Kapitel nicht hättest schreiben können?“

„Das stimmt sogar.“

Es wirkt zufrieden.

„Na bitte.“

„Aber du bist nicht allein.“

„Wie meinst du das?“

„Du brauchst den Rest meines Körpers.“

„Natürlich.“

„Und ich möchte, dass du das gelegentlich berücksichtigst.“

„Was soll ich denn tun?“

Ich überlege.

„Vielleicht weniger epileptische Anfälle veranstalten.“

„Das kann ich dir nicht einfach versprechen.“

„Das dachte ich mir.“

„Und sonst?“

„Mir manchmal eine Pause gönnen.“

„Du könntest ja selbst eine machen.“

Da hat es ausnahmsweise recht.

Ich schaue auf die Uhr.

Es ist spät.

Ich sitze noch immer vor meinem Computer.

Und habe seit Stunden an diesem Kapitel geschrieben.

Vielleicht wäre jetzt tatsächlich ein guter Moment, aufzustehen.

„Eine Frage habe ich noch“, sagt meine Lunge.

Ich seufze.

„Was denn?“

„Bleibt die Zigarette jetzt liegen?“

Ich schaue auf den Tisch.

„Du bist ganz schön hartnäckig.“

„Ich habe lange genug geschwiegen.“

Darauf fällt mir keine besonders gute Antwort ein.

Ein Friedensvertrag mit meinem Körper

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, mit seinem eigenen Gehirn Frieden zu schließen.

Vielleicht ist das ohnehin die falsche Frage.

Denn es ist ja kein fremdes Wesen.

Es gehört zu mir.

Mit all seinen Fähigkeiten.

Und all seinen Störungen.

Ich kann es nicht einfach austauschen.

Und ich möchte es auch gar nicht.

Aber ich kann versuchen, meinen gesamten Körper ernster zu nehmen.

Nicht nur das, was neurologisch auffällig ist.

Sondern auch das, was im Alltag selbstverständlich erscheint.

Meine Atmung.

Meinen Kreislauf.

Meine Beweglichkeit.

Meine Erholung.

Und meine Freude an der Natur.

Ich kann auch anerkennen, dass ich meinem Körper über viele Jahre Dinge zugemutet habe, die ihm nicht guttun.

Das Rauchen gehört ganz eindeutig dazu.

Dafür brauche ich keine Ausreden.

Und auch keinen moralischen Vortrag.

Meine Lunge hat mir schließlich gerade selbst ziemlich deutlich gesagt, was sie davon hält.

Vielleicht muss ich nicht jeden Tag etwas Großartiges leisten.

Vielleicht darf ich auch einfach einmal dasitzen.

Einen Baum anschauen.

Eine Tasse Kaffee trinken.

Und mich darüber freuen, dass ich lebe.

Das klingt erstaunlich einfach.

Für mich ist es manchmal ausgesprochen schwierig.

Denn mein Kopf hat meistens schon wieder die nächste Idee.

Und noch eine.

Und noch eine.

Aber vielleicht kann ich ihm gelegentlich sagen:

Jetzt nicht.

Jetzt bin erst einmal ich dran.

Die letzte Wortmeldung

Ich stehe auf.

Gehe zum Fenster.

Draußen liegt Berlin.

Die Stadt ist noch wach.

Irgendwo fährt ein Auto vorbei.

Ein Licht geht in einem Fenster an.

Ich schaue hinaus.

Und denke an Bardowick.

An meine Kindheit.

An die Felder.

Den Wald.

Den Himmel.

An all die Jahre, in denen mein Leben so stark von neurologischen Erkrankungen geprägt wurde.

Ich bin 61 Jahre alt.

Und mein Gehirn begleitet mich seit meiner Geburt.

Es hat mir unendlich viel Freude bereitet.

Und unendlich viel Ärger.

Es hat mich denken lassen.

Träumen.

Schreiben.

Lieben.

Und Fragen stellen.

Aber es hat mich auch in Krankenhäuser gebracht.

Auf Operationstische.

In Notaufnahmen.

Und an die Grenzen meiner Belastbarkeit.

Vielleicht werde ich nie vollständig verstehen, warum bei mir so vieles ausgerechnet im Kopf zusammenkam.

Die Epilepsie.

Die Hirnblutung.

Die Aneurysmen.

Die Psychosen.

Und all die außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen, die mich bis heute beschäftigen.

Ich werde weiter darüber nachdenken.

Das lässt sich kaum vermeiden.

Dafür bin ich zu neugierig.

Aber ich möchte dabei eines nicht vergessen:

Ich bin nicht nur mein Gehirn.

Ich bin auch mein Herz.

Meine Lunge.

Meine Hände.

Meine Füße.

Meine Haut.

Mein ganzer Körper.

Und ich bin die Frau, die mit all dem seit 61 Jahren lebt.

Plötzlich höre ich wieder diese Stimme.

„Susanne?“

„Was denn?“

„Mir ist gerade eine neue Idee gekommen.“

Ich schließe die Augen.

„Nein.“

„Aber sie ist wirklich interessant.“

„Nein.“

„Nur fünf Minuten.“

„Du weißt genau, dass aus fünf Minuten wieder fünf Stunden werden.“

Eine Pause.

Dann sagt mein Gehirn:

„Na gut. Morgen.“

Ich lächle.

„Morgen.“

Ich gehe in Richtung Schlafzimmer.

Da höre ich hinter mir noch eine Stimme.

Meine Lunge.

„SUSANNE!“

Ich bleibe stehen.

„WAS DENN NOCH?“

„Du hast deine Zigaretten auf dem Schreibtisch liegen lassen.“

„Ja!“

„Gut.“

Ich schüttle den Kopf.

Jetzt habe ich seit fünfzig Jahren eine Diva im Obergeschoss.

Und neuerdings auch noch eine rebellische Lunge.

Das kann ja heiter werden.

Aber für heute ist Schluss.

Mein Gehirn hält die Klappe. Die Lunge darf sich erholen.

Und der Rest von mir möchte endlich schlafen.

Kapitel 11

Neun Minuten Nulllinie

Oder: Warum Gott auch den Menschen im Regenwald kennt

18. Mai 2000. Ein Nachmittag in Berlin.

„Entschuldigung, Frau Albers, ich muss Sie das als Erstes fragen: Sie hatten neun Minuten Nulllinie auf meinem Monitor. Haben Sie auf der anderen Seite ein weißes Licht gesehen?“

Ich lag auf dem Teppichboden meines Arbeitszimmers.

Vor mir kniete ein Notarzt. Drei Sanitäter standen um mich herum, außerdem mein damaliger Ehemann. Fünf Menschen, zehn Augen, die mich anschauten.

Ich verstand zunächst überhaupt nichts.

Warum lag ich auf dem Boden? Weshalb waren Rettungskräfte in meiner Wohnung? Was war geschehen?

Und warum wollte dieser Mann ausgerechnet wissen, ob ich auf der anderen Seite ein weißes Licht gesehen hatte?

Welche andere Seite?

Ein wenig freundlicher hätte man eine Frau nach ihrer Rückkehr ins Bewusstsein durchaus begrüßen können.

Andererseits hatte der Mann gerade anderes zu tun gehabt, als über die Eleganz seiner Gesprächseröffnung nachzudenken.

Wie ich gleich erfahren sollte, hatte er mir das Leben gerettet.

Ein Geheimnis, von dem ich selbst nichts wusste

Die Frage nach dem weißen Licht löste unmittelbar einen eigentümlichen Gedanken in mir aus.

Wer so etwas nicht selbst erlebt hat, muss auch nicht unbedingt erfahren, was auf der anderen Seite geschieht.

Das war mein erster Impuls.

Nicht etwa: Gott sei Dank, ich lebe!

Nicht: Wo bin ich?

Sondern: Dem erzähle ich gar nichts.

Ich finde das rückblickend bemerkenswert.

Andere Menschen werden nach einer Wiederbelebung vielleicht besonders mitteilsam. Ich entwickelte zunächst einmal ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Geheimhaltung.

Dabei hatte ich gar kein Geheimnis, das ich hätte verraten können.

Ich konnte mich nämlich überhaupt nicht daran erinnern, während dieser Zeit irgendetwas gesehen zu haben.

Keinen Tunnel.

Kein Licht.

Keine Landschaft.

Keine himmlischen Gestalten.

Aber das wusste ich in diesem Augenblick noch nicht in der Klarheit, mit der ich es später formulieren konnte. Ich war gerade erst wieder zu mir gekommen, mein Kopf arbeitete auf Hochtouren, und der Notarzt hatte eine Frage gestellt, für deren Beantwortung ich offensichtlich mehr Zeit brauchte.

Unhöflich wollte ich allerdings auch nicht sein.

Immerhin hatte er sich gerade ziemlich angestrengt, mich wieder unter die Lebenden zu befördern.

Also sagte ich:

„Das möchte ich Ihnen nicht sagen. Das bleibt mein Geheimnis.“

Er wirkte enttäuscht.

Ich glaube, er hätte gern mehr erfahren.

Aber nun hatte er Pech gehabt.

Heide Haase hört zu

Was geschehen war, erfuhr ich erst nach und nach.

Ich hatte mit meiner Internistin und Sportmedizinerin Heide Haase telefoniert.

Mit einem jener Telefone, die im Jahr 2000 noch ganz selbstverständlich ein Kabel hatten.

Während des Gesprächs bekam ich einen großen epileptischen Anfall. Dabei geriet das Telefonkabel um meinen Hals. Heide hörte mich am anderen Ende der Leitung röcheln.

Sie konnte nicht sehen, was in meinem Arbeitszimmer geschah. Sie wusste nicht, in welcher Lage ich mich befand.

Aber sie erkannte, dass ich dringend Hilfe brauchte.

Und sie handelte.

Von ihrer Praxis aus alarmierte sie den Notarzt.

Das ist für mich bis heute ein ganz wesentlicher Teil dieser Geschichte.

Denn während ich selbst überhaupt nicht mehr in der Lage war, irgendetwas zu entscheiden, hörte ein anderer Mensch aufmerksam zu.

Nicht irgendwelche medizinischen Apparate retteten mich aus eigener Kraft. Sie mussten eingesetzt werden.

Und dazu brauchte es Menschen.

Eine Ärztin, die bemerkte, dass etwas nicht stimmte.

Rettungskräfte, die kamen.

Einen Notarzt, der handelte.

Ich finde, darüber darf man ruhig einmal nachdenken.

Dass wir am Leben bleiben, hängt manchmal davon ab, dass jemand anderes nicht weghört.

Liebe Heide, ich danke dir.

Damals.

Heute.

Und solange ich an diesen Nachmittag denke.

Neun Minuten

Der Notarzt erklärte mir, dass ich einen schweren epileptischen Anfall gehabt hätte. Dabei habe mein Herz aufgehört zu schlagen.

Er berichtete, er habe mich mit dem Defibrillator wiederbeleben müssen.

Neun Minuten Nulllinie auf seinem Monitor.

So lautete seine Schilderung.

Ich kann heute nicht rekonstruieren, wie der genaue Monitorverlauf aussah, welche Maßnahmen wann durchgeführt wurden und was sich medizinisch in jeder einzelnen Minute abspielte. Ich war bewusstlos. Ich kenne diese Zeit durch die Aussagen der Menschen, die dabei waren.

Aber ich erinnere mich an die Worte des Notarztes.

Und an die Erkenntnis, dass ich beinahe gestorben wäre.

Es war übrigens nicht das erste Mal, dass mir nach schweren Anfällen von dramatischen Wiederbelebungssituationen berichtet worden war. Schon in den beiden Jahren davor hatte es entsprechende Ereignisse gegeben, bei denen von drei und fünf Minuten die Rede gewesen war.

Ich hatte also genügend Anlass, die Sache ernst zu nehmen.

Aber dieser 18. Mai war anders.

Das fühlte ich.

Ich wusste nur noch nicht, wie ich es ausdrücken sollte.

Nein, ich möchte hierbleiben

Nachdem der Notarzt mich untersucht hatte, wollte er mich ins Krankenhaus bringen.

Das war angesichts seiner Schilderung sehr verständlich.

Ich wollte trotzdem nicht.

Ich hatte die Nase voll von Krankenhäusern, Untersuchungen, Betten, Apparaten und der Tatsache, dass meine Epilepsie immer wieder darüber bestimmte, was als Nächstes mit mir geschehen sollte.

Ich wollte zu Hause bleiben.

„Nein, bitte nicht“, sagte ich.

Es wurde diskutiert.

Schließlich unterschrieb ich das Formular, mit dem ich die Mitfahrt gegen ärztlichen Rat ablehnte.

Heute sehe ich diese Entscheidung kritisch. Nach einem berichteten Herzstillstand und einer Wiederbelebung wäre eine medizinische Überwachung ausgesprochen wichtig gewesen.

Aber die Susanne vom 18. Mai 2000 wollte nicht ins Krankenhaus.

Und dabei blieb es.

Die Rettungskräfte packten zusammen und gingen.

Mein damaliger Ehemann war bei mir. Wir mussten beide erst einmal begreifen, was geschehen war.

Die Wohnung wurde wieder still.

Und ich war noch da.

Was sollte das alles?

Nun hätte diese Geschichte hier enden können.

Eine Frau mit Epilepsie bekommt einen lebensbedrohlichen Anfall. Ihre Ärztin verständigt den Rettungsdienst. Der Notarzt berichtet von einem Herzstillstand und einer erfolgreichen Wiederbelebung.

Eine dramatische Krankengeschichte.

Aber eben eine Krankengeschichte.

Für mich war es mehr.

Nicht, weil ich eine himmlische Erscheinung gesehen hätte.

Nicht, weil ich mit einer Botschaft aus einem Jenseits zurückgekehrt wäre.

Sondern weil ich mich plötzlich mit einer Frage konfrontiert sah, die sich nicht mehr beiseiteschieben ließ:

Was ist das eigentlich für ein Gott, an den ich glaube?

Ich war seit meiner frühen Jugend im evangelischen Christentum beheimatet.

Ich kannte die Bibel, die christlichen Überlieferungen, die theologischen Vorstellungen und viele der Fragen, die Menschen seit Jahrhunderten über Gott stellen.

Aber nach diesem Nachmittag genügten mir die vertrauten Antworten nicht mehr.

Es war, als hätte jemand mein bisheriges Gottesbild genommen, auf den Kopf gestellt und gesagt:

Nun schau noch einmal richtig hin.

Und was ich dabei entdeckte, sollte mein weiteres Leben verändern.

Der Mensch im Regenwald

Stellen wir uns einen Menschen vor.

Er lebt im südamerikanischen Regenwald.

Er kennt seine Landschaft.

Die Pflanzen.

Die Tiere.

Die Geräusche.

Das Wetter.

Die Menschen seiner Gemeinschaft.

Er hat seine eigene Kultur, seine eigenen Überlieferungen und möglicherweise seine eigenen spirituellen Vorstellungen.

Aber nehmen wir für unser Gedankenexperiment an, dass er niemals von Jesus Christus gehört hat.

Nicht von Maria.

Nicht vom Neuen Testament.

Nicht von Luther.

Nicht von der evangelischen Kirche.

Er weiß nicht, was ein christliches Glaubensbekenntnis ist.

Er hat keine Ahnung, welche theologischen Streitigkeiten europäische Gelehrte über Jahrhunderte miteinander ausgetragen haben.

Und jetzt komme ich.

Susanne Albers.

Christlich aufgewachsen.

Mit Bibelkenntnissen.

Mit theologischen Interessen.

Mit einer Nahtoderfahrung.

Und frage:

Sollte Gott mich besser kennen als diesen Menschen, nur weil ich in einer anderen Kultur geboren wurde?

Sollte Gott mir näher sein, weil meine Eltern mich christlich erzogen haben?

Sollte dieser andere Mensch erst etwas von Jesus erfahren müssen, damit Gott ihn überhaupt wahrnimmt?

Was wäre das für ein Gott?

Ein Gott, dessen Zuständigkeit an den Grenzen bestimmter Religionsgemeinschaften endet?

Ein Gott, der europäische Theologie benötigt, um einen Menschen auf der anderen Seite der Erde lieben zu können?

Ich konnte mir einen solchen Gott nicht mehr vorstellen.

Nicht nach dem, was ich erlebt hatte.

Und nicht nach dem, was ich in mir als wesentlich erkannte.

Wenn Gott wirklich Gott ist, dann muss er auch der Gott dieses Menschen im Regenwald sein.

Nicht erst, wenn jemand dorthin reist, eine Bibel mitbringt und ihm erklärt, wie er zu glauben hat.

Sondern vorher.

Immer schon.

Unabhängig davon, welchen Namen dieser Mensch dem Göttlichen gibt.

Oder ob er überhaupt einen Namen dafür benötigt.

Gott braucht keinen Mitgliedsausweis

Ich möchte das einmal ganz deutlich sagen.

Es wäre doch eine ungeheure Anmaßung, wenn ich behauptete, dass ausgerechnet die religiöse Tradition, in die ich hineingeboren wurde, darüber entscheidet, wie nahe ein Mensch Gott sein darf.

Warum eigentlich?

Weil wir Europäer besonders klug sind?

Weil wir die richtigen Bücher besitzen?

Weil unsere Theologen seit Jahrhunderten darüber streiten, welche Glaubensformeln zutreffen?

Weil wir Kirchen gebaut haben?

Kathedralen?

Klöster?

Weil wir uns auf Jesus Christus berufen?

Ich finde christliche Geschichte, Architektur und Theologie hochinteressant.

Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten damit.

Aber Wissen ist kein Eigentumstitel an Gott.

Und der Umstand, dass ich christliche Vorstellungen kenne, macht mich nicht heiliger als einen Menschen, der sie nicht kennt.

Der Mensch im Regenwald muss sich nicht von mir erklären lassen, dass sein Leben göttliche Würde besitzt.

Diese Würde hat er bereits.

Genau das war für mich eine der wichtigsten Konsequenzen dieser Erfahrung.

Ich konnte nicht mehr an einen Gott glauben, der seine Liebe davon abhängig macht, ob jemand der richtigen Religion angehört.

Ein solcher Gott wäre mir zu klein.

Viel zu klein.

Das wäre kein universaler Gott.

Das wäre ein Gott nach menschlichem Zuschnitt.

Ein Gott, den wir mit unseren eigenen Grenzen ausgestattet hätten.

Und ich begann mich zu fragen, wie viel von dem, was Menschen über Gott erzählen, tatsächlich von Gott handelt – und wie viel von ihrem Bedürfnis, recht zu behalten.

Und was ist dann mit Jesus?

Jetzt wird es für manche Christen unbequem.

Denn natürlich stellt sich die Frage, was aus Jesus Christus wird, wenn ich auf diese Weise denke.

Ich will Jesus nicht aus meiner Geschichte streichen.

Warum sollte ich?

Sein Leben, seine Worte und seine Bedeutung für die christliche Tradition haben mich immer wieder beschäftigt.

Aber ich möchte unterscheiden zwischen Jesus und dem Anspruch mancher Menschen, ihn zum alleinigen Maßstab für die Gottesnähe aller anderen zu machen.

Dem Menschen im Regenwald müssen die Namen Jesus und Maria nichts bedeuten.

Vielleicht hat er nie von ihnen gehört.

Was soll daraus folgen?

Dass Gott ihn nicht liebt?

Dass ihm etwas Wesentliches fehlt?

Dass er erst christliche Begriffe lernen muss, um am Göttlichen teilzuhaben?

Nein.

Für mich kann das nicht die Antwort sein.

Ich glaube nicht an einen Gott, der seine Gegenwart auf eine einzige religiöse Sprache beschränkt.

Die christliche Tradition ist ein möglicher Weg, über Gott nachzudenken.

Sie ist meine Herkunft.

Sie ist Teil meiner geistigen Heimat.

Aber ich kann aus meiner eigenen Herkunft keinen Anspruch ableiten, anderen Menschen ihr Verhältnis zum Göttlichen zu erklären oder abzusprechen.

Das wäre genau jene religiöse Überheblichkeit, von der ich mich lösen wollte.

Und jetzt wird es erst richtig interessant

Denn kaum hatte ich diesen Gedanken ernst genommen, musste ich weiterdenken.

Wenn das Göttliche nicht auf Christen beschränkt ist, warum sollte es dann überhaupt auf Menschen beschränkt sein?

Warum ausgerechnet wir?

Weil wir sprechen können?

Weil wir Bücher schreiben?

Weil wir Glaubensbekenntnisse formulieren?

Weil wir uns selbst für die Krone der Schöpfung halten?

Ich habe Tiere geliebt.

Ich habe mit ihnen gelebt.

Ich habe ihre Zuneigung erfahren, ihre Angst, ihre Freude und ihre Bedürfnisse.

Und ich habe mich gefragt:

Warum sollte ein Tier weniger Teil des Göttlichen sein als ich?

Es kennt möglicherweise keine Theologie.

Aber es lebt.

Es empfindet.

Es ist Teil derselben Welt.

Dasselbe gilt für Pflanzen.

Ein Baum braucht keine Bibel, um ein Baum zu sein.

Eine Blume muss nicht wissen, was das Wort Schöpfung bedeutet.

Und dennoch sind beide Teil dieser ungeheuer komplexen Wirklichkeit, in der auch ich existiere.

Wenn ich sage, Gott sei überall, kann ich nicht beim Menschen stehen bleiben.

Sonst hätte ich nur eine weitere Grenze gezogen.

Also ging mein Denken weiter.

Zum Tier.

Zur Pflanze.

Zum Sand.

Zum Stein.

Ja, sogar zum Stein.

Ich weiß, dass man darüber streiten kann, was Bewusstsein ist und welche Formen von Empfindung Lebewesen besitzen. Ich behaupte damit nicht, ein Stein habe ein menschliches Bewusstsein.

Ich spreche über mein Gottesverständnis.

Und über die Frage, ob sich das Göttliche auf einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit begrenzen lässt.

Für mich war die Antwort immer deutlicher:

Nein.

Gott im Sand und im Stein

Ich habe diesen Gedanken später oft ausgesprochen.

Gott im Menschen.

Gott im Tier.

Gott in der Pflanze.

Und ganz verwegen: Gott im Sand und im Stein.

Für manche Menschen klingt das vielleicht befremdlich.

Andere werden darin Vorstellungen wiedererkennen, die aus unterschiedlichen mystischen und philosophischen Traditionen bekannt sind.

Aber für mich war es keine akademische Übung.

Es ging um etwas zutiefst Persönliches.

Wenn ich in mir selbst etwas Göttliches wahrnehme, warum sollte ich dieses Göttliche ausschließlich für mich beanspruchen?

Warum sollte ich es anderen Menschen zugestehen, Tieren aber verweigern?

Oder Pflanzen?

Und warum sollte ich überhaupt annehmen, dass Gott sich nach meinen Kategorien zu richten hat?

Ich bin doch diejenige mit den Kategorien.

Nicht Gott.

Ich teile die Welt ein.

In Menschen und Tiere.

In Lebewesen und unbelebte Materie.

In Christen und Nichtchristen.

In vertraut und fremd.

Aber daraus folgt noch lange nicht, dass das Göttliche denselben Grenzen unterliegt.

Vielleicht sind diese Grenzen vor allem eines:

Unsere Grenzen.

Meine Mutter und ihre Pflanzen

Ein Erlebnis, das für mich in diesen Zusammenhang gehört, betrifft meine Mutter.

Sie starb am 26. Februar 2002.

Am Tag nach ihrem Tod waren nach meiner Erinnerung sämtliche Pflanzen auf der großen Fensterbank im Wohnzimmer eingegangen.

Das hat mich tief beeindruckt.

Ich weiß, dass ein solcher zeitlicher Zusammenhang wissenschaftlich nicht beweist, dass Pflanzen trauern oder den Tod eines Menschen wahrnehmen.

Aber ich kann erzählen, wie ich es erlebt habe.

Und welche Bedeutung es für mich hatte.

Meine Mutter war gestorben.

Und ihre Pflanzen waren ebenfalls eingegangen.

Für mich wurde diese Erinnerung zu einem weiteren Anlass, über die Verbundenheit des Lebendigen nachzudenken.

Nicht alles, was mich berührt, ist deshalb ein naturwissenschaftlicher Beweis.

Aber es kann trotzdem eine wichtige Erfahrung meines Lebens sein.

Ich möchte diese beiden Dinge nicht miteinander verwechseln.

Und ich möchte auch nicht so tun, als müsste ich meine persönlichen Erfahrungen aus meiner Lebensgeschichte streichen, nur weil sie sich nicht vollständig erklären lassen.

Gott ist die Liebe

Wenn ich all diese Gedanken zusammenfasse, komme ich zu einem Satz, der auf den ersten Blick denkbar einfach klingt:

Gott ist die Liebe.

Das ist keine neue Formulierung.

Sie gehört zum christlichen Sprachgebrauch.

Aber für mich bekam sie nach dem 18. Mai 2000 eine andere Bedeutung.

Denn wenn ich diesen Satz ernst nehme, muss ich fragen:

Wen liebt Gott?

Nur mich?

Nur Menschen meines Glaubens?

Nur diejenigen, die gut zu mir sind?

Nur die, deren Überzeugungen ich teile?

Oder alle?

Wenn ich sage, Gott sei die Liebe, dann kann ich nicht gleichzeitig behaupten, diese Liebe ende an einer kulturellen oder religiösen Grenze.

Und wenn ich das Göttliche in allem Lebendigen erkenne, kann ich nicht mehr so tun, als sei die übrige Welt bloß dazu da, mir zu dienen.

Das betrifft mein Verhältnis zu anderen Menschen.

Aber ebenso zu Tieren.

Zur Natur.

Und zu der Frage, welche Verantwortung ich als Mensch trage.

Nicht besser. Nicht heiliger.

Hier liegt für mich ein besonders wichtiger Punkt.

Ich habe nach meiner Nahtoderfahrung nicht die Erkenntnis gewonnen, dass ich etwas Besseres sei.

Dass Gott mich besonders liebe und andere Menschen weniger.

Dass ich über ihnen stünde.

Oder dass ich nun das Recht hätte, ihnen zu erklären, sie müssten so glauben wie ich.

Im Gegenteil.

Wenn ich etwas Göttliches in mir empfinde, dann muss ich es auch allen anderen zugestehen.

Sonst widerspreche ich mir selbst.

Dann würde ich ausgerechnet aus einer Erfahrung, die mein Denken weit geöffnet hat, wieder eine neue Form der Überheblichkeit machen.

Und das wäre ziemlich absurd.

Ich kann mich nicht über Menschen lustig machen, die meinen, allein im Besitz der religiösen Wahrheit zu sein, um anschließend zu verkünden, nun hätte ausschließlich Susanne Albers die Wahrheit gepachtet.

Das wäre derselbe Unsinn in einer anderen Verpackung.

Nein.

Ich bin ein Mensch.

Mit Stärken und Schwächen.

Mit guten Entscheidungen und schlechten.

Mit Liebe.

Mit Eigensinn.

Mit einem manchmal ausgesprochen großen Ego.

Und mit sehr vielen Fehlern.

Wenn ich von Göttlichkeit spreche, dann nicht als besondere Auszeichnung für meine Person.

Sondern als etwas, das ich grundsätzlich jedem anderen zugestehe.

Mein Ego und Gott

Ich musste dabei auch über mich selbst nachdenken.

Denn es ist ausgesprochen einfach, schöne Sätze über Liebe und Göttlichkeit zu schreiben.

Sehr viel schwieriger ist es, danach zu leben.

Ich kann behaupten, jeder Mensch trage etwas Göttliches in sich.

Aber was mache ich, wenn mir jemand gehörig auf die Nerven geht?

Wenn mich jemand verletzt?

Wenn jemand eine Meinung vertritt, die ich unerträglich finde?

Wenn mein Ego sich meldet und unbedingt recht behalten möchte?

Dann wird die ganze Angelegenheit plötzlich ziemlich praktisch.

Ich habe in meinem Leben genügend Gelegenheiten gehabt, mein Ego ausgiebig zu füttern.

Manchmal war es riesengroß.

Und ich bilde mir keineswegs ein, inzwischen alle Schwierigkeiten überwunden zu haben.

Aber ich fing an, mein Handeln stärker daran zu messen, ob es meiner eigenen Vorstellung von Liebe entspricht.

Nicht daran, ob ich besonders fromm wirke.

Nicht daran, ob ich die richtigen religiösen Formulierungen benutze.

Sondern daran, wie ich mit anderen umgehe.

Denn wenn Gott die Liebe ist, muss diese Liebe auch etwas mit meinem Verhalten zu tun haben.

Sonst bleibt sie bloß ein schönes Wort.

Die Goldene Regel

In vielen Religionen und philosophischen Traditionen findet sich in unterschiedlichen Formen ein erstaunlich ähnlicher Gedanke:

Behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.

Wir kennen diesen Gedanken als Goldene Regel.

Schon Kinder lernen die gereimte Fassung:

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

Als Kind klingt das ziemlich einfach.

Als Erwachsene merkt man, wie anspruchsvoll es ist.

Denn der andere Mensch ist eben nicht immer freundlich.

Nicht immer vernünftig.

Nicht immer gerecht.

Manchmal ist er lästig.

Manchmal verletzend.

Und manchmal steht er für Dinge, die ich grundsätzlich ablehne.

Die Goldene Regel verlangt trotzdem von mir, mein eigenes Verhalten zu überprüfen.

Nicht nur dann, wenn es mir leichtfällt.

Sondern gerade dann, wenn es schwierig wird.

Und plötzlich ist der Mensch im Regenwald wieder da.

Denn auch er ist der andere.

Nicht irgendeine abstrakte Figur in einem theologischen Gedankenexperiment.

Sondern ein Mensch, dessen Leben denselben Respekt verdient wie meines.

Ob er meine Sprache spricht oder nicht.

Ob er meinen Glauben kennt oder nicht.

Ob ich seine Kultur verstehe oder nicht.

Die Frage nach der Verantwortung

Wenn ich das Göttliche nicht nur in mir selbst erkenne, sondern auch in anderen Menschen, Tieren und der Natur, dann verändert sich meine Verantwortung.

Ich kann nicht einfach sagen:

Hier bin ich.

Dort ist die Welt.

Und die Welt soll mir gefälligst zur Verfügung stehen.

Ich muss fragen, was meine Entscheidungen für andere bedeuten.

Für die Menschen, mit denen ich unmittelbar zusammenlebe.

Für diejenigen, die weit entfernt sind.

Für Tiere.

Für die Umwelt.

Für Menschen, die noch gar nicht geboren wurden.

Wie weit darf ich meine eigenen Interessen verfolgen?

Was geschieht, wenn mein Wohlstand auf Kosten anderer entsteht?

Was bedeutet Mitgefühl, wenn ich es nicht nur für diejenigen empfinde, die mir ähnlich sind?

Und wie ernst meine ich es mit der Liebe, wenn sie mich etwas kostet?

Das sind unbequeme Fragen.

Ich finde, sie müssen unbequem sein.

Denn eine Religion, die mir nur bestätigt, dass ich bereits alles richtig mache, brauche ich nicht.

Dazu reicht mein Ego vollkommen aus.

Ein Gott, der nicht nur meiner ist

Ich kann mir vorstellen, dass manche Christen bei meinen Überlegungen widersprechen.

Vielleicht sagen sie:

Aber Jesus Christus ist doch der Weg.

Vielleicht halten sie meine Vorstellungen für zu weit.

Zu unbestimmt.

Oder nicht christlich genug.

Damit kann ich leben.

Ich erwarte nicht, dass alle Menschen mein Gottesbild übernehmen.

Warum sollte ich?

Ich bin doch gerade zu der Überzeugung gelangt, dass ich Gott niemandem vorschreiben darf.

Aber ich möchte erklären können, warum ich selbst nicht mehr anders denken kann.

Für mich muss Gott größer sein als die Religion, in der ich aufgewachsen bin.

Größer als jede Kirche.

Größer als jedes Glaubensbekenntnis.

Größer als meine eigenen Vorstellungen.

Und wenn mein Gottesbild irgendwo dazu führt, dass ich einen anderen Menschen wegen seiner Herkunft, seiner Kultur oder seines Glaubens für weniger wertvoll halte, dann muss ich mein Gottesbild überprüfen.

Nicht den anderen Menschen.

Der Mensch im Regenwald ist nicht das Problem meiner Theologie. Er ist die Frage, an der sie sich bewähren muss.

Wann habe ich das alles erkannt?

Jetzt muss ich noch etwas unterscheiden.

Am 18. Mai 2000 lag ich auf meinem Teppichboden.

Ich hatte gerade ein lebensbedrohliches Ereignis überstanden.

Mein Bewusstsein setzte wieder ein.

Der Notarzt stellte seine Frage.

Und ich empfand eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Gott.

Zugleich geriet mein bisheriges Verständnis von Leben, Tod und Göttlichkeit in Bewegung.

Ich erlebte diesen Tag als einen Wendepunkt.

Als einen Augenblick, in dem etwas Wesentliches in mir angestoßen wurde.

Aber ich habe nicht innerhalb weniger Minuten eine vollständig ausgearbeitete Theologie formuliert.

Ich habe anschließend gelesen.

Nachgedacht.

Meine Erfahrungen mit dem verglichen, was ich bereits wusste.

Fragen gestellt.

Schlussfolgerungen gezogen.

Manche Gedanken wurden klarer.

Andere veränderten sich.

Und viele beschäftigten mich über Jahre.

Der entscheidende Impuls gehört für mich zum 18. Mai 2000.

Die Worte, mit denen ich ihn später beschrieb, sind das Ergebnis eines langen Denk- und Lebensweges.

Das ist kein Widerspruch.

Eine Erkenntnis kann uns in einem Augenblick treffen.

Und wir können trotzdem ein halbes Leben damit verbringen, ihre Tragweite zu verstehen.

Die Susanne von 2026 besucht sich selbst

Ich stelle mir vor, ich könnte noch einmal in mein Arbeitszimmer vom 18. Mai 2000 zurückkehren.

Die Rettungskräfte sind gegangen.

Mein damaliger Ehemann ist bei mir.

Die jüngere Susanne sitzt auf dem Teppichboden.

Ich bin inzwischen 61 Jahre alt.

Ich habe sehr viel erlebt.

Weitere schwere Krankheiten.

Operationen.

Verluste.

Psychiatrische Krisen.

Aber auch Freundschaft.

Liebe.

Kunst.

Musik.

Und eine unerschöpfliche Freude daran, Fragen zu stellen.

Ich setze mich neben mein jüngeres Ich.

„Na, Susanne.“

Sie schaut mich an.

„Na.“

„Das war ziemlich knapp.“

„Ja.“

Sie schweigt eine Weile.

Dann fragt sie:

„Und was bedeutet das jetzt?“

Ich könnte ihr viel erzählen.

Von der Medizin.

Von all den Jahren, die noch kommen.

Von den Menschen, die sie kennenlernen wird.

Von denen, die sie verlieren wird.

Von ihrer späteren Arbeit an den Webseiten.

Von ihrer Beschäftigung mit Mystik.

Aber ich möchte sie nicht mit ihrer gesamten Zukunft überfallen.

Also frage ich:

„Sag mal, Susanne, an was für einen Gott glaubst du eigentlich?“

Sie schaut mich erstaunt an.

„Was ist das denn jetzt für eine Frage?“

„Eine ziemlich wichtige.“

Sie überlegt.

„Ich glaube an Gott. Natürlich.“

„Und an wen glaubt der Mensch im Regenwald?“

„Welcher Mensch?“

„Einer, der noch nie etwas von Jesus gehört hat.“

Sie denkt nach.

„Na ja, der hat vielleicht seine eigene Religion.“

„Und?“

„Was und?“

„Ist Gott trotzdem bei ihm?“

Sie schaut mich lange an.

Dann sagt sie:

„Ja. Natürlich.“

Ich lächle.

„Siehst du.“

„Was sehe ich?“

„Da fängt es an.“

Das Göttliche ist keine Belohnung

Ich habe mich in den folgenden Jahren immer wieder gefragt, weshalb Menschen das Göttliche so häufig an Bedingungen knüpfen.

Du musst glauben.

Du musst dazugehören.

Du musst dich auf eine bestimmte Weise verhalten.

Du musst eine bestimmte Wahrheit anerkennen.

Erst dann darfst du hoffen, dass Gott dich liebt.

Aber was ist mit einem Neugeborenen?

Was ist mit einem kleinen Kind, das noch gar keine theologischen Begriffe kennt?

Was ist mit einem Menschen, dessen geistige Fähigkeiten eingeschränkt sind?

Was ist mit jemandem, der niemals Gelegenheit hatte, sich mit religiösen Fragen zu beschäftigen?

Soll das Göttliche erst beginnen, wenn bestimmte intellektuelle oder religiöse Voraussetzungen erfüllt sind?

Für mich wurde immer deutlicher:

Nein.

Das Göttliche ist keine Belohnung für gute Religionskenntnisse.

Und auch kein Preis, den jemand erhält, weil er besonders viel über Gott nachgedacht hat.

Es ist für mich etwas Grundsätzliches.

Etwas, das ich als dem Leben selbst zugehörig empfinde.

Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass ein Mensch erst durch meine Belehrung göttliche Würde erhält.

Er hat sie bereits.

Bevor ich überhaupt seinen Namen kenne.

Auch ich bin nicht fertig

Natürlich habe ich damit längst nicht sämtliche theologischen und philosophischen Fragen beantwortet.

Was bedeutet Gott genau?

Ist das Göttliche eine Person?

Eine Wirklichkeit, die alles durchdringt?

Ist Gott zugleich außerhalb der Welt und in ihr gegenwärtig?

Was bedeutet Bewusstsein?

Wie hängen Materie und Geist zusammen?

Warum leiden Menschen und Tiere?

Warum gibt es Tod, Gewalt und Ungerechtigkeit?

Und wenn Gott die Liebe ist, weshalb ist die Welt dann so voller Grausamkeit?

Ich habe darüber unendlich viel nachgedacht.

Und ich werde vermutlich nicht damit aufhören.

Aber ich muss nicht alle Antworten kennen, um eine Haltung zu entwickeln.

Ich kann mich entscheiden, andere Menschen nicht aufgrund ihrer Religion abzuwerten.

Ich kann versuchen, Tiere und Natur mit Respekt zu behandeln.

Ich kann meine eigenen Ansprüche hinterfragen.

Und ich kann mich daran erinnern, dass mein Gottesbild immer kleiner ist als das, was ich mit dem Wort Gott zu beschreiben versuche.

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Formen religiöser Bescheidenheit.

Nicht ständig zu erklären, wie Gott zu sein hat.

Sondern offen dafür zu bleiben, dass meine Vorstellungen unvollständig sind.

Zurück zum Teppichboden

Und damit komme ich wieder zum Anfang.

  1. Mai 2000.

Mein Arbeitszimmer.

Der Teppichboden.

Fünf Menschen.

Zehn Augen.

Ein Notarzt, der wissen möchte, ob ich auf der anderen Seite ein weißes Licht gesehen habe.

Ich weiß es nicht.

Ich erinnere mich an kein Licht.

Und ich werde auch heute nicht behaupten, etwas gesehen zu haben, nur damit die Geschichte eindrucksvoller klingt.

Die neun Minuten Nulllinie sind nach der Schilderung des Notarztes ein medizinisch dramatischer Teil meiner Lebensgeschichte.

Aber sie sind nicht das Wesentliche, das ich aus dieser Erfahrung mitgenommen habe.

Das Wesentliche liegt für mich woanders.

In der Erschütterung meines bisherigen Gottesbildes.

In der Dankbarkeit, noch leben zu dürfen.

Und in der Erkenntnis, dass ich mir Gott nicht länger als eine Gestalt vorstellen konnte, die innerhalb der Grenzen meiner eigenen religiösen Herkunft wohnt.

Wenn ich sage, Gott sei die Liebe, dann meine ich nicht nur die Liebe zu mir.

Nicht nur zu meiner Familie.

Nicht nur zu meinen Freunden.

Und auch nicht nur zu den Menschen, die glauben wie ich.

Ich meine eine Liebe, die keinen anderen Menschen ausschließt.

Die sich nicht auf eine Religion reduzieren lässt.

Und die für mich weit über die Menschheit hinausreicht.

Der Mensch im Regenwald

Ich denke noch einmal an ihn.

An diesen Menschen, irgendwo im südamerikanischen Regenwald.

Er kennt mich nicht.

Ich kenne ihn nicht.

Er hat keine Ahnung, dass eine Frau in Berlin im Jahr 2000 auf ihrem Teppichboden lag, wiederbelebt wurde und anschließend anfing, über die Grenzen ihres christlichen Gottesbildes nachzudenken.

Er weiß nichts von meiner Epilepsie.

Nichts von meinen Krankenhausaufenthalten.

Nichts von meinen Büchern.

Und wahrscheinlich würde er über manche meiner komplizierten theologischen Überlegungen nur den Kopf schütteln.

Aber das spielt keine Rolle.

Ich muss ihn nicht kennenlernen, um ihm dieselbe Würde zuzugestehen wie mir selbst.

Ich muss ihn nicht bekehren.

Und er muss nicht erfahren, wer Jesus oder Maria sind, damit ich glauben kann, dass das Göttliche auch in seinem Leben gegenwärtig ist.

Genau hier wurde mir etwas klar, das meine Persönlichkeit entscheidend geprägt hat:

Ich darf aus meinem Glauben keinen Anspruch auf Überlegenheit ableiten.

Nicht gegenüber anderen Religionen.

Nicht gegenüber anderen Kulturen.

Nicht gegenüber Menschen, die überhaupt nicht religiös sind.

Und schon gar nicht gegenüber der Natur, als wäre sie lediglich die Kulisse unseres menschlichen Lebens.

Ich bin Teil dieser Welt.

Nicht ihre Eigentümerin.

Und wenn ich Gott in mir empfinde, dann muss ich mich fragen, ob ich bereit bin, ihm auch überall sonst zu begegnen.

Im anderen Menschen.

Im Tier.

In der Pflanze.

Im Sand.

Im Stein.

Nicht weil ich damit eine neue, unwiderlegbare wissenschaftliche Theorie aufstelle.

Sondern weil das die Weise ist, in der ich seit jener Erfahrung das Göttliche verstehe.

Was nach neun Minuten bleibt

Ich bin am 18. Mai 2000 nicht mit einem fertigen theologischen System wieder zu Bewusstsein gekommen.

Ich bin mit Fragen zurückgekehrt.

Mit einem zutiefst erschütterten Gottesbild.

Mit Dankbarkeit.

Und mit dem Gefühl, dass ich nun etwas Wesentliches begreifen und in meinem weiteren Leben ernst nehmen musste.

Die Antworten habe ich über viele Jahre entwickelt.

Durch Denken.

Durch Lesen.

Durch Leben.

Durch Irrtümer.

Durch Schmerzen.

Und durch Erfahrungen, die mich immer wieder zwangen, meine eigenen Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen.

Heute, sechsundzwanzig Jahre später, kann ich sagen, was mir daran am wichtigsten ist.

Nicht, dass ich etwas Besonderes erlebt habe.

Nicht, dass ich wiederbelebt wurde und deshalb mehr über Gott wüsste als andere.

Und schon gar nicht, dass ich eine privilegierte Stellung im Universum hätte.

Das Gegenteil.

Wenn ich etwas Göttliches in mir erkenne, dann darf ich es keinem anderen absprechen.

Das ist für mich die entscheidende Konsequenz.

Der Mensch im Regenwald braucht meine Religion nicht, um von Gott geliebt zu sein.

Ein Tier braucht keine menschliche Sprache, um zu dieser Welt zu gehören.

Eine Pflanze braucht kein Glaubensbekenntnis.

Und mein eigenes Leben gewinnt nicht dadurch an Wert, dass ich es über das Leben anderer stelle.

Es gewinnt dadurch an Tiefe, dass ich seine Verbundenheit mit allem anderen ernst nehme.

Dafür musste ich nicht wissen, wie der Himmel aussieht.

Ich musste auch kein weißes Licht sehen.

Ich musste anfangen, mein eigenes Gottesbild zu hinterfragen.

Neun Minuten Nulllinie.

Und ein Leben, in dem sich danach eine Frage immer deutlicher stellte:

Wenn Gott wirklich die Liebe ist – wie könnte diese Liebe jemals nur für mich bestimmt sein?

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich mit dem 18. Mai 2000 verbinde.

Gott gehört nicht den Christen.

Gott gehört nicht irgendeiner Religion.

Und niemand hat das Recht, das Göttliche für sich allein zu beanspruchen.

Ich bin damals auf meinem Teppichboden wieder zu mir gekommen.

Aber mein Gottesbild musste erst noch erwachsen werden.

Kapitel 12

Ich denke nicht, also bin ich nicht.

Oder: Wie René Descartes sein Badezimmer verlor

Niederlande, irgendwann um 1640.

René Descartes sitzt an seinem Schreibtisch.

Vor ihm liegen Papier, Feder und Tinte. Er ist mit seinen Gedanken beschäftigt, was bei einem Philosophen seines Formats nicht weiter überrascht.

Schließlich hat er eine der berühmtesten Aussagen der Philosophiegeschichte formuliert:

Cogito, ergo sum.

Ich denke, also bin ich.

Ein schöner Satz.

Kurz.

Einprägsam.

Und von erstaunlicher Haltbarkeit.

Seit Jahrhunderten wird er zitiert. Schüler lernen ihn, Studenten diskutieren darüber, und Menschen, die sonst mit Philosophie wenig anfangen können, haben ihn meistens wenigstens einmal gehört.

Ich kenne ihn natürlich auch.

Aber ich habe ein Problem damit.

Und weil René Descartes inzwischen seit einigen Jahrhunderten tot ist, muss ich ihn wohl persönlich besuchen, wenn ich mit ihm darüber sprechen möchte.

Also klopfe ich an seine Tür.

„Herein!“

Ich trete ein.

„Guten Tag, Herr Descartes.“

Er blickt von seinem Schreibtisch auf.

„Madame?“

„Susanne Albers. Ich komme aus Berlin.“

„Aus Berlin?“

„Ja. Aus dem Jahr 2026.“

Er legt die Feder hin.

„Das ist bemerkenswert.“

„Finde ich auch. Aber darüber wollte ich eigentlich nicht sprechen.“

„Worüber denn?“

„Über Ihren Satz.“

„Welchen?“

„Ich denke, also bin ich.“

Er lächelt.

„Ah. Das Cogito.“

„Genau. Das Cogito.“

„Was haben Sie dagegen?“

Ich setze mich.

„Fünfzig Jahre Epilepsie.“

Ein Philosoph wird neugierig

Descartes betrachtet mich aufmerksam.

„Epilepsie?“

„Seit 1976.“

„Sie sprechen von einer Krankheit, bei der Menschen Anfälle erleiden?“

„Ganz genau.“

„Und was hat das mit meiner Philosophie zu tun?“

„Eine ganze Menge. Ich möchte nämlich wissen, was mit meinem Ich geschieht, wenn ich während eines großen epileptischen Anfalls das Bewusstsein verliere.“

Descartes lehnt sich zurück.

„Sie meinen, Sie können in einem solchen Zustand nicht denken?“

„Das ist ja gerade die Frage.“

„Dann erklären Sie mir Ihre Erfahrung.“

Das mache ich.

Ich erzähle ihm, dass ich seit meinem elften Lebensjahr epileptische Anfälle habe.

Dass ich große generalisierte tonisch-klonische Anfälle erlebt habe, bei denen ich das Bewusstsein verliere.

Dass andere Menschen mich dabei beobachten können.

Dass sie sehen, wie mein Körper krampft.

Dass Rettungskräfte gerufen werden.

Dass ich mich anschließend manchmal an nichts erinnern kann.

Und dass ein solcher Anfall mit erheblichen Verletzungen verbunden sein kann.

„Während andere Menschen sehen, was mit mir geschieht“, sage ich, „habe ich selbst keine Erinnerung daran. Für mich fehlt diese Zeit.“

Descartes nickt langsam.

„Eine Unterbrechung Ihres bewussten Erlebens.“

„Jedenfalls eine Unterbrechung meiner Erinnerung.“

„Das ist nicht unbedingt dasselbe.“

Ich schaue ihn an.

„Aha. Sie sind also doch nicht so leicht zu erschüttern.“

„Madame, ich habe mein Leben damit verbracht, an allem zu zweifeln, woran sich zweifeln lässt.“

„Sehr schön. Dann sind wir ja schon zu zweit.“

Ein Anfall und ein fehlendes Ich

Ich versuche, ihm mein Problem genauer zu erklären.

Angenommen, ich bekomme einen großen epileptischen Anfall.

Ich verliere das Bewusstsein.

Andere Menschen sehen mich.

Sie können meinen Körper untersuchen.

Vielleicht zeichnet ein EEG währenddessen elektrische Aktivität meines Gehirns auf.

Mein Herz schlägt.

Meine Atmung verändert sich möglicherweise.

Meine Muskeln verkrampfen sich.

Es geschieht also eine ganze Menge.

Aber ich selbst?

Ich kann hinterher nicht berichten, was ich in dieser Zeit gedacht habe.

Ich erinnere mich an keinen Gedanken.

An keine Wahrnehmung.

An kein bewusstes Ich.

Und nun kommt Descartes mit seinem berühmten Satz.

Ich denke, also bin ich.

Da frage ich mich:

Was bin ich eigentlich, wenn ich gerade nicht denke?

Oder wenn ich jedenfalls nicht weiß, ob ich denke?

Descartes hebt die Hand.

„Einen Augenblick, Madame.“

„Bitte.“

„Sie haben meinen Satz möglicherweise anders verstanden, als ich ihn gemeint habe.“

„Das kann sein. Deshalb bin ich ja hier.“

Er steht auf und geht zum Fenster.

„Wenn ich an allem zweifle, kann ich dennoch nicht daran zweifeln, dass ich in diesem Augenblick zweifle. Denn um zu zweifeln, muss ich denken.“

„Ja.“

„Und solange ich denke, ist damit meine Existenz als Denkender gewiss.“

„Das verstehe ich.“

„Ich habe damit aber nicht behauptet, dass ein Mensch aufhört zu existieren, sobald er nicht bewusst denkt.“

Ich nicke.

„Einverstanden. Dann lautet Ihr Satz also nicht: Wer nicht denkt, existiert nicht.“

„Ganz genau.“

„Gut. Dann haben wir schon einmal eine verbreitete Vereinfachung aus dem Weg geräumt.“

Descartes lächelt zufrieden.

Leider zu früh.

„Aber jetzt“, sage ich, „fängt mein Problem erst richtig an.“

Wer ist die Frau auf dem Krankenhausbett?

Ich erzähle ihm von meinen Krankenhausaufenthalten.

Von EEG-Untersuchungen.

Von der Überwachung epileptischer Anfälle.

Von Menschen, die mich während einer Phase beobachten, an die ich selbst keine Erinnerung habe.

„Stellen Sie sich vor“, sage ich, „Sie sitzen an meinem Krankenhausbett.“

„Gut.“

„Ich bekomme einen großen Anfall.“

„Ja.“

„Sie sehen mich.“

„Selbstverständlich.“

„Sie können beschreiben, was mein Körper tut.“

„Ja.“

„Aber wo ist in diesem Augenblick mein bewusstes Ich?“

Descartes überlegt.

„Das müssten wir genauer untersuchen.“

„Eben!“

Ich beuge mich vor.

„Und jetzt nehmen wir einmal das EEG.“

„Was ist das?“

„Ein Gerät, mit dem man elektrische Spannungsunterschiede an der Kopfoberfläche misst, die durch Vorgänge im Gehirn entstehen.“

„Faszinierend.“

„Das ist es tatsächlich.“

„Und dieses Gerät zeigt während eines Anfalls Veränderungen?“

„Häufig ja. Nicht jeder epileptische Anfall lässt sich mit einem gewöhnlichen Oberflächen-EEG eindeutig erfassen, aber bei vielen Anfällen kann man charakteristische Veränderungen aufzeichnen.“

Descartes ist begeistert.

„Sie können also Vorgänge im menschlichen Gehirn messen?“

„Ja.“

„Dann hat Ihre Medizin bemerkenswerte Fortschritte gemacht.“

„Das hat sie. Aber jetzt kommt meine Frage.“

„Ich höre.“

„Ist elektrische Gehirnaktivität dasselbe wie Denken?“

Descartes schweigt.

Ich warte.

Schließlich sagt er:

„Das wäre eine unzulässige Gleichsetzung.“

„Na bitte!“

Denn genau das beschäftigt mich.

Ein EEG kann elektrische Aktivität anzeigen.

Aber daraus folgt noch nicht, dass der betreffende Mensch in diesem Augenblick einen bewussten Gedanken erlebt.

Und schon gar nicht, dass wir wissen, welchen.

Umgekehrt bedeutet eine fehlende Erinnerung nicht zwangsläufig, dass in der betreffenden Zeit überhaupt kein bewusstes Erleben stattgefunden hat.

Das sind unterschiedliche Fragen.

Was geschieht im Gehirn?

Was wird bewusst erlebt?

Und woran kann ich mich später erinnern?

Ich finde, wir sollten sie nicht einfach zusammenwerfen.

Nur weil das bequemer wäre.

Der Mann in Narkose

„Nehmen wir ein anderes Beispiel“, sage ich.

„Bitte.“

„Einen Menschen, der operiert wird.“

Descartes setzt sich wieder.

„Gut.“

„Dieser Mensch bekommt eine Vollnarkose.“

Ich muss ihm erklären, was das ist.

Er hört interessiert zu.

Dann nickt er.

„Sie versetzen einen Menschen durch Medikamente in einen Zustand, in dem er die Operation nicht bewusst erlebt.“

„Jedenfalls ist das eines der wesentlichen Ziele einer Allgemeinanästhesie.“

„Bemerkenswert.“

„Und jetzt möchte ich wissen: Was ist mit seinem Ich?“

„Es existiert weiterhin.“

„Das sagen Sie.“

„Ja.“

„Aber woher weiß dieser Mensch das während der Narkose?“

Descartes überlegt.

„Er muss es währenddessen nicht wissen, um zu existieren.“

„Richtig. Und genau da beginnt meine Frage nach dem Unterschied zwischen Existenz und Bewusstsein.“

Ich erzähle weiter.

Auch ein Komapatient kann existieren, ohne dass wir ohne Weiteres feststellen können, welche Formen von Bewusstsein erhalten sind.

Bewusstseinszustände sind nicht alle gleich.

Schlaf ist nicht Narkose.

Narkose ist nicht Koma.

Und ein epileptischer Anfall ist wiederum etwas anderes.

Aber alle diese Beispiele zeigen, dass wir vorsichtig sein müssen, wenn wir Denken, Bewusstsein und Existenz miteinander verbinden.

Descartes nickt.

„Sie suchen also nicht nach einer Widerlegung meiner Aussage.“

„Nicht unbedingt.“

„Sondern nach ihren Grenzen.“

„Ja. Und nach den Fragen, die sie offenlässt.“

Er scheint zufrieden.

Ich auch.

Noch.

Das Badezimmer

„Herr Descartes“, sage ich plötzlich, „haben Sie eigentlich ein Badezimmer?“

Er schaut mich irritiert an.

„Was hat das jetzt damit zu tun?“

„Eine ganze Menge.“

„Nun ja, meine häuslichen Verhältnisse unterscheiden sich möglicherweise von denen Ihres Jahrhunderts.“

„Das ist mir klar. Dann nehmen wir einfach einen Nebenraum, in dem man sich waschen kann.“

„Gut.“

„Wo ist der?“

Er zeigt zur Tür.

„Dort entlang.“

„Haben Sie gerade nachgesehen?“

„Nein.“

„Woher wissen Sie dann, dass er noch da ist?“

Descartes schaut mich an.

„Madame, ich wohne hier.“

„Das habe ich nicht bestritten.“

„Selbstverständlich ist der Raum noch vorhanden.“

„Woher wissen Sie das mit absoluter Gewissheit?“

Er öffnet den Mund.

Schließt ihn wieder.

Dann lächelt er.

„Ah.“

„Was ah?“

„Sie führen meinen eigenen methodischen Zweifel gegen mich ins Feld.“

„Ganz genau.“

Nun wird die Angelegenheit interessant.

Der Freund im Nebenzimmer

Ich erkläre ihm mein Gedankenexperiment.

Stellen wir uns vor, ein Freund sitzt mit mir in einem Zimmer.

Wir unterhalten uns.

Dann sagt er:

„Ich bin müde. Ich lege mich nebenan ein wenig schlafen.“

Er steht auf.

Geht hinaus.

Schließt die Tür.

Und nun sitze ich allein im Zimmer.

Es ist still.

Ich höre nichts.

Kein Schnarchen.

Keine Schritte.

Keine Atemgeräusche.

Nichts.

„Und jetzt“, frage ich Descartes, „woher weiß ich, dass mein Freund tatsächlich im Nebenzimmer liegt?“

„Sie haben gesehen, wie er hineinging.“

„Richtig.“

„Und Sie haben keinen Grund anzunehmen, dass er wieder hinausgegangen ist.“

„Ebenfalls richtig.“

„Dann ist es vernünftig, davon auszugehen, dass er noch dort ist.“

„Vernünftig. Aber gewiss?“

Descartes lächelt.

„Nein. Nicht mit derselben Gewissheit wie die Tatsache, dass ich gerade denke.“

„Sehen Sie!“

Ich lehne mich zufrieden zurück.

„Ich kann annehmen, dass mein Freund dort liegt. Ich kann es für wahrscheinlich halten. Ich kann mich auf meine bisherigen Erfahrungen verlassen. Aber ich habe keine unmittelbare Wahrnehmung davon, was im Nebenzimmer gerade geschieht.“

„Das stimmt.“

„Vielleicht ist er aufgestanden.“

„Möglich.“

„Vielleicht ist er durch eine andere Tür gegangen.“

„Auch möglich.“

„Vielleicht hat er sich überhaupt nicht hingelegt.“

„Gewiss.“

„Und wenn wir ganz radikal zweifeln, könnten wir sogar fragen, ob das Nebenzimmer in diesem Augenblick überhaupt existiert.“

Descartes lacht.

„Madame Albers, jetzt gefallen Sie mir.“

„Danke. Mir gefällt das auch.“

Ist das Badezimmer noch da?

Ich bin noch nicht fertig.

„Und nun zu Ihrem Badezimmer.“

„Wieder mein Badezimmer?“

„Natürlich.“

„Ich beginne zu bereuen, dass ich Ihnen davon erzählt habe.“

„Zu spät.“

Ich zeige zur Tür.

„Sie können hineingehen und nachsehen.“

„Ja.“

„Dann sehen Sie den Raum.“

„Gewiss.“

„Aber sobald Sie wieder hier sitzen, sehen Sie ihn nicht mehr.“

„Richtig.“

„Sie verlassen sich darauf, dass er weiterhin existiert.“

„Ja.“

„Und das ist im Alltag vollkommen vernünftig.“

Descartes nickt.

„Aber es ist keine unmittelbare, unbezweifelbare Gewissheit.“

„Einverstanden.“

Jetzt muss ich lachen.

„Herr Descartes, ich fürchte, Sie haben gerade Ihr Badezimmer verloren.“

Er lacht ebenfalls.

„Nein, Madame. Ich habe lediglich zugestanden, dass unsere Erkenntnis der Außenwelt einer anderen Begründung bedarf als die Gewissheit des gegenwärtigen Denkens.“

Ich sehe ihn an.

„Sie können aber auch wirklich jeden Spaß kaputtphilosophieren.“

„Das gehört zu meinem Beruf.“

„Zu meinem inzwischen auch.“

Und dreht sich die Erde überhaupt noch?

Jetzt wird mein Gedankenexperiment noch größer.

Ich frage Descartes:

„Woher wissen wir eigentlich, dass sich die Erde in diesem Augenblick weiterdreht?“

Er sieht mich aufmerksam an.

„In Ihrem Jahrhundert dürfte es dafür ausgezeichnete wissenschaftliche Belege geben.“

„Die gibt es.“

„Dann verstehe ich Ihre Frage nicht.“

„Es geht mir um den Unterschied zwischen unserem Wissen über die Gesetzmäßigkeiten der Welt und der unmittelbaren Überprüfung eines bestimmten Augenblicks.“

Ich erkläre ihm, dass wir die Erdrotation mit physikalischen Methoden messen und ihre Fortdauer hervorragend begründet vorhersagen können.

Wir müssen nicht jede Sekunde persönlich kontrollieren, ob sich die Erde noch dreht.

Das wäre auch reichlich anstrengend.

Aber philosophisch kann ich trotzdem fragen, worauf sich meine Gewissheit stützt.

Auf unmittelbare Wahrnehmung?

Auf Messungen?

Auf eine Theorie?

Auf bisherige Erfahrungen?

Auf die Annahme, dass Naturgesetze weiterhin gelten?

Descartes nickt.

„Sie unterscheiden verschiedene Arten des Wissens.“

„Genau.“

„Und Sie wollen wissen, weshalb wir manche davon für sicher halten.“

„Ja.“

„Dann sind wir mitten in der Erkenntnistheorie.“

Ich grinse.

„Das wollte ich doch die ganze Zeit.“

Die Sache mit der Wahrscheinlichkeit

Nun kommt mein ehemaliger Mathematiklehrer ins Spiel.

Nicht persönlich.

Jedenfalls noch nicht.

Er hätte wahrscheinlich ohnehin etwas dagegen, dass ich mitten im siebzehnten Jahrhundert auftauche und mich mit einem französischen Philosophen über Wahrscheinlichkeiten streite.

Aber seine Mathematik können wir gut gebrauchen.

„Herr Descartes, was halten Sie von Wahrscheinlichkeitsrechnung?“

„Eine interessante mathematische Disziplin.“

„Dann nehmen wir ein Lotteriespiel.“

Er schaut mich fragend an.

Ich muss ihm erklären, was der Eurojackpot ist.

Das dauert etwas.

Besonders die Vorstellung, dass Menschen in Europa regelmäßig Millionenbeträge einsetzen, um mit äußerst geringer Wahrscheinlichkeit einen riesigen Geldgewinn zu erzielen, scheint ihn zu beschäftigen.

„Und die Gewinnchancen?“, fragt er.

„Beim Hauptgewinn äußerst gering.“

„Warum spielen die Menschen dann?“

„Weil es eben nicht unmöglich ist.“

Er nickt.

„Eine geringe Wahrscheinlichkeit ist nicht dasselbe wie Unmöglichkeit.“

„Genau.“

In meinem ursprünglichen Text hatte ich ein Beispiel aus einer damaligen Eurojackpot-Ziehung verwendet.

74 Millionen Euro waren eingesetzt worden, weil Menschen auf einen Jackpot von 90 Millionen hofften.

Mich interessierte daran nicht in erster Linie das Glücksspiel.

Mich interessierte, wie Menschen mit Wahrscheinlichkeiten umgehen.

Etwas kann unwahrscheinlich sein.

Extrem unwahrscheinlich sogar.

Und trotzdem möglich.

Aber daraus folgt nicht, dass jede beliebige Vorstellung schon deshalb plausibel wäre, weil sie sich nicht absolut ausschließen lässt.

Das ist der entscheidende Unterschied.

„Sie merken“, sage ich, „ich möchte weder Wahrscheinlichkeiten mit Gewissheiten verwechseln noch bloße Möglichkeiten zu Tatsachen erklären.“

Descartes nickt anerkennend.

„Eine vernünftige Haltung.“

„Finde ich auch.“

Das kleine Prozent

Jetzt erzähle ich ihm, was mich an meiner eigenen Erfahrung besonders beschäftigt.

Wenn ich nach einem schweren epileptischen Anfall keine Erinnerung an ein bewusstes Erleben habe, dann kann ich nicht einfach behaupten, ich hätte währenddessen mit Sicherheit bewusst gedacht.

Ich kann aber ebenso wenig aus der fehlenden Erinnerung beweisen, dass keinerlei bewusstes Erleben stattgefunden hat.

Es fehlen mir bestimmte Informationen.

Und genau deshalb bleibt eine Frage offen.

Nicht jede offene Frage muss sofort beantwortet werden.

Nicht jede Unsicherheit ist eine Sensation.

Aber ich möchte auch nicht so tun, als wäre etwas eindeutig geklärt, nur weil eine bestimmte Erklärung besonders naheliegt.

Descartes legt seine Feder auf den Tisch.

„Sie verlangen also intellektuelle Redlichkeit.“

„Ja.“

„Auch gegenüber Ihrer eigenen Erfahrung?“

„Gerade gegenüber meiner eigenen Erfahrung.“

Denn natürlich könnte ich mit meiner Lebensgeschichte allerhand außergewöhnliche Behauptungen aufstellen.

Ich habe schwere epileptische Anfälle erlebt.

Bewusstseinsverluste.

Psychosen.

Lebensbedrohliche medizinische Ereignisse.

Und Erfahrungen, die mein Verhältnis zu Religion und Philosophie tief verändert haben.

Aber ich muss deshalb nicht behaupten, jede meiner Deutungen sei automatisch eine bewiesene Tatsache.

Ich kann fragen.

Zweifeln.

Überlegen.

Und trotzdem anerkennen, dass eine Erfahrung für mich persönlich eine große Bedeutung besitzt.

Eine Frage aus dem Jahr 2000

Ich erzähle Descartes von meinem 18. Mai 2000.

Von dem schweren epileptischen Anfall.

Von der Schilderung des Notarztes.

Von den neun Minuten Nulllinie auf seinem Monitor.

Von der Wiederbelebung.

Und davon, dass ich mich an kein bewusstes Erleben während dieser Zeit erinnern kann.

Descartes hört aufmerksam zu.

„Und Sie fragen sich, ob Sie währenddessen gedacht haben?“

„Ja.“

„Wissen Sie es?“

„Nein.“

„Dann wäre es unredlich, eine eindeutige Antwort zu behaupten.“

„Genau.“

Ich denke einen Moment nach.

„Aber wissen Sie, was mich noch viel mehr beschäftigt?“

„Was?“

„Dass ich anschließend wieder da war.“

Er nickt.

„Ihr Bewusstsein setzte wieder ein.“

„Und plötzlich konnte ich fragen, wo ich gewesen war.“

Descartes überlegt.

„Vielleicht sollten wir unterscheiden zwischen dem Ort Ihres Körpers und der Kontinuität Ihres bewussten Erlebens.“

„Das wäre vernünftig.“

„Ihr Körper war in Ihrem Arbeitszimmer.“

„Ja.“

„Aber Sie haben keine Erinnerung an das, was während der Bewusstlosigkeit geschah.“

„Richtig.“

„Dann wissen wir über diese Zeit weniger, als Sie gern wissen würden.“

Ich lehne mich zurück.

„Herr Descartes, genau deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.“

Und jetzt die Quantenphysik

„Ich habe übrigens noch eine Frage“, sage ich.

Descartes seufzt leise.

„Natürlich haben Sie die.“

„Kennen Sie die Quantenverschränkung?“

„Nein.“

„Dachte ich mir.“

„Sollte ich?“

„Zu Ihrer Zeit noch nicht.“

Nun muss ich ihm erklären, was in der modernen Physik unter Quantenverschränkung verstanden wird.

Dass zwei oder mehr Quantensysteme in einem gemeinsamen Zustand beschrieben werden können, dessen Eigenschaften sich nicht einfach in voneinander unabhängige Einzelzustände zerlegen lassen.

Dass die Messergebnisse dabei charakteristische statistische Zusammenhänge zeigen können.

Und dass diese Zusammenhänge experimentell untersucht werden.

Descartes hört fasziniert zu.

„Außerordentlich“, sagt er.

„Nicht wahr?“

„Und was hat das mit Ihrem Badezimmer zu tun?“

Ich lache.

„Das ist eine ausgesprochen berechtigte Frage.“

Denn in meinem ursprünglichen Text hatte ich am Ende ganz verwegen geschrieben, ich hätte mit meinen Überlegungen irgendwie auch die Quantenverschränkung erklärt.

Heute würde ich es genauer formulieren.

Mein Gedankenexperiment über das unbeobachtete Nebenzimmer beweist nichts über verschränkte Quantensysteme.

Und ein Badezimmer verschwindet nicht, nur weil niemand hineinschaut.

Aber die Beschäftigung mit Quantenphysik kann einen dazu bringen, erneut darüber nachzudenken, was eine Messung eigentlich bedeutet.

Was wir wissen.

Was wir vorhersagen.

Und wie unsere theoretischen Beschreibungen mit Beobachtungen zusammenhängen.

Diese Fragen faszinieren mich.

Nur sollte man die erkenntnistheoretische Unsicherheit darüber, was sich gerade im Nebenzimmer abspielt, nicht mit dem quantenmechanischen Begriff der Verschränkung gleichsetzen.

Descartes nickt.

„Dann handelt es sich um zwei unterschiedliche Fragestellungen, die Ihre Neugier auf ähnliche Weise anregen.“

„Genau.“

„Das scheint mir eine gute Beschreibung.“

„Mir auch.“

Und ich muss zugeben:

Man kann sich mit diesem Mann ausgezeichnet unterhalten.

Was bedeutet eigentlich „Ich“?

Wir sitzen inzwischen schon eine ganze Weile miteinander am Tisch.

Die Feder liegt unbenutzt neben dem Tintenfass.

Descartes betrachtet mich nachdenklich.

„Madame Albers, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“

„Selbstverständlich.“

„Was meinen Sie eigentlich, wenn Sie sagen: Ich?“

Jetzt muss ich lachen.

„Das ist aber eine gemeine Frage.“

„Sie haben mir immerhin mein Badezimmer streitig gemacht.“

„Stimmt.“

Ich überlege.

Was meine ich mit diesem Ich?

Meinen Körper?

Mein Gehirn?

Meine Erinnerungen?

Mein Bewusstsein?

Meine Persönlichkeit?

Oder etwas, das sich aus all diesen Dingen zusammensetzt?

Ich bin seit 1965 derselbe Mensch.

Jedenfalls nach meinem gewöhnlichen Verständnis.

Aber mein Körper hat sich verändert.

Meine Gedanken haben sich verändert.

Meine Überzeugungen ebenfalls.

Ich war ein Kind.

Ein Mädchen.

Eine Studentin.

Eine erwachsene Frau.

Eine Patientin.

Eine Ehefrau.

Eine Liebende.

Eine Trauernde.

Und inzwischen bin ich 61 Jahre alt.

Ich habe unzählige Erfahrungen gemacht.

Manche erinnere ich genau.

Andere überhaupt nicht.

Und trotzdem sage ich:

Das bin ich.

Susanne.

Aber worin besteht diese Kontinuität?

Bin ich meine Erinnerung?

Ich stelle mir eine ganz einfache Frage.

Wenn ich mich an einen bestimmten Tag meines Lebens nicht erinnern kann, bedeutet das dann, dass ich an diesem Tag nicht existiert habe?

Natürlich nicht.

Mein Körper war da.

Andere Menschen haben mich möglicherweise gesehen.

Ich habe Dinge getan.

Vielleicht gesprochen.

Gelacht.

Gegessen.

Geschlafen.

Und später alles vergessen.

Die fehlende Erinnerung löscht den vergangenen Tag nicht aus der Welt.

Warum sollte das bei einem epileptischen Anfall grundsätzlich anders sein?

Ich kann die Zeit eines Anfalls subjektiv als Lücke erleben.

Aber diese Lücke in meiner Erinnerung ist nicht automatisch eine Lücke meiner körperlichen Existenz.

Und sie beweist auch nicht, dass alle geistigen Vorgänge vollständig zum Stillstand gekommen waren.

Vielleicht ist das zunächst eine nüchterne Erkenntnis.

Aber für mich ist sie wichtig.

Denn mein Leben besteht nicht ausschließlich aus den Momenten, an die ich mich bewusst erinnern kann.

Ich bin mehr als mein autobiografisches Gedächtnis.

Und mein Körper ist mehr als die Summe meiner Gedanken.

Ein Mensch schläft nebenan

Descartes kommt noch einmal auf mein Gedankenexperiment zurück.

„Madame, ich möchte Sie etwas fragen.“

„Bitte.“

„Ihr Freund liegt vermutlich noch immer im Nebenzimmer.“

„Das nehme ich an.“

„Und wenn Sie ihn nicht sehen, bezweifeln Sie möglicherweise seine Anwesenheit.“

„Philosophisch betrachtet, ja.“

„Aber würden Sie im gewöhnlichen Leben deshalb seine Existenz infrage stellen?“

„Natürlich nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil ich gute Gründe habe, anzunehmen, dass er noch da ist.“

Descartes nickt.

„Dann sehen Sie selbst, dass wir im Alltag nicht für jede Handlung absolute Gewissheit brauchen.“

„Ja.“

„Wir können vernünftig handeln, obwohl unser Wissen begrenzt ist.“

„Richtig.“

Ich denke nach.

Vielleicht ist genau das ein wesentlicher Punkt.

Wir wissen nicht alles.

Und wir müssen auch nicht alles wissen.

Wir können uns auf Erfahrungen, Beobachtungen und gute Gründe stützen.

Wir können Wahrscheinlichkeiten einschätzen.

Und wir können unsere Überzeugungen überprüfen, wenn neue Informationen auftauchen.

Aber wir sollten nicht vergessen, dass zwischen einer begründeten Annahme und absoluter Gewissheit ein Unterschied besteht.

Das ist keine Schwäche des Denkens.

Es gehört zu seiner Redlichkeit.

Und was ist mit mir während eines Anfalls?

Ich komme zum Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurück.

„Herr Descartes, ich habe noch immer keine endgültige Antwort auf meine Frage.“

Er nickt.

„Welche Antwort hätten Sie gern?“

„Ich möchte wissen, ob ich während eines großen epileptischen Anfalls denke.“

„Das müsste man wissenschaftlich untersuchen.“

„Ja.“

„Und man müsste zunächst klären, was Sie mit Denken meinen.“

„Genau.“

Denn Denken ist nicht einfach eine einzige, eindeutig abgrenzbare Tätigkeit.

Es gibt bewusstes Nachdenken.

Automatische Informationsverarbeitung.

Wahrnehmung.

Erinnerungsbildung.

Emotionale Reaktionen.

Unbewusste Vorgänge.

Und vieles mehr.

Ein Gehirn ist keine Lampe, die entweder vollständig eingeschaltet oder vollständig ausgeschaltet ist.

Deshalb reicht es nicht, von einem EEG auf das gesamte innere Erleben eines Menschen zu schließen.

Aber ebenso wenig darf ich meine eigene Erinnerungslücke mit dem sicheren Nachweis verwechseln, dass überhaupt keine geistigen Prozesse stattgefunden haben.

Das mag unbefriedigend sein.

Aber es ist präziser.

Und ich finde Präzision ausgesprochen wichtig.

Descartes verteidigt seinen Satz

„Madame Albers“, sagt Descartes schließlich, „vielleicht sollten wir meinen berühmten Satz noch einmal betrachten.“

„Gern.“

„Wenn ich denke, kann ich in diesem Augenblick nicht bezweifeln, dass ich existiere.“

„Ja.“

„Aber mein Satz ist keine vollständige Theorie sämtlicher Bewusstseinszustände.“

„Das ist mir inzwischen klar.“

„Er sagt auch nicht, dass Menschen ohne bewusstes Denken nicht existieren.“

„Einverstanden.“

„Dann haben Sie ihn nicht widerlegt.“

Ich muss lachen.

„Nein, Herr Descartes. Das habe ich nicht.“

Er sieht zufrieden aus.

„Aber“, sage ich, „ich habe Ihnen ziemlich viele Fragen gestellt.“

„Das haben Sie.“

„Und Ihr Satz beantwortet nicht alle.“

„Das sollte er auch nicht.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

Er lächelt.

„Offenbar.“

Ich lehne mich zurück.

„Wissen Sie, ich glaube, ich würde meinen eigenen Satz trotzdem gern behalten.“

„Welchen?“

„Ich denke nicht, also bin ich nicht.“

Er runzelt die Stirn.

„Aber wir haben doch gerade festgestellt, dass dieser Schluss logisch nicht zwingend ist.“

„Natürlich.“

„Warum möchten Sie ihn dann behalten?“

„Weil er eine Provokation ist.“

Descartes schaut mich an.

Dann beginnt er zu lachen.

„Madame, Sie benutzen also eine absichtlich zugespitzte Aussage, um eine philosophische Diskussion auszulösen?“

„Genau.“

„Das ist nicht ganz ungeschickt.“

„Danke.“

„Aber Sie sollten Ihren Lesern erklären, weshalb Sie sie verwenden.“

„Das mache ich gerade.“

Ein philosophischer Eigensinn

Ich finde nämlich, man darf einen berühmten philosophischen Satz durchaus auf die Probe stellen.

Man darf fragen, wie weit er trägt.

Man darf ihn auf ungewöhnliche Situationen anwenden.

Und man darf dabei merken, dass manche Einwände eine Antwort verlangen, während andere auf einem Missverständnis beruhen.

Das gehört für mich zum Denken.

Nicht einfach einen Satz auswendig lernen.

Nicht ehrfürchtig nicken, weil ein berühmter Mann ihn vor vierhundert Jahren formuliert hat.

Sondern fragen:

Was bedeutet das eigentlich?

Und stimmt es auch unter den Bedingungen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne?

Natürlich hatte Descartes nicht meine medizinischen Erfahrungen.

Er kannte kein modernes EEG.

Keine heutige Anästhesie.

Keine Neurointensivmedizin.

Und keine zeitgenössische Bewusstseinsforschung.

Aber seine Fragen nach Zweifel, Gewissheit und Existenz sind geblieben.

Und ich finde es großartig, dass eine Frau mit fünfzig Jahren Epilepsie diese Fragen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten kann.

Nicht weil meine Erfahrungen mich zur besseren Philosophin machen würden.

Sondern weil Erfahrungen neue Fragen hervorbringen können.

Die Gewissheit und das Leben

Ich glaube, wir Menschen wünschen uns sehr häufig Gewissheit.

Wir möchten wissen, was wahr ist.

Was richtig ist.

Was mit uns geschieht.

Und was nach dem Tod kommt.

Wir möchten verstehen, weshalb unser Körper manchmal Dinge tut, die wir nicht kontrollieren können.

Und weshalb unser Bewusstsein gelegentlich aussetzt.

Ich kenne diesen Wunsch sehr gut.

Seit meinem elften Lebensjahr habe ich mich immer wieder gefragt, warum mein Gehirn epileptische Anfälle produziert.

Ich habe mich mit Medikamenten beschäftigt.

Mit neurologischen Untersuchungen.

Mit medizinischen Theorien.

Mit Psychologie.

Mit Philosophie.

Und mit Religion.

Aber nicht auf jede Frage gibt es eine abschließende Antwort.

Manchmal bleibt eine Unsicherheit bestehen.

Und ich glaube, das muss man aushalten können.

Nicht alles Ungewisse ist geheimnisvoll.

Nicht alles Unbekannte ist übernatürlich.

Und nicht jede plausible Erklärung ist bereits ein unumstößlicher Beweis.

Vielleicht besteht ein Teil intellektueller Redlichkeit darin, diese Unterschiede nicht aus Bequemlichkeit einzuebnen.

Ein letzter Blick ins Badezimmer

Unsere Unterhaltung geht zu Ende.

Descartes steht auf.

„Madame Albers, ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“

„Ich Ihnen auch.“

„Sie haben mir viele Fragen gestellt.“

„Ja.“

„Einige ausgesprochen gute.“

„Das freut mich.“

Er begleitet mich zur Tür.

Ich bleibe noch einmal stehen.

„Herr Descartes?“

„Ja?“

„Eine Sache würde mich noch interessieren.“

Er seufzt.

„Ich hätte es ahnen müssen.“

„Ist Ihr Badezimmer eigentlich wieder aufgetaucht?“

Er schaut mich lange an.

Dann öffnet er die Tür zum Nebenraum.

Wir sehen hinein.

Der Raum ist da.

„Sehen Sie?“, sagt er.

„Ja.“

„Er existiert.“

„Im Augenblick können wir ihn jedenfalls sehen.“

Descartes schließt die Tür.

Ich warte zwei Sekunden.

Dann frage ich:

„Und jetzt?“

Er schlägt sich die Hand vor die Stirn.

„Madame Albers!“

Ich lache so laut, dass vermutlich die halbe Nachbarschaft aufwacht.

„Ach, Herr Descartes, seien Sie doch nicht so empfindlich!“

Er schüttelt den Kopf.

Aber er lacht ebenfalls.

Zurück in Berlin

Ich sitze wieder an meinem Schreibtisch.

Oktober 2026.

Mein MacBook steht vor mir.

Daneben eine Tasse Kaffee.

Und ich denke über das Gespräch nach.

Ich habe Descartes nicht widerlegt.

Jedenfalls nicht im Sinne eines zwingenden logischen Beweises.

Aber ich habe seinen Satz mit einer Erfahrung konfrontiert, die mich seit fünfzig Jahren begleitet.

Der Erfahrung, dass mein bewusstes Erleben zeitweise unterbrochen sein kann.

Dass meine Erinnerung Lücken hat.

Und dass mein Körper währenddessen trotzdem Teil der Welt bleibt.

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, was ich während jeder Phase eines großen epileptischen Anfalls bewusst erlebt habe.

Aber ich kann sagen, dass ich vor dem Anfall da war.

Und danach wieder.

Und dass ich in der Zwischenzeit nicht einfach aus den Erinnerungen der anderen Menschen verschwunden bin.

Sie konnten mich sehen.

Sie konnten mir helfen.

Sie konnten meinen Zustand untersuchen.

Und manchmal haben sie mir das Leben gerettet.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen meiner Krankheit:

Mein Dasein hängt nicht davon ab, ob ich es in jedem Augenblick selbst bewusst bestätigen kann.

Ich existiere auch dann, wenn ich gerade nicht in der Lage bin, darüber nachzudenken.

Und ich habe einen Wert, der nicht davon abhängt, wie gut mein Gehirn im Augenblick funktioniert.

Das gilt nicht nur für mich.

Das gilt ebenso für einen Menschen im Koma.

Für einen Menschen unter Narkose.

Für einen Menschen mit einer schweren Bewusstseinsstörung.

Und für jeden anderen Menschen, dessen Fähigkeit zu denken oder sich mitzuteilen vorübergehend oder dauerhaft eingeschränkt ist.

Ich bin.

Wenn ich meinen ursprünglichen Satz heute noch einmal betrachte, würde ich ihn nicht einfach streichen.

Ich mag ihn.

Er ist frech.

Er ist zugespitzt.

Und er zwingt mich, über etwas nachzudenken, das wir gewöhnlich für selbstverständlich halten.

„Ich denke nicht, also bin ich nicht.“

Als logischer Schluss ist er nicht haltbar.

Als philosophische Provokation gefällt er mir trotzdem.

Denn er führt unmittelbar zu einer viel wichtigeren Frage:

Was bedeutet es überhaupt, zu sein?

Bin ich nur die Summe meiner bewussten Gedanken?

Nur meine Erinnerungen?

Nur die elektrische Aktivität meines Gehirns?

Oder bin ich ein lebendiger Mensch, dessen Dasein nicht in jedem Moment von innen heraus bestätigt werden muss?

Ich habe in meinem Leben sehr viel Zeit damit verbracht, über mein Gehirn nachzudenken.

Vielleicht sogar zu viel, wie ich im vorigen Kapitel festgestellt habe.

Aber bei aller Faszination für das Denken möchte ich eines nicht vergessen.

Mein Leben besteht nicht nur daraus, dass ich denke.

Ich atme.

Ich fühle.

Ich höre Musik.

Ich betrachte Bilder.

Ich liebe.

Ich trauere.

Ich schlafe.

Ich träume.

Und manchmal liege ich nach einem epileptischen Anfall im Krankenhaus und kann mich an überhaupt nichts erinnern.

Trotzdem bin ich da.

Nicht, weil Descartes es mir erlaubt.

Und nicht, weil ich es jederzeit beweisen könnte.

Sondern weil mein Leben mehr umfasst als die Momente, in denen ich bewusst darüber nachdenke.

Ich schaue auf meinen Bildschirm.

Dann muss ich noch einmal lachen.

Irgendwo im siebzehnten Jahrhundert sitzt ein französischer Philosoph und überlegt vermutlich, ob er die Tür zu seinem Badezimmer lieber offen lassen sollte.

Und ich?

Ich habe meine Frage noch immer nicht vollständig beantwortet.

Aber ich habe sie genauer gestellt.

Das ist doch schon etwas.

Ich denke.

Manchmal denke ich nicht bewusst.

Manchmal weiß ich nicht, ob ich gedacht habe.

Und manchmal kann ich mich an nichts erinnern.

Aber ich bin.

Und das Badezimmer?

Das lassen wir jetzt endlich in Ruhe.

Jedenfalls solange niemand die Tür schließt.

Kapitel 13

Ein Besuch bei Mama – ohne Körper

Oder: Warum ich zwanzig Jahre nach ihrem Tod noch einmal in Bardowick war

Bardowick, Februar 2002.

Manchmal träume ich Dinge, die mich auch nach dem Aufwachen nicht loslassen.

Das war schon immer so.

Aber Anfang Februar 2002 hatte ich einen Traum, der mich regelrecht aus dem Bett warf.

Meine Mutter würde bald sterben.

Ich sollte sofort nach Bardowick fahren und meine Eltern darauf vorbereiten.

Das war die Botschaft, mit der ich aufwachte.

Ich war schweißgebadet.

Und ich hatte Angst.

Nun kann man natürlich sagen, dass Menschen häufig von Dingen träumen, die sie beschäftigen oder befürchten. Das weiß ich selbst.

Aber für mich fühlte sich dieser Traum nicht wie irgendeine nächtliche Geschichte an.

Er war eindringlich.

Unmissverständlich.

Und er ließ mir keine Ruhe.

Also fuhr ich am 2. Februar nach Bardowick.

„Was erzählst du denn für einen Scheiß?“

Als ich bei meinen Eltern ankam, saßen sie vor dem Fernseher.

Eine ganz gewöhnliche Situation.

Mein Vater.

Meine Mutter.

Das Wohnzimmer.

Alles vertraut.

Und nun sollte ich ihnen erklären, dass ich in der vergangenen Nacht geträumt hatte, Mama würde bald sterben.

Das ist kein besonders angenehmer Gesprächseinstieg.

Schon gar nicht, wenn die Betroffenen gerade gemütlich fernsehen.

Ich versuchte es vorsichtig.

Sprach davon, dass man vielleicht über die kommende Zeit nachdenken müsse.

Über mögliche Hilfen.

Über Pflege.

Vielleicht sogar über ein Hospiz.

Meine Mutter wurde wütend.

Was ich denn für einen Scheiß erzählen würde!

Ob ich noch ganz richtig im Kopf sei, ihr solche Dinge an den Kopf zu werfen!

Es gab einen fürchterlichen Streit.

Am nächsten Tag hatte sie Geburtstag.

Und statt eines schönen Familienbesuchs hatten wir einen Mordskrach.

Sie wollte, dass ich wieder nach Berlin fuhr.

Das tat ich.

Eine ausgesprochen beschissene Situation.

Denn ich liebte meine Mutter.

Und ich hatte nicht vorgehabt, ihr Angst zu machen.

Ich hatte selbst Angst.

Aber das machte die Angelegenheit nicht besser.

Noch ein Traum

Am 23. Februar geschah es wieder.

Ich träumte, dass ich nach Bardowick fahren sollte.

Es würde nicht mehr lange dauern.

Ich sollte mich verabschieden.

Wieder wachte ich schweißgebadet auf.

Dieses Mal wollte ich nicht allein fahren.

Nach dem Streit vom Monatsanfang war ich unsicher, wie mich meine Eltern empfangen würden.

Also nahm ich eine Freundin mit.

Wir kamen am Samstagnachmittag in Bardowick an.

Und nun war die Situation völlig anders.

Meiner Mutter ging es sehr schlecht.

Der Streit war vergessen.

Sie sagte zu mir:

„Susanne, es dauert nicht mehr lange. Ich habe Angst.“

Das traf mich tief.

Plötzlich sprach sie selbst über das, worüber wir drei Wochen zuvor noch so heftig gestritten hatten.

Mein Vater konnte das kaum begreifen.

Er wollte nicht wahrhaben, wie ernst die Situation inzwischen geworden war.

Am Abend fuhr ich mit meiner Freundin nach Hamburg, wo wir bei einer anderen Freundin übernachteten.

Am Sonntag kehrte ich nach Berlin zurück.

Aber lange blieb ich nicht dort.

„Fahr hin. Heute Nacht.“

Am Montagmorgen, dem 25. Februar 2002, wachte ich gegen halb sieben auf.

Ich hatte wieder geträumt.

Diesmal war die Botschaft noch dringlicher:

Ich sollte in dieser Nacht nach Bardowick fahren.

Mich von meiner Mutter verabschieden.

Und ihr helfen.

Ich war vollkommen aufgewühlt.

Nun hätte ich natürlich sagen können:

Susanne, jetzt reicht es langsam mit diesen Träumen.

Du bist erschöpft.

Du machst dir Sorgen.

Du hast Angst um deine Mutter.

Aber ich konnte nicht einfach liegen bleiben.

Also fuhr ich zum Zentralen Omnibusbahnhof am Kaiserdamm und nahm den nächsten Bus.

Gegen acht Uhr abends kam ich in Bardowick an.

Der Zustand meiner Mutter hatte sich weiter verschlechtert.

Sie konnte sich nicht mehr selbst aufrichten.

Sprechen konnte sie ebenfalls kaum noch.

Wir verständigten uns mit kleinen Zetteln.

Und plötzlich war da eine unglaubliche Zärtlichkeit.

Kein Streit mehr.

Keine Vorwürfe.

Keine Auseinandersetzung darüber, ob ich nun Unsinn geträumt hatte oder nicht.

Wir waren einfach füreinander da.

Meine Mama und ich.

Mein Vater verstand noch immer nicht, was geschah.

Er ging gegen halb zwölf wie gewohnt ins Bett.

Und ich blieb bei meiner Mutter.

Zwei Uhr nachts

In der Nacht zum 26. Februar 2002 starb meine Mutter.

Um zwei Uhr.

In Bardowick.

Ich war bei ihr.

Ich hatte es geschafft, rechtzeitig zurückzukommen.

Nicht, weil ich ihren Tod verhindern konnte.

Das konnte ich nicht.

Aber ich konnte bei ihr sein.

Wir hatten uns versöhnt.

Wir konnten uns noch einmal unsere Liebe zeigen.

Und ich musste nicht mit diesem schrecklichen Streit vom Monatsanfang als unserer letzten Begegnung weiterleben.

An ihrem Totenbett brach ich schreiend zusammen.

Es war entsetzlich.

In den folgenden Tagen, während der Vorbereitungen für die Bestattung, bekam ich bei meinem Vater zwei schwere epileptische Anfälle.

Dabei verletzte ich mich und prellte mir die Rippen.

Mein Körper machte in dieser Zeit noch einmal deutlich, dass er nicht zwischen seelischem Schmerz und neurologischer Belastung unterscheidet, nur weil ich das vielleicht gern hätte.

Ich hatte meine Mutter verloren.

Und die Epilepsie war selbstverständlich auch noch da.

Zwanzig Jahre später

Berlin, 2. Juli 2022, 4:20 Uhr.

Ich schlief in meinem Bett am Kiehlufer.

Meine Mutter war seit über zwanzig Jahren tot.

Aber in dieser Nacht war ich plötzlich wieder mit ihr in Bardowick.

Jedenfalls erlebte ich es so.

Es war ein Traum – und zugleich eine Erfahrung, die sich für mich von gewöhnlichen Träumen unterschied.

Ich war im Haus meiner Eltern.

Dort, wo ich aufgewachsen war.

Wo ich als Kind gespielt, geschlafen, gelacht und geweint hatte.

Und wo meine Mutter gestorben war.

Aber etwas war anders.

Ich hatte keinen Körper.

Jedenfalls nahm ich keinen wahr.

Ich bewegte mich durch das Haus, als wäre ich von den gewöhnlichen Bedingungen des körperlichen Daseins befreit.

Ich flutschte am Badezimmer vorbei.

Ja, ausgerechnet am Badezimmer.

Ich muss heute noch ein bisschen schmunzeln, wenn ich daran denke.

Denn für dieses Haus und für meine Erinnerung hatte das Badezimmer eine besondere Bedeutung.

Dort hatte ich damals gestanden, als ich meine Mutter zum ersten Mal tot sah.

Nun bewegte ich mich wieder daran vorbei.

In Richtung meines ehemaligen Kinderzimmers.

Das Piepen

Ich hörte ein Geräusch.

Ein unregelmäßiges Piepen.

Und ich wollte herausfinden, woher es kam.

Also bewegte ich mich weiter.

Ohne die Empfindung eines Körpers.

Vorbei am Badezimmer.

In Richtung Kinderzimmer.

Dort entdeckte ich, woher das Piepen kam.

Und in diesem Augenblick war es vorbei.

Ich wurde wach.

Plötzlich lag ich wieder in meinem Bett in Berlin.

Am Kiehlufer.

Nicht in Bardowick.

Meine Mutter war nicht mehr da.

Und ich war unglaublich enttäuscht.

Ich hätte sie gern noch ein bisschen länger bei mir gehabt.

Wieder in meinem Körper

Aber nun geschah etwas, das mich besonders beeindruckte.

Mein ganzer Körper kribbelte.

Es piekste überall.

Nicht nur für einen kurzen Augenblick.

Sondern minutenlang.

Ich lag im Bett und spürte dieses ungewöhnliche körperliche Empfinden.

Für mich fühlte es sich an, als sei etwas gerade erst zurückgekehrt.

Als wäre meine Seele, die eben noch bei meiner Mutter in Bardowick gewesen war, wieder in meinen Körper in Berlin hineingeschlüpft.

So habe ich es damals beschrieben.

Und so empfand ich es.

Ich möchte damit nicht behaupten, dass man wissenschaftlich nachgewiesen hätte, meine Seele sei tatsächlich zwischen Berlin und Bardowick gereist.

Aber ich möchte ebenso wenig verschweigen, wie ich diese Erfahrung selbst wahrgenommen habe.

Denn genau darum geht es in meiner Geschichte.

Nicht nur darum, was ein medizinisches Gerät messen könnte.

Sondern auch darum, was ich erlebt und empfunden habe.

Warum ausgerechnet Bardowick?

Ich begann sofort, über die Einzelheiten nachzudenken.

Warum war ich wieder im Elternhaus gewesen?

Warum hatte ich mich am Badezimmer vorbeibewegt?

Warum hatte ich das Piepen gehört?

Und warum war meine Mutter dort gewesen?

Für mich verbanden sich die Bilder mit ihrem Tod im Februar 2002.

Das Badezimmer.

Mein ehemaliges Kinderzimmer.

Das Ende ihres Lebens.

Und nun dieses Geräusch, das ich als ein Zeichen des Abschieds empfand.

Ich deutete das Piepen so, als wäre damit das Ende unserer Begegnung angezeigt worden.

Die gemeinsame Zeit war abgelaufen.

Wieder musste ich sie gehen lassen.

Aber es hatte sich nicht nur wie ein Abschied angefühlt.

Sondern vor allem wie ein Wiedersehen.

„Mama, ich hab dich lieb“

Im Sommer 2022 ging es mir gesundheitlich nicht gut.

Ich war von den Folgen meiner COVID-Erkrankung belastet, erschöpft und hatte zusätzliche Schwierigkeiten mit meiner Ernährung.

Ich brauchte Kraft.

Und genau in dieser Situation hatte ich das Erlebnis mit meiner Mutter.

Für mich war es eine Begegnung, in der sie mir etwas sehr Einfaches vermittelte:

Halte durch.

Gib nicht auf.

Ich bin bei dir.

Nicht als ausführliches Gespräch.

Nicht in langen Sätzen.

Sondern durch die Erfahrung ihrer Gegenwart.

Ich empfand es so, dass sie mich besucht hatte, weil ich gerade Unterstützung brauchte.

Das war meine persönliche, spirituelle Deutung.

Und diese Deutung tröstete mich.

Ich liebte meine Mutter.

Ich vermisste sie.

Und in dieser Nacht hatte ich das Gefühl, ihr noch einmal begegnet zu sein.

Was sollte ich daran kleinreden?

Es war für mich schön.

Bewegend.

Und kostbar.

Eine ungewöhnliche Tageslosung

Am selben 2. Juli 2022 las ich die biblischen Tageslosungen.

Und dort stand ein Vers aus Psalm 139.

Es war der Vers über die Flügel der Morgenröte und die Vorstellung, dass Gottes Hand einen Menschen selbst am äußersten Meer noch erreicht.

Dazu kam der Lehrtext aus dem Matthäusevangelium mit der Zusage Jesu, bei den Menschen zu bleiben.

Ich empfand diese Texte an jenem Morgen als ausgesprochen passend.

Denn ich hatte gerade eine Erfahrung gemacht, bei der Entfernung für mich keine Rolle gespielt hatte.

Bardowick.

Berlin.

Zwanzig Jahre.

Leben.

Tod.

All diese Grenzen waren in meinem Erleben für einen Augenblick anders gewesen, als ich sie aus meinem gewöhnlichen Alltag kenne.

Dass ich am selben Morgen diese Bibelverse las, berührte mich tief.

Ich sah darin einen Zusammenhang mit meinem Erlebnis.

Andere Menschen würden das vielleicht anders interpretieren.

Damit kann ich leben.

Ich muss niemanden davon überzeugen, dass er dieselbe Bedeutung darin erkennt wie ich.

Aber für mich gehörte es zusammen.

Und was war es nun?

Natürlich kann man fragen, ob ich eine außerkörperliche Erfahrung hatte.

Oder einen besonders intensiven Traum.

Ob das Kribbeln beim Erwachen mit den Vorgängen beim Übergang zwischen Schlaf und Wachsein zusammenhing.

Ob meine Trauer, meine Erinnerungen und meine damalige gesundheitliche Situation eine Rolle spielten.

Das sind alles Fragen, die man stellen darf.

Ich stelle sie selbst.

Aber für mich ist eine andere Frage mindestens genauso wichtig:

Was hat diese Erfahrung mit mir gemacht?

Sie hat mich nicht in Angst versetzt.

Sie hat mich getröstet.

Ich war traurig, als ich aufwachte, weil meine Mutter nicht mehr bei mir war.

Aber ich war auch dankbar.

Weil ich sie noch einmal erlebt hatte.

Weil ich wieder in Bardowick gewesen war.

Und weil mir dieses Erlebnis Kraft gab.

Man muss nicht jede Erfahrung endgültig erklären können, um ihre Bedeutung für das eigene Leben ernst zu nehmen.

Das Badezimmer bleibt

Und nun sitze ich hier.

Im Oktober 2026.

Vierundzwanzig Jahre nach dem Tod meiner Mutter.

Ich denke an unsere letzten Tage.

An den Streit.

An die Träume.

An die Zettel, mit denen wir uns in ihrer letzten Nacht verständigten.

An ihre Angst.

An meine Verzweiflung.

Und an die unendliche Erleichterung, dass wir uns noch einmal versöhnen konnten.

Dann denke ich an den 2. Juli 2022.

An Bardowick.

An mein Kinderzimmer.

An das Piepen.

Und an das Kribbeln in meinem Körper, als ich in Berlin erwachte.

Ich weiß nicht, ob ich je vollständig erklären kann, was in dieser Nacht geschah.

Aber ich weiß, was mir geblieben ist.

Meine Liebe zu meiner Mutter.

Die Erinnerung an unser letztes Zusammensein.

Und das Gefühl, sie zwanzig Jahre später noch einmal besucht zu haben.

Im vorigen Kapitel habe ich René Descartes sein Badezimmer streitig gemacht.

Dieses Mal möchte ich gar nicht bezweifeln, ob das Badezimmer existiert.

Ich weiß, dass es in meiner Erinnerung einen festen Platz hat.

Denn in Bardowick führte mein Weg daran vorbei.

Damals, als meine Mutter gestorben war.

Und zwanzig Jahre später, als ich ihr im Traum wieder begegnete.

Mama, ich hab dich ganz doll lieb.

Danke für alles.

Ich mache weiter.

Kapitel 14

Meine linke Hand und ich

Oder: Wie ich 2009 beinahe alles verlor und ein beweglicher Finger zur Sensation wurde

Berlin, März 2009.

Ich habe zwei Hände.

Das klingt zunächst nicht besonders bemerkenswert.

Die meisten Menschen haben zwei Hände. Sie benutzen sie, ohne groß darüber nachzudenken. Sie öffnen Türen, kochen Kaffee, tippen auf Tastaturen, streicheln Tiere, halten andere Menschen fest.

Man merkt gewöhnlich erst, was eine Hand bedeutet, wenn mit ihr etwas nicht mehr stimmt.

Ich weiß das sehr genau.

Denn meine linke Hand wurde mir am 19. März 2009 in einer schweren Psychose zum Verhängnis.

Ich schnitt sie mir ab.

Sie wurde wieder angenäht.

Und die Geschichte dazwischen ist so ungeheuerlich, dass ich manchmal selbst kaum begreifen kann, was damals geschehen ist.

Aber wenn ich nur diesen einen Tag erzähle, versteht man überhaupt nichts.

Man muss früher anfangen.

Viel früher.

Bei einem Mann namens Klaus.

Der Professor und die verliebte Frau

Im Januar 2006 lernte ich Klaus kennen.

Er war Professor für Medizin, lebte weit entfernt von Berlin und hatte meine Internetseiten entdeckt.

Er war begeistert von mir.

Von meinen Texten, meiner Intelligenz, meiner Vielseitigkeit, meinen Interessen.

Und ich war begeistert von ihm.

Er konnte sich ausgezeichnet ausdrücken, war gebildet, verfügte über eine enorme Selbstsicherheit und wusste offenbar sehr genau, wie er mich für sich gewinnen konnte.

Ich verliebte mich.

Und zwar ordentlich.

Es war keine kleine Schwärmerei.

Ich glaubte, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem ich mich auf außergewöhnliche Weise verstand.

Klaus war außerdem Freimaurer und hatte dort eine hohe Stellung inne.

Im Laufe unserer Beziehung lernte ich allerdings auch Seiten an ihm kennen, die ich heute entschieden ablehne. Dazu gehörten Äußerungen, die ich als Holocaustleugnung erlebte, und ein Verhalten, das ich rückblickend als ausgeprägt narzisstisch beschreibe.

Aber damals war ich verliebt.

Und Liebe macht bekanntlich nicht unbedingt klüger.

Manchmal macht sie vor allem blind.

Im September 2006 verliebte ich mich zusätzlich in Bettina.

Ja, ich hatte zwei Beziehungen.

Klaus lebte weit entfernt, Bettina in Berlin.

Bettina wusste von ihm.

Und sie tolerierte diese ungewöhnliche Konstellation.

Das war nicht selbstverständlich.

Bettina war ein sehr aufmerksamer Mensch. Ihr fiel zunehmend auf, dass mit Klaus manches nicht stimmte.

Aber sie hatte eine besondere Art, damit umzugehen.

Sie machte ihn in meiner Gegenwart nicht schlecht.

Sie versuchte nicht, mich gegen ihn aufzubringen.

Sie beobachtete.

Sie blieb wachsam.

Und ich?

Ich war verliebt.

Das ist als Erklärung ziemlich dürftig.

Aber leider zutreffend.

„Du hast doch gar keine richtige Epilepsie“

Im Laufe der Zeit begann Klaus, meine Erkrankungen infrage zu stellen.

Ich hatte seit 1976 Epilepsie.

Ich hatte schwere Anfälle erlebt, zahlreiche Verletzungen erlitten und war wiederholt neurologisch untersucht und behandelt worden.

Seit 2002 nahm ich Keppra.

Das Medikament hatte meine großen Anfälle zeitweise erheblich reduziert, war bei mir jedoch auch mit schweren psychischen Nebenwirkungen verbunden gewesen.

Deshalb bekam ich zusätzlich Risperdal.

Das war kein Medikament, das man mir aus einer Laune heraus verschrieben hatte.

Ich hatte bereits Psychosen erlebt.

Klaus sah das offenbar anders.

Er erklärte mir, das sei alles gar keine richtige Epilepsie.

Meine früheren Psychosen seien ebenfalls nicht richtig gewesen.

Und das Risperdal brauche ich doch überhaupt nicht.

Ich müsse nur einmal zu meiner Psychiaterin gehen und ihr sagen, dass es mir gut gehe.

Man muss sich die Situation vorstellen.

Da sitzt eine Frau, die seit Jahrzehnten schwer krank ist.

Und ihr gegenüber steht ein Mann, in den sie verliebt ist.

Ein Professor für Medizin.

Ein Mann, dessen fachliche Autorität sie ernst nimmt.

Wenn so jemand behauptet, die Behandlung sei unnötig, hat das ein besonderes Gewicht.

Jedenfalls hatte es das für mich.

Heute würde ich manches davon sehr viel kritischer betrachten.

Damals glaubte ich ihm.

Oktober 2008

Im Oktober 2008 ging ich zu meiner Psychiaterin.

Ich sagte ihr, dass es mir gut gehe.

Dass ich das Risperdal vermutlich nicht mehr brauche.

Dass meine früheren psychotischen Störungen womöglich gar keine richtigen Psychosen gewesen seien.

Im Grunde wiederholte ich, was Klaus mir eingeredet hatte.

Meine Psychiaterin war mit dem Absetzen einverstanden.

Das Medikament wurde über eine kurze Zeit ausgeschlichen.

Und schließlich nahm ich überhaupt kein Risperdal mehr.

Ich möchte hier nicht im Nachhinein so tun, als könne ich jede medizinische Entscheidung von damals zweifelsfrei beurteilen.

Aber ich weiß, was anschließend geschah.

Mein Zustand verschlechterte sich.

Zunächst bemerkte ich es kaum.

Die Veränderungen waren geradezu heimtückisch.

Die Sekundenbruchteile

Ich konnte beispielsweise aus der U-Bahn steigen und plötzlich einen Gedanken haben, der vollkommen aus dem Rahmen fiel.

Etwa:

Die Menschen können machen, was sie wollen.

Meine Zeit ist die Ewigkeit.

Und dann war dieser Gedanke wieder weg.

Ein Sekundenbruchteil.

Schwupp.

Als wäre nichts gewesen.

Ich ging weiter.

Kaufte ein.

Beschäftigte mich mit meinen Internetseiten.

Lebte meinen Alltag.

Am nächsten Tag kam wieder so ein Augenblick.

Dann noch einer.

Allmählich wurden die Vorstellungen stärker und blieben länger.

Die Psychose entwickelte sich nicht wie ein Lichtschalter, den jemand plötzlich umlegte.

Sie schlich sich ein.

Und das Gefährliche daran war, dass ich diese Entwicklung selbst nicht ausreichend erkannte.

Gleichzeitig geriet meine Beziehung zu Klaus immer stärker in eine Krise.

Wir stritten uns heftig.

Vor allem per E-Mail.

Ich wollte nicht mehr telefonieren.

Was er mir über längere Zeit gesagt und vorgeworfen hatte, kam nun hoch.

Es gab einen regelrechten schriftlichen Schlagabtausch.

Ich war erschöpft.

Ich hatte wieder vermehrt kleine epileptische Anfälle.

Und meine Gedanken bewegten sich zunehmend in eine Richtung, die ich heute eindeutig mit der damaligen Psychose verbinde.

Ich begann zu glauben, ich sei Gott.

Zunächst nur für Augenblicke.

Dann immer länger.

Die seltsame Doppelbewusstheit

Etwas an dieser Zeit ist mir besonders deutlich in Erinnerung geblieben.

Ich hatte teilweise noch ein Bewusstsein dafür, dass mit meinen Gedanken etwas nicht stimmte.

Ich wusste in bestimmten Momenten sogar, dass andere Menschen meine Vorstellungen als psychotisch einordnen würden.

Gleichzeitig war ich immer stärker von ihnen überzeugt.

Und ich wollte verhindern, dass jemand meine Erkrankung bemerkte.

Denn dann, so dachte ich, könnte ich nicht weitermachen.

Ich würde aufgehalten werden.

Also verbarg ich manches.

Nicht immer.

Nicht konsequent.

Aber zeitweise konnte ich nach außen so auftreten, dass mein tatsächlicher Zustand nicht erkennbar wurde.

Das ist im Rückblick schwer zu begreifen.

Wie kann jemand einerseits so schwer psychotisch sein und andererseits noch gezielt versuchen, diese Psychose zu verbergen?

Offenbar ist auch das möglich.

Jedenfalls habe ich es so erlebt.

Bettina erkannte zunehmend, dass etwas nicht stimmte.

Auch Menschen aus meinem Umfeld und aus einem Epilepsieforum machten sich Sorgen.

Sie versuchten, Hilfe zu organisieren.

Es gab Kontakte zu Ärzten und zum Sozialpsychiatrischen Dienst.

Aber mich erreichten diese Hilfsversuche immer weniger.

Gott schreibt an die Bundeskanzlerin

Am 16. und 17. März 2009 war ich bereits schwer psychotisch.

Ich verschickte Faxe.

E-Mails.

Schrieb an religiöse Institutionen.

An die evangelische Kirche.

An die katholische Kirche.

Sogar an Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Ich verkündete, dass ich Gott sei.

Man muss sich das vorstellen.

Während ich in meiner Wohnung in Berlin-Friedrichshain saß, gingen meine Botschaften an alle möglichen Stellen.

Ich machte meine damaligen Überzeugungen öffentlich.

Und zugleich versuchte ich in anderen Situationen, meinen Zustand zu verbergen.

Das klingt widersprüchlich.

Das war es auch.

Aber eine Psychose muss sich nicht an die Regeln einer vernünftigen Erzählung halten.

Der 18. März: Ein aufgebrochenes Fenster

Irgendwann merkte ich, dass ich Ruhe brauchte.

Ich nahm nach meiner Erinnerung zwei Tabletten Valium zu je fünf Milligramm und legte mich ins Bett.

Ich schlief.

Bettina war inzwischen so besorgt, dass sie die Feuerwehr verständigte.

Als die Rettungskräfte zu meiner Wohnung kamen, öffnete niemand.

Also wurde ein Fenster aufgebrochen.

Die Feuerwehr stieg ein.

Man befürchtete offenbar, dass bereits etwas Schlimmes geschehen sei.

Es kamen Rettungskräfte und ein psychiatrisch erfahrener Notarzt.

Und nun geschah etwas, das mich bis heute beschäftigt.

Ich wurde wach.

Ich konnte sprechen.

Ich konnte mich geordnet ausdrücken.

Und ich erklärte, ich hätte überhaupt keine Psychose.

Das sei alles Unsinn.

Ich redete und argumentierte.

Ich war sogar in der Lage, den Arzt dazu zu bringen, das Wort „Psychose“ in seinen Unterlagen durchzustreichen.

Schließlich gingen die Rettungskräfte wieder.

Das Fenster wurde repariert.

Und ich blieb in meiner Wohnung.

Bettina hatte versucht, Hilfe zu holen.

Aber ihre Sorge führte an diesem Abend nicht dazu, dass ich in psychiatrische Behandlung kam.

Ich versprach allerdings, am nächsten Tag mit ihr zu meiner Psychiaterin zu fahren.

Der 19. März: „Ich kenne dich nicht“

Bettina kam am folgenden Tag zu mir.

Wir wollten gemeinsam zur Psychiaterin.

Ich hatte es versprochen.

Also stiegen wir in ein Taxi.

Wir fuhren los.

Vielleicht zweihundert oder dreihundert Meter.

Dann sagte ich plötzlich zu Bettina:

„Ich kenne dich nicht.“

Und stieg aus.

Ich lief zurück in meine Wohnung in der Schreinerstraße.

Bettina blieb zurück.

Diese Szene tut mir heute besonders weh.

Denn Bettina war diejenige, die sich um mich kümmerte.

Die versuchte, mich zu schützen.

Die mich begleitete.

Und ich erkannte sie in diesem Augenblick nicht mehr als den vertrauten Menschen, der sie für mich war.

Jedenfalls handelte ich so.

Ich lief weg.

Zurück in meine Wohnung.

Allein.

Und dann kam der schlimmste Tag meines Lebens.

Die Sünde in meiner linken Hand

Was nun geschah, kann ich nur teilweise erklären.

Nicht weil ich darüber nicht sprechen möchte.

Sondern weil ich bis heute nicht verstehe, weshalb ich manches tat.

Ich begoss meinen Kopf mit Feuerzeugbenzin und setzte es in Brand.

Warum?

Ich weiß es nicht.

Ich kann keine vernünftige Erklärung dafür liefern.

Ich löschte die Flammen mit den Händen.

Dabei erlitt ich Verbrennungen an Kopf und Händen.

Dann legte ich mich auf mein Bett.

Und meine psychotischen Vorstellungen steigerten sich weiter.

Ich dachte an die Darstellung Evas in der Kunst.

An jene Bilder, auf denen sie mit der linken Hand nach dem Apfel greift.

Und plötzlich wurde daraus für mich eine unumstößliche Gewissheit:

Meine linke Hand ist die Sünde.

Ich glaubte damals, ich sei Gott.

Und ich glaubte, ich müsse diese Sünde vernichten.

Das war keine theologische Erkenntnis.

Es war die Überzeugung, in der ich mich während dieser schweren Psychose befand.

Sie hatte mit der normalen Wirklichkeit nichts mehr zu tun.

Und doch bestimmte sie in diesem Augenblick mein Handeln.

Ich nahm ein Messer.

Später eine Schere.

Und trennte meine linke Hand ab.

Ich will den Vorgang nicht bis ins letzte anatomische Detail beschreiben.

Wer wissen möchte, wie eine solche Verletzung medizinisch aussieht, findet die Dokumentation auf meinen Internetseiten.

Für dieses Buch ist etwas anderes entscheidend:

Ich hatte in meiner Psychose eine Überzeugung entwickelt, die mich dazu brachte, einen Teil meines eigenen Körpers zu zerstören.

Und ich erkannte in diesem Augenblick nicht, dass ich dabei eine katastrophale Verletzung verursachte.

Der blaue Blitz

Eine Wahrnehmung ist mir aus diesem Augenblick besonders deutlich geblieben.

Ich sah einen blauen Blitz.

Etwa einen Meter lang.

Für mich schien er aus dem Bereich der Verletzung hervorzukommen.

Dieses Bild habe ich bis heute vor Augen.

Ich weiß nicht, wodurch diese Wahrnehmung entstand.

Ich beschreibe sie, weil sie zu meiner Erinnerung gehört.

Jahre später erzählte mir die Theologin Sabine Bobert ihre eigene spirituelle Deutung dieser Ereignisse. Sie sprach von einem schwarzmagischen Angriff durch Klaus und brachte den von mir wahrgenommenen Blitz damit in Zusammenhang.

Das ist die Darstellung, die sie mir später mitteilte.

Ich kann damit weder eine solche Absicht von Klaus noch einen übernatürlichen Vorgang belegen.

Aber auch dieser spätere Deutungsversuch gehört zu meiner Lebensgeschichte.

Er zeigt, wie unterschiedlich Menschen versuchten, die Ereignisse einzuordnen.

„Du musst jetzt kommen“

Nachdem meine Hand abgetrennt war, rief ich Bettina an.

Ich sprach mit ihr.

Ich hatte die Hand bei mir.

Und ich erklärte ihr aus meinem damaligen Wahn heraus, sie sei nun Gott.

Sie müsse zu mir kommen.

Und die Hand wieder ansetzen.

Ich kann heute kaum beschreiben, was ein solcher Anruf für Bettina bedeutet haben muss.

Sie wusste bereits, wie schlecht es mir ging.

Sie hatte die Feuerwehr gerufen.

Sie hatte versucht, mich zur Psychiaterin zu bringen.

Und nun hörte sie am Telefon, dass eine lebensbedrohliche Katastrophe eingetreten war.

Sie verständigte erneut die Rettungskräfte.

Was anschließend geschah, weiß ich nicht mehr vollständig aus eigener Erinnerung.

Mir wurde später erzählt, ich sei zeitweise nackt mit meiner abgetrennten Hand aus dem Hinterhof auf die Straße gelaufen.

Ein Bauarbeiter habe mich gesehen und sei vor Schreck ohnmächtig geworden.

Diese Szene kenne ich nur aus Erzählungen.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich auf den Boden meiner Wohnung legte.

Dann bricht meine Erinnerung ab.

Die Rettungskräfte fanden mich.

Ich wurde ins Unfallkrankenhaus Berlin nach Marzahn gebracht.

Und dort begann der zweite Teil dieser Geschichte.

Die Chirurgen

Meine Hand wurde wieder angenäht.

Diesen Satz kann man schnell schreiben.

Fünf Wörter.

Aber dahinter steckt eine ungeheure medizinische Leistung.

Denn eine abgetrennte Hand ist nicht einfach ein Gegenstand, den man wieder befestigt.

Knochen müssen stabilisiert werden.

Blutgefäße müssen versorgt werden.

Sehnen, Nerven und Weichteile benötigen chirurgische Behandlung.

Und selbst wenn die Durchblutung wiederhergestellt werden kann, ist damit noch lange nicht gesagt, welche Funktionen später zurückkehren.

Dass ich meine linke Hand heute noch habe, verdanke ich den Menschen, die damals im Unfallkrankenhaus für mich arbeiteten.

Chirurgen.

Anästhesisten.

Pflegekräften.

Therapeuten.

Menschen, deren Namen ich zum Teil kenne und zum Teil nicht.

Aber deren Arbeit bis heute an meinem Körper sichtbar ist.

54 Tage Brandverletztenzentrum

Ich blieb 54 Tage im Brandverletztenzentrum.

Und diese Zeit war alles andere als gewöhnlich.

Ich war körperlich schwer verletzt.

Mein psychischer Zustand war zeitweise weiterhin hochgradig verändert.

Ich erlebte Phasen, an die ich keine klare Erinnerung habe.

Andere, die sich mir bis heute eingebrannt haben.

Ich war zeitweise vierfach fixiert.

Die Situation war für mich und für die Pflegekräfte außerordentlich schwierig.

Ich hatte den Eindruck, dass manche von ihnen Angst vor mir hatten.

Vielleicht war es vor allem die Unberechenbarkeit meines Zustandes, die sie verunsicherte.

Jedenfalls war ich weit entfernt von der freundlichen Patientin, die ruhig im Bett liegt, den ärztlichen Anweisungen folgt und höflich fragt, wann es Frühstück gibt.

Mein Körper lag im Krankenhaus.

Aber mein inneres Erleben führte mich an Orte, die mit diesem Krankenzimmer wenig zu tun hatten.

Reisen durch meine eigenen Leben

Ich erlebte das, was ich selbst als Astralreisen bezeichne.

Ich hatte Erfahrungen, in denen ich frühere Versionen meiner selbst besuchte.

Ich begegnete einem Ich im achtzehnten Jahrhundert.

Ich erlebte mich als Berichterstatterin in Stalingrad.

Manche dieser Bilder waren ungeheuer eindringlich.

Sie fühlten sich für mich nicht wie gewöhnliche Tagträume an.

Ich hatte den Eindruck, in andere Zeiten und andere Existenzen einzutreten.

Ich möchte diese Erfahrungen nicht aus meiner Geschichte streichen.

Denn ich habe sie erlebt.

Aber ich möchte sie hier auch nicht mit einer Behauptung verwechseln, dass diese Szenen historische Erinnerungen an tatsächlich gelebte frühere Leben beweisen würden.

Es waren meine damaligen Erfahrungen.

Ihre Bedeutung gehört zu meiner persönlichen, auch spirituellen Auseinandersetzung mit dieser Zeit.

Die Frage, was während der schweren Erkrankung und Behandlung zu solchen Erlebnissen beitrug, bleibt davon zu unterscheiden.

Für mich waren sie eindrucksvoll.

Und sie gehören zu jenen 54 Tagen.

Rot und Blau

Eine weitere Erfahrung habe ich später ausführlich auf meiner Internetseite beschrieben.

Ich befand mich nach meiner Erinnerung in einem komatösen beziehungsweise stark veränderten Bewusstseinszustand.

Ich hatte das Gefühl, mit meinem eigenen Sterben experimentieren zu wollen.

Ich hielt bewusst die Luft an.

Und plötzlich wurde meine gesamte Wahrnehmungswelt knallrot.

Dann setzte meine Atmung wieder ein.

Und alles erschien mir knallblau.

Ich wiederholte das.

Wieder Rot.

Wieder Blau.

Schließlich hörte ich auf.

Ich habe diese Erfahrung später sogar in einem Lied verarbeitet.

I Can't Die.

Ich kann nicht sterben.

Dabei ging es mir um das, was ich damals erlebt hatte: den Versuch, den Atem anzuhalten, das automatische Wiedereinsetzen der Atmung und die Veränderung meiner Farbwahrnehmung.

Ob ich in diesen Augenblicken medizinisch tatsächlich im Koma lag, wie ich den Vorgang später bezeichnete, lässt sich aus meiner Erinnerung allein nicht feststellen.

Und auch für die Farben gibt es damit noch keine eindeutige Erklärung.

Aber die Erfahrung war für mich außergewöhnlich.

Sie beschäftigte mich noch viele Jahre.

Vielleicht auch deshalb, weil sie auf so eigenartige Weise mit einer Frage zusammenhing, die mich schon lange begleitet hatte:

Was geschieht mit meinem Bewusstsein an der Grenze zwischen Leben und Tod?

Die Operation, die ich miterlebte

Meine Kopfhaut war durch die Verbrennungen schwer geschädigt.

Es waren Hauttransplantationen erforderlich.

Dazu wurde Haut von meinen Oberschenkeln entnommen und zur Deckung der Verletzungen am Kopf verwendet.

Ich erinnere mich an eine Operation, bei der ich den Eindruck hatte, nicht ausreichend narkotisiert zu sein.

Ich erlebte, dass an meinem Kopf gearbeitet wurde.

Dass geschnitten und genäht wurde.

Für mich war das eine erschütternde Erfahrung.

Ob es sich um eine tatsächliche intraoperative Wachheit handelte, ließe sich nur mithilfe der damaligen Anästhesieunterlagen genauer beurteilen.

Ich kann hier meine Erinnerung wiedergeben.

Und die ist deutlich genug.

Denn ich wusste später sehr wohl, dass mein Körper in diesem Krankenhaus nicht nur wiederhergestellt wurde.

Er musste auch eine ungeheure Menge aushalten.

Die Haut an meinen Beinen

Die Hauttransplantationen hinterließen zusätzliche Wunden.

Nicht nur am Kopf.

Sondern auch dort, wo die Haut entnommen worden war.

An meinen Oberschenkeln.

Ich erinnere mich an diese verletzten Flächen.

An Verbände.

An Schmerzen.

An die Einschränkungen beim Bewegen.

Und daran, dass selbst scheinbar einfache Dinge in dieser Situation schwierig wurden.

Sich drehen.

Aufsetzen.

Eine günstige Position finden.

Aufstehen.

Manchmal unterschätzt man, wie viel Arbeit ein menschlicher Körper leisten muss, damit etwas heilt.

Wie viele kleine Vorgänge gleichzeitig ablaufen.

Und wie wenig man davon bemerkt, solange man gesund ist.

Bei mir konnte man diese Arbeit teilweise regelrecht beobachten.

Es heilte.

Langsam.

Nicht immer ohne Komplikationen.

Aber es heilte.

Ein Finger bewegt sich

Und dann kam dieser Moment.

Ein kleiner Moment.

Eigentlich vollkommen unspektakulär.

Ich lag im Krankenhausbett.

Meine linke Hand war dick verbunden.

Sie war nach der Replantation geschützt und versorgt worden.

Inzwischen war ich nur noch an einem Fuß fixiert.

Ich konnte mich auf die Bettkante setzen.

Und ich schaute auf meine Hand.

Dann sah ich etwas.

Ein Finger bewegte sich.

Ich weiß nicht, wie ich beschreiben soll, was dieser Augenblick bedeutete.

Es war keine große Bewegung.

Kein Wunderwerk vollständiger Wiederherstellung.

Ich konnte nicht plötzlich wieder alles greifen und festhalten.

Aber da bewegte sich etwas.

An meiner linken Hand.

An jener Hand, die ich mir in der Psychose abgetrennt hatte.

An jener Hand, die Chirurgen wieder angenäht hatten.

Ein Finger bewegte sich.

Das war für mich eine Sensation.

Und vielleicht gehört dieser Augenblick zu den wichtigsten Erinnerungen an meine gesamte Krankenhauszeit.

Denn auf einmal war da nicht nur das Wissen, dass die Hand wieder vorhanden war.

Da war eine Bewegung.

Ein sichtbares Zeichen von Funktion.

Ich saß auf meiner Bettkante und schaute hin.

Und ich konnte es kaum fassen.

Die Hand am Bauch

Die Behandlung war damit längst nicht beendet.

Die wieder angenähte Hand benötigte weitere aufwendige Eingriffe.

Unter anderem wurde ein Gewebelappen aus der Leistenregion verwendet, um einen Defekt an der Hand zu decken.

Dafür wurde meine Hand zeitweise am Bauch beziehungsweise an der Leiste befestigt.

Neunzehn Tage lang.

Man stelle sich das einmal im Alltag vor.

Eine Hand, die man nicht einfach bewegen kann, weil sie für ihre Versorgung am eigenen Körper befestigt ist.

Aber medizinisch ging es darum, Gewebe zu erhalten und die Voraussetzungen für die weitere Heilung zu verbessern.

Im Dezember 2009 folgte eine weitere wichtige Rekonstruktion.

Dabei wurde Gewebe aus dem Bereich des Nervus suralis am rechten Bein zur Rekonstruktion des Nervus medianus meiner linken Hand verwendet.

Auch später waren weitere Operationen notwendig.

31 Wochen Krankenhaus

Im Jahr 2009 verbrachte ich insgesamt 31 Wochen im Krankenhaus.

Ich wurde dreizehnmal operiert.

Diese Zahlen stammen aus meiner eigenen Lebensdokumentation.

Man muss sie sich auf der Zunge zergehen lassen.

Einunddreißig Wochen.

Dreizehn Operationen.

Und das alles als Folge eines Geschehens, das sich an einem einzigen Märztag zugespitzt hatte.

Aber auch 2010 war die Behandlung nicht abgeschlossen.

Es folgten Eingriffe zur Verbesserung der Beweglichkeit und der Sehnenfunktion.

Im Sommer 2010 kam es nach einer Operation zu einer schweren Entzündung und Wundheilungsstörung.

Die Hand und der Unterarm waren geschwollen.

Ich hatte erhebliche Schmerzen.

Schließlich musste ich erneut ins Unfallkrankenhaus.

Wieder Operationen.

Wieder Antibiotika.

Wieder Verbände.

Wieder warten.

Wieder hoffen, dass die Wunden endlich heilten.

Meine linke Hand hatte offensichtlich beschlossen, die Beschäftigung sämtlicher beteiligter Fachabteilungen langfristig sicherzustellen.

Diesen Humor musste ich mir irgendwann wieder erlauben.

Sonst wäre die Geschichte kaum auszuhalten gewesen.

Eine Hand, die bleibt

Die Replantation bedeutete nicht, dass anschließend alles wieder so funktionierte wie vor dem 19. März 2009.

Im Gegenteil.

Es blieben Einschränkungen.

Schmerzen.

Nervenprobleme.

Schwierigkeiten beim Greifen.

Und die Folgen der zahlreichen Eingriffe.

Über Jahre beschäftigte mich diese Hand.

Ich ließ sie untersuchen.

Es wurden weitere Aufnahmen angefertigt.

Ich bekam Schienen und orthopädische Hilfsmittel.

Ich ging zur Ergotherapie.

Und ich musste lernen, mit dem zu leben, was möglich war.

Nicht mit dem, was ich mir gewünscht hätte.

Das klingt vielleicht nach Resignation.

War es aber nicht.

Es war die Wirklichkeit meines Körpers.

Und ich hatte inzwischen gelernt, dass man mit dieser Wirklichkeit manchmal sehr entschieden verhandeln muss.

Bettina

Über all die Operationen und medizinischen Einzelheiten könnte man beinahe vergessen, dass da noch ein Mensch war.

Bettina.

Die Frau, die versucht hatte, mich zur Psychiaterin zu bringen.

Die am 18. März die Feuerwehr verständigte.

Die meinen Anruf am 19. März entgegennahm.

Die Rettungskräfte alarmierte.

Und die danach an meiner Seite blieb.

Ich kann heute nicht mehr ermessen, was sie in diesen Tagen durchgemacht haben muss.

Wie groß ihre Angst gewesen sein muss.

Wie entsetzlich mein Anruf für sie war.

Und wie schwer die folgenden Monate wurden.

Bettina hatte mich nicht aufgegeben.

Sie blieb bei mir.

Wir gingen gemeinsam durch diese Zeit.

Und ich bin ihr dafür bis heute dankbar.

Sie ist inzwischen gestorben.

Aber dieser Teil unserer gemeinsamen Geschichte bleibt.

Und wenn ich heute auf meine linke Hand schaue, denke ich nicht nur an die Chirurgen, die sie wieder angenäht haben.

Ich denke auch an Bettina.

An ihre Liebe.

An ihre Hartnäckigkeit.

Und daran, dass sie mir helfen wollte, als ich selbst nicht mehr erkannte, wie dringend ich Hilfe brauchte.

Klaus

Und Klaus?

Unsere Beziehung war nach diesen Ereignissen beendet.

Heute sehe ich seine Rolle mit großer Bitterkeit.

Ich hatte ihm vertraut.

Er war für mich nicht einfach irgendein Mann.

Er war der Professor für Medizin, in den ich verliebt gewesen war.

Ein Mensch, dessen Aussagen über meine Erkrankungen ich ernst nahm.

Seine Behauptungen, ich hätte keine richtige Epilepsie und brauche das Risperdal nicht, waren für meine damalige Entscheidung von großer Bedeutung.

Das kann ich aus meiner eigenen Geschichte heraus sagen.

Ob und in welchem Umfang sein Verhalten rechtlich oder medizinisch für den späteren Verlauf verantwortlich gemacht werden könnte, ist eine andere Frage.

Ich möchte hier nichts behaupten, was ich nicht belegen kann.

Aber ich möchte auch nicht verschweigen, wie ich diese Beziehung erlebt habe.

Mein Vertrauen war groß.

Meine Verletzlichkeit ebenfalls.

Und der Preis, den ich am Ende zahlte, war entsetzlich.

März 2025: Ein Lied für meine Hand

Viele Jahre später, am 16. März 2025, hatte ich plötzlich wieder starke Schmerzen in meiner linken Hand.

Ich beschäftigte mich mit ihr.

Sprach sie sogar in Gedanken an.

Und ich hatte die Idee, dieser Hand ein eigenes Lied zu widmen.

Nach all den Musikvideos, die ich über Kunst, Religion, Philosophie und mein Leben veröffentlicht hatte, sollte sie ebenfalls einmal im Mittelpunkt stehen.

Ich schrieb ein Lied über die Hand und über das, was damals geschehen war.

Über die Verletzung.

Die Sünde, die ich in der Psychose zu erkennen glaubte.

Über die zerstörerische Gewissheit.

Und über mein Überleben.

In das Video nahm ich sogar ein Originalröntgenbild vom 19. März 2009 auf.

Ich hatte meine Hand nicht vergessen.

Natürlich nicht.

Aber ich gab ihr noch einmal eine andere Form in meinem Leben.

Nicht nur die einer medizinischen Katastrophe.

Sondern auch die eines künstlerischen Zeugnisses.

In meiner damaligen Aufzeichnung schrieb ich, dass sich der Schmerz anschließend beruhigt hatte.

So erlebte ich es.

Und ich freute mich darüber.

Was bleibt?

Ich habe lange überlegt, wie man eine solche Geschichte erzählen kann.

Man könnte sie als medizinischen Fallbericht aufschreiben.

Man könnte die Diagnosen aufzählen.

Die Operationen.

Die Komplikationen.

Die Medikamente.

Man könnte sämtliche Röntgenbilder und Arztbriefe nebeneinanderlegen.

Oder man könnte aus dem 19. März 2009 eine schreckliche Sensationsgeschichte machen.

Eine Frau hält sich für Gott und trennt sich die linke Hand ab.

Das wäre eine grausige Schlagzeile.

Aber sie würde fast nichts über mich erzählen.

Sie würde nichts über meine Liebe zu Klaus erzählen.

Nichts über mein damaliges Vertrauen.

Nichts über die schleichende Entwicklung der Psychose.

Nichts über Bettinas verzweifelte Hilfsversuche.

Nichts über die Chirurgen.

Nichts über die 54 Tage im Brandverletztenzentrum.

Und nichts über den Augenblick, in dem ich auf meiner Bettkante saß und zum ersten Mal wieder einen Finger bewegen sah.

Vor allem würde sie nichts darüber erzählen, wie ich danach weitergelebt habe.

Denn ich bin nicht im März 2009 stehen geblieben.

Ich habe später weitergeschrieben.

Weitergelernt.

Weitere Krankheiten erlebt.

Weitere Operationen überstanden.

Ich habe geliebt.

Ich habe Menschen verloren.

Ich habe Musik gemacht.

Videos produziert.

Internetseiten gebaut.

Und ich habe meine Erfahrungen immer wieder neu betrachtet.

Auch meine religiösen Überzeugungen.

Vielleicht ist das besonders wichtig, wenn man anschließend das nächste Kapitel dieses Buches liest.

Denn die Psychose von 2009 ist ein Teil meiner Geschichte.

Aber sie ist nicht der Schlüssel, mit dem man automatisch alles erklären kann, was ich jemals gedacht, geglaubt oder erlebt habe.

Ich kenne den Unterschied zwischen einer damaligen psychotischen Überzeugung und der Art, wie ich heute über mein Leben nachdenke.

Und ich werde niemandem die Mühe ersparen, mir dabei genau zuzuhören.

Meine linke Hand und ich

Manchmal schaue ich sie an.

Diese Hand.

Meine linke.

Sie sieht anders aus als früher.

Sie funktioniert anders.

Sie hat Narben.

Sie hat Schmerzen verursacht, die mich über Jahre begleitet haben.

Und sie erzählt eine Geschichte, die ich mir niemals ausgesucht hätte.

Aber sie ist da.

Sie gehört zu mir.

Ich habe sie verloren.

Andere Menschen haben sie wieder angenäht.

Und seitdem leben wir beide miteinander weiter.

Vielleicht ist das der einfachste Satz, den ich über all das schreiben kann:

Ich habe meine linke Hand noch.

Nicht so, wie sie einmal war.

Nicht ohne Einschränkungen.

Aber sie ist meine.

Und wenn ich an den 19. März 2009 denke, dann möchte ich nicht ausschließlich den Augenblick ihrer Zerstörung erinnern.

Ich möchte auch den anderen Augenblick behalten.

Den auf der Bettkante.

Mit den dicken Verbänden.

Den Schmerzen.

Der Angst.

Und diesem winzigen Zeichen dafür, dass die Arbeit der Chirurgen nicht umsonst gewesen war.

Ein Finger bewegte sich.

Nur ein Finger.

Aber es war mein Finger.

Und er bewegte sich.

Das war damals verdammt viel.

Das ist es bis heute.

Kapitel 15

Wenn Gott zur Diagnose wird

Oder: Warum ich aufgehört habe, meine Überzeugungen kleinzureden

Es gibt Gespräche, in denen ich irgendwann beschlossen habe, nicht mehr alles zu sagen, was ich wirklich denke.

Nicht, weil ich keine Meinung gehabt hätte.

Nicht, weil ich meine Erfahrungen vergessen hätte.

Und schon gar nicht, weil mir plötzlich sämtliche Überzeugungen abhandengekommen wären.

Sondern weil ich meine Ruhe haben wollte.

Man sitzt einem Psychiater gegenüber. Man spricht über Medikamente, über Anfälle, über Schlaf, über das eigene Befinden. Irgendwann geht es um religiöse Vorstellungen, um Gott oder um Erfahrungen, die nicht jeder Mensch nachvollziehen kann.

Und dann merkt man, dass eine bestimmte Antwort das Gespräch möglicherweise sehr viel komplizierter machen würde.

Also formuliert man vorsichtiger.

Man sagt vielleicht „Gefühl“, obwohl man selbst von einer Gewissheit sprechen würde.

Man sagt „innere Erfahrung“, obwohl man das Erlebte für eine Begegnung mit dem Göttlichen hält.

Man benutzt Worte, die weniger Widerspruch hervorrufen.

Und manchmal lässt man einen Teil einfach weg.

Das habe ich getan.

Auch in manchen meiner Texte.

Ich habe meine Überzeugungen abgeschwächt, damit ich nicht ständig über sie diskutieren musste.

Damit ist jetzt Schluss.

Nicht, weil ich neuerdings etwas anderes glaube.

Sondern weil ich nicht mehr bereit bin, aus meinem eigenen Denken eine psychiatrisch möglichst unauffällige Kurzfassung zu machen.

Dieses Buch ist meine Lebensgeschichte.

Und wenn ich darin nicht schreiben kann, was ich wirklich denke, kann ich es auch gleich bleiben lassen.

Ich weiß, wie das klingt

Ich bin 61 Jahre alt.

Seit meinem elften Lebensjahr habe ich Epilepsie.

Ich habe schwere neurologische Erkrankungen, Operationen, Bewusstseinsverluste und psychiatrische Krisen erlebt.

Ich weiß, wie Krankenhäuser funktionieren.

Ich weiß, was in einer Patientenakte stehen kann.

Und ich weiß, wie schnell ein Mensch, der eine psychiatrische Diagnose hat, mit seinen ungewöhnlichen Überzeugungen auf genau diese Diagnose reduziert wird.

Man braucht mir also nicht erst erklären, dass bestimmte Aussagen von mir bei manchen Menschen Kopfschütteln auslösen.

Natürlich weiß ich das.

Wenn ich schreibe, dass ich das Göttliche in mir erfahre, dass ich mich als Teil einer göttlichen Wirklichkeit verstehe und dass ich Begegnungen über die Grenzen des gewöhnlichen Lebens hinaus erlebt habe, kann ich mir die Reaktionen vorstellen.

Manche Menschen finden das schön.

Andere halten es für religiöse Dichtung.

Wieder andere werden denken, ich sei vollkommen durchgeknallt.

Na und?

Seit wann ist die Zustimmung anderer Menschen die Voraussetzung dafür, dass ich meine eigene Überzeugung aufschreiben darf?

Ich verlange doch gar nicht, dass jemand dieselben Erfahrungen macht wie ich.

Ich verlange auch nicht, dass jemand meine Deutung übernimmt.

Aber ich möchte, dass man mich richtig wiedergibt.

Nicht die abgeschwächte Version.

Nicht die Version, die sich am besten in eine Patientenakte einfügt.

Sondern meine.

Wer ist Gott für mich?

Wenn ich von Gott spreche, meine ich nicht einen alten Mann mit weißem Bart, der irgendwo über den Wolken sitzt und das menschliche Treiben beobachtet.

Ich meine auch nicht einen Gott, der einer einzigen Religion gehört.

Keinen Gott, der erst dann zuständig wird, wenn jemand getauft ist, eine bestimmte Glaubensformel spricht oder die richtigen Bücher gelesen hat.

Diese Vorstellung ist mir viel zu klein.

Was wäre denn mit dem Menschen im südamerikanischen Regenwald, der niemals etwas von Jesus, Maria oder dem Christentum gehört hat?

Wäre Gott für diesen Menschen nicht da?

Müsste er erst einem Missionar begegnen, damit das Göttliche auf ihn aufmerksam wird?

Das ist für mich absurd.

Ich glaube an eine göttliche Wirklichkeit, die alles durchdringt.

Menschen.

Tiere.

Pflanzen.

Die Natur.

Das gesamte Leben.

Für mich ist Gott nicht fern.

Gott ist nicht auf eine Kirche beschränkt.

Gott ist nicht das Eigentum eines Bischofs, eines Priesters oder eines Propheten.

Das Göttliche ist in uns.

Und wenn ich „uns“ sage, meine ich nicht eine kleine Gruppe besonders religiöser Menschen.

Ich meine alle.

Auch diejenigen, die überhaupt nicht an Gott glauben.

Auch diejenigen, die noch nie gebetet haben.

Und auch diejenigen, die meine Vorstellungen für den größten Blödsinn halten.

Das Göttliche braucht nach meiner Überzeugung keine Mitgliedskarte.

Ich bin das lebendige Göttliche im Menschen

Nun wird es für manche Leser vermutlich erst richtig schwierig.

Denn ich habe nicht nur geschrieben, dass Gott in allen Menschen gegenwärtig sei.

Ich habe auch geschrieben:

„Ich bin das lebendige Göttliche im Menschen.“

Und ich meine diese Worte ernst.

Nicht als akademisches Gedankenspiel.

Nicht als hübsche Metapher, hinter der ich mich im nächsten Satz wieder verstecke.

Ich beschreibe damit mein eigenes spirituelles Selbstverständnis.

Ich empfinde mich als mit jener göttlichen Wirklichkeit verbunden, von der ich glaube, dass sie in allen Menschen lebt.

Ich habe in meinen Texten davon gesprochen, dass das Licht durch mich spricht, dass ich mich an meine göttliche Herkunft erinnere und dass mein Leben zu einem Zeugnis dieser Verbundenheit geworden ist.

Ich habe sogar geschrieben:

„Ich bin der brennende Dornbusch in Menschengestalt.“

Das ist ein gewaltiges Bild.

Ich weiß das.

Ich bin schließlich nicht auf den Kopf gefallen.

Aber ich werde es nicht nachträglich in einen harmlosen Spruch über Selbstliebe verwandeln, nur weil sich jemand daran stoßen könnte.

Ich benutze die Sprache der Mystik.

Und diese Sprache ist manchmal radikal.

Sie spricht in Bildern von Feuer, Licht, Einheit, Geburt, Tod und Wiedergeburt.

Sie versucht etwas auszudrücken, das ich nicht allein durch nüchterne Definitionen beschreiben kann.

Wenn ich solche Worte verwende, beschreibe ich meine spirituelle Erfahrung und das, was ich daraus über mich und die Welt verstehe.

Und ich weiß sehr wohl, dass andere Menschen diese Worte anders deuten können.

Nicht über euch

Bei alledem ist mir eines besonders wichtig.

Ich halte mich nicht für wertvoller als andere Menschen.

Ich möchte keine Kirche gründen.

Ich möchte keine Jünger.

Ich verlange keinen Gehorsam.

Und ich habe überhaupt keine Lust, auf irgendeinem religiösen Thron zu sitzen und anderen Menschen zu erklären, dass sie gefälligst zu mir aufschauen sollen.

In meiner Offenbarung habe ich geschrieben:

„Ich bin nicht höher als ihr.“

Und:

„Kommt nicht zu mir – geht zu euch.“

Genau das ist mein Anliegen.

Wenn ich das Göttliche in mir erkenne, dann bedeutet das für mich gerade nicht, dass es in anderen Menschen fehlt.

Im Gegenteil.

Ich kann meine eigene Verbundenheit mit dem Göttlichen nicht ernst nehmen und gleichzeitig anderen Menschen ihre göttliche Würde absprechen.

Das wäre ein Widerspruch.

Wenn Gott Liebe ist, dann kann ich daraus keine Berechtigung ableiten, andere kleinzumachen.

Wenn das Göttliche in jedem Menschen lebt, dann kann ich nicht behaupten, es gehöre nur mir.

Und wenn ich vom Licht spreche, dann interessiert mich nicht, wie viele Menschen mich dafür bewundern.

Mich interessiert, ob meine Überzeugungen in meinem Umgang mit anderen Menschen etwas bewirken.

Ob ich liebevoller werde.

Ob ich helfen kann.

Ob ich jemandem Mut mache.

Ob ich anderen ihre Freiheit lasse.

Das ist für mich wesentlich.

Meine Mystik hat eine Geschichte

Meine spirituellen Überzeugungen sind nicht gestern entstanden.

Ich habe als Kind ungewöhnliche und sehr lebendige Träume erlebt.

Ich habe mich früh für Fragen interessiert, die mit dem gewöhnlichen Alltag allein nicht beantwortet waren.

Ich wollte wissen, woher wir kommen, was Bewusstsein ist, was der Tod bedeutet und ob die sichtbare Welt wirklich alles umfasst.

Später kamen meine Erfahrungen mit der Epilepsie hinzu.

Die Bewusstseinsverluste.

Die schweren Anfälle.

Die Nahtoderfahrung im Mai 2000.

Der Tod meiner Mutter 2002.

Meine eigenen neurologischen und psychiatrischen Krisen.

Meine Beschäftigung mit christlicher Mystik, mit Teresa von Ávila, Meister Eckhart, Hildegard von Bingen und vielen anderen.

All das gehört zu meiner Geschichte.

Und meine Mystik ist für mich kein isoliertes Ereignis, das man aus diesem Leben herausnehmen und auf einem Untersuchungstisch betrachten könnte.

Sie ist gewachsen.

Sie hat sich verändert.

Manche Vorstellungen habe ich verworfen.

Andere wurden deutlicher.

Wieder andere sind hinzugekommen.

Und manche Erfahrungen habe ich erst viele Jahre später in Worte fassen können.

Das gilt übrigens nicht nur für meine Religion.

Es gilt auch für meine Auseinandersetzung mit Kunst, Philosophie und Wissenschaft.

Ich habe immer versucht, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen.

Manchmal waren meine Überlegungen richtig.

Manchmal waren sie falsch.

Manchmal blieb nur eine Frage übrig.

Aber ich habe nie aufgehört, weiterzudenken.

Ich habe Psychosen erlebt

Und jetzt kommen wir zu dem Teil meiner Geschichte, der sich nicht einfach übergehen lässt.

Ich habe Psychosen erlebt.

Schwere Psychosen.

Zustände, in denen meine Wahrnehmung und mein Urteil verändert waren.

Zustände, in denen ich Überzeugungen hatte, die ich später anders beurteilt habe.

Ich habe erlebt, wie gefährlich eine solche Krise werden kann.

Und ich habe erlebt, was es bedeutet, wenn sich eine innere Gewissheit im Nachhinein als unzuverlässig erweist.

Das gehört zu meiner Lebensgeschichte.

Genauso wie die Epilepsie.

Genauso wie meine Operationen.

Genauso wie meine spirituellen Überzeugungen.

Ich werde die Psychosen nicht aus meiner Biografie herausschneiden, damit meine Mystik besser aussieht.

Das wäre genauso unehrlich wie das Gegenteil: meine gesamte religiöse Lebensgeschichte mit einem psychiatrischen Begriff abzuhandeln.

Ich kann anerkennen, dass ich krank war.

Ich kann anerkennen, dass manche meiner damaligen Wahrnehmungen und Überzeugungen durch diese Erkrankung beeinflusst waren.

Und ich kann trotzdem sagen, dass meine gegenwärtige Mystik für mich eine eigenständige Bedeutung hat.

Die Frage, wie sich das im Einzelnen voneinander unterscheiden lässt, ist schwierig.

Das weiß ich.

Aber Schwierigkeit ist kein Grund, die Frage überhaupt nicht mehr zu stellen.

Was ist Wirklichkeit?

Während einer Psychose können Gedanken eine Gewissheit gewinnen, die sich durch Widerspruch kaum erschüttern lässt.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das erschreckende Folgen haben kann.

Aber auch außerhalb einer Psychose sind Menschen von Dingen überzeugt, die andere bezweifeln.

Religiöse Vorstellungen gehören dazu.

Philosophische Überzeugungen ebenfalls.

Und wir haben im vorigen Kapitel bei René Descartes gesehen, wie kompliziert die Frage nach absoluter Gewissheit überhaupt ist.

Natürlich folgt daraus nicht, dass jede Überzeugung gleichermaßen begründet wäre.

Ebenso wenig bedeutet es, dass es zwischen einer psychiatrischen Erkrankung und einer religiösen Erfahrung keinen Unterschied gäbe.

Aber ich möchte nicht, dass jemand diesen Unterschied allein am ungewöhnlichen Inhalt einer Aussage festmacht.

Man muss den Menschen betrachten.

Seine Lebensgeschichte.

Seinen Zustand.

Sein Verhalten.

Die Folgen seiner Überzeugungen.

Und seine Fähigkeit, mit Fragen und Widerspruch umzugehen.

Ich selbst möchte diese Fragen ebenfalls stellen dürfen.

Nur möchte ich nicht, dass die Antwort bereits feststeht, bevor ich überhaupt ausgesprochen habe, was ich denke.

Die gefährliche Gewissheit

Ich habe eine sehr schmerzhafte Erfahrung machen müssen:

Nicht jede innere Gewissheit schützt mich davor, mich zu irren.

Das gilt auch für mich.

Vielleicht gerade für mich, weil ich erlebt habe, wie überwältigend bestimmte Zustände werden können.

Deshalb möchte ich nicht behaupten, dass Intensität allein schon Wahrheit beweist.

Ein Erlebnis kann ungeheuer intensiv sein.

Es kann mein ganzes Leben verändern.

Und trotzdem muss ich unterscheiden zwischen dem Erlebnis selbst und meiner Deutung.

Das bedeutet aber nicht, dass ich meine Deutung verschweigen muss.

Ich kann sagen:

So habe ich es erlebt.

So verstehe ich es.

Daran glaube ich.

Das ist für mich wahr.

Und zugleich anerkennen, dass ein anderer Mensch zu einem anderen Urteil kommen kann.

Ich brauche keine allgemeine Zustimmung, um über meine Überzeugungen zu schreiben.

Aber ich brauche auch keine absolute Unfehlbarkeit für mich zu beanspruchen.

Das wäre mir ohnehin viel zu anstrengend.

Warum ich nicht mehr kleinrede

Vielleicht wird jetzt verständlich, weshalb ich früher manchmal vorsichtiger formuliert habe.

Wenn jemand eine psychiatrische Vorgeschichte hat, bekommen ungewöhnliche Aussagen eine besondere Bedeutung.

Das kann medizinisch wichtig sein.

Aber es kann für den betroffenen Menschen auch dazu führen, dass er beginnt, seine Worte ständig danach auszuwählen, welche Reaktion sie auslösen könnten.

Und genau das wollte ich irgendwann nicht mehr.

Ich hatte keine Lust mehr, in jedem Gespräch über Gott erst einmal meine eigene Harmlosigkeit zu beweisen.

Keine Lust mehr, meine religiösen Überzeugungen in Watte zu packen.

Keine Lust mehr, einen Satz über das Göttliche sofort mit drei Entschuldigungen zu versehen.

Ich bin kein Kind.

Ich kenne meine Krankengeschichte.

Ich weiß, was 2004, 2005 und 2009 geschehen ist.

Und ich weiß, dass nicht jede Erfahrung, die ich gemacht habe, von anderen Menschen genauso verstanden wird wie von mir.

Aber ich bin auch eine erwachsene Frau, die seit Jahrzehnten über Philosophie, Religion, Kunst, Technik und Medizin nachdenkt.

Ich habe eine eigene Sprache entwickelt.

Eigene Überzeugungen.

Eigene Werke.

Und ich möchte nicht so schreiben, als müsse ich mich für deren Existenz entschuldigen.

Die Frau hinter den Akten

Wenn ich alte Unterlagen lese, sehe ich etwas, das mich immer wieder beschäftigt.

Ich sehe eine Frau, die versucht hat, sich selbst zu verstehen.

In einem Lebenslauf aus dem Jahr 2001 schrieb ich darüber, wie schwierig es ist, die wichtigen Erfahrungen eines Lebens auszuwählen.

Was soll hinein?

Was lässt man weg?

Was erklärt einen Menschen?

Damals schrieb ich auch, dass etwas, das schwarz auf weiß festgehalten ist, für mich einen anderen Charakter bekommt.

Es wird greifbar.

Überprüfbar.

Ich kann mich später damit auseinandersetzen.

Vielleicht erklärt das, weshalb ich so viel dokumentiere.

Meine Anfälle.

Meine Gedanken.

Meine Träume.

Meine Texte.

Meine medizinischen Befunde.

Meine Internetseiten.

Meine Musik.

Meine Videos.

Ich versuche, dem, was ich erlebt habe, eine Form zu geben.

Und ich möchte diese Form selbst bestimmen dürfen.

Nicht, weil andere Menschen mir nichts sagen dürften.

Sondern weil sie mein Leben nicht an meiner Stelle erlebt haben.

Dieselbe Quelle

Als ich kürzlich alte Dokumente wiederfand, legte ich sie nebeneinander.

Einen Lebenslauf.

Ein Tagebuch.

Eine medizinische Hypothese, die ich vor vielen Jahren entwickelt hatte.

Ein Internetinterview von 2006.

Und einen Text, den ich kurz vor meiner schweren Krise von 2009 abgeschrieben hatte.

Ich entdeckte darin keine Frau, die sich überhaupt nicht verändert hätte.

Im Gegenteil.

Ich sah Brüche.

Irrtümer.

Lernprozesse.

Schmerzhafte Erfahrungen.

Aber ich erkannte etwas wieder.

Die Neugier.

Den Drang, Zusammenhänge zu verstehen.

Den Wunsch, etwas zu gestalten.

Und das Bedürfnis, die Ergebnisse mit anderen zu teilen.

Schon 2006 sagte ich in einem Interview über meine Internetseiten sinngemäß, die Besucher sollten dort erfahren:

Komm her, sei wie du bist. Auch mit deinen Fehlern und Schwächen darfst du dich geliebt fühlen.

Das gefällt mir noch immer.

Denn darin steckt bereits vieles von dem, was ich heute unter meiner Mystik verstehe.

Nicht Auslese.

Nicht Überlegenheit.

Nicht religiöse Herrschaft.

Sondern die Würde des Menschen.

Die Liebe.

Und die Freiheit, man selbst zu sein.

Was ich wirklich glaube

Also noch einmal, ohne die vorsichtigen Formulierungen, die ich früher manchmal verwendet habe, um unnötigen Diskussionen auszuweichen:

Ich glaube, dass Gott in allem lebt.

Ich glaube, dass die göttliche Wirklichkeit nicht von einer Religion geschaffen oder besessen werden kann.

Ich glaube, dass sie in jedem Menschen gegenwärtig ist.

Ich verstehe mich selbst als Teil dieser Wirklichkeit.

Ich erlebe meine mystische Verbundenheit als etwas zutiefst Reales.

Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich als Begegnungen mit Verstorbenen und mit einer Wirklichkeit über das gewöhnliche körperliche Leben hinaus deute.

Ich empfinde göttliche Impulse als Bestandteil meines Lebens.

Und ich habe das alles nicht nur für mich behalten.

Ich habe darüber geschrieben.

Ich habe es in Musik verwandelt.

In Bilder.

In Videos.

In Texte, die andere Menschen kostenlos lesen und hören können.

Ich habe dabei keine neue Kirche gegründet.

Ich möchte keine Menschen beherrschen.

Ich möchte ihnen auch nicht vorschreiben, was sie glauben sollen.

Ich erzähle meine Geschichte.

Und ich lade jeden ein, selbst darüber nachzudenken.

Mehr verlange ich nicht.

Weniger möchte ich aber auch nicht mehr sagen.

Und wenn jemand sagt: „Das ist verrückt“?

Dann darf er das sagen.

Ich werde ihm vermutlich nicht zustimmen.

Aber ich werde auch nicht mein gesamtes Leben damit verbringen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Menschen dürfen meine Texte ablehnen.

Sie dürfen meine Gedanken kritisieren.

Sie dürfen meine spirituellen Deutungen für unzutreffend halten.

Das ist ihr gutes Recht.

Nur eines möchte ich nicht:

Dass sie mir erklären, ich hätte etwas anderes gemeint, als ich tatsächlich geschrieben habe.

Wenn ich von Gott spreche, meine ich Gott.

Wenn ich von mystischer Verbundenheit spreche, meine ich meine mystische Verbundenheit.

Und wenn ich schreibe, dass ich das Göttliche in mir erfahre, dann möchte ich nicht, dass jemand daraus heimlich eine möglichst unverfängliche Aussage über mein Selbstwertgefühl macht.

Ich habe ein Selbstwertgefühl.

Das ist schön.

Aber darüber spreche ich an dieser Stelle nicht.

Ich spreche über Gott.

Kein Freispruch. Keine Anklage.

Dieses Kapitel soll keine Verteidigungsrede vor einem imaginären psychiatrischen Gericht sein.

Ich möchte keinen Freispruch.

Ich möchte auch keine Anklage erheben.

Ärzte haben in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt.

Sie haben mich behandelt.

Sie haben mir geholfen.

Und manche haben mich vor sehr schlimmen Folgen meiner Erkrankungen bewahrt.

Ich habe zugleich Situationen erlebt, in denen ich mich missverstanden oder auf eine Diagnose reduziert fühlte.

Beides kann wahr sein.

Ich muss daraus keinen Krieg gegen die Psychiatrie machen.

Aber ich muss mich auch nicht selbst zum Schweigen bringen.

Ich habe Psychosen erlebt.

Und ich bin Mystikerin.

Ich habe medizinische Diagnosen.

Und ich habe religiöse Überzeugungen.

Ich kann über Fehler sprechen, die ich gemacht habe.

Und ich kann zu dem stehen, was ich heute glaube.

Ich bin nicht verpflichtet, einen dieser Teile zu verleugnen, damit der andere verständlicher erscheint.

Nicht dieselbe Version. Aber dieselbe Frau.

Ich habe in meinem Leben viele Veränderungen durchgemacht.

Ich war nicht immer so offen wie heute.

Nicht immer so kritisch.

Nicht immer so vorsichtig.

Und manchmal ganz sicher nicht vorsichtig genug.

Manche Überzeugungen früherer Jahre würde ich heute anders formulieren.

Manche Entscheidungen bereue ich.

Manche Erfahrungen haben mich für immer verändert.

Aber ich erkenne die Frau wieder, die hinter all dem steht.

Sie wollte verstehen.

Sie wollte fragen.

Sie wollte gestalten.

Sie wollte lieben.

Und sie wollte irgendwann nicht mehr verstecken, was sie im Innersten bewegt.

Das bin ich.

Nicht eine Diagnose.

Nicht eine Offenbarung allein.

Nicht eine medizinische Akte.

Und auch nicht bloß die Summe meiner schlimmsten Lebensmomente.

Ich bin der Mensch, der all das erlebt hat.

Der darüber nachgedacht hat.

Der daraus seine Überzeugungen entwickelt hat.

Und der heute bereit ist, sie auszusprechen.

Ich bin Susanne Albers.

Ich bin 61 Jahre alt.

Ich lebe mit Epilepsie.

Ich habe Psychosen durchlebt.

Ich habe geliebt, getrauert, gearbeitet, geschrieben, gezweifelt und gebetet.

Ich bin Mystikerin.

Und ich glaube an das Göttliche in mir und in allem, was lebt.

Darüber kann man mit mir sprechen.

Darüber kann man streiten.

Man kann meine Deutungen infrage stellen.

Das halte ich aus.

Aber man soll mich bitte nicht mit einer vorsichtig zurechtgestutzten Version meiner selbst verwechseln.

Denn diese Frau hat es lange genug gegeben.

Jetzt schreibe ich auf, was ich wirklich denke.

Nicht dieselbe Version.

Aber dieselbe Frau.

Kapitel 16

Am Freitag Sekt, am Samstag eine Gehirnblutung

Oder: Fünf Eingriffe an meinen Hirngefäßen, ein verlorenes Portemonnaie und die Frage, was Gott damit zu tun hat

Freitag, 23. Mai 2003. Berlin.

Manchmal glaube ich, mein Leben könnte sich kein Schriftsteller ausdenken.

Nicht, weil es ständig besonders aufregend sein müsste.

Sondern weil die Dinge gelegentlich derart merkwürdig aufeinanderfolgen, dass ich selbst davorstehe und denke:

Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Und dann ist es eben doch passiert.

Am 23. Mai 2003 hatte ich einen wunderschönen Termin bei meiner Neurologin, Frau Dr. Bettina Schmitz.

Ich hatte zwei Fläschchen Sekt mitgebracht.

Nicht, weil ich Geburtstag hatte.

Nicht, weil wir etwas Geschäftliches feiern wollten.

Sondern weil ich mich bedanken wollte.

Ich war zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein ganzes Jahr ohne große epileptische Anfälle gewesen.

Man muss sich vorstellen, was das für mich bedeutete.

Seit meinem elften Lebensjahr hatte ich Epilepsie.

Ich hatte unzählige Anfälle erlebt, war gestürzt, hatte mich verletzt, war in Krankenhäuser eingeliefert worden und hatte Medikamente ausprobiert, deren Nebenwirkungen teilweise genauso unangenehm waren wie die Krankheit selbst.

Dann war im April 2002 bei einem Video-EEG-Monitoring in der Charité die Entscheidung gefallen, es mit Keppra zu versuchen.

Und plötzlich funktionierte etwas.

Nicht ein paar Tage.

Nicht drei Wochen.

Sondern ein ganzes Jahr.

Am 16. April 2003 hatte ich diese unglaubliche Marke erreicht.

Ein Jahr.

Keine großen Anfälle.

Ich war überglücklich.

Und ich wollte Frau Schmitz zeigen, wie dankbar ich ihr war.

Also kaufte ich Sekt und fuhr in die neurologische Ambulanz.

Sie freute sich mit mir.

Wir hatten einen wunderschönen Arztbesuch.

Ich ging nach Hause und war einfach nur glücklich.

Endlich einmal.

Endlich schien mein Gehirn beschlossen zu haben, sich halbwegs anständig zu benehmen.

Das Portemonnaie

Am Abend ging ich noch bei Penny einkaufen.

Ich war damals mit Marion zusammen.

Wir hatten nach den schweren Jahren zuvor eine schöne, unbeschwerte Zeit miteinander.

Und ich ließ mein Portemonnaie bei Penny liegen.

Das bemerkte ich erst später.

Nun gut.

Ärgerlich.

Aber kein Weltuntergang.

Der Laden würde am nächsten Morgen um acht Uhr öffnen, und ich konnte es abholen.

Also übernachtete ich bei Marion und nahm mir vor, gleich am Samstagmorgen loszugehen.

Es waren ungefähr fünfhundert Meter bis zu Penny.

Fünfhundert Meter.

Eine Strecke, über die man normalerweise überhaupt nicht nachdenkt.

Ein kleiner Spaziergang.

Portemonnaie abholen.

Zurück zu Marion.

Frühstück.

So war jedenfalls der Plan.

Samstag, 24. Mai 2003

Auf dem Weg zu Penny bekam ich plötzlich Kopfschmerzen.

Aber das Wort Kopfschmerzen beschreibt nicht annähernd, was da geschah.

Es war ein Schmerz, wie ich ihn nicht kannte.

Und ich kannte einiges.

Ich hatte jahrzehntelang epileptische Anfälle durchgemacht.

Ich kannte die Schmerzen nach schweren Stürzen.

Ich kannte Migräne.

Aber das hier war anders.

Der Schmerz schoss mir in den Kopf.

Ich fiel zu Boden.

Dann rappelte ich mich wieder auf.

Ich verstand überhaupt nicht, was mit mir geschah.

Und was tat ich?

Ich ging weiter.

Ich wollte schließlich mein Portemonnaie abholen.

Heute kann ich darüber kaum fassen, wie ich damals handelte.

Ich brach auf dem Weg immer wieder zusammen.

Ich stand wieder auf.

Ich taumelte weiter.

Und hatte im Kopf vor allem dieses verdammte Portemonnaie.

Ein Mensch kann offenbar selbst in einer lebensbedrohlichen Situation noch an ausgesprochen alltäglichen Dingen festhalten.

Vielleicht war es auch gerade dieses normale Vorhaben, an das ich mich klammerte.

Ich wusste ja noch gar nicht, was mit mir geschah.

Ich wusste nur, dass etwas entsetzlich falsch war.

„Was ist mit Ihnen?“

Irgendwie schaffte ich es bis zu Penny.

Die Verkäuferin erinnerte sich an mich.

Sie hatte mein Portemonnaie.

Alles war noch drin.

Mein Geld.

Meine Papiere.

Eigentlich eine wunderbare Nachricht.

Ich hatte es wieder.

Aber inzwischen waren die Schmerzen kaum noch auszuhalten.

Ich schrie auf.

Die Verkäuferin fragte besorgt, was mit mir los sei.

Ich konnte ihr keine richtige Antwort geben.

Nur, dass ich Kopfschmerzen hatte.

Dann verließ ich das Geschäft.

Und machte mich auf den Rückweg.

Wieder stürzte ich.

Wieder rappelte ich mich auf.

Mein Nacken war inzwischen entsetzlich steif.

Mir wurde übel.

Ich musste mich auf der Straße übergeben.

Und trotzdem schleppte ich mich weiter.

Irgendwann erreichte ich Marions Wohnung.

Zwei Treppen.

Auch die musste ich noch hinauf.

Dann klingelte ich.

Marion öffnete.

Und ich schrie:

„Ich hab was ganz Schlimmes!“

Ich sagte ihr, sie solle sofort den Notarzt rufen.

Dann warf ich mich auf das Bett.

Ich verlor kurz das Bewusstsein.

Wachte wieder auf.

Und schrie erneut vor Schmerzen.

Die Notaufnahme

Der Notarzt und die Sanitäter kamen.

Sie legten mich auf eine Trage.

Schon der Transport war entsetzlich.

Mein Nacken war steif, ich musste mich übergeben und wurde immer wieder bewusstlos.

Schließlich kamen wir in die Charité, Campus Virchow-Klinikum.

Und dort begann eine Geschichte, die mich bis heute wütend macht.

Die Notaufnahme war überfüllt.

Ich schrie vor Schmerzen.

Ich wurde in einen Nebenraum geschoben.

Die Tür ging zu.

Und ich lag da.

Ich hatte das Gefühl, dass niemand begriff, wie ernst meine Lage war.

Ich griff nach meinem Handy und rief Marion an.

Sie war dem Rettungswagen ins Krankenhaus gefolgt.

Ich flehte sie an, mir zu helfen.

Dann verlor ich wieder das Bewusstsein.

Später stand Marion mit einem Arzt neben meiner Trage.

Und danach fehlen mir die Erinnerungen.

Ich fiel ins Koma.

Erst sehr viel später erfuhr ich, was in diesen Stunden geschehen war.

Ein verhängnisvoller Tag

Nach meinen späteren Informationen und meiner Erinnerung an die Aufarbeitung der Ereignisse kam es in der Notaufnahme zu gravierenden Verzögerungen.

Ich habe berichtet, dass Untersuchungsunterlagen beziehungsweise Bilder verwechselt oder falsch zugeordnet worden seien.

Und dass ein damals noch unerfahrener Arzt die Situation zunächst nicht richtig eingeschätzt habe.

Ich empfand die Behandlung als katastrophal.

Denn ich lag nicht mit gewöhnlichen Kopfschmerzen im Krankenhaus.

Ich hatte eine Subarachnoidalblutung.

In meinem Kopf war ein Hirnaneurysma geplatzt.

Blut war in den Raum zwischen den Hirnhäuten gelangt.

Das ist eine lebensbedrohliche Situation.

Und während ich vor Schmerzen schrie, verging Stunde um Stunde.

Ich habe später davon gesprochen, dass sich die Behandlung von ungefähr acht Uhr morgens bis gegen 23 Uhr hinzog.

Die genauen Verantwortlichkeiten und die Frage, welche Verzögerungen medizinisch vermeidbar gewesen wären, lassen sich aus meiner Erinnerung allein nicht abschließend klären.

Aber für mich bleibt dieser Tag mit einer ungeheuren Angst und Wut verbunden.

Denn ich hätte sterben können.

Schließlich wurde erkannt, was los war.

Und noch am späten Abend, nach meiner Erinnerung gegen 23 Uhr, wurde das geplatzte Aneurysma behandelt.

Das erste Aneurysma

Das geplatzte Aneurysma saß an der linken PICA.

PICA ist die Abkürzung für Arteria cerebelli inferior posterior, eine Arterie, die unter anderem Teile des Kleinhirns versorgt.

Bei mir hatte sich an diesem Gefäß eine Aussackung gebildet.

Ein Aneurysma.

Diese Aussackung war gerissen.

Die Blutung wurde noch in derselben Nacht durch ein sogenanntes Coiling behandelt.

Dabei wird über einen Katheter, gewöhnlich von der Leistenarterie aus, ein dünnes Instrument durch das Gefäßsystem bis zum Aneurysma geführt.

In die Aussackung werden feine Platinspiralen eingebracht.

Sie sollen dafür sorgen, dass das Aneurysma von innen verschlossen wird und nicht erneut blutet.

Eine erstaunliche medizinische Technik.

Und sie rettete mir damals das Leben.

Während der Gefäßuntersuchung entdeckten die Ärzte allerdings noch etwas.

Ein zweites Aneurysma.

Rechts.

An der Arteria cerebri media, einer großen Hirnarterie.

Mit einem Mal hatte ich nicht nur eine überstandene Blutung.

Sondern auch die Aussicht auf die nächste neurochirurgische Behandlung.

Drei Tage später

Als ich wieder zu mir kam, waren drei Tage vergangen.

Ich lag auf der neurochirurgischen Intensivstation im Virchow-Klinikum.

Überall Kabel.

Überwachung.

Geräte.

Ein Pfleger erklärte mir, dass ich eine Subarachnoidalblutung gehabt hatte und das Aneurysma gecoilt worden war.

Ich verstand zunächst überhaupt nichts.

Langsam begriff ich, dass ich noch lebte.

Ich tastete meinen Körper ab.

Meine Arme.

Meine Beine.

Ich bewegte sie.

Prüfte, ob ich etwas fühlen konnte.

War noch alles da?

Konnte ich denken?

Konnte ich mich bewegen?

Dann erklärte ich, dass ich auf die Toilette müsse.

Der Pfleger schaute mich an und sagte, das sei eigentlich nicht nötig.

Ich hätte einen Blasenkatheter.

Das musste ich auch erst einmal begreifen.

Es dauerte Stunden, bis ich langsam verstand, was geschehen war.

Und dass ich außerordentlich viel Glück gehabt hatte.

Am Nachmittag kam Marion.

Wir nahmen uns fest in die Arme.

Ich war ihr so dankbar.

Sie hatte den Notarzt gerufen.

Sie war mit ins Krankenhaus gekommen.

Und nun war ich wieder wach.

Ich konnte mit ihr sprechen.

Ich war noch da.

„Weh mir, ich vergehe!“

Jahre später betrachtete ich diesen Tag noch einmal im Zusammenhang mit den biblischen Tageslosungen.

Dabei entdeckte ich etwas, das mich tief erschütterte.

Unter dem 24. Mai 2003 stand in meiner Dokumentation die Losung aus Jesaja 6,5:

„Weh mir, ich vergehe!“

Ich schaute auf diesen Satz.

Und dachte an jene fünfhundert Meter zu Penny.

An die Kopfschmerzen.

An die Stürze.

An meinen steifen Nacken.

An das Schreien.

An den Rettungswagen.

An das Koma.

Und an den Augenblick, in dem ich wieder aufgewacht war.

„Weh mir, ich vergehe!“

Für mich war das eine ungeheuer eindringliche Übereinstimmung.

Nicht, weil ich diesen Vers vorher gelesen und anschließend mein Leben danach ausgerichtet hätte.

Sondern weil ich erst später die jeweiligen Tageslosungen mit den Daten meiner Lebensereignisse zusammenbrachte.

Ich sah darin einen spirituellen Zusammenhang.

Etwas, das zu meinem Verständnis der göttlichen Wirklichkeit gehörte.

Natürlich kann jemand darin einen Zufall sehen.

Das ist seine Sache.

Ich selbst empfand diese Worte als zutiefst bedeutungsvoll.

Und genau das gehört zu meiner Geschichte.

Juli 2003: Schon wieder eine Operation

Zwei Monate später war das zweite Aneurysma an der Reihe.

Diesmal wurde nicht gecoilt.

Diesmal wurde geclippt.

Bei einem Clipping wird der Schädel operativ eröffnet und ein kleiner Clip am Hals des Aneurysmas angebracht.

Die Aussackung wird dadurch vom Blutfluss ausgeschlossen.

Das klingt technisch ziemlich einfach.

Ist aber eine hochkomplexe neurochirurgische Operation.

Im Juli 2003 wurde mein rechtes Media-Aneurysma geclippt.

Anschließend war ich drei Wochen zur Rehabilitation in der Havelklinik in Berlin-Spandau.

Ich hatte nun eine lebensbedrohliche Gehirnblutung und zwei Eingriffe hinter mir.

Und ich hoffte, dass damit endlich Ruhe einkehren würde.

Was sollte denn noch kommen?

Ich hatte doch nun wirklich genug erlebt.

Aber mein Gehirn war anderer Meinung.

2004: Die nächsten Warnzeichen

Im März und April 2004 kam es zu vorübergehenden neurologischen Ausfällen, die als transitorische ischämische Attacken, kurz TIA, eingeordnet wurden.

Dabei handelt es sich um zeitweilige Durchblutungsstörungen des Gehirns mit neurologischen Symptomen.

Bei mir stand das bereits behandelte linke PICA-Aneurysma erneut im Mittelpunkt.

Die Ärzte entschieden, dieses Aneurysma nun operativ zu clippen.

Am 27. Mai 2004 wurde ich wieder im Virchow-Klinikum aufgenommen.

Am 28. Mai fand die Operation statt.

Und am 10. Juni wurde ich entlassen.

Ich bin den Ärzten und Pflegekräften der damaligen Station 2 bis heute dankbar.

Denn auch diese Operation war alles andere als ein Spaziergang.

Aber sie hatte einen hohen Preis.

Vier Hirnnerven

Nach dem Eingriff waren mehrere Hirnnerven auf der linken Seite beeinträchtigt.

Betroffen waren unter anderem der Nervus glossopharyngeus, der Nervus vagus, der Nervus accessorius und der Nervus hypoglossus.

Das sind keine Nerven, die sich nur um irgendwelche unwichtigen Kleinigkeiten kümmern.

Sie sind an wesentlichen Funktionen beteiligt.

Am Schlucken.

An der Stimme.

An Bewegungen von Zunge, Rachen und Teilen der Halsmuskulatur.

Ich entwickelte eine linksseitige Stimmlippenlähmung.

Ich hatte Schwierigkeiten beim Sprechen und Schlucken.

Und ich bekam Kopfschmerzen, die ich nur als hammerhart beschreiben kann.

Wer meine Krankengeschichte kennt, weiß, dass ich mit Kopfschmerzen nicht erst seit gestern Bekanntschaft gemacht hatte.

Aber das hier war eine neue Dimension.

Die Schmerzen waren zeitweise mit den eingesetzten Medikamenten kaum zu beherrschen.

Vom 19. bis zum 25. Juni 2004 war ich deshalb im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge.

Dort versuchte man, die Kopfschmerzen zu behandeln.

Anschließend war ich wieder zu Hause.

Und hoffte erneut:

Jetzt muss es aber langsam gut sein.

Homepagebastelei statt Kapitulation

Was tat ich zu Hause?

Ich setzte mich an meinen Computer.

Ich baute Internetseiten.

Komplizierte Internetseiten.

Mit HTML.

Mit JavaScript.

Mit technischen Problemen, über die andere Menschen wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätten.

Und ich stellte fest, dass mir diese geistige Beschäftigung half, meine Aufmerksamkeit von den Schmerzen wegzulenken.

Natürlich war das keine medizinische Heilung.

Und kein Ersatz für eine notwendige Schmerzbehandlung.

Aber für mich war es eine Möglichkeit, trotz der Schmerzen etwas Sinnvolles zu tun.

Etwas zu gestalten.

Etwas zu verstehen.

Etwas zu veröffentlichen.

Ich hatte nicht vor, mein Leben ausschließlich auf dem Sofa mit Kopfschmerzen zu verbringen.

Nach etwa einem halben bis dreiviertel Jahr besserten sich die Hirnnervenparesen.

Es ging mir den Umständen entsprechend wieder besser.

Und wieder dachte ich:

Jetzt habe ich es wohl überstanden.

Die Jahre dazwischen

Aber ein menschliches Leben besteht bekanntlich nicht aus sauber voneinander getrennten medizinischen Kapiteln.

Während meine Aneurysmen behandelt wurden, beschäftigte ich mich mit meinen Internetseiten, mit Religion, Philosophie, Kunst und meinen persönlichen Erfahrungen.

Ich hatte Psychosen erlebt.

Ich hatte außergewöhnliche spirituelle Erfahrungen gemacht.

Ich hatte mich mit Gott auseinandergesetzt.

Mit dem Tod.

Mit meinem eigenen Bewusstsein.

Und später, im März 2009, kam die schwere Psychose, in der ich meine linke Hand verlor und sie im Unfallkrankenhaus wieder angenäht wurde.

Auch diese Geschichte haben wir bereits erzählt.

Aber jetzt wird deutlich, weshalb man sie nicht einfach in einer anderen Schublade ablegen kann.

Denn schon bald sollten die Ereignisse wieder ineinandergreifen.

Auf eine Weise, die ich niemals erwartet hätte.

Dezember 2010: Nicht schon wieder!

Im Juni 2010 und erneut Anfang Dezember hatte ich neurologische Beschwerden.

Am Sonntag, dem 5. Dezember 2010, ging ich deswegen ins Vivantes Klinikum im Friedrichshain.

Die Symptome wurden untersucht.

Am 8. Dezember fand eine MRT-Untersuchung statt.

Dabei entdeckte man ein neues Media-Aneurysma rechts.

Am 10. Dezember wurde die Gefäßsituation angiografisch genauer untersucht.

Und nun stellte sich heraus, dass nicht nur rechts ein Aneurysma vorhanden war.

Auch im Bereich der linken PICA gab es wieder ein behandlungsbedürftiges Problem.

Der spätere Arztbrief beschreibt eine erneute Durchblutung eines Aneurysmas im Bereich des zuvor behandelten Gefäßes.

Ich war fassungslos.

Drei Behandlungen.

Und nun das Ganze wieder von vorn?

Ich war nicht mehr nur erschrocken.

Ich war wütend.

Ich war erschöpft.

Ich hatte wirklich geglaubt, diese Geschichte sei abgeschlossen.

Aber offenbar hatte sich mein Gehirn eine andere Fortsetzung ausgedacht.

Der Anästhesist

Während dieses Krankenhausaufenthaltes geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Ein Anästhesist kam zu mir.

Wir sprachen über die bevorstehende Operation.

Und dann erklärte er mir, dass er mich bereits kenne.

Von 2009.

Von meiner schweren Psychose.

Von der Behandlung meiner Verletzungen.

Plötzlich saß da ein Arzt vor mir, der mich aus einer vollkommen anderen Katastrophe meines Lebens kannte.

Ich war wieder in einem Krankenhaus.

Wieder ging es um eine schwere Operation.

Wieder ging es um meinen Kopf.

Und nun begegnete mir jemand, der auch die Geschichte mit meiner linken Hand kannte.

Ich empfand das als eine ungeheure Verdichtung meiner Lebensgeschichte.

Was sollte das denn noch werden?

Wie oft konnte ein Mensch in völlig unterschiedlichen medizinischen Extremsituationen geraten und dabei sogar denselben Ärzten wiederbegegnen?

Besonders ärgerte mich, dass ich nach meiner Erinnerung durch dieses Gespräch von einer geplanten Operation erfuhr, bevor mir die Befunde und die Behandlung überhaupt angemessen erklärt worden waren.

Ich wollte nicht zufällig im Gespräch mit einem Anästhesisten erfahren, was mit meinen Hirngefäßen los war.

Ich wollte, dass jemand mit mir spricht.

Dass jemand mir die Bilder zeigt.

Mir erklärt, was gefunden worden ist.

Und weshalb eine Operation erforderlich sein soll.

Es ging schließlich um meinen Kopf.

Nicht um irgendein defektes Haushaltsgerät.

Professor Moskopp

Am 13. Dezember 2010 wurde ich in der Neurochirurgie des Vivantes Klinikums im Friedrichshain aufgenommen.

Die Behandlung erfolgte unter Prof. Dr. Dag Moskopp.

Und hier möchte ich ausdrücklich etwas sagen:

Ich habe während meines langen Patientenlebens sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Ärzten gemacht.

Nicht jede war gut.

Manche waren sogar entsetzlich.

Aber ich habe auch Mediziner erlebt, denen ich bis heute voller Dankbarkeit begegne.

Professor Moskopp und sein Team gehören dazu.

Ich fühlte mich dort außerordentlich gut behandelt.

Meine Fragen wurden ernst genommen.

Die komplizierte medizinische Situation wurde sorgfältig besprochen.

Und am 17. Dezember 2010 wurde das neue rechte Media-Aneurysma geclippt.

Die Operation verlief nach dem Arztbrief ohne neue neurologische Ausfälle.

Ich hatte den vierten großen Eingriff an meinen Hirngefäßen überstanden.

Wieder einmal.

Die linke PICA macht Schwierigkeiten

Aber nun blieb noch das Problem an der linken PICA.

Und dieses Problem war besonders schwierig.

Ein erneutes offenes Clipping wollte man angesichts meiner Erfahrungen von 2004 möglichst vermeiden.

Schließlich hatte ich nach jener Operation mehrere Hirnnervenparesen entwickelt.

Die Alternative war ein erneuter Kathetereingriff.

Ein Coiling.

Möglicherweise mit einem Stent.

Aber die Gefäßverhältnisse waren außerordentlich kompliziert.

Die PICA hatte in dem betreffenden Bereich nur ungefähr einen Millimeter Durchmesser.

Und das Aneurysma lag an einer Stelle, an der es sehr schwierig war, die Aussackung auszuschalten, ohne zugleich den Blutfluss durch das Gefäß zu gefährden.

Nun saß ich also wieder da.

Mit meinen Befunden.

Meinen Erfahrungen.

Und der Frage, wie es weitergehen sollte.

Januar 2011: Der Versuch scheitert

Am 12. Januar 2011 wurde im Vivantes Klinikum ein weiterer Coiling-Versuch unternommen.

Dieser Eingriff ist in meinen Unterlagen dokumentiert.

Er musste jedoch abgebrochen werden, nachdem eine Spirale platziert worden war.

Die Gefäßdarstellung zeigte, dass sich das Aneurysma unter den gegebenen Bedingungen nicht ausreichend sicher verschließen ließ, ohne eine gefährliche Beeinträchtigung der PICA zu riskieren.

Ende Januar folgte ein weiterer Test, bei dem untersucht wurde, ob ein zeitweiliger Verschluss des Gefäßes toleriert werden könnte.

Auch dieser Versuch führte nicht zu einer einfachen Lösung.

Damit wurde endgültig deutlich:

Hier brauchte es eine andere Idee.

Und jemanden, der mit einer solchen Gefäßsituation besondere Erfahrung hatte.

Ich schreibe den Spezialisten

Also tat ich etwas, was ich schon immer getan habe, wenn mir eine Frage besonders wichtig war.

Ich recherchierte.

Ich las.

Ich suchte nach Menschen, die sich mit der Sache besonders gut auskannten.

Und ich schrieb E-Mails.

An führende Neuroradiologen in Deutschland.

Ich schilderte meine Situation und bat um Hilfe.

Das war kein Versuch, meine Ärzte durch eine private Internetrecherche zu ersetzen.

Ich wollte verstehen, welche Möglichkeiten es überhaupt noch gab.

Und ich wollte jemanden finden, der diesen schwierigen Eingriff vielleicht durchführen konnte.

Ich bekam freundliche und hilfreiche Antworten.

Schließlich ergab sich die Möglichkeit, mich bei Prof. Dr. René Chapot am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen behandeln zu lassen.

Er erklärte sich bereit, sich meines komplizierten PICA-Aneurysmas anzunehmen.

Und plötzlich hatte ich wieder Hoffnung.

Die Reise nach Essen

Am Mittwoch, dem 16. März 2011, fuhr ich nach Essen.

Um 8:50 Uhr verließ ich Berlin.

Um 12:35 Uhr kam ich in Essen an.

Dann ging es mit dem Taxi vom Hauptbahnhof ins Krankenhaus.

Anmeldung.

Aufnahme.

EKG.

Blutabnahme.

MRT.

Blutgasuntersuchung.

Anästhesiegespräch.

Arztgespräch.

Aufnahmegespräch mit dem Pflegepersonal.

Das volle Programm.

Um 16:30 Uhr war alles erledigt.

Ich bekam nachträglich mein Mittagessen.

Und um 18:30 Uhr kam Professor Chapot zu mir ins Zimmer.

Er nahm sich Zeit.

Wir sprachen über die geplante Behandlung.

Über die Risiken.

Über meine Fragen.

Und über die besondere Schwierigkeit meines Aneurysmas.

Ich war fürchterlich aufgeregt.

Natürlich war ich das.

Ich wusste inzwischen ziemlich genau, was bei solchen Eingriffen auf dem Spiel stand.

Aber ich hatte Vertrauen gefasst.

Donnerstag, 17. März 2011

Um sieben Uhr morgens ging es hinunter zum Eingriff.

Vier Stunden später war die Behandlung abgeschlossen.

Professor Chapot hatte das linke PICA-Aneurysma erfolgreich gecoilt.

Zusätzlich wurde ein Stent eingesetzt.

Damit war endlich gelungen, was wegen der komplizierten Gefäßverhältnisse zuvor so schwierig gewesen war.

Ich kam auf die Intensivstation.

Mit Druckverband.

Mit Blasenkatheter.

Und der Anweisung, zunächst streng liegen zu bleiben.

Vierundzwanzig Stunden.

Ich nehme solche Anweisungen nach Gefäßeingriffen sehr ernst.

Auch wenn ich nicht unbedingt ein begeisterter Mensch bin, wenn es um langes Stillliegen geht.

Aber diesmal sollte alles gut funktionieren.

Freitag: Wieder aufstehen

Am Freitag gegen elf Uhr wurden der Druckverband und der Blasenkatheter entfernt.

Das Pflegepersonal half mir bei der Mobilisierung.

Ich durfte mich anziehen.

Wieder aufstehen.

Mich bewegen.

Und langsam zum normalen Stationsalltag zurückkehren.

Es ging mir gut.

Ich konnte essen.

Spazierengehen.

Am Samstag besuchte ich um 16:30 Uhr sogar den evangelischen Gottesdienst in der Krankenhauskapelle.

Nach allem, was geschehen war, empfand ich das als etwas Besonderes.

Ich war nicht nur zur Operation nach Essen gefahren.

Ich hatte dort erneut erlebt, dass hochspezialisierte Medizin, menschliche Zuwendung und meine persönliche Dankbarkeit zusammenkommen konnten.

Am Sonntagmorgen reiste ich wieder ab.

Nach dem Frühstück.

Mit dem Taxi zum Hauptbahnhof.

ICE um 10:23 Uhr.

Ankunft in Berlin um 14:30 Uhr.

Vier Tage nach meiner Anreise war ich wieder zu Hause.

Und hatte einen weiteren schwierigen Eingriff überstanden.

Das Leben danach

Nach der Stentbehandlung musste ich Medikamente zur Hemmung der Blutplättchen einnehmen.

In meiner damaligen Aufzeichnung notierte ich:

Plavix, 75 Milligramm morgens, zunächst für drei Monate.

ASS, 100 Milligramm morgens, für einen deutlich längeren Zeitraum.

Das gehörte zur Nachbehandlung des eingesetzten Stents.

Und nun?

Nun hoffte ich wieder, dass endlich Ruhe einkehren würde.

Aber diesmal mit einem anderen Gefühl.

Nicht, weil die Behandlung vorher einfach gewesen wäre.

Sondern weil ich mich über die erfolgreiche Versorgung außerordentlich freute.

Professor Chapot hatte eine schwierige Aufgabe übernommen.

Und er hatte sie gelöst.

Ich war ihm dankbar.

So, wie ich Frau Schmitz dankbar gewesen war.

So, wie ich den Ärzten im Virchow-Klinikum dankbar gewesen war.

Und so, wie ich Professor Moskopp und seinem Team dankbar war.

Medizin und Gottvertrauen

Ich möchte an dieser Stelle etwas erklären.

Ich habe in meiner Lebensgeschichte oft Gott gedankt.

Nach schweren epileptischen Anfällen.

Nach meiner Nahtoderfahrung.

Nach Operationen.

Nach der Gehirnblutung.

Und nach der erfolgreichen Behandlung in Essen.

Damit meine ich nicht, dass ich die Arbeit der Ärzte übersehe.

Im Gegenteil.

Ich weiß sehr genau, was ich ihnen verdanke.

Meine Dankbarkeit gegenüber Gott steht für mich nicht in Konkurrenz zu meiner Dankbarkeit gegenüber der Medizin.

Ich kann einem Chirurgen danken, weil er sein Handwerk beherrscht.

Ich kann einer Pflegekraft danken, weil sie aufmerksam und freundlich war.

Ich kann einer Neurologin danken, weil sie eine Behandlung gefunden hat, die mir endlich geholfen hat.

Und ich kann gleichzeitig Gott danken.

Für mich gehört das zusammen.

Aber meine spirituelle Betrachtung geht noch weiter.

Denn ich schaue nicht nur auf die einzelnen Behandlungen.

Ich schaue auf die zeitlichen Zusammenhänge.

Auf die Menschen, die mir wiederbegegneten.

Auf Ereignisse, die sich auf merkwürdige Weise überschnitten.

Und auf die biblischen Tageslosungen, deren Übereinstimmungen mit meinem Leben ich teilweise erst später entdeckte.

Was für ein Zusammenhang?

Ich weiß, was man mir sagen kann.

Dass Ereignisse zufällig aufeinanderfolgen können.

Dass Menschen dazu neigen, in ungewöhnlichen Übereinstimmungen eine besondere Bedeutung zu erkennen.

Dass man einen statistischen Zusammenhang nicht mit einer Ursache verwechseln darf.

Das ist mir alles bekannt.

Aber ich möchte deshalb nicht verschweigen, wie ich mein eigenes Leben empfinde.

Ich schaue auf den 23. Mai 2003.

Auf den Sekt.

Auf Frau Schmitz.

Auf das erste anfallsfreie Jahr.

Und dann auf den 24. Mai.

Auf die Schmerzen.

Die Gehirnblutung.

Den Kampf um mein Leben.

Und später auf die Tageslosung:

„Weh mir, ich vergehe!“

Ich schaue auf 2009.

Auf meine Psychose.

Auf meine linke Hand.

Auf die Behandlung im Unfallkrankenhaus.

Und dann auf Dezember 2010.

Auf einen Anästhesisten, der mir wiederbegegnet und sich an jene Geschichte erinnert.

Ich schaue auf meine fünf großen Gefäßbehandlungen.

Auf all die medizinischen Komplikationen.

Und auf die Menschen, die im richtigen Augenblick etwas für mich tun konnten.

Für mich entsteht daraus ein Bild.

Kein einfacher Beweis.

Keine mathematische Formel.

Und auch keine Erklärung, die jedem Menschen einleuchten muss.

Aber eine persönliche Gesamtschau meines Lebens.

Ich empfinde darin eine Verbindung.

Eine tiefe Verbundenheit mit dem Göttlichen.

Und diese Erfahrung möchte ich nicht aus meiner Geschichte herausnehmen.

Denn dann wäre es nicht mehr meine Geschichte.

Nicht fünf Aktenordner

Vielleicht ist das das Problem, wenn man über ein solches Leben schreibt.

Man kann alles sauber sortieren.

Akte eins: Epilepsie.

Akte zwei: Subarachnoidalblutung.

Akte drei: Psychosen.

Akte vier: Handreplantation.

Akte fünf: Weitere Aneurysmen.

Aber so habe ich mein Leben nicht erlebt.

Ich habe diese Erkrankungen nicht nacheinander abgearbeitet.

Sie griffen ineinander.

Die Medikamente gegen meine Epilepsie spielten später bei meinen psychischen Krisen eine Rolle.

Die Folgen der Psychose von 2009 beschäftigten mich noch, als 2010 neue Gehirnoperationen erforderlich wurden.

Und während ich mich mit meinen neurologischen Erkrankungen auseinandersetzte, schrieb ich Texte über Gott, über Kunst, über Philosophie und über das menschliche Bewusstsein.

Die Internetseiten waren keine Nebensache.

Sie waren ein Teil meines Lebens mit diesen Erkrankungen.

Ein Ort, an dem ich denken, gestalten und etwas weitergeben konnte.

Auch dann, wenn mein Körper mir wieder einmal Grenzen setzte.

Was bedeutet Überleben?

Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, empfinde ich nicht nur Angst.

Natürlich erinnere ich mich an die Schmerzen.

An die Hilflosigkeit.

An die Ungewissheit vor den Eingriffen.

Und an die entsetzliche Erkenntnis, dass ein Mensch, der gerade noch voller Freude Sekt verschenkt, am nächsten Morgen um sein Leben kämpfen kann.

Aber ich erinnere mich auch an etwas anderes.

An Marion, die für mich den Notarzt rief.

An den Pfleger auf der Intensivstation, der mir erklärte, was geschehen war.

An Frau Schmitz.

An die Ärzte und Pflegekräfte im Virchow-Klinikum.

An Professor Moskopp und sein Team.

An die freundlichen Antworten auf meine E-Mails.

Und an Professor Chapot, der die schwierige Behandlung in Essen übernahm.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich nach der Blutung im Krankenhausbett abtastete und prüfte, ob meine Arme und Beine noch funktionierten.

Dass ich drei Tage meines Lebens verloren hatte.

Und dann langsam begriff:

Ich lebe.

Ich kann denken.

Ich kann sprechen.

Ich kann mich bewegen.

Natürlich war damit nicht alles gut.

Es folgten weitere Operationen.

Weitere Beschwerden.

Weitere Katastrophen.

Aber in diesem Augenblick war ich noch da.

Und das war keineswegs selbstverständlich.

Zurück zum Freitag

Manchmal denke ich wieder an den 23. Mai 2003.

An die beiden Fläschchen Sekt.

An diesen wunderschönen Arztbesuch.

An meine Freude über das erste anfallsfreie Jahr.

Und dann muss ich an den nächsten Morgen denken.

An die fünfhundert Meter zu Penny.

An mein Portemonnaie.

An die Schmerzen.

Und daran, dass ich mich immer wieder vom Boden aufrappelte.

Ich wusste nicht, dass ich eine Gehirnblutung hatte.

Ich wusste nicht, dass ich wenige Stunden später auf einer neurochirurgischen Intensivstation liegen würde.

Ich wusste überhaupt nicht, was auf mich zukam.

Ich wollte nur mein Portemonnaie zurück.

Es ist eine beinahe unerträgliche Vorstellung, wie dicht Freude und Lebensgefahr manchmal beieinanderliegen können.

Und wie wenig wir darüber wissen, was uns am nächsten Morgen erwartet.

Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ich die Dankbarkeit für einen guten Tag so ernst nehme.

Denn ich weiß, wie schnell sich alles verändern kann.

Am Freitag Sekt.

Am Samstag eine Gehirnblutung.

Und dazwischen nicht einmal vierundzwanzig Stunden.

Das war mein Leben.

Und das war noch lange nicht alles.

Aber ich bin noch da.

Mit meinen Erinnerungen.

Mit meinen Narben.

Mit meiner Epilepsie.

Mit meiner linken Hand.

Mit meinen Fragen.

Und mit meinem Gottvertrauen.

Nicht, weil ich auf alles eine Antwort gefunden hätte.

Sondern weil ich trotz allem weiterfrage.

Und weil ich trotz allem weiterlebe.

Kapitel 17

Ich war euer Kind. Nicht euer Lebensentwurf.

Oder: Wie mein Vater nach dem Tod meiner Mutter ein anderer Mensch wurde – und ich plötzlich über seine Operation entscheiden sollte

Oktober 2009. Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.

Ich sitze in der Raucherecke.

Meine linke Hand ist dick verbunden. Hinter mir liegen die schwere Psychose vom März, die Wiederannähung meiner Hand und zahlreiche Operationen. Weitere Behandlungen stehen noch bevor.

Ich bin selbst ein medizinischer Problemfall von beträchtlichem Ausmaß.

Und nun möchte ich einfach nur eine Zigarette rauchen.

Mein Handy klingelt.

Ich nehme es aus der rechten Hosentasche.

„Albers?“

Am anderen Ende meldet sich ein Arzt.

Dr. Kannengießer.

Städtisches Klinikum Lüneburg.

„Frau Albers, wir haben Ihren Vater hier.“

Ich höre zu.

„Ihr Vater hat Magenkrebs.“

Was?

Papa?

Magenkrebs?

Ich sitze in Marzahn, habe meine linke Hand gerade mit Mühe wiederbekommen, und nun erzählt mir ein fremder Arzt, dass mein Vater schwer krank ist.

Ich bin völlig perplex.

Dann kommt die eigentliche Überraschung.

Mein Vater habe erklärt, dass ich entscheiden solle, ob er operiert wird.

Ich?

Ausgerechnet ich?

Ich frage, was denn überhaupt gemacht werden soll.

Der Arzt erklärt mir die geplante Operation.

Ich frage nach dem Operateur.

Ein Spezialist, der Chefarzt Professor Scharfmeier, werde den Eingriff durchführen.

Dann möchte ich wissen, welche Alternativen es gibt.

Die Antwort ist ernüchternd.

Entweder man operiert, oder mein Vater wird voraussichtlich an seiner Erkrankung sterben.

„Na, das ist ja toll“, sage ich sinngemäß.

„Dann habe ich ja gar keine Auswahl.“

Eigentlich nicht, erklärt mir der Arzt.

Also stimme ich der Operation zu.

Und sitze anschließend mit meinem Handy in der Raucherecke.

Meine linke Hand ist verbunden.

Mein Vater hat Magenkrebs.

Und ich soll gerade eine Entscheidung über sein Leben getroffen haben.

Dabei hatte ich in den vergangenen Monaten selbst genug damit zu tun gehabt, am Leben zu bleiben.

Wie war es eigentlich so weit gekommen?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich zurück nach Bardowick.

Sehr weit zurück.

Zwei Eltern, zwei Welten

Meine Adoptiveltern hießen Ulla und Klaus Knoop.

Als sie mich zu Weihnachten 1965 zu sich nahmen, war ich zehn Monate alt.

Sie liebten mich.

Daran habe ich keinen grundsätzlichen Zweifel.

Ich wuchs in Bardowick auf, hatte ein Zuhause, eine Familie und eine Kindheit, an die ich mich in vieler Hinsicht gern erinnere.

Aber meine Eltern waren zwei sehr unterschiedliche Menschen.

Meine Mutter war die Starke.

Sie war präsent.

Sie zeigte ihre Gefühle.

Sie konnte entschieden auftreten, ihre Meinung sagen und deutlich machen, was sie wollte.

Mein Vater dagegen war ausgesprochen zurückhaltend.

Still.

In sich gekehrt.

Es war nicht so, dass er keine Gefühle gehabt hätte.

Natürlich hatte er welche.

Aber er konnte sie kaum zeigen.

Jedenfalls nicht im gewöhnlichen Familienalltag.

Nur wenn er gelegentlich zu viel getrunken hatte – was nicht oft vorkam –, wurde plötzlich etwas sichtbar, das er sonst hinter seiner Zurückhaltung verbarg.

Dann konnte er Gefühle ausdrücken.

Dann wurde deutlich, dass in diesem stillen Mann viel mehr vorging, als er gewöhnlich erkennen ließ.

Aber nüchtern?

Da war wieder diese Mauer.

Und als Kind nimmt man das zunächst einfach hin.

Papa ist eben Papa.

Mama ist Mama.

So sind die beiden.

Man fragt nicht ständig danach, weshalb Menschen so geworden sind.

Man lebt mit ihnen.

Liebe und Leistung

Meine Eltern hatten bestimmte Vorstellungen davon, wie ein vernünftiges Leben auszusehen hatte.

Man sollte etwas lernen.

Etwas leisten.

Seinen Verpflichtungen nachkommen.

Sich ordentlich benehmen.

Und möglichst nicht aus der Reihe tanzen.

Das war nicht ungewöhnlich für ihre Generation.

Aber für mich bekam es irgendwann eine besondere Bedeutung.

Denn ich hatte seit meinem elften Lebensjahr Epilepsie.

Meine Leistungsfähigkeit war dadurch eingeschränkt.

Ich konnte nicht immer das tun, was andere Menschen für selbstverständlich hielten.

Und trotzdem hatte ich den Eindruck, mich an Maßstäben messen lassen zu müssen, die meine gesundheitliche Situation nicht ausreichend berücksichtigten.

Ich wollte meinen Eltern gefallen.

Natürlich wollte ich das.

Welches Kind möchte nicht geliebt werden?

Aber da war bei mir noch etwas anderes.

Ich war adoptiert.

Und in meinem Lebenslauf von 2001 schrieb ich über eine Frage, die ich als kleines Kind nicht auszusprechen wagte:

Bringt ihr mich wieder zurück, wenn ich nicht artig bin?

Meine Adoptiveltern hatten mir niemals gesagt, dass sie so etwas tun würden.

Diese Angst entstand in mir.

Aber sie war da.

Und weil ich die Frage nicht stellte, bekam ich auch keine Antwort.

Also beobachtete ich.

Wie weit darf ich gehen?

Wann mache ich etwas falsch?

Was muss ich tun, damit alles in Ordnung bleibt?

Vielleicht habe ich mich dadurch lange stärker angepasst, als mir guttat.

Ein Vater, der keine Fehler machte

Mein Vater hatte noch eine Eigenschaft, mit der ich zunehmend Schwierigkeiten bekam.

Er wirkte häufig so, als könne er sich gar nicht vorstellen, selbst etwas falsch gemacht zu haben.

Jedenfalls habe ich ihn so erlebt.

Selbstkritik gehörte nicht unbedingt zu seinen herausragenden Fähigkeiten.

Das ist natürlich meine Sicht als Tochter.

Vielleicht hätte er unsere Geschichte anders erzählt.

Aber dieses Buch ist nun einmal meine Lebensgeschichte.

Und ich erinnere mich an einen Vater, der still und zurückhaltend war, gleichzeitig jedoch an seinen eigenen Vorstellungen mit bemerkenswerter Festigkeit festhielt.

Eine ziemlich schwierige Mischung.

Denn mit einem Menschen, der laut wird und streitet, kann man wenigstens offen streiten.

Mit einem Menschen, der wenig sagt und sich dennoch im Recht fühlt, ist das manchmal sehr viel schwieriger.

Ich liebte meinen Vater.

Aber ich fand ihn nicht immer einfach.

Und ich glaube, er fand mich ebenfalls nicht immer einfach.

Das beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.

18. Mai 2000

Dann kam meine Nahtoderfahrung.

Der schwere epileptische Anfall am 18. Mai 2000, bei dem es nach der damaligen Schilderung des Notarztes zu einem neunminütigen Herzstillstand gekommen war.

Ich überlebte.

Und dieses Erlebnis veränderte etwas Grundlegendes in mir.

Ich begann, meine eigene Existenz anders zu betrachten.

Meine Gesundheit.

Meine Freiheit.

Meine religiösen Überzeugungen.

Die Erwartungen anderer Menschen.

Und die Frage, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen wollte.

Bis dahin hatte ich mich über viele Jahre bemüht, meinen Verpflichtungen gerecht zu werden.

Ich hatte gelernt.

Gearbeitet.

Studiert.

Mich immer wieder durch gesundheitliche Schwierigkeiten hindurchgekämpft.

Aber nun wollte ich nicht mehr einfach so weitermachen wie vorher.

Ich begann, deutlicher auf meine eigenen Grenzen zu achten.

Und ich wollte selbst entscheiden, was ich meinem Körper zumuten konnte.

Das führte zu Konflikten.

Auch mit meinen Eltern.

„Du weißt gar nicht, was du uns damit antust!“

Einige Monate nach meiner Nahtoderfahrung gab ich aus gesundheitlichen Gründen eine gut bezahlte Arbeit auf.

Für mich war das eine notwendige Entscheidung.

Meine Gesundheit musste Vorrang haben.

Meine Eltern sahen das anders.

Ich erinnere mich an ihren Vorwurf:

„Das kannst du nicht machen, du weißt gar nicht, was du uns damit antust!“

Mich traf dieser Satz tief.

Denn plötzlich ging es nicht um meine Gesundheit.

Nicht um meine Epilepsie.

Nicht um die Frage, wie viel Belastung ich überhaupt noch aushalten konnte.

Sondern darum, was meine Entscheidung angeblich meinen Eltern antat.

Ich war 35 Jahre alt.

Eine erwachsene Frau.

Und trotzdem hatte ich das Gefühl, mich für eine Entscheidung rechtfertigen zu müssen, die meinen eigenen Körper betraf.

Damals wurde mir deutlich, wie sehr unsere Vorstellungen auseinanderlagen.

Meine Eltern dachten an Leistung, Arbeit und Sicherheit.

Ich dachte daran, dass ich überhaupt gesund genug bleiben musste, um mein Leben weiterzuführen.

Und ich war nicht mehr bereit, meine Bedürfnisse automatisch hintenanzustellen.

Der Bruch

Im Dezember 2000 eskalierte dieser Konflikt.

Es kam zu einem fürchterlichen Streit.

Ich war in einer extrem belasteten Situation und unternahm einen schweren Suizidversuch.

Ich überlebte.

Meine Eltern hatten Polizei und Rettungsdienst verständigt.

Aber sie fuhren anschließend nach Hause, ohne abzuwarten, wie sich mein Zustand entwickelte.

Das habe ich ihnen damals sehr übel genommen.

Ich fühlte mich verlassen.

Ausgerechnet in einem Augenblick, in dem ich dringend Hilfe und menschliche Nähe gebraucht hätte.

Ich möchte nicht behaupten, genau zu wissen, weshalb meine Eltern so handelten.

Vielleicht waren sie überfordert.

Vielleicht konnten sie mit der Situation nicht umgehen.

Vielleicht hatten sie Angst.

Aber das ändert nichts daran, wie ich es erlebte.

Für mich war es eine tiefe Verletzung.

Und unser Verhältnis blieb davon nicht unberührt.

Ein vorsichtiger Neubeginn

Nach dieser Katastrophe brachen wir nicht endgültig miteinander.

Es kam zu einem friedlichen Neubeginn.

Aber wir waren vorsichtiger geworden.

Zurückhaltender.

Vielleicht auch misstrauischer.

Es war nicht einfach alles wieder gut.

So funktionieren Familienkonflikte selten.

Man kann sich versöhnen.

Man kann wieder miteinander sprechen.

Man kann sich weiterhin lieben.

Aber manches bleibt.

Nicht unbedingt als offene Wunde.

Manchmal eher als Erinnerung daran, dass man bestimmte Grenzen künftig nicht mehr überschreiten möchte.

Ich hatte gelernt, meinen Eltern zu widersprechen.

Und ich glaube, auch meine Eltern mussten langsam begreifen, dass ihre Tochter ein eigenständiger Mensch war.

Nicht nur das Kind, das sie großgezogen hatten.

Februar 2002

Dann starb meine Mutter.

Am 26. Februar 2002.

Um zwei Uhr nachts.

In Bardowick.

Ich war bei ihr.

Wie ich es im Kapitel über meine Träume und das spätere Wiedersehen mit ihr erzählt habe, waren die letzten Wochen ihres Lebens sehr bewegend gewesen.

Wir hatten uns heftig gestritten.

Dann wieder versöhnt.

Und ich hatte es geschafft, in ihrer letzten Nacht bei ihr zu sein.

Ihr Tod veränderte unsere Familie für immer.

Aber er veränderte auch meinen Vater.

Und zwar auf eine Weise, mit der ich niemals gerechnet hätte.

Mein Vater taut auf

Solange meine Mutter gelebt hatte, war mein Vater der stille Mann an ihrer Seite gewesen.

Er zeigte seine Gefühle kaum.

Er sprach wenig über das, was ihn innerlich beschäftigte.

Aber nachdem Mama gestorben war, geschah etwas Erstaunliches.

Langsam begann er aufzutauen.

Er konnte plötzlich Trauer zeigen.

Angst.

Freude.

Glück.

Er sprach über Dinge, die er früher vermutlich für sich behalten hätte.

Er ließ mich an seinem inneren Erleben teilhaben.

Und ich entdeckte Seiten an ihm, die ich während meiner Kindheit und Jugend kaum kennengelernt hatte.

Es war, als sei er noch einmal geboren worden.

Nicht als vollkommen neuer Mensch.

Er hatte weiterhin seine Eigenheiten.

Seine Vorstellungen.

Seinen gelegentlichen Eigensinn.

Aber da war plötzlich ein Vater, der Gefühle zeigen konnte.

Und ich durfte ihn kennenlernen.

Ich war damals bereits 37 Jahre alt.

Siebenunddreißig.

So lange hatte ich diesen Mann gekannt.

Und nun zeigte er sich mir auf eine Weise, die vorher fast immer verborgen geblieben war.

Wer war dieser Mann?

Ich habe mich oft gefragt, weshalb es dazu erst nach dem Tod meiner Mutter kam.

War er zuvor so sehr auf sie ausgerichtet gewesen?

Hatte sie mit ihrer starken Persönlichkeit im Familienleben den emotionalen Raum eingenommen?

War mein Vater daran gewöhnt, seine Gefühle zurückzuhalten, weil das für einen Mann seiner Generation als selbstverständlich galt?

Oder hatte er einfach nie gelernt, offen darüber zu sprechen?

Ich weiß es nicht.

Ich möchte ihm keine psychologische Erklärung unterschieben, die ich nicht beweisen kann.

Ich kann nur beschreiben, was ich beobachtet habe.

Und das war deutlich genug.

Mein Vater veränderte sich.

Er wurde emotional zugänglicher.

Er ließ Nähe zu.

Und zwischen uns entstand eine andere Form der Beziehung.

Das machte die Schwierigkeiten der Vergangenheit nicht ungeschehen.

Aber es eröffnete uns etwas Neues.

Eine Möglichkeit, die wir vorher kaum gehabt hatten.

Sieben Jahre

Von 2002 bis 2009 hatte ich also noch sieben Jahre mit diesem veränderten Vater.

Das ist mir wichtig.

Denn wenn ich nur den Streit von 2000 und seinen Tod von 2010 erzähle, entsteht ein vollkommen falsches Bild.

Es gab diese Jahre dazwischen.

Jahre, in denen wir uns anders begegneten.

In denen er Gefühle zeigen konnte.

In denen ich nicht mehr ausschließlich die Tochter war, die sich gegen die Vorstellungen ihrer Eltern behaupten musste.

Wir konnten einander auf einer anderen Ebene kennenlernen.

Und vielleicht liegt gerade darin etwas sehr Tröstliches.

Menschen bleiben nicht zwangsläufig ihr ganzes Leben dieselben.

Sie können sich verändern.

Auch im hohen Alter.

Manchmal durch schmerzhafte Ereignisse.

Manchmal, weil ein vertrauter Mensch fehlt und sie plötzlich selbst Dinge tun müssen, die vorher ein anderer übernommen hat.

Und manchmal aus Gründen, die sie selbst nicht vollständig erklären können.

Zurück nach Marzahn

Und damit bin ich wieder im Oktober 2009.

In der Raucherecke des Unfallkrankenhauses.

Mit meinem Handy.

Meiner verbundenen linken Hand.

Und Dr. Kannengießer aus Lüneburg am anderen Ende der Leitung.

Mein Vater hat Magenkrebs.

Und er hat gesagt:

Susanne entscheidet.

Nun könnte man darin einfach ein Zeichen großen Vertrauens sehen.

Vielleicht war es das auch.

Aber für mich hatte dieser Satz eine ganze Vorgeschichte.

Es war derselbe Vater, mit dem ich früher so heftig über meine Selbstbestimmung gestritten hatte.

Derselbe Vater, der sich lange schwergetan hatte, Gefühle zu zeigen.

Derselbe Vater, der nach dem Tod meiner Mutter aufgetaut war.

Und nun übertrug er mir eine Entscheidung, die ich niemals hatte treffen wollen.

Ich kann nicht sagen, weshalb er das tat.

Vielleicht vertraute er mir.

Vielleicht fühlte er sich selbst überfordert.

Vielleicht wollte er die Verantwortung abgeben.

Vielleicht kam vieles zusammen.

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass mich dieser Anruf vollkommen überrumpelte.

Entscheiden ohne Auswahl

Ich fragte den Arzt nach den Möglichkeiten.

Er erklärte mir, dass eine Operation geplant sei.

Dabei sollte mein Vater wegen des Magenkrebses eine große Operation durchmachen.

Der Magen wurde später entfernt und der Verdauungstrakt operativ neu verbunden.

Eine schwere Belastung für einen alten Menschen.

Ich wollte wissen, welche Alternative es gebe.

Und erhielt nach meiner Erinnerung die Antwort:

Ohne Operation werde mein Vater sterben.

Das ist eine furchtbare Ausgangslage für eine Entscheidung.

Denn ich hatte nicht das Gefühl, zwischen zwei guten Möglichkeiten wählen zu können.

Ich konnte nur zwischen unterschiedlichen Risiken und möglichen Folgen entscheiden.

Und das auch noch aus der Ferne.

Ohne meinen Vater gerade vor mir zu haben.

Ohne eine ruhige gemeinsame Besprechung.

Während ich selbst im Krankenhaus behandelt wurde.

Also sagte ich schließlich, dass man operieren solle.

Was hätte ich denn sonst sagen sollen?

Weihnachten im Pflegeheim

Mein Vater überstand die Operation.

Aber damit war nicht einfach alles wieder gut.

Es folgten weitere Behandlungen.

Ein Aufenthalt in der Akutgeriatrie.

Pflege.

Und über Weihnachten 2009 eine Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim.

Ausgerechnet dieses Pflegeheim trug den Namen Albers.

Manchmal gibt es in meinem Leben kleine Namens- und Datumsüberschneidungen, über die ich mich nur wundern kann.

Aber die eigentliche Situation war alles andere als komisch.

Mein Vater war schwer krank.

Sein Körper hatte einen großen Eingriff durchgemacht.

Und wir mussten uns mit der Frage beschäftigen, wie es nun weitergehen sollte.

Er kam später wieder nach Hause.

Es gab Hilfen und Pflege.

Aber wirklich gut wurde es nicht mehr.

Mai 2010

Am 16. Mai 2010 starb mein Vater.

Er wurde 87 Jahre alt.

Zwischen der Operation im Herbst 2009 und seinem Tod lagen nur wenige Monate.

Und natürlich habe ich mich gefragt:

War diese Operation überhaupt sinnvoll?

Hat sie ihm geholfen?

Hat sie ihm Lebenszeit geschenkt?

Oder hat sie ihm vor allem zusätzliche Belastungen zugemutet?

Ich war damals ziemlich wütend.

Denn ich hatte am Telefon den Eindruck bekommen, es gebe nur eine einzige vernünftige Möglichkeit.

Operieren.

Aber mein Vater starb trotzdem.

Heute weiß ich, dass die Tatsache seines späteren Todes allein noch nicht beantwortet, ob die Operation medizinisch sinnvoll war.

Vielleicht hätte er ohne den Eingriff früher sterben müssen.

Vielleicht hätte er größere Beschwerden gehabt.

Vielleicht hätte es andere Behandlungsmöglichkeiten gegeben.

Für eine abschließende Beurteilung müsste man mehr über seine damalige Erkrankung und seine medizinische Prognose wissen.

Aber meine Frage bleibt.

Was bedeutet es eigentlich, eine lebensverlängernde Behandlung zu wählen, wenn niemand sicher sagen kann, welche Lebenszeit und welche Lebensqualität dadurch gewonnen werden?

Und wie soll eine Tochter diese Frage am Telefon beantworten?

Was hätte Papa gewollt?

Ich denke heute nicht nur über die medizinischen Möglichkeiten nach.

Ich denke auch über meinen Vater.

Was wollte er selbst?

Wollte er die Operation?

Hatte er Angst?

War er unsicher?

Wollte er, dass ich ihm diese Entscheidung abnehme?

Oder vertraute er einfach darauf, dass ich das Richtige tun würde?

Ich kann ihn nicht mehr fragen.

Das ist das Schlimme an vielen Fragen, die wir uns nach dem Tod eines Menschen stellen.

Man hätte gern noch ein einziges Gespräch.

Nur eines.

Einmal hören, was er wirklich gedacht hat.

Aber dazu ist es zu spät.

Was bleibt, sind Erinnerungen.

Und die müssen manchmal ausreichen.

Ein Mann, den ich zweimal kennenlernte

Wenn ich an meinen Vater denke, sehe ich heute zwei Seiten seines Lebens.

Den stillen Mann meiner Kindheit.

Zurückhaltend.

Wenig gefühlsbetont.

Mit festen Vorstellungen davon, wie man zu leben hatte.

Und den Vater nach dem Tod meiner Mutter.

Einen Mann, der plötzlich Trauer zeigen konnte.

Der Angst zuließ.

Freude.

Glück.

Und der damit menschlich näher an mich heranrückte.

Es war derselbe Mensch.

Aber ich lernte ihn zweimal kennen.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich mit ihm gemacht habe.

Dass Menschen sich verändern können.

Auch dann, wenn man es ihnen längst nicht mehr zugetraut hätte.

Und dass Liebe nicht immer einfach ist.

Sie kann mit Erwartungen verbunden sein.

Mit Enttäuschungen.

Mit Verletzungen.

Mit Streit.

Aber sie kann auch wachsen.

Sich verändern.

Und neue Formen finden.

Ich bleibe dabei

Im Jahr 2021 schrieb ich einen Text, den ich „Ich bleibe dabei“ nannte.

Darin beschäftigte ich mich mit meiner Kindheit, meiner Adoption und meiner Vorstellung vom Göttlichen in jedem Wesen.

Ich schrieb über die Erwartungen meiner Eltern.

Über meine Nahtoderfahrung.

Über meinen Kampf um Selbstbestimmung.

Und darüber, dass jedes Kind das Recht haben sollte, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten.

Das glaube ich noch immer.

Ich finde, Eltern haben nicht die Aufgabe, aus ihren Kindern möglichst leistungsfähige Abbilder ihrer eigenen Vorstellungen zu machen.

Sie sollen ihnen helfen, ihren eigenen Weg zu finden.

Das bedeutet nicht, dass Kinder alles dürfen und Eltern ihnen niemals Grenzen setzen sollten.

Aber es bedeutet, dass Liebe nicht an Leistung gebunden sein darf.

Nicht an beruflichen Erfolg.

Nicht an gesellschaftliche Anerkennung.

Und auch nicht daran, ob ein Kind später genau so lebt, wie seine Eltern es sich vorgestellt haben.

Ich habe lange gebraucht, um für mich selbst einzustehen.

Und ich musste dafür einen hohen Preis bezahlen.

Aber ich habe auch erlebt, dass sich Menschen verändern können.

Mein Vater hat mir das gezeigt.

Vielleicht nicht auf die Weise, die ich mir als Kind gewünscht hätte.

Aber später.

Als ich längst erwachsen war.

Die eigentliche Entscheidung

Wenn ich heute an den Anruf aus Lüneburg denke, frage ich mich manchmal, ob die schwierigste Entscheidung tatsächlich die Zustimmung zur Operation war.

Vielleicht lag eine andere Entscheidung schon viel früher.

Nämlich darin, ob ich bereit war, meinem Vater nach unseren schweren Konflikten wieder näherzukommen.

Ob ich ihn nicht ausschließlich auf seine Fehler festlegen wollte.

Ob ich zulassen konnte, dass dieser Mann nach dem Tod meiner Mutter noch einmal andere Seiten seiner Persönlichkeit zeigte.

Ich glaube, das war wichtig.

Denn 2009 war er für mich nicht nur jener Vater, der mich im Jahr 2000 so tief verletzt hatte.

Er war auch der Mann, den ich danach neu kennengelernt hatte.

Ein Mensch mit Gefühlen.

Mit Angst.

Mit Trauer.

Und mit einem eigenen, schwierigen Leben.

Vielleicht hatte er nie gelernt, all das so zu zeigen, wie ich es gebraucht hätte.

Aber irgendwann konnte er es.

Und dafür bin ich dankbar.

Die Raucherecke

Ich sehe mich noch immer dort sitzen.

Oktober 2009.

Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.

Die linke Hand verbunden.

Das Handy in der rechten.

Am anderen Ende ein Arzt aus Lüneburg.

Mein Vater ist schwer krank.

Und ich soll entscheiden.

Damals war ich überfordert.

Heute sehe ich noch viel mehr in diesem Augenblick.

Da saßen gewissermaßen drei Menschen miteinander am Telefon.

Der Arzt.

Mein Vater.

Und ich.

Aber unsichtbar waren noch andere dabei.

Meine Mutter, die längst gestorben war.

Das Kind, das sich früher nicht getraut hatte zu fragen, ob seine Adoptiveltern es wieder zurückgeben könnten.

Die 35-jährige Frau, die sich gegen die Erwartungen ihrer Eltern gewehrt hatte.

Und die Tochter, die ihren Vater nach dem Tod ihrer Mutter noch einmal neu kennengelernt hatte.

All das gehörte zu dieser Entscheidung.

Und all das gehört zu meinem Leben.

Ich kann es nicht auseinanderreißen.

Papa

Ich habe dich nicht immer verstanden.

Und ich glaube, du hast mich auch nicht immer verstanden.

Wir haben uns verletzt.

Wir haben gestritten.

Und manche Dinge hätten wir besser machen können.

Aber ich habe auch erlebt, wie du dich verändert hast.

Wie du nach Mamas Tod langsam aus deiner Zurückhaltung herauskamst.

Wie du plötzlich Gefühle zeigen konntest.

Und wie ich dadurch einen Vater kennenlernte, den ich vorher so nicht gekannt hatte.

Ich bin froh, dass wir diese Jahre noch miteinander hatten.

Auch wenn am Ende vieles schwierig war.

Auch wenn ich bis heute Fragen zu deiner Operation habe.

Auch wenn ich nicht weiß, was du damals wirklich gedacht hast, als du den Ärzten sagtest, ich solle entscheiden.

Ich hätte dich gern noch einiges gefragt.

Aber vielleicht ist das bei Eltern und Kindern immer so.

Am Ende bleibt etwas unausgesprochen.

Etwas ungeklärt.

Und trotzdem bleibt die Liebe.

Nicht als perfekte Familiengeschichte.

Sondern als das, was tatsächlich zwischen uns möglich war.

Du warst mein Vater.

Ich war deine Tochter.

Und wir haben beide gebraucht, bis wir einander ein bisschen besser verstehen konnten.

Das ist nicht alles.

Aber es ist viel.

Und dafür bin ich dankbar.

Kapitel 18

Achtzehntausend Gründe und eine Quelle

Oder: Kein Bock auf Renaissance? Guckst du hier!

Berlin, Oktober 2026.

Es gibt Menschen, die haben ein Hobby.

Sie sammeln Briefmarken, gehen angeln, züchten Rosen oder spielen einmal in der Woche Skat.

Ich baue Internetseiten.

Sehr viele Internetseiten.

Inzwischen sind es mehr als 18.000.

Dazu kommen meine weiteren Homepages, meine Musik, meine Videos, meine Texte und das Schulprojekt „Susanne macht Schule“.

Wenn man das alles betrachtet, könnte man auf die Idee kommen, ich müsse entweder wahnsinnig viel Zeit haben oder einen ganz besonderen Dachschaden.

Nun ja.

Über meine neurologischen Besonderheiten haben wir in diesem Buch bereits ausführlich gesprochen.

Aber die Sache mit der Zeit ist interessant.

Denn gelegentlich werde ich tatsächlich gefragt, weshalb ich mir das alles antue.

Ob ich denn nichts Besseres zu tun hätte.

Woher ich die Energie nehme.

Und warum ich nicht irgendwann einmal sage:

So, Susanne, jetzt reicht's. Die Renaissance ist fertig. Das Internet auch. Geh ins Bett.

Ich habe darauf längst eine Antwort gegeben.

Sie steht sogar in meinem Impressum.

Meine mehr als 18.000 Internetseiten sind auch mehr als 18.000 Gründe, mich von meiner gesundheitlichen Situation abzulenken.

Damit versuche ich, aus einer teilweise ausgesprochen beschissenen Lebenssituation das Beste und Sinnvollste zu machen, was mir möglich ist.

Aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte.

Die andere betrifft die Frage, woher all diese Ideen kommen.

Und darauf habe ich ebenfalls eine Antwort.

Zeit für Gott.

Das ist für mich die wichtigste Inspirations- und Energiequelle.

Und damit sind wir schon mittendrin in einer Geschichte, die vor mehr als zwanzig Jahren mit einem Bilderrätsel begann.

Mein Körper und ich

Ich bin seit 1976 epilepsiekrank.

Ich war elf Jahre alt, als diese Erkrankung mein Leben veränderte.

Seitdem habe ich Dinge erlebt, die ich keinem Menschen wünsche.

Schwere Anfälle.

Bewusstseinsverluste.

Verletzungen.

Krankenhausaufenthalte.

Operationen.

Medikamentennebenwirkungen.

Psychosen.

Eine Subarachnoidalblutung.

Fünf große Eingriffe an meinen Hirngefäßen.

Die schwere Verletzung meiner linken Hand im März 2009.

Und dazu unzählige kleinere gesundheitliche Probleme, die im Alltag manchmal genauso lästig sein können wie die großen Katastrophen.

Man könnte sein gesamtes Leben damit verbringen, darüber nachzudenken.

Was macht mein Gehirn heute?

Bekomme ich wieder einen Anfall?

Warum tut mir der Kopf weh?

Warum bin ich so müde?

Wie lange hält dieser Zustand an?

Was kommt als Nächstes?

Ich kenne diese Fragen.

Ich kenne sie sogar viel zu gut.

Und manchmal bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit ihnen zu beschäftigen.

Aber wenn es mir einigermaßen gut geht, möchte ich nicht auch noch meine gesamte verfügbare Zeit an die Krankheit verschenken.

Ich möchte etwas anderes tun.

Etwas, das mich interessiert.

Etwas, das mich beschäftigt.

Etwas, bei dem ich nicht ständig über meine eigenen Beschwerden nachdenken muss.

Und so wurde mein Computer über die Jahre zu einem der wichtigsten Orte meines Lebens.

Nicht als Flucht vor der Wirklichkeit.

Sondern als Möglichkeit, innerhalb dieser Wirklichkeit einen eigenen Handlungsspielraum zu finden.

Warum nicht einfach fernsehen?

Natürlich könnte ich mich auch vor den Fernseher setzen.

Ich könnte mir Serien anschauen.

Filme.

Unterhaltungssendungen.

Oder stundenlang durch das Internet scrollen.

Das ist alles erlaubt.

Aber es befriedigt mich auf Dauer nicht.

Ich möchte nicht nur etwas konsumieren.

Ich möchte etwas machen.

Wenn ich ein interessantes Gemälde entdecke, möchte ich wissen, weshalb es so gemalt wurde.

Wenn ich eine philosophische Frage lese, möchte ich sie weiterdenken.

Wenn ich ein technisches Problem sehe, möchte ich herausfinden, wie man es löst.

Und wenn ich dabei etwas verstanden habe, kommt bei mir fast automatisch der nächste Gedanke:

Das könnte ich doch anderen Menschen zeigen.

Vielleicht als Text.

Vielleicht als Bilderrätsel.

Vielleicht als Webseite.

Vielleicht als Lied.

Und inzwischen häufig als Video.

Das Interessante daran ist, dass diese Beschäftigung für mich gleich mehrere Dinge miteinander verbindet.

Ich lerne etwas.

Ich gestalte etwas.

Ich lenke meine Aufmerksamkeit von meiner gesundheitlichen Situation weg.

Und am Ende entsteht möglicherweise etwas, das auch anderen Menschen Freude bereitet.

Es ist also nicht nur Beschäftigung.

Es ist eine sinnvolle Beschäftigung.

Jedenfalls empfinde ich es so.

Achtzehntausendmal etwas anderes als Krankheit

Wenn ich schreibe, meine 18.000 Internetseiten seien ebenso viele Gründe, mich von meiner Krankheit abzulenken, dann meine ich das ernst.

Nicht als hübsche Pointe.

Nicht als dramatische Übertreibung.

Sondern als Beschreibung meiner Lebensweise.

Natürlich entspricht nicht jede einzelne Internetseite einem bestimmten epileptischen Anfall.

So funktioniert das nicht.

Aber jede Seite steht für eine Beschäftigung, die mir etwas anderes ermöglicht hat als die ständige Auseinandersetzung mit Schmerzen und Einschränkungen.

Ein Renaissancegemälde anschauen.

Eine historische Quelle lesen.

Einen Text schreiben.

Ein JavaScript-Problem lösen.

Bilder bearbeiten.

Eine Animation bauen.

Einen schwierigen Zusammenhang erklären.

Und manchmal vier Stunden nach einem fehlenden Semikolon suchen.

Auch das gehört dazu.

Wobei ich zugeben muss, dass ein fehlendes Semikolon gelegentlich fast genauso nervig sein kann wie eine leichte Aura.

Aber eben nur fast.

Bei der Programmierung besteht wenigstens die Hoffnung, dass ich den Fehler irgendwann finde und selbst beheben kann.

Mein Gehirn ist da nicht immer so kooperativ.

Die andere Hälfte

Nun könnte man meinen, damit sei meine gesamte Arbeit erklärt.

Eine chronisch kranke Frau sucht sich eine sinnvolle Beschäftigung.

Sie interessiert sich für Kunst und Geschichte.

Sie kann mit Computern umgehen.

Also baut sie Webseiten.

Fertig.

Aber so einfach ist es für mich nicht.

Denn damit wäre zwar erklärt, weshalb ich etwas tue.

Aber noch lange nicht, weshalb mir ständig neue Ideen kommen.

Warum fällt mir ausgerechnet dieses Thema ein?

Warum entsteht plötzlich die Vorstellung für ein Bilderrätsel?

Für einen Text?

Für ein Lied?

Für ein großes Projekt, dessen Umfang ich am Anfang selbst kaum überblicke?

Ich erlebe viele dieser Ideen als Eingebungen.

Nicht einfach als Ergebnis einer nüchternen Arbeitsplanung.

Sondern als etwas, das sich mir erschließt.

Manchmal ganz überraschend.

Manchmal mitten in der Nacht.

Manchmal ausgehend von einem einzigen Bild oder einem Gedanken.

Und manchmal so eindringlich, dass ich unbedingt anfangen möchte, ihn umzusetzen.

Für diese Erfahrung habe ich einen Namen.

Zeit für Gott.

Zeit für Gott

Wenn ich mir Zeit für Gott nehme, ist das für mich nicht einfach eine religiöse Pflichtübung.

Ich muss keine vorgeschriebenen Formeln aufsagen.

Ich muss keine bestimmten äußeren Bedingungen erfüllen.

Ich muss nicht erst in eine Kirche gehen, damit ich mich dem Göttlichen verbunden fühlen darf.

Ich verstehe Gott als eine Wirklichkeit, die nicht auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Religion beschränkt ist.

Das habe ich in diesem Buch bereits ausführlich beschrieben.

Und ich verstehe meine Eingebungen als etwas, das aus meiner Beziehung zu dieser göttlichen Wirklichkeit hervorgeht.

So erlebe ich es.

So ordne ich es ein.

Und daraus schöpfe ich einen wesentlichen Teil meiner Inspiration.

Das bedeutet nicht, dass anschließend eine fertige Internetseite vor mir steht.

Leider nicht.

Das wäre manchmal ausgesprochen praktisch.

Ein kleiner göttlicher Impuls – und schwupps, fünfzig fehlerfreie HTML-Dateien.

Schön wär's.

Nein.

Die Idee ist das eine.

Die Umsetzung ist meine Arbeit.

Ich muss recherchieren.

Schreiben.

Gestalten.

Programmieren.

Ausprobieren.

Fehler korrigieren.

Und manchmal ein ganzes Konzept wieder über den Haufen werfen, weil mir auffällt, dass es anders besser funktioniert.

Aber die ursprüngliche Inspiration empfinde ich als Geschenk.

Und dafür bin ich dem Göttlichen zutiefst dankbar.

Zwei Dinge, die zusammengehören

Damit ist auch erklärt, weshalb meine Arbeit für mich nicht einfach ein besonders ausuferndes Hobby ist.

Ich lebe mit einer schweren gesundheitlichen Belastung.

Und ich versuche, meine vorhandene Kraft sinnvoll einzusetzen.

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite steht meine spirituelle Erfahrung.

Meine Zeit für Gott.

Meine Eingebungen.

Die Freude darüber, dass mir immer wieder neue Gedanken und Möglichkeiten begegnen.

Die Krankheit erklärt für mich, weshalb ich diese Beschäftigung so dringend brauche. Das Göttliche ist für mich die Quelle der Inspiration, aus der meine Ideen entstehen.

Beides gehört zusammen.

Und beides möchte ich nicht gegeneinander ausspielen.

Ich würde niemals behaupten, dass meine schweren Erkrankungen deshalb etwas Schönes seien.

Das sind sie nicht.

Ich hätte auf viele Erfahrungen sehr gern verzichtet.

Aber ich kann trotzdem sagen, dass ich aus meiner Situation etwas gemacht habe, das meinem Leben Sinn gibt.

Und dass ich die Inspiration dafür als etwas zutiefst Göttliches erlebe.

Damit ist der eigentliche Ausgangspunkt meiner Internetwelt beschrieben.

Jetzt können wir endlich über die Renaissance sprechen.

Wie alles anfing

Meine ursprüngliche Idee war gar keine Homepage.

Ich wollte ein Buch schreiben.

Ein Rätselbuch über die Renaissance.

Vor allem für Jugendliche.

Mich hatte die italienische Renaissance schon lange fasziniert.

Ihre Kunst.

Ihre Architektur.

Ihre Philosophie.

Die technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen.

Und ganz besonders diese unglaubliche Vielseitigkeit.

Man denke an Leonardo da Vinci.

Maler.

Zeichner.

Ingenieur.

Naturbeobachter.

Ein Mensch, der seine Interessen nicht ordentlich in getrennte Schubladen einsortierte.

Das fand ich wunderbar.

Denn mit solchen Schubladen hatte ich selbst schon immer Schwierigkeiten.

Ich hatte Architektur studiert.

Interessierte mich für Kunstgeschichte.

Für Philosophie.

Für Computertechnik.

Für Religion.

Und für vieles andere.

Weshalb sollte ich mich auf ein einziges Gebiet beschränken?

Gerade die Renaissance zeigte mir, wie spannend es ist, wenn verschiedene Wissensgebiete einander berühren.

Ein Gemälde ist schließlich nicht nur Malerei.

Es ist zugleich Geschichte.

Religion.

Gesellschaft.

Politik.

Manchmal Mathematik.

Und häufig ein Spiegel der Machtverhältnisse seiner Zeit.

All das wollte ich jungen Menschen zeigen.

Aber bitte nicht in Form eines sterbenslangweiligen Schulbuches.

Ein Bild ist eine Frage

Ich habe nämlich eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie man Menschen für ein Thema interessieren kann.

Man zeigt ihnen etwas.

Und dann stellt man eine Frage.

Nicht zehn Seiten Erklärung.

Nicht sofort die vollständige kunsthistorische Analyse.

Sondern erst einmal eine Frage.

Was fällt dir an diesem Bild auf?

Weshalb steht diese Figur genau dort?

Warum hat der Künstler etwas so und nicht anders dargestellt?

Was könnte dieses Symbol bedeuten?

Und wer hat überhaupt entschieden, dass dieses Bild gemalt werden sollte?

Dann darf der Leser selbst überlegen.

Vielleicht kommt er auf eine falsche Antwort.

Na und?

Eine falsche Vermutung kann ausgesprochen hilfreich sein, wenn sie dazu führt, dass man genauer hinsieht.

Ich wollte kein Buch, in dem man nur fertiges Wissen abholt.

Ich wollte ein Buch, das zum Denken verführt.

Ein Bilderrätsel sollte eine Tür öffnen.

Hinter dieser Tür konnte dann eine ganze Epoche liegen.

Langsam mit den wilden Pferden

In meiner ursprünglichen Einleitung erklärte ich den Lesern, wie das funktionieren sollte.

Zuerst das Bild.

Dann einige Hinweise.

Dann selbst nachdenken.

Und erst danach die Lösung lesen.

Wer zu schnell nach unten scrollt, verdirbt sich den Spaß.

Also schrieb ich sinngemäß:

Langsam mit den wilden Pferden!

Das gefällt mir heute noch.

Denn es steckt etwas Wichtiges dahinter.

Manchmal sind Menschen so sehr darauf trainiert, möglichst schnell die richtige Antwort zu finden, dass sie vergessen, wie schön das Fragen selbst sein kann.

Aber ich wollte genau dieses Fragen ermöglichen.

Warum?

Weshalb?

Wieso?

Was könnte dahinterstecken?

Und wenn man die Lösung gefunden hat, ergeben sich vielleicht gleich wieder drei neue Fragen.

So entsteht Neugier.

Und aus Neugier kann Begeisterung werden.

Eine Ölplattform und Jan van Eyck

Eines meiner Renaissance-Rätsel verbindet eine Ölplattform mit Pigmenten und Jan van Eyck.

Das klingt zunächst ziemlich verrückt.

Eine Ölplattform.

Farben.

Und ein Maler aus dem fünfzehnten Jahrhundert.

Was soll das denn miteinander zu tun haben?

Aber genau darin liegt der Reiz.

Man beginnt, über Materialien nachzudenken.

Über Öl.

Über Pigmente.

Über die Technik der Malerei.

Und plötzlich befindet man sich mitten in der Geschichte der Ölmalerei.

Dabei kann man gleich noch entdecken, dass die Behauptung, Jan van Eyck habe die Ölmalerei schlicht erfunden, historisch zu einfach wäre.

Es gab ältere Techniken und Entwicklungen.

Und genau solche Zusammenhänge interessieren mich.

Ich möchte nicht nur wissen, wer etwas gemalt hat.

Ich möchte verstehen, wie Menschen gearbeitet haben.

Welche Materialien sie verwendeten.

Welche Möglichkeiten sie hatten.

Und wie neue Techniken die Kunst veränderten.

Von einer modernen Ölplattform zu Jan van Eyck.

Warum denn nicht?

Man muss nur bereit sein, ungewöhnliche Wege zu gehen.

DuMont sagt Nein

Im Jahr 2003 schickte ich mein Manuskript an den DuMont Literatur und Kunst Verlag.

Ein Verlag, der sich mit Kunst auskannte.

Das erschien mir passend.

Vielleicht würde man mein Konzept interessant finden.

Vielleicht könnte daraus tatsächlich ein Buch werden.

Am 17. November 2003 kam die Antwort.

Eine Absage.

Das Manuskript konnte nicht in das Verlagsprogramm aufgenommen werden.

Ich habe diesen Brief aufgehoben.

Noch heute kann man ihn auf meiner Homepage sehen.

Und später habe ich auch dieses Datum in meine Sammlung von Lebensereignissen aufgenommen, denen ich die jeweilige biblische Tageslosung zuordnete.

Denn diese Zusammenhänge haben für mich eine eigene spirituelle Bedeutung.

Aber zunächst war da eine ganz gewöhnliche Verlagsabsage.

Natürlich war das nicht das, was ich mir gewünscht hatte.

Doch damit war die Idee nicht erledigt.

Ich wollte schließlich Jugendliche für die Renaissance begeistern.

Dafür brauchte ich nicht unbedingt die Zustimmung eines Verlages.

Vielleicht gab es einen anderen Weg.

Dann eben selbst

Irgendwann begann ich, das gesamte Konzept zu überdenken.

Warum musste ich mich eigentlich an die Grenzen eines gedruckten Buches halten?

Im Internet konnte ich ganz andere Möglichkeiten nutzen.

Bilder.

Texte.

Verlinkungen.

Rätsel.

Zusätzliche Erklärungen.

Animationen.

Und die Besucher konnten selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge sie sich die Inhalte anschauen wollten.

Eine Homepage ist schließlich kein Buch, das man zwangsläufig von vorne nach hinten lesen muss.

Man kann hin- und herspringen.

Etwas entdecken.

Weiterklicken.

Und sich plötzlich an einer Stelle wiederfinden, an der man ursprünglich überhaupt nicht landen wollte.

Das gefiel mir.

Ich änderte das Konzept.

Aus dem Manuskript wurde eine Internetseite.

Und ich entschied, dass die Inhalte kostenlos zugänglich sein sollten.

Das war mir wichtig.

Nicht jeder Mensch kann sich beliebig viele Kunstbücher kaufen.

Nicht jeder hat Zugang zu großen Bibliotheken.

Aber wer meine Homepage besuchen konnte, sollte dort lesen, lernen und entdecken dürfen.

Ohne Eintrittskarte.

Ohne Bezahlung.

Einfach so.

2. April 2004

Am 2. April 2004 ging meine Homepage online.

Damals ahnte ich noch nicht, wie groß das Ganze werden würde.

Ich hatte eine Idee.

Ich hatte einen Computer.

Und ich hatte Lust, etwas zu gestalten.

Also fing ich an.

HTML.

Bilder.

Texte.

Links.

Navigation.

Später JavaScript.

Animationen.

Immer neue technische Möglichkeiten.

Und manchmal ziemlich merkwürdige Probleme.

Denn ein Computer tut bekanntlich nicht immer das, was sein Benutzer von ihm erwartet.

Er tut vor allem das, was man ihm tatsächlich gesagt hat.

Und das ist leider nicht unbedingt dasselbe.

Ich konnte mich stundenlang mit technischen Fragen beschäftigen.

Aber ich mochte diese Arbeit.

Wenn etwas endlich funktionierte, war das ein wunderbares Gefühl.

Ich hatte eine Idee gehabt.

Ich hatte sie umgesetzt.

Und nun konnten andere Menschen das Ergebnis sehen.

Genau das wollte ich.

Im Nachthemd in die Universitätsbibliothek

Wie wichtig mir meine Homepage schon damals war, zeigt eine kleine Geschichte aus dem Jahr 2004.

Wobei man darüber streiten kann, ob sie wirklich so klein ist.

Ich lag wieder einmal im Krankenhaus.

Nach einem Eingriff an meinen Hirngefäßen.

Im Jahr zuvor hatte ich eine schwere Subarachnoidalblutung erlitten. Danach waren weitere Aneurysmen behandelt worden, und 2004 stand erneut eine Operation an.

Die Intensivstation kannte ich inzwischen.

Und ich hatte von ihr gründlich die Nase voll.

Überwachung.

Untersuchungen.

Infusionen.

Krankenhausgeräusche.

Menschen, die ständig etwas an mir machen wollten.

Ich hatte das alles satt.

Und vor allem wollte ich endlich etwas anderes tun.

Etwas, das nicht mit meinen Hirngefäßen zu tun hatte.

Also machte ich mich auf den Weg.

Im Krankenhausnachthemd.

Mit meinem Tropf.

Die Mittelallee entlang.

Nach links.

Bis zur Universitätsbibliothek.

Man muss sich das einmal vorstellen.

Da kommt eine Frau im Krankenhausnachthemd mit ihrer Infusion in eine Universitätsbibliothek.

Andere Menschen gehen dorthin, um Fachliteratur zu lesen, für Prüfungen zu lernen oder wissenschaftliche Arbeiten vorzubereiten.

Ich wollte an den Computer.

Denn ich hatte eine Homepage zu bauen.

Also setzte ich mich an einen der Universitätscomputer.

Und arbeitete weiter.

An meinen Internetseiten.

Mitten während meines Krankenhausaufenthaltes.

Nicht zu Hause.

Nicht bequem an meinem eigenen Schreibtisch.

Sondern in einer Universitätsbibliothek, die ich im Nachthemd und mit meinem Tropf aufgesucht hatte.

Medizinisch war das sicherlich keine besonders vernünftige Unternehmung.

Aber ich hatte damals ein ganz dringendes Bedürfnis.

Ich wollte mich ablenken.

Ich wollte nicht dauernd daran denken, was gerade wieder mit meinem Körper los war.

Ich wollte nicht immer nur Patientin sein.

Ich wollte etwas gestalten.

Etwas nachdenken.

Etwas ausprobieren.

Und wenigstens für eine Weile über meine eigene Beschäftigung bestimmen.

Draußen wartete das Krankenhaus.

Meine gesundheitliche Situation hatte sich nicht verändert.

Meine Hirngefäße waren nicht plötzlich gesund geworden, nur weil ich an einem Computer saß.

Aber für diese Zeit beschäftigte ich mich mit etwas anderem.

Mit meiner Homepage.

Mit einer Idee.

Mit etwas, das ich selbst erschaffen konnte.

Und das war für mich ungeheuer wichtig.

Wenn mich heute jemand fragt, warum ich mehr als 18.000 Internetseiten gebaut habe, könnte ich ihm eigentlich diese eine Geschichte erzählen.

Eine Frau im Krankenhausnachthemd.

Mit ihrem Tropf.

In einer Universitätsbibliothek.

Vor einem Computer.

Weil sie dringend etwas anderes brauchte als Krankheit.

Und weil ihre Homepage damals bereits zu einem Ort geworden war, an dem sie wieder selbst gestalten konnte.

Ich hatte mich nicht gesund programmiert.

Aber ich hatte für eine Weile etwas gefunden, das mich aus der ständigen Beschäftigung mit meiner Krankheit herausholte.

Und deshalb baute ich weiter.

Kein Bock auf Renaissance?

Nun war mir natürlich klar, dass nicht jeder Besucher meiner Homepage sofort vor Begeisterung über die Renaissance in die Luft springen würde.

Manche Menschen interessierten sich für Technik.

Andere für Spiele.

Für Literatur.

Für Fotos.

Für ganz andere Dinge.

Also baute ich auch solche Seiten.

Und dann kam mir eine kleine Idee.

Ich könnte die anderen Themen doch als Lockmittel verwenden.

Wer beispielsweise eine technische Seite besuchte, sollte dort eine kleine Renaissancefrage entdecken.

Vielleicht klickte er darauf.

Und schon war er mitten in einem Bilderrätsel.

In meiner Einleitung schrieb ich dazu:

„Kein Bock auf Renaissance ... guckst du hier ...“

Das war durchaus mit einem Augenzwinkern gemeint.

Aber der Gedanke dahinter war ernst.

Ich wollte niemanden zwingen, sich für Kunstgeschichte zu interessieren.

Ich wollte die Menschen neugierig machen.

Und wenn jemand über ein Spiel, eine technische Frage oder einen literarischen Text schließlich bei einem Renaissancegemälde landete, fand ich das wunderbar.

Das war keine pädagogische Zwangsmaßnahme.

Das war eine Einladung.

Und vielleicht auch ein kleiner Trick.

Aber ein freundlicher.

Eine Lehrerin schreibt mir

Im November 2004 erhielt ich eine E-Mail zu einem Gemälde von Raffael.

Es ging um Die Heilige Familie Canigiani.

Eine Lehrerin wollte das Bild im Kunstunterricht verwenden.

Ihre Schüler stellten Fragen zu den dargestellten Personen.

Und sie wollte genauer wissen, wer die ältere Frau mit dem Kind war.

Ob es möglicherweise Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers, sein könnte.

Ich war gerade mit einem Adventskalender beschäftigt und musste JavaScript programmieren.

Aber diese Frage ließ mich nicht los.

Also schaute ich mir das Bild genauer an.

Beschäftigte mich mit dem biblischen Zusammenhang.

Und schrieb eine ausführliche Antwort.

Ich verwies auf Elisabeth und Johannes den Täufer und erklärte die entsprechenden Zusammenhänge aus dem Lukasevangelium.

Das machte mir Freude.

Denn genau so hatte ich mir den Austausch über meine Homepage vorgestellt.

Jemand hat eine Frage.

Ich beschäftige mich damit.

Wir tauschen Wissen aus.

Und am Ende können vielleicht Jugendliche im Kunstunterricht etwas genauer hinschauen.

Das war doch wunderbar.

Und dafür hatte ich meine Seite gebaut.

Aus eins werden Tausende

Mit der Zeit kamen immer neue Themen hinzu.

Ein Bild führte zum nächsten.

Eine historische Frage zu einer philosophischen.

Ein technisches Experiment zu einer neuen Funktion.

Und manchmal entstand aus einer einzigen Idee ein ganzer Themenbereich.

Ich baute weiter.

Und weiter.

Und weiter.

Irgendwann waren es Tausende Seiten.

Dann noch mehr.

Und schließlich über 18.000.

Nicht, weil ich mir eines Tages vorgenommen hätte, eine bestimmte Seitenzahl zu erreichen.

Das war nie mein Ziel.

Die Zahl entstand aus den vielen einzelnen Projekten.

Aus meiner Neugier.

Meiner Arbeit.

Und aus den Ideen, die mir immer wieder kamen.

Dabei blieb mein ursprünglicher Wunsch erhalten.

Ich wollte Wissen verständlich machen.

Ich wollte Freude bereiten.

Und ich wollte anderen Menschen etwas anbieten, das sie vielleicht auf neue Gedanken bringt.

Nur die Möglichkeiten veränderten sich.

Von der Renaissance zur Musik

Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Technik weiter.

Plötzlich konnte ich nicht mehr nur Texte schreiben und Bilder zeigen.

Ich konnte Videos produzieren.

Musik gestalten.

Eigene Texte vertonen.

Und mit neuen KI-Werkzeugen ganz andere künstlerische Ausdrucksformen ausprobieren.

Das eröffnete mir ungeheure Möglichkeiten.

Ich konnte eine kunsthistorische Geschichte nicht nur erklären.

Ich konnte daraus ein Lied machen.

Ein Video.

Eine ganze musikalische Revue.

Ich konnte Philosophen, Künstlern und historischen Persönlichkeiten Stimmen geben und mit ihnen in künstlerisch gestalteten Szenen Fragen diskutieren.

Und natürlich blieb meine Beschäftigung mit Mystik ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.

Denn die Inspiration, die ich als Eingebung aus dem Göttlichen erfahre, beschränkt sich für mich nicht auf Kunstgeschichte.

Sie betrifft meine Texte.

Meine Musik.

Meine Bilder.

Meine Projekte.

Manchmal kommt ein Gedanke.

Und ich weiß zunächst noch gar nicht, was daraus werden wird.

Vielleicht nur eine kleine Webseite.

Vielleicht eine ganze Reihe von Liedern.

Oder etwas, an dem ich anschließend tagelang arbeite.

Ich kann das nicht vollständig vorausplanen.

Aber ich kann versuchen, die Idee so gut wie möglich umzusetzen.

Susanne macht Schule

Und irgendwann entstand daraus mein Schulprojekt.

SMS – Susanne macht Schule.

Ein umfangreiches Angebot mit Unterrichtseinheiten aus verschiedenen Themenbereichen.

Geschichte.

Kunst.

Literatur.

Philosophie.

Religion.

Und vieles mehr.

Mit Videos.

Musik.

Texten.

Zeitreisen.

Und Fragen, die im Unterricht weitergedacht werden können.

Auch hier ging es mir nicht darum, einen Lehrer zu ersetzen.

Ich wollte Material anbieten.

Möglichkeiten eröffnen.

Und Jugendlichen zeigen, dass Lernen durchaus spannend sein kann.

Man kann mit einem Video beginnen.

Mit einem Lied.

Mit einer ungewöhnlichen Frage.

Und anschließend in einen historischen oder philosophischen Zusammenhang eintauchen.

Das Grundprinzip ist erstaunlich ähnlich geblieben.

Im Jahr 2003 wollte ich ein Renaissancegemälde zeigen und dazu eine Frage stellen.

Im Jahr 2026 entwickle ich multimediale Unterrichtseinheiten.

Dazwischen liegen mehr als zwanzig Jahre.

Und unzählige technische Entwicklungen.

Aber mein ursprünglicher Gedanke ist noch immer da:

Erst neugierig machen. Dann gemeinsam weiterdenken.

Und warum kostenlos?

Auch daran hat sich nichts geändert.

Ich möchte meine Arbeit anderen Menschen zugänglich machen.

Nicht, weil meine Zeit wertlos wäre.

Sondern weil ich mich entschieden habe, vieles von dem, was ich erschaffe, zu verschenken.

Das ist ein Unterschied.

Ich weiß sehr wohl, wie viel Arbeit in meinen Projekten steckt.

Wie viele Stunden Recherche.

Wie viele technische Probleme.

Wie viele Versuche.

Und wie viele Korrekturen.

Aber ich empfinde Freude daran, wenn andere Menschen davon profitieren.

Wenn jemand einen Text liest.

Ein Lied hört.

Ein Video anschaut.

Oder durch meine Seiten etwas entdeckt, das ihn interessiert.

Ich muss nicht jeden einzelnen Besucher kennenlernen.

Ich muss auch nicht wissen, ob ein Schüler später noch einmal über ein bestimmtes Renaissancegemälde nachdenkt.

Es genügt mir, dass die Möglichkeit besteht.

Ich stelle etwas zur Verfügung.

Und andere können damit machen, was sie möchten.

Es ist keine Hochleistungsgeschichte

An dieser Stelle möchte ich etwas ausdrücklich klarstellen.

Wenn ich von 18.000 Internetseiten, Tausenden Videos und all meinen Projekten spreche, könnte man auf die Idee kommen, ich wolle damit beweisen, wie unglaublich leistungsfähig ich bin.

Das will ich nicht.

Denn ich bin es nicht immer.

Manchmal bin ich krank.

Manchmal erschöpft.

Manchmal habe ich Schmerzen.

Manchmal bekomme ich epileptische Anfälle.

Und manchmal kann ich mich überhaupt nicht konzentrieren.

Dann geht eben nichts.

Ich kann meine Leistungsfähigkeit nicht wie einen Wasserhahn aufdrehen.

Heute acht Stunden.

Morgen acht Stunden.

Übermorgen wieder.

So funktioniert mein Leben nicht.

Ich arbeite, wenn es mir möglich ist.

Manchmal sehr intensiv.

Und manchmal tagelang überhaupt nicht.

Die große Zahl meiner Projekte ist deshalb kein Beweis für eine gleichbleibende Belastbarkeit.

Sie ist das Ergebnis vieler Jahre.

Und vieler einzelner Zeiträume, in denen ich etwas tun konnte.

Das ist mir wichtig.

Denn ich möchte nicht, dass aus meiner kreativen Arbeit nachträglich die Behauptung entsteht, meine gesundheitlichen Einschränkungen seien eigentlich gar nicht so schwerwiegend.

Sie sind schwerwiegend.

Und gerade deshalb bedeutet mir diese Arbeit so viel.

Was ich zurückbekomme

Wenn ich eine Internetseite fertiggestellt habe, freue ich mich.

Manchmal über die Gestaltung.

Manchmal über eine technische Lösung.

Manchmal über einen gelungenen Text.

Und manchmal einfach darüber, dass ich wieder etwas geschafft habe, das mir Freude bereitet.

Aber es gibt noch etwas.

Ich bekomme dadurch einen Teil meiner Selbstbestimmung zurück.

Meine Krankheiten entscheiden häufig genug darüber, was ich nicht tun kann.

Ob ich unterwegs sein kann.

Wie viel Schlaf ich brauche.

Ob ich Schmerzen habe.

Ob ich Hilfe benötige.

Ob mein Körper mitmacht.

Aber vor meinem Computer gibt es viele Dinge, über die ich selbst entscheiden kann.

Welches Thema ich bearbeite.

Wie ich etwas gestalte.

Welche Frage ich stelle.

Was ich veröffentliche.

Und wann ich damit aufhöre.

Natürlich funktioniert auch dort nicht immer alles nach meinen Vorstellungen.

Aber ich habe einen eigenen Handlungsspielraum.

Und der ist für mich ungeheuer wertvoll.

Was die Krankheit nicht erklärt

Trotzdem wäre es falsch, meine kreative Arbeit ausschließlich als eine Folge meiner Erkrankungen zu betrachten.

Denn damit würde man wieder nur auf die Krankheit schauen.

Und genau davon möchte ich mich ja wenigstens zeitweise lösen.

Ich bin neugierig.

Ich bin vielseitig interessiert.

Ich beschäftige mich gern mit komplizierten Fragen.

Ich gestalte gern.

Das gehört zu meiner Persönlichkeit.

Die Krankheit hat meine Lebensumstände stark geprägt.

Sie hat mir Grenzen gesetzt.

Und sie hat die Bedeutung meiner kreativen Arbeit für meinen Alltag erheblich verstärkt.

Aber sie erklärt nicht vollständig, wer ich bin.

Und sie erklärt für mich schon gar nicht die spirituelle Quelle meiner Eingebungen.

Dafür brauche ich andere Worte.

Meine eigenen.

Zeit für Gott.

Warum ich Gott danke

Ich habe in meinem Leben sehr viel Leid erlebt.

Und trotzdem bin ich dem Göttlichen zutiefst dankbar.

Das ist kein Widerspruch, den ich unbedingt auflösen müsste.

Ich kann meine gesundheitliche Situation furchtbar finden.

Ich kann Schmerzen hassen.

Ich kann über schlechte Erfahrungen wütend sein.

Und ich kann trotzdem dankbar sein für die Inspiration, die ich in meinem Leben erfahre.

Für die Ideen.

Für die Freude am Gestalten.

Für die Menschen, die ich dadurch erreiche.

Und für die Möglichkeit, aus meinen vorhandenen Kräften etwas zu machen.

Ich empfinde meine Eingebungen als Ausdruck meiner Verbindung mit dem Göttlichen.

So verstehe ich sie.

Ich habe nicht vor, diese Überzeugung kleinzureden, nur damit sie für jeden Menschen problemlos nachvollziehbar wird.

Andere dürfen sie anders verstehen.

Aber für mich ist sie wesentlich.

Und sie gehört genauso zu meiner Lebensgeschichte wie die medizinischen Diagnosen.

Vielleicht sogar an eine Stelle, die man zunächst gar nicht erwartet.

Mitten hinein in eine Geschichte über Renaissancegemälde, Computertechnik und achtzehntausend Internetseiten.

Denn dort liegt für mich die Verbindung.

Der eigentliche rote Faden

Wenn ich heute auf meine Arbeit zurückschaue, sehe ich nicht einfach eine ungeheure Ansammlung von Webseiten.

Ich sehe meinen Lebensweg.

Ich sehe das elfjährige Mädchen, dessen Kindheit durch die Epilepsie verändert wurde.

Ich sehe die junge Frau, die trotz schwerer Anfälle Architektur studierte.

Ich sehe die Patientin, die nach Operationen wieder nach Hause kam und sich an den Computer setzte.

Ich sehe die Frau, die eine Psychose überlebte und ihre linke Hand wieder angenäht bekam.

Ich sehe die Trauernde, die ihre Mutter, ihren Vater und später ihre geliebte Bettina verlor.

Und ich sehe die Frau, die immer wieder neue Ideen entwickelte.

Neue Texte schrieb.

Neue Bilder gestaltete.

Neue Musik machte.

Nicht, weil damit alles Leid verschwunden wäre.

Sondern weil sie weiterleben wollte.

Und weil sie eine Möglichkeit gefunden hatte, diesem Leben etwas Sinnvolles abzugewinnen.

Das ist für mich der rote Faden.

Die gesundheitliche Situation ist ein wesentlicher Grund, weshalb ich mich so intensiv mit meinen Projekten beschäftige.

Meine Zeit für Gott ist nach meinem eigenen Verständnis die Quelle der Eingebungen, aus denen diese Projekte entstehen.

Und meine Arbeit ist der Weg, auf dem ich die Ideen in etwas Sichtbares, Hörbares und für andere Menschen Zugängliches verwandle.

Drei Dinge.

Ein Zusammenhang.

Und achtzehntausend Internetseiten.

Es muss nicht jeder verstehen

Ich weiß, dass andere Menschen ihre Freizeit anders gestalten.

Das ist vollkommen in Ordnung.

Ich verlange von niemandem, meine Begeisterung für Renaissancegemälde zu teilen.

Ich verlange auch nicht, dass jemand dieselbe spirituelle Erfahrung macht wie ich.

Und ich werde nicht behaupten, dass jeder Mensch mit einer schweren Erkrankung möglichst viele kreative Projekte entwickeln müsse.

Um Gottes willen!

Manche Menschen brauchen Ruhe.

Andere Musik.

Andere Gespräche.

Andere Bewegung.

Jeder muss seinen eigenen Weg finden.

Ich habe meinen gefunden.

Jedenfalls einen Weg, mit dem ich leben kann.

Und der sich für mich sinnvoll anfühlt.

Dass dabei irgendwann mehr als 18.000 Internetseiten entstanden sind, ist vielleicht ungewöhnlich.

Aber ich finde meine Lebensgeschichte ohnehin schon lange nicht mehr besonders normal.

Warum sollte ausgerechnet meine Freizeitgestaltung gewöhnlich sein?

Komm, ich zeig dir was

Vielleicht ist das der einfachste Satz, mit dem ich meine Arbeit beschreiben kann.

„Komm, ich zeig dir was.“

Ein Bild.

Ein Rätsel.

Eine Geschichte.

Ein Lied.

Eine philosophische Frage.

Ein Video.

Vielleicht etwas, das dich zum Lachen bringt.

Vielleicht etwas, das dich berührt.

Vielleicht etwas, das dich nachdenklich macht.

Ich möchte nicht, dass du meine Begeisterung übernehmen musst.

Ich möchte dir etwas anbieten.

Und vielleicht entdeckst du darin etwas, das auch für dich Bedeutung hat.

Dann hat sich meine Arbeit schon gelohnt.

Nicht, weil ich damit berühmt werde.

Nicht, weil jemand meine Leistung bewundert.

Sondern weil aus einer Idee eine Begegnung entstehen kann.

Zwischen Menschen.

Zwischen Gedanken.

Zwischen Zeiten.

Und manchmal zwischen einem heutigen Jugendlichen und einem fünfhundert Jahre alten Gemälde.

Das finde ich wunderbar.

Achtzehntausend Gründe und eine Quelle

Ich sitze wieder an meinem MacBook.

Oktober 2026.

Vor mir liegt das nächste Projekt.

Vielleicht wird daraus nur eine kleine Internetseite.

Vielleicht eine ganze Reihe.

Vielleicht ein Lied.

Vielleicht etwas vollkommen Neues.

Ich weiß es noch nicht.

Aber ich freue mich darauf.

Denn solange ich noch Ideen habe und meine Gesundheit es zulässt, möchte ich weitergestalten.

Nicht, weil ich muss.

Sondern weil es mir Freude bereitet.

Weil es mir hilft.

Und weil ich darin einen Sinn erkenne.

Meine über 18.000 Internetseiten sind mehr als 18.000 Gründe, mich nicht ausschließlich mit meiner gesundheitlichen Situation zu beschäftigen.

Und die Inspiration, aus der diese Arbeit für mich erwächst, hat einen Namen:

Zeit für Gott.

Dafür bin ich dankbar.

Und falls jetzt jemand vor meinen Internetseiten sitzt, den Kopf schüttelt und sagt:

„Susanne, achtzehntausend Seiten? Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun?“

Dann kann ich nur antworten:

„Doch. Genau das.“

Denn ich wüsste tatsächlich keine sinnvollere Alternative, als aus meinen Möglichkeiten etwas zu machen.

Und wenn du nun überhaupt keinen Bock auf Renaissance hast?

Macht nichts.

Guckst du hier!

Vielleicht findest du ja trotzdem etwas, das dich interessiert.

Und falls nicht:

Komm später wieder.

Mir fällt bestimmt noch etwas ein.

Kapitel 19

Keppra raus, Briviact rein. Und wieder zurück.

Oder: Mein Gehirn ist mit Medikamentenwechseln nicht besonders einverstanden.

Sechzehn Jahre.

So lange hatte ich Keppra genommen.

Seit April 2002.

Ein Medikament gegen meine Epilepsie, das mir auf der einen Seite ausgesprochen geholfen hatte, auf der anderen Seite jedoch auch erhebliche Probleme verursachte.

Vor allem psychische.

Ich hatte unter Keppra schwere Psychosen erlebt.

Und wer die entsprechenden Kapitel dieses Buches gelesen hat, weiß inzwischen, dass das nicht irgendwelche kleinen Befindlichkeitsstörungen waren.

Das waren Zustände, in denen mein ganzes Leben aus den Fugen geraten konnte.

Entsprechend ernst nahm ich diese Nebenwirkungen.

Meine Neurologen ebenfalls.

Wir hatten also ein Problem.

Das Medikament, das mir gegen meine Epilepsie half, hatte zugleich eine Seite, die ich nicht dauerhaft hinnehmen wollte.

Was macht man in einer solchen Situation?

Man sucht nach einer Alternative.

Und genau das taten wir.

Wäre es nicht schön, wenn …

Ich hätte mir ja Folgendes gewünscht:

Ein Medikament, das meine epileptischen Anfälle zuverlässig verhindert.

Mich nicht müde macht.

Keine Psychosen verursacht.

Meine Konzentration nicht beeinträchtigt.

Meine Stimmung in Ruhe lässt.

Und meine Kreativität schon gar nicht antastet.

Wäre doch eine hübsche Sache gewesen.

Meine Neurologen hätten mir eine Schachtel überreicht.

Ich hätte die Tabletten genommen.

Mein Gehirn hätte sich bedankt.

Und alle wären glücklich gewesen.

Leider funktioniert Epilepsiebehandlung nicht so.

Zumindest nicht bei mir.

Bei mir war es über Jahrzehnte eine schwierige Angelegenheit, zwischen Wirkung und Nebenwirkung überhaupt einen einigermaßen erträglichen Zustand zu finden.

Und so kamen wir irgendwann auf Briviact.

Briviact – der vielversprechende Verwandte

Briviact enthält den Wirkstoff Brivaracetam.

Keppra enthält Levetiracetam.

Beide Wirkstoffe sind miteinander verwandt und werden zur Behandlung epileptischer Anfälle eingesetzt.

Wir erhofften uns von Briviact insbesondere eine bessere psychische Verträglichkeit.

Das war für mich der entscheidende Punkt.

Ich wollte meine Anfälle weiterhin behandeln.

Aber ich wollte nach Möglichkeit von den dramatischen psychischen Nebenwirkungen wegkommen, die ich mit Keppra erlebt hatte.

Es gab auch andere Medikamente, über die wir sprachen.

Fycompa beispielsweise.

Aber wegen der möglichen Nebenwirkungen kam dieses Präparat für mich nicht infrage.

Ich probierte es nicht aus.

Mit Briviact dagegen wollten wir es versuchen.

Gemeinsam.

Meine behandelnden Neurologen, Dr. Florian Losch und Professor Bettina Schmitz vom Vivantes Humboldt-Klinikum, begleiteten die Umstellung.

Ich habe beiden auf meiner damaligen Internetseite ausdrücklich dafür gedankt.

Denn das war kein kleiner Versuch, bei dem man einfach eine Tablette gegen eine andere austauschte.

Das war eine langwierige Angelegenheit.

30. August 2018

An diesem Tag begann die Umstellung.

Ich nahm Keppra damals seit mehr als sechzehn Jahren.

Mein Körper und mein Gehirn waren an dieses Medikament gewöhnt.

Und nun wollten wir es allmählich durch Briviact ersetzen.

Der Plan sah eine schrittweise Umstellung vor.

Wöchentlich, jeweils samstags, wurde die Keppra-Dosis um 250 Milligramm reduziert und die Briviact-Dosis entsprechend dem vorgesehenen Plan erhöht.

250 Milligramm Keppra weniger.

25 Milligramm Briviact mehr.

Und das über Wochen.

Ich hatte natürlich einen Anfallskalender.

Den führe ich schließlich nicht zum Spaß.

Darin konnte ich dokumentieren, wie es mir ging, welche Anfälle auftraten und welche Veränderungen ich bemerkte.

Und weil ich ohnehin nicht nur in medizinischen Kategorien denke, begann ich außerdem, meine Erfahrungen künstlerisch zu verarbeiten.

Mein Gehirn schreit

Am 14. Oktober 2018 ging es mir so, dass ich dazu ein Bild gestaltete.

In Anlehnung an Edvard Munchs Der Schrei.

Das fand ich ausgesprochen passend.

Denn Munch hatte zwar vermutlich nicht meine Medikamentenumstellung im Sinn gehabt, als er sein berühmtes Bild malte.

Aber wenn man wissen wollte, wie sich mein Gehirn damals anfühlte, war diese Darstellung gar nicht schlecht.

Ich machte weitere Bilder.

Bearbeitete Medikamentenpackungen.

Verwendete Motive aus der Kunstgeschichte.

Unter anderem Caravaggios Medusa.

Die arme Medusa bekam von mir einen passenden Schriftzug in den Mund gesetzt.

Das war meine Art, mit der Situation umzugehen.

Ich dokumentierte nicht nur Milligramm und Anfälle.

Ich machte Bilder aus dem, was ich erlebte.

Man könnte sagen, mein Gehirn lieferte die Nebenwirkungen und ich die künstlerische Bearbeitung.

Eine Zusammenarbeit, auf die ich allerdings gern verzichtet hätte.

Die letzten 250 Milligramm

Am 12. Oktober 2018 nahm ich meine letzte 1000-Milligramm-Tablette Keppra.

Die Umstellung ging weiter.

Woche für Woche.

Am 17. November begann die letzte Woche mit nur noch 250 Milligramm Keppra am Abend.

Und am 23. November 2018 war es schließlich so weit.

Die letzten 250 Milligramm.

Nach mehr als sechzehn Jahren.

Ich hatte Keppra ausgeschlichen.

Nun sollte Briviact die antiepileptische Behandlung übernehmen.

Meine damalige Medikation enthielt außerdem Vimpat und Risperdal sowie weitere Medikamente wegen meiner anderen Erkrankungen.

Es war also keineswegs so, dass ich plötzlich nur noch eine einzige Tablette nehmen musste.

Aber Keppra war zunächst weg.

Und ich war gespannt, was nun passieren würde.

18. Dezember 2018

Knapp vier Wochen später schrieb ich auf meiner Homepage über den bisherigen Verlauf.

Ich hatte den Eindruck, mein Gehirn vermisse Keppra.

Kopfschmerzen.

Übelkeit.

Und psychisch war ich seit ungefähr vier Wochen dünnhäutiger.

Ich war also nicht etwa von einem Tag auf den anderen in einem wunderbaren neuen Zustand angekommen.

Im Gegenteil.

Die ganze Sache gestaltete sich schwierig.

Ich wartete weiter ab.

Denn natürlich wusste ich, dass eine solche Umstellung Zeit braucht.

Nach sechzehn Jahren konnte ich nicht erwarten, dass von heute auf morgen alles anders sein würde.

Also beobachtete ich.

Dokumentierte.

Und versuchte herauszufinden, wie sich der neue Zustand entwickelte.

8. Januar 2019

Anfang Januar aktualisierte ich meinen Anfallskalender.

Und zunächst gab es tatsächlich etwas Erfreuliches.

Die Anfälle waren weniger geworden.

Das war immerhin etwas.

Aber psychisch ging es mir weiterhin nicht gut.

Ich beschrieb erhebliche Beschwerden während der Umstellung.

Nach all den Jahren mit Keppra war mein Befinden noch immer nicht wieder so, wie ich es mir gewünscht hatte.

Also wartete ich weiter.

Denn ich wollte der neuen Behandlung eine faire Chance geben.

Schließlich hatten wir diesen Versuch nicht ohne Grund begonnen.

Wir wollten etwas verbessern.

Nicht einfach nur die Namen auf meinen Tablettenschachteln austauschen.

Zehn Monate später

Am 19. September 2019 schrieb ich eine ausführlichere Bilanz.

Seit dem 24. November 2018 nahm ich Briviact ohne Keppra.

Fast zehn Monate waren vergangen.

Zehn Monate Hoffen.

Beobachten.

Vergleichen.

Und allmählich machte sich Ernüchterung breit.

Ich notierte eine ganze Reihe von Beschwerden.

Zweimal hatte ich psychotische Störungen erlebt.

Ich war extrem schnell erschöpft.

Manchmal schon von Kleinigkeiten.

Mein Gang war unsicher.

Im Straßenverkehr fühlte ich mich ängstlicher.

Ich war psychisch dünnhäutig.

Dazu kamen Interessenlosigkeit, Schlafstörungen, Schweißausbrüche und weitere körperliche Beschwerden.

Und dann schrieb ich etwas, das mir heute besonders auffällt.

„Kreativität absolut zusammengeschmolzen, z. B. sehr wenig neue Homepageideen.“

Dieser Satz sagt über meinen damaligen Zustand ungeheuer viel aus.

Wo sind meine Ideen geblieben?

Wer das vorherige Kapitel dieses Buches gelesen hat, weiß inzwischen, welche Bedeutung meine kreative Arbeit für mich hat.

Meine Homepage.

Meine Texte.

Meine Bilder.

Meine Kunstgeschichte.

Meine technischen Experimente.

All die Dinge, mit denen ich mich beschäftige, um nicht den ganzen Tag über meine Erkrankungen nachdenken zu müssen.

Und plötzlich stellte ich fest, dass mir kaum noch etwas einfiel.

Das war für mich keine belanglose Nebenerscheinung.

Denn meine Kreativität gehört zu meinem Leben.

Sie ist eine meiner wichtigsten Möglichkeiten, mich mit etwas Sinnvollem zu beschäftigen.

Und ich erlebe meine Inspiration als etwas, das aus meiner Zeit für Gott, aus meiner Verbindung mit dem Göttlichen erwächst.

Natürlich blieb diese Überzeugung bestehen.

Aber mein damaliger Zustand erschwerte mir die kreative Arbeit erheblich.

Ich hatte weniger Antrieb.

Weniger Interesse.

Weniger Energie.

Und deutlich weniger Ideen für meine Homepage.

Das war schlimm für mich.

Denn ich wollte ja gerade nicht nur meine epileptischen Anfälle behandeln.

Ich wollte auch leben.

Und zu meinem Leben gehörte nun einmal, dass ich etwas erschuf.

Briviact war auch nicht das Gelbe vom Ei

Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass sich meine Erwartungen nicht erfüllt hatten.

Wir hatten Keppra wegen seiner problematischen psychischen Nebenwirkungen ersetzen wollen.

Aber nun saß ich mit einem anderen Medikament da und hatte erneut erhebliche Beschwerden.

Auch psychische.

Und meine Anfallsfrequenz war nach meiner damaligen Einschätzung nur etwas besser geworden.

Das Verhältnis zwischen Nutzen und Belastung stimmte für mich nicht.

Ich schrieb schließlich, dass mir Keppra trotz seiner Vor- und Nachteile besser gefallen hatte.

Und einen Satz, der ziemlich deutlich war:

Mit Keppra hatte ich mehr Power.

Das war keine romantische Verklärung eines Medikaments, mit dem ich schwere Probleme erlebt hatte.

Die kannte ich schließlich aus eigener Erfahrung.

Aber ich konnte vergleichen.

Ich kannte meinen Zustand unter Keppra.

Und ich kannte inzwischen meinen Zustand unter Briviact.

Und nach diesen zehn Monaten kam ich zu dem Schluss, dass ich mit Briviact nicht zufrieden war.

Zurück auf Anfang?

Nun stand die nächste Frage im Raum.

Sollte ich wieder Keppra nehmen?

Ausgerechnet das Medikament, von dem wir wegen seiner psychischen Nebenwirkungen hatten wegkommen wollen?

Zunächst war ich noch unsicher.

Denn die Entscheidung war nicht einfach.

Ich hatte sechzehn Jahre Keppra hinter mir.

Dann mehrere Monate Ausschleichen und Umstellen.

Und inzwischen fast zehn Monate Erfahrung mit Briviact.

Das war eine lange Zeit.

Viel Geduld.

Viele Beschwerden.

Viele Beobachtungen.

Und nun sollte es möglicherweise wieder zurückgehen.

Aber eine Behandlung nur deshalb fortzuführen, weil man bereits so viel Zeit hineingesteckt hatte, erschien mir auch nicht sinnvoll.

Entscheidend war doch, wie es mir damit ging.

Und mir ging es nicht gut.

24. September 2019

Schließlich war die Entscheidung gefallen.

Am 24. September 2019 begann ich wieder, Keppra langsam einzuschleichen.

Damit wurde Briviact abgelöst.

Die ganze Umstellung hatte über ein Jahr meines Lebens in Anspruch genommen.

Von August 2018 bis September 2019.

Und der Rückweg musste ebenfalls sorgfältig erfolgen.

Ich konnte schließlich nicht einfach morgens aufwachen und meinem Gehirn mitteilen:

„So, mein Freund. War nett mit Briviact. Ab heute machen wir wieder Keppra.“

Das hätte mein Gehirn vermutlich für einen ausgesprochen schlechten Witz gehalten.

Also ging es erneut Schritt für Schritt.

Wieder die Alte

Später schrieb ich in meiner Lebensgeschichte über diese Entscheidung.

Anfallsmäßig war es nicht unbedingt besser geworden.

Aber ich hatte wieder ein Gefühl, das mir sehr wichtig war.

Ich fühlte mich wieder mehr wie die Alte.

Das war für mich eine entscheidende Beobachtung.

Nicht, weil Keppra plötzlich sämtliche Probleme gelöst hätte.

Das hatte es nicht.

Und ich vergaß auch nicht die schweren psychischen Nebenwirkungen, die ich damit erlebt hatte.

Aber ich fühlte mich mit der Rückkehr zu Keppra wieder wohler als während der Briviact-Behandlung.

Ich hatte mehr von jener Energie und Kreativität zurück, die ich so vermisst hatte.

Und damit hatte der ganze Versuch wenigstens eines gebracht.

Eine Erfahrung.

Eine sehr aufwendige.

Und eine, auf die ich nicht unbedingt scharf gewesen war.

Was ein Medikamentenwechsel wirklich kostet

Wenn man über eine Medikamentenumstellung spricht, klingt das zunächst recht übersichtlich.

Ein Medikament wird ausgeschlichen.

Ein anderes eingeschlichen.

Dann schaut man, wie es wirkt.

So weit die Theorie.

In der Praxis kann so etwas viele Monate des eigenen Lebens beanspruchen.

Man muss Beschwerden aushalten.

Veränderungen beobachten.

Termine wahrnehmen.

Entscheidungen treffen.

Und manchmal feststellen, dass sich die ganze Mühe nicht so ausgezahlt hat, wie man gehofft hatte.

Bei mir kam hinzu, dass psychische Nebenwirkungen eine ganz besondere Bedeutung hatten.

Ich hatte erlebt, wie dramatisch solche Zustände werden konnten.

Deshalb war die Suche nach einer besser verträglichen Behandlung für mich wichtig.

Und deshalb war die Enttäuschung über Briviact auch so groß.

Wir hatten eine Verbesserung gesucht.

Aber die erhoffte Verbesserung blieb aus.

Jedenfalls nicht in einer Form, mit der ich zufrieden gewesen wäre.

Meine Ärzte und ich

Eine Sache möchte ich dabei ausdrücklich hervorheben.

Diese Entscheidung habe ich nicht gegen meine Ärzte getroffen.

Wir haben gemeinsam überlegt.

Gemeinsam geplant.

Die Behandlung angepasst.

Und den Verlauf beobachtet.

Ich war keine Patientin, die einfach nur das hinnahm, was man ihr sagte.

Aber meine Ärzte waren auch nicht irgendwelche Gegner, gegen die ich mich behaupten musste.

Wir wollten dasselbe.

Eine möglichst gute Behandlung meiner Epilepsie.

Mit möglichst erträglichen Nebenwirkungen.

Und mit einer Lebensqualität, die diesen Namen auch verdient.

Ich bin Dr. Florian Losch und Professor Bettina Schmitz für ihre Begleitung dankbar.

Dass ein Behandlungsversuch nicht das gewünschte Ergebnis bringt, bedeutet schließlich nicht automatisch, dass es falsch war, ihn zu unternehmen.

Wir hatten gute Gründe dafür.

Und anschließend mussten wir mit den Erfahrungen umgehen, die wir gemacht hatten.

Mein Anfallskalender

Ich führe seit Jahrzehnten Aufzeichnungen über meine Epilepsie.

Über Anfälle.

Auren.

Medikamente.

Beschwerden.

Und Veränderungen meines Befindens.

Manchmal sind diese Aufzeichnungen ausgesprochen nüchtern.

Ein Datum.

Eine Uhrzeit.

Eine Dosis.

Ein Symptom.

Aber dahinter steht immer ein tatsächlicher Tag meines Lebens.

Und gerade bei der Umstellung von Keppra auf Briviact waren diese Aufzeichnungen für mich wichtig.

Sie halfen mir, Entwicklungen nachzuvollziehen.

Zu vergleichen.

Und meine Erfahrungen bei den Arztgesprächen einzubringen.

Ich finde, dass Patienten mit chronischen Erkrankungen häufig sehr viel über ihren eigenen Verlauf wissen.

Nicht unbedingt über jede biochemische Einzelheit eines Wirkstoffes.

Aber darüber, wie es ihnen damit geht.

Ob sie schlafen können.

Ob sie müde sind.

Ob sich ihre Stimmung verändert.

Ob sie sich konzentrieren können.

Und ob sie noch Freude an den Dingen haben, die ihnen wichtig sind.

Das gehört für mich zu einer guten Behandlung dazu.

Mein Gehirn hat auch ein Mitspracherecht

Ich habe meine Epilepsie seit meinem elften Lebensjahr.

Inzwischen bin ich 61.

Das sind fünfzig Jahre.

Ein halbes Jahrhundert.

In dieser Zeit habe ich zahlreiche Medikamente kennengelernt.

Manche haben mir geholfen.

Manche hatten unerträgliche Nebenwirkungen.

Und manche brachten beides gleichzeitig mit.

Mein Gehirn ist eben kein besonders einfacher Mitbewohner.

Es hat eigene Vorstellungen.

Eigene Befindlichkeiten.

Und gelegentlich hält es seine Bedürfnisse offenbar für wichtiger als meine.

Ich hätte durchaus gern einmal eine Besprechung mit ihm.

„Also, Gehirn. Folgende Situation: Wir möchten weniger Anfälle, keine Psychosen, keine Kopfschmerzen und möglichst ein bisschen Lebensfreude.“

Mein Gehirn würde wahrscheinlich antworten:

„Ich werde den Antrag prüfen.“

„Wie lange dauert das?“

„Ungefähr zehn Monate.“

„Und dann?“

„Dann bin ich möglicherweise dagegen.“

So ungefähr fühlte sich die Briviact-Geschichte jedenfalls an.

Kein Wundermittel

Ich hätte mir gewünscht, dass Briviact die erhoffte Alternative wird.

Wirklich.

Denn ich hatte gute Gründe, Keppra ersetzen zu wollen.

Aber ich musste feststellen, dass auch Briviact für mich erhebliche Nachteile hatte.

Also ging ich wieder zurück.

Das war keine Niederlage.

Es war das Ergebnis eines langen Behandlungsversuchs.

Und es gehört zu meiner Lebensgeschichte.

Denn meine Epilepsie besteht nicht nur aus einzelnen Anfällen.

Sie besteht auch aus all den Jahren dazwischen.

Aus den Versuchen, die Erkrankung möglichst gut zu behandeln.

Aus der Hoffnung auf Verbesserungen.

Und aus der Erkenntnis, dass man manchmal einen Schritt zurückgehen muss, obwohl man eigentlich vorwärtskommen wollte.

Und die Homepage?

Die baute ich weiter.

Natürlich.

Denn ich hatte ja weiterhin über 18.000 gute Gründe, mich mit etwas anderem als meiner Krankheit zu beschäftigen.

Damals waren es noch weniger Seiten.

Aber die Idee war dieselbe.

Ich wollte gestalten.

Denken.

Schreiben.

Und mich mit den Dingen beschäftigen, die mir Freude machten.

Als mir unter Briviact immer weniger Homepageideen kamen, merkte ich besonders deutlich, wie wichtig mir das alles war.

Und als ich mich nach der Rückkehr zu Keppra wieder mehr wie die Alte fühlte, gehörte genau diese schöpferische Seite zu meinem Erleben.

Vielleicht zeigt das die ganze Geschichte besser als jede Medikamententabelle.

Es ging nicht nur darum, wie viele Anfälle ich hatte.

Es ging auch darum, wie viel von meinem Leben zwischen den Anfällen noch möglich war.

Und wie ich mich dabei fühlte.

Ein Jahr und eine Erkenntnis

Von August 2018 bis September 2019 hatte ich sehr viel Zeit damit verbracht, ein Medikament auszutauschen.

Und schließlich wieder zurückzuwechseln.

Ich hätte diese Zeit natürlich lieber mit angenehmeren Dingen verbracht.

Mit Kunstgeschichte beispielsweise.

Oder mit einer neuen Internetseite.

Vielleicht mit Raffael.

Der ist wenigstens nicht dafür bekannt, seinen Betrachtern pharmakologische Nebenwirkungen zu verursachen.

Obwohl ich mir vorstellen kann, dass einem Kunsthistoriker nach der hundertsten Diskussion über die Schule von Athen ebenfalls der Kopf raucht.

Aber so war mein Leben nun einmal.

Die Epilepsie stellte Anforderungen.

Wir versuchten, Lösungen zu finden.

Und ich musste mit den Ergebnissen leben.

Was ich aus dieser Geschichte mitgenommen habe, ist eigentlich ziemlich einfach.

Ein Medikament muss für mich nicht nur gegen Anfälle wirken. Ich muss mit ihm auch leben können.

Mit meinem Denken.

Mit meiner Persönlichkeit.

Mit meiner Kreativität.

Mit meiner Freude an den Dingen, die mir wichtig sind.

Denn ich nehme meine Medikamente schließlich nicht, um anschließend nur noch Medikamente zu nehmen.

Ich nehme sie, damit ich leben kann.

Und wenn ich dann wieder an meinem Computer sitze und mir eine neue Idee kommt, freue ich mich.

Nicht über die Epilepsie.

Nicht über die Nebenwirkungen.

Und ganz bestimmt nicht über ein Jahr Medikamentenwechsel.

Sondern darüber, dass ich wieder etwas tun kann, das mir Freude macht.

Vielleicht wird daraus ein Bilderrätsel.

Vielleicht eine Internetseite.

Vielleicht etwas völlig anderes.

Mein Gehirn darf sich gern daran beteiligen.

Aber bitte diesmal ohne Psychose.

Kapitel 20

Zweihundert Meter bis zur Erschöpfung

Oder: Wie mir zwischen Corona, Opiatentzug und immer neuen Erkrankungen die Luft zum Leben fehlte

Berlin, am Neuköllner Schifffahrtskanal.

Ich gehe spazieren.

Eigentlich ist das nichts Besonderes.

Ich wohne am Kanal. Ich kenne diesen Weg. Ich kenne die Bäume, das Wasser, die Schiffe und die Geräusche.

Ich bin gern draußen.

Ich liebe die Natur.

Und manchmal möchte ich einfach nur ein bisschen laufen.

Den Kopf freibekommen.

Etwas anderes sehen als meine Wohnung.

Aber nach ungefähr zweihundert Metern ist Schluss.

Ich kann nicht mehr.

Nicht, weil ich keine Lust mehr habe.

Nicht, weil ich mich nicht genügend anstrenge.

Sondern weil ich körperlich vollkommen erschöpft bin.

Zweihundert Meter.

Früher bin ich kilometerweit gelaufen.

Und nun stehe ich hier und merke, dass mein Körper nicht einmal mehr einen kleinen Spaziergang bewältigt.

Das ist eine Erfahrung, die man einem gesunden Menschen nur schwer erklären kann.

Denn Erschöpfung kennt jeder.

Man ist müde.

Hat schlecht geschlafen.

Vielleicht zu viel gearbeitet.

Dann ruht man sich aus und macht weiter.

Aber diese Erschöpfung ist anders.

Sie ist tief.

Umfassend.

Manchmal geradezu lähmend.

Es ist, als wäre die verfügbare Energie plötzlich aufgebraucht.

Und als ließe sich daran durch guten Willen überhaupt nichts ändern.

Ich habe damals zunehmend verstanden, was Menschen meinen, wenn sie von Long COVID und ME/CFS-artiger Belastungsintoleranz sprechen.

Vor allem habe ich verstanden, dass mein Körper nach einer COVID-Erkrankung nicht einfach wieder derselbe war.

Und dass die Sache nicht nach zwei Wochen vorbei sein würde.

Aber um zu erklären, wie ich dort am Kanal gelandet bin, muss ich ein Stück zurückgehen.

Ins Jahr 2020.

Elf Jahre Handschmerz

Seit März 2009 hatte ich unter schweren neuropathischen Schmerzen in meiner linken Hand gelitten.

Damals hatte ich mir während einer Psychose die Hand schwer verletzt und sie musste in einer aufwendigen Operation wieder angenäht werden.

Die Leser dieses Buches kennen die Geschichte inzwischen.

Was danach kam, waren weitere Operationen, Behandlungen und eine lange Zeit mit Schmerzen.

Schmerzen, die manchmal kaum auszuhalten waren.

Ich nahm deswegen Hydromorphon.

Ein starkes Opioid.

Zunächst in kleineren Dosierungen.

Dann mehr.

Schließlich erhielt ich unter anderem Jurnista, ein retardiertes Hydromorphonpräparat mit langer Wirkdauer.

Ich hatte mit 1,3 Milligramm begonnen, später zwei Milligramm genommen und war schließlich bei vier Milligramm angekommen.

Und irgendwann reichten auch diese vier Milligramm nicht mehr aus.

Der Schmerz war weiterhin da.

Heftig.

Quälend.

Und nun stand die Frage im Raum, ob ich die Dosis erhöhen sollte.

Acht Milligramm.

Das wollte ich nicht.

Ich hatte keine Lust, mich immer weiter in eine Behandlung mit steigenden Opioiddosen hineinzubewegen.

Ich wollte nicht irgendwann bei immer stärkeren Schmerzmitteln ankommen.

Fentanyl beispielsweise war für mich etwas, das ich unbedingt vermeiden wollte.

Ich wollte aus dieser Entwicklung heraus.

Aber wie?

Die Hand tat schließlich weh.

Und zwar nicht ein bisschen.

Sondern so, dass ich seit Jahren starke Schmerzmittel benötigte.

Sabine, hilf mir

Ich kannte die Theologin Professor Dr. Sabine Bobert aus Kiel.

Ich wusste um ihre Beschäftigung mit Mystik und spiritueller Heilung.

Und irgendwann war ich mit meinen Handschmerzen an einem Punkt angekommen, an dem ich sie um Hilfe bat.

Ich schrieb ihr eine E-Mail.

Sinngemäß:

Sabine, es ist gerade alles furchtbar. Meine Hand tut so weh, dass die vier Milligramm Hydromorphon nicht mehr ausreichen. Ich möchte die Dosis nicht erhöhen.

Wenn du kannst, hilf mir.

Nimm mir bitte diesen Handschmerz.

Das war keine theoretische theologische Diskussion.

Es war eine Bitte aus einer sehr konkreten Not heraus.

Ich hatte seit mehr als elf Jahren mit diesen Schmerzen gelebt.

Und ich wollte nicht, dass sich meine Situation durch immer höhere Schmerzmitteldosen weiter verschärfte.

Was dann geschah, gehört zu den Erfahrungen meines Lebens, für die ich zutiefst dankbar bin.

Am 25./26. August 2020 hat die Theologin Prof. Dr. Sabine Bobert aus Kiel meinen Handschmerz mittels spiritueller Energieübertragung zum Verschwinden gebracht. Ich bin ihr unendlich dankbar.

Am nächsten Tag, gegen 14 Uhr, war der Schmerz weg.

Vollständig.

Ich musste das erst einmal begreifen.

Dieser Schmerz, der mich seit 2009 begleitet hatte.

Der so viele medizinische Behandlungen notwendig gemacht hatte.

Für den ich Hydromorphon nahm.

Er war plötzlich verschwunden.

Für mich war das eine tiefgreifende spirituelle Erfahrung.

Und zugleich eine ganz praktische Veränderung meines Alltags.

Denn ich musste nicht mehr gegen diesen furchtbaren Handschmerz ankämpfen.

Erst einmal abwarten

Natürlich habe ich nicht sofort meine Hydromorphontabletten weggeworfen.

Das wäre nach jahrelanger Einnahme auch keine vernünftige Entscheidung gewesen.

Ich war vorsichtig.

Ich nahm meine vier Milligramm zunächst weiter.

Und beobachtete.

Ich wollte sehen, ob der Schmerz zurückkommen würde.

Ob das Verschwinden anhielt.

Und wie es mir insgesamt ging.

Nach einer so langen Zeit mit schweren Schmerzen ist es schließlich nicht selbstverständlich, sich plötzlich auf einen schmerzfreien Zustand einzustellen.

Man hat gelernt, mit dem Schmerz zu leben.

Den Tag um ihn herum zu organisieren.

Medikamente einzunehmen.

Auf Veränderungen zu achten.

Und nun war diese Belastung fort.

Aber die jahrelange Einnahme von Hydromorphon war damit noch nicht erledigt.

Das Medikament war ja weiterhin da.

Und mein Körper war daran gewöhnt.

23. November 2020

An diesem Tag begann ich, das Hydromorphon vorsichtig und schrittweise zu reduzieren.

Ich wollte schließlich auf null Milligramm kommen.

Kein Jurnista mehr.

Kein Hydromorphon.

Nach Jahren der Schmerzmittelbehandlung.

Ich machte diesen Entzug zu Hause.

Privat.

Und er hatte es in jeder Hinsicht in sich.

Wer längere Zeit Opioide eingenommen hat, weiß, dass der Körper auf die Reduktion reagieren kann.

Ich erlebte diese Zeit als außerordentlich belastend.

Ich hatte mir das Ganze anders gewünscht.

Der Handschmerz war verschwunden.

Eigentlich hätte nun eine Phase der Erleichterung beginnen können.

Eine Zeit, in der ich mich langsam von der jahrelangen Schmerzmittelbehandlung löste.

In der ich zur Ruhe kommen konnte.

Vielleicht endlich wieder etwas mehr Lebensqualität gewann.

Aber dazu kam es nicht.

Denn praktisch gleichzeitig traf uns die nächste Katastrophe.

Bettina kommt aus dem Krankenhaus

Bettina war im Krankenhaus gewesen.

Sie hatte eine Spenderniere.

Sie war schwer zuckerkrank.

Und sie gehörte damit zu den Menschen, um deren Gesundheit ich mir besonders große Sorgen machte.

Im Jahr 2020 war COVID-19 noch eine neue, beängstigende Erkrankung.

Wir wussten längst nicht alles darüber.

Aber wir wussten, dass Menschen mit schweren Vorerkrankungen besonders gefährdet sein konnten.

Bettina kam aus der Charité nach Hause.

Und sie hatte Corona.

Nach unserer damaligen Erfahrung hatte sie sich während des Krankenhausaufenthalts angesteckt.

Und dann steckte sie mich an.

Damit saßen wir plötzlich zu zweit in unserer Wohnung.

Beide krank.

Beide mit einer komplizierten gesundheitlichen Vorgeschichte.

Und ich befand mich gleichzeitig mitten in meinem Hydromorphon-Entzug.

3. Dezember 2020

An diesem Tag wurden wir beide positiv auf das Coronavirus getestet.

Das Gesundheitsamt Neukölln bestätigte die Infektionen.

Und nun ging es los.

Ich hatte schon viele Erkrankungen erlebt.

Eine schwere Epilepsie.

Eine Gehirnblutung.

Zahlreiche Operationen.

Psychosen.

Schmerzen.

Aber dieses Krankheitsgefühl war anders.

Ich merkte sehr schnell, dass ich es nicht mit einer gewöhnlichen Erkältung zu tun hatte.

Es fühlte sich an, als wäre mein gesamter Körper betroffen.

Nicht nur die Atemwege.

Nicht nur der Kopf.

Nicht nur die Muskeln.

Sondern alles gleichzeitig.

Schmerzen.

Erschöpfung.

Ein schweres allgemeines Krankheitsgefühl.

Und dazu diese eigenartigen Veränderungen meines Denkens.

Ich war schwer krank.

Und ich konnte oft kaum auseinanderhalten, welche Beschwerden gerade im Vordergrund standen.

Der Opioidentzug?

Corona?

Meine ohnehin komplizierte neurologische Vorgeschichte?

Ich wusste nur, wie schlecht es mir ging.

Und dass mir allmählich die Kraft fehlte, das alles auszuhalten.

Ich wusste zeitweise nicht einmal mehr meinen Namen

Das Erschreckendste waren für mich die kognitiven und neuropsychologischen Probleme.

Ich bin ein Mensch, der gern denkt.

Ich lese.

Ich schreibe.

Ich beschäftige mich mit Philosophie.

Mit Kunstgeschichte.

Mit Technik.

Mit Religion.

Ich kann mich stundenlang mit schwierigen Fragen auseinandersetzen.

Aber während dieser Krankheitsphase funktionierte mein Denken zeitweise überhaupt nicht mehr so, wie ich es kannte.

Manchmal wusste ich nicht einmal mehr meinen eigenen Namen.

Ich konnte mich schlecht konzentrieren.

Informationen kaum aufnehmen.

Mein Gedächtnis ließ mich im Stich.

Meine Reaktionen waren verlangsamt.

Und ich fühlte mich teilweise vollkommen hilflos.

Das war furchtbar.

Denn wenn ein Mensch Schmerzen hat, kann er wenigstens versuchen, darüber nachzudenken, was er dagegen unternehmen könnte.

Aber was macht man, wenn gerade dieses Nachdenken nicht mehr zuverlässig funktioniert?

Wenn man einen Gedanken beginnen möchte und nicht mehr richtig weiterkommt?

Wenn man merkt, dass etwas im eigenen Kopf nicht stimmt?

Ich kannte neurologische Ausfälle aus meiner bisherigen Lebensgeschichte.

Aber das hier hatte für mich eine neue Qualität.

Ich war nicht einfach nur müde.

Ich war kognitiv schwer beeinträchtigt.

Und ich hatte Angst davor, wie lange dieser Zustand anhalten würde.

Professor Moskopp

In dieser Situation half mir Professor Dr. Dag Moskopp vom Vivantes Klinikum im Friedrichshain.

Er kannte meine komplizierte neurologische Vorgeschichte.

Meine Hirnaneurysmen.

Die Operationen.

Die Epilepsie.

Und nun auch meine aktuelle Erkrankung.

Wir telefonierten.

Er verordnete mir für drei Tage hoch dosiertes Dexamethason.

Ein Cortisonpräparat.

Und damit ich es noch am selben Abend erhielt, ließ er es mir mit einem Taxi aus dem Krankenhaus nach Hause bringen.

Das werde ich nicht vergessen.

Denn ich war zu diesem Zeitpunkt schwer krank und wollte nach Möglichkeit keinen weiteren Krankenhausaufenthalt.

Ich hatte von Krankenhäusern schließlich bereits mehr als genug erlebt.

Und nun bekam ich diese Behandlung ambulant organisiert.

Nach meiner Erfahrung half mir das Dexamethason erheblich.

Ich war Professor Moskopp dafür außerordentlich dankbar.

Aber damit war die Geschichte keineswegs zu Ende.

Denn die akute Infektion war nur der Anfang einer wesentlich längeren Erkrankung.

Die Krankheit bleibt

Irgendwann war die unmittelbare COVID-Infektion überstanden.

Die Tests waren nicht mehr positiv.

Aber ich war nicht gesund.

Längst nicht.

Ich hatte weiterhin Beschwerden.

Und nicht nur eine oder zwei.

Mein Geruchssinn war beeinträchtigt.

Mein Geschmackssinn ebenfalls.

Ich war erschöpft.

Hatte Schlafstörungen.

Kopfschmerzen.

Probleme mit der Konzentration.

Mit dem Gedächtnis.

Mit der Stimme.

Und später auch erhebliche Beschwerden im Bereich des Herzens.

Das alles zog sich hin.

Wochen.

Monate.

Und irgendwann musste ich mich mit der Vorstellung auseinandersetzen, dass diese Erkrankung nicht einfach wieder verschwinden würde.

Long COVID.

Ein Begriff, hinter dem sich für mich ein ganz konkreter Verlust an Lebensqualität verbarg.

Zweihundert Meter

Und damit komme ich zurück an den Kanal.

Zu meinen Spaziergängen.

Ich wollte raus.

Ein bisschen laufen.

Die Luft genießen.

Die Natur sehen.

Aber mein Körper machte nicht mit.

Nach vielleicht zweihundert Metern war ich vollkommen erschöpft.

Manchmal musste ich meine Vorhaben abbrechen, bevor ich überhaupt richtig angefangen hatte.

Das war schwer zu akzeptieren.

Nicht, weil ich unbedingt sportliche Höchstleistungen erbringen wollte.

Darum ging es überhaupt nicht.

Ich wollte einfach nur spazieren gehen.

Etwas, das für viele Menschen selbstverständlich ist.

Aber für mich war es plötzlich eine enorme Belastung.

Dazu kam die Erfahrung, dass sich Beschwerden durch Anstrengung verstärken konnten.

Ich beschäftigte mich deshalb auch mit ME/CFS und den entsprechenden Formen von Belastungsintoleranz.

Denn die Erschöpfung war nicht mit gewöhnlicher Müdigkeit vergleichbar.

Ich konnte nicht einfach beschließen, dass ich nun wieder mehr Energie haben würde.

Die Kraft war weg.

Und manchmal blieb sie weg, obwohl ich mich längst ausgeruht hatte.

Juli 2021

Ich wollte verstehen, was mit meinem Denken geschah.

Also beschäftigte ich mich auch mit Möglichkeiten, meine kognitiven Fähigkeiten zu testen und zu trainieren.

Unter anderem verwendete ich CogniFit.

Eine Anwendung, die unterschiedliche Bereiche der geistigen Leistungsfähigkeit untersucht.

Am 6. Juli 2021 hatte ich dort ein ausgesprochen merkwürdiges Ergebnis.

Meine Verarbeitungsgeschwindigkeit erreichte 800 von 800 Punkten.

Meine kognitive Flexibilität 793.

Auch bei geteilter Aufmerksamkeit und Kurzzeitgedächtnis hatte ich in diesem Test hohe Werte.

Aber dann kamen andere Bereiche.

Fokussierte Aufmerksamkeit: 189.

Arbeitsgedächtnis: 116.

Visuelle Wahrnehmung: 103.

Auditive Wahrnehmung: 59.

Benennung: 8.

Acht.

Von achthundert möglichen Punkten.

Natürlich bildet ein solches digitales Testverfahren nicht die gesamte geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen ab.

Aber für mich machte dieses Ergebnis anschaulich, wie unterschiedlich meine Fähigkeiten damals beeinträchtigt waren.

Ich konnte in manchen Bereichen ausgesprochen gut abschneiden.

Und in anderen erschreckend schlecht.

Das passte zu meinem Alltag.

Ich war nicht einfach insgesamt weniger intelligent geworden.

Aber bestimmte Leistungen funktionierten nicht mehr zuverlässig.

Und das machte mir schwer zu schaffen.

23. Juli 2021

An diesem Tag stellte ich mich im Vivantes Klinikum im Friedrichshain vor.

Die Ärzte dokumentierten meine kognitiven Beschwerden nach der COVID-Infektion vom Dezember 2020.

Besonders betroffen waren nach meiner Schilderung die Aufmerksamkeit, die Aufnahmefähigkeit, die Reaktionszeit und das Gedächtnis.

Auch mein Geruchs- und Geschmackssinn waren beeinträchtigt.

Im Arztbrief wurde ausdrücklich festgehalten, wie sehr mir das Long-COVID-Syndrom zu schaffen machte.

Außerdem vermerkten die Ärzte, dass ich mich mit meiner Krankengeschichte sehr gut auskannte und selbst viel für die Krankheitsverarbeitung tat.

Unter anderem durch meine Aufzeichnungen und das Training meiner kognitiven Fähigkeiten.

Das war mir wichtig.

Denn ich wollte nicht einfach hinnehmen, dass mein Denken nicht mehr richtig funktionierte.

Ich wollte beobachten.

Verstehen.

Und möglichst etwas dagegen tun.

August 2021

Die Beschwerden hörten nicht auf.

Im August beschäftigte sich auch Professor Moskopp erneut mit meiner Situation.

In seinem Schreiben an meinen Neurologen Dr. Florian Losch wurden ausdrücklich kognitive und neuropsychologische Beeinträchtigungen im Rahmen von Long COVID genannt.

Dazu kam meine gesamte neurologische Vorgeschichte.

Die Gehirnblutung.

Die mehrfach behandelten Aneurysmen.

Die Epilepsie.

Die Folgen der Operationen.

Es war eine komplizierte Situation.

Nicht ein einzelnes Symptom, für das man eine einfache Erklärung fand.

Sondern eine Vielzahl von Problemen, die sich gegenseitig überlagerten.

Auch meine Stimme machte Schwierigkeiten.

Seit der Aneurysmaoperation 2004 bestand bereits eine linksseitige Stimmlippenparese.

Nun bemerkte ich zusätzlich, dass ich bei Stimmbelastung schneller heiser wurde.

Im August 2021 wurde auch das in der Charité untersucht.

Und zwischendurch kamen weitere Beschwerden hinzu.

Brustschmerzen.

Kopfschmerzen.

Untersuchungen.

Rettungsstellen.

Ärztliche Gespräche.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich mir damals einfach einmal eine längere Zeit ohne neue gesundheitliche Probleme gewünscht habe.

Und Bettina?

Während ich selbst mit diesen Beschwerden beschäftigt war, gab es selbstverständlich auch noch Bettina.

Meine Lebensgefährtin.

Sie hatte ihre eigene schwere Krankheitsgeschichte.

Eine Spenderniere.

Diabetes.

Herzprobleme.

Und sie hatte ebenfalls eine lebensbedrohliche Zeit hinter sich.

Im Frühjahr 2020 war sie wegen einer schweren Lungenentzündung auf der Intensivstation des Urban-Krankenhauses behandelt worden.

Sie musste intubiert werden.

Später bekam sie eine Trachealkanüle.

Dann folgte eine lange Zeit, in der sie schrittweise wieder von der künstlichen Beatmung entwöhnt wurde.

Ich war während dieser Wochen jeden Tag bei ihr.

Ungefähr von elf Uhr morgens bis sieben Uhr abends.

Stundenlang saß ich an ihrem Bett.

Ich sprach mit ihr.

Betete für sie.

Begleitete sie.

Und hoffte, dass sie überleben würde.

Am 4. April 2020 wurde die Trachealkanüle entfernt.

Bettina konnte wieder selbst atmen und sprechen.

Ich habe diesen Tag später als den glücklichsten meines Lebens bezeichnet.

Denn ich hatte erlebt, wie bedrohlich ihre Situation gewesen war.

Und wie viel es bedeutete, dass sie wieder sprechen konnte.

Aber nach dieser schweren Erkrankung war Bettina nicht mehr dieselbe wie vorher.

Auch das gehörte zu unseren gemeinsamen Jahren.

Und es bedeutete, dass wir beide mit erheblichen gesundheitlichen Belastungen lebten.

Manchmal gleichzeitig.

Manchmal nacheinander.

Und häufig ohne ausreichende Zeit, überhaupt wieder zu Kräften zu kommen.

Schlag auf Schlag

Ich glaube, das ist der wichtigste Punkt dieser ganzen Geschichte.

Die Ereignisse kamen Schlag auf Schlag.

Bettinas lebensbedrohliche Lungenentzündung.

Meine schweren Handschmerzen.

Das Verschwinden dieser Schmerzen nach der spirituellen Energieübertragung durch Sabine Bobert.

Der Beginn des Hydromorphon-Entzugs.

Unsere COVID-Infektionen.

Meine schweren neuropsychologischen Beschwerden.

Die anhaltende Erschöpfung.

Die Schmerzen.

Die Untersuchungen.

Die Herzprobleme.

Immer wieder etwas Neues.

Ich hatte kaum Gelegenheit, mich von einer Belastung zu erholen, bevor die nächste kam.

Und das war nicht nur körperlich schwer.

Es war auch seelisch eine enorme Beanspruchung.

Ich wollte einfach einmal Ruhe.

Nicht ständig ein neues Symptom.

Nicht ständig ein neues medizinisches Problem.

Nicht immer wieder überlegen müssen, welche Klinik, welcher Arzt und welche Behandlung nun als Nächstes notwendig sein könnten.

Ich wollte leben.

Und ich hatte manchmal das Gefühl, kaum noch dazu zu kommen.

Das Herz

Dann kamen die Herzbeschwerden.

Schmerzen im Brustkorb.

Herzklopfen.

Herzfrequenzschwankungen.

Manchmal hatte ich das Gefühl, mein Herz mache, was es wolle.

Ich beobachtete die Beschwerden sehr genau.

Und ich machte mir Sorgen.

Besonders, weil ich bereits eine so komplizierte neurologische Vorgeschichte hatte und nach meiner COVID-Erkrankung immer neue Probleme hinzugekommen waren.

Im Juni 2021 erhielt ich meine erste BioNTech/Pfizer-Impfung gegen COVID-19.

Im Dezember 2021 wurde ich erneut geimpft.

Ich bemerkte nach den Impfungen eine Verschlechterung bestimmter Beschwerden.

Vor allem die Herzprobleme machten mir zu schaffen.

Und ich wollte unbedingt wissen, was dahintersteckte.

Februar 2022

Am 7. Februar 2022 stellte ich mich im Berliner Herzrhythmuszentrum am Urban vor.

Im Arztbrief wurden meine Beschwerden dokumentiert.

Herzklopfen.

Atypische Brustschmerzen.

Starke Schwankungen der Herzfrequenz.

Auch mein zeitlicher Zusammenhang zwischen der COVID-Erkrankung, den Impfungen und einer erneuten Zunahme der Beschwerden wurde festgehalten.

Es sollte ein Langzeit-EKG erfolgen.

Außerdem war eine Herz-MRT-Untersuchung im Deutschen Herzzentrum Berlin vorgesehen.

Ich telefonierte mit Ärzten.

Versuchte Termine zu organisieren.

Und wollte endlich eine Erklärung für die Beschwerden finden.

Ich erinnere mich auch an ein Gespräch mit einem Radiologen.

Er hielt nach meiner Erinnerung eine Myokarditis für sehr wahrscheinlich.

Gleichzeitig sprach er über die Schwierigkeiten, die eine MRT-Untersuchung wegen meiner neurochirurgischen Implantate aufwerfen könnte.

Ich hatte schließlich Clips und einen Stent nach den Eingriffen an meinen Hirngefäßen.

Nach unserem Gespräch blieb die Herz-MRT-Frage für mich problematisch.

Ein endgültiger bildgebender Nachweis der vermuteten Myokarditis kam nicht zustande.

Und damit blieb auch diese Geschichte für mich unbefriedigend.

Ich hatte Beschwerden.

Ich wollte wissen, weshalb.

Und wieder gab es keine einfache Antwort.

Dass mich diese Erfahrungen gegenüber weiteren Corona-Impfungen sehr skeptisch gemacht haben, dürfte verständlich sein.

Ich hatte die zeitlichen Zusammenhänge erlebt, meine Beschwerden dokumentiert und mich deshalb mehrfach ärztlich untersuchen lassen.

Vor allem aber hatte ich inzwischen das dringende Bedürfnis, meinem Körper nicht noch mehr Belastungen zuzumuten.

Immer neue Termine

Das Jahr 2022 brachte keine einfache Rückkehr zur Normalität.

Es gab weiterhin Arztkontakte.

Untersuchungen.

Beschwerden.

Schwankende Belastbarkeit.

Und die Hoffnung, dass sich wenigstens einige Dinge allmählich bessern würden.

Ich wollte keine medizinische Sensation sein.

Ich wollte auch nicht dauernd in einer Rettungsstelle sitzen.

Ich wollte am liebsten überhaupt nichts Besonderes.

Ein bisschen spazieren gehen.

Etwas essen.

Gut schlafen.

An meinem Computer arbeiten.

Mich mit Kunstgeschichte beschäftigen.

Vielleicht ein neues Projekt entwickeln.

Und zwischendurch einfach einmal einen Tag erleben, an dem mein Körper mich in Ruhe ließ.

Das klingt nicht nach besonders großen Wünschen.

Aber in jener Zeit waren selbst solche Dinge nicht selbstverständlich.

Bin ich eigentlich nur noch krank?

Irgendwann beschäftigt einen bei einer solchen Lebensgeschichte auch eine andere Frage.

Was denken eigentlich die Menschen, die das lesen?

Vielleicht sitzt jemand vor diesem Buch und fragt sich inzwischen:

Hat diese Frau überhaupt etwas anderes erlebt als Krankheiten?

Ist das nicht irgendwann genug?

Warum erzählt sie immer noch eine medizinische Katastrophe?

Will sie bemitleidet werden?

Nein.

Das will ich nicht.

Ich möchte nicht bemitleidet werden.

Und ich möchte auch nicht auf meine Erkrankungen reduziert werden.

Aber ich kann nun einmal nicht so tun, als seien diese Dinge nicht passiert.

Ich bin von einem dramatischen Großereignis ins nächste geraten.

Teilweise in so kurzen Abständen, dass ich kaum Luft holen konnte.

So war mein Leben.

Und wenn ich darüber schreibe, dann nicht, weil ich meine Krankheiten besonders interessant finde.

Sondern weil sie meinen Alltag tatsächlich geprägt haben.

Ich hätte gern weniger davon erlebt.

Sehr viel weniger.

Aber ich kann die Ereignisse nicht nachträglich aus meiner Lebensgeschichte herausstreichen.

Nur damit das Buch angenehmer zu lesen ist.

Was trotzdem blieb

Trotz all dieser Schwierigkeiten gab es Dinge, die mir wichtig blieben.

Meine geistige Neugier.

Meine Beschäftigung mit Mystik.

Meine Kunst.

Meine Internetseiten.

Meine Liebe zur Natur.

Und die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Verbindung zu bleiben.

Nicht immer konnte ich daran anknüpfen.

Manchmal war ich viel zu krank.

Manchmal fehlte mir die Konzentration.

Manchmal die Kraft.

Und manchmal funktionierte mein Denken nicht so, wie ich es brauchte.

Aber diese Interessen verschwanden nicht einfach.

Sie gehörten weiterhin zu mir.

Und wenn es mir wieder etwas besser ging, versuchte ich, an sie anzuknüpfen.

Wie schon in den Jahren zuvor.

Nicht um zu beweisen, dass ich besonders tapfer wäre.

Sondern weil ich mein Leben nicht vollständig meiner Krankengeschichte überlassen wollte.

Zweihundert Meter sind nicht nichts

Ich denke noch einmal an den Kanal.

An den Weg.

Die Bäume.

Das Wasser.

Und diese zweihundert Meter.

Früher hätte ich eine solche Strecke überhaupt nicht besonders wahrgenommen.

Man läuft los.

Und irgendwann ist man angekommen.

Aber damals wurden diese zweihundert Meter zu einer Grenze.

Einer Grenze, die ich mir nicht ausgesucht hatte.

Ich musste lernen, dass meine verfügbare Kraft manchmal erschreckend gering war.

Dass ich Pläne nicht einfach durch Willenskraft verwirklichen konnte.

Und dass es Tage gab, an denen ich meinen Körper nicht weiter belasten durfte.

Das war eine harte Erfahrung.

Vor allem für jemanden, der so viele Interessen und Ideen hat und eigentlich immer etwas machen möchte.

Ich konnte nicht einfach sagen:

Nun streng dich gefälligst ein bisschen mehr an.

Das hätte überhaupt nichts genutzt.

Manchmal war nach zweihundert Metern Schluss.

Punkt.

Und dann?

Ich hätte mir gewünscht, dass nach dieser Zeit endlich Ruhe einkehrte.

Dass die Beschwerden nachließen.

Dass Bettina und ich wieder einen einigermaßen normalen Alltag führen konnten.

Dass wir beide weniger medizinische Probleme hatten.

Und dass ich vielleicht irgendwann wieder längere Spaziergänge am Kanal machen konnte.

Aber das Leben hatte noch weitere Schwierigkeiten für mich vorgesehen.

Im Herbst 2022 kam es zu einer erneuten Medikamentenumstellung.

Risperdal sollte wegen der Restless-Legs-Beschwerden durch Abilify ersetzt werden.

Aus meiner Sicht wurde diese Umstellung zu schnell durchgeführt.

Sie mündete in eine schwere Rebound-Psychose.

Und schließlich in meine psychiatrische Unterbringung im Dezember 2022.

Das ist eine eigene Geschichte.

Eine Geschichte über medizinische Entscheidungen, persönliche Freiheit und den Umgang mit Menschen in psychiatrischen Krisen.

Ich habe darüber einen ausführlichen Text geschrieben.

Er trägt den Titel:

„Im rechtlosen Raum“.

Und später habe ich dieses Erlebnis auch künstlerisch verarbeitet.

Aber davon erzähle ich an anderer Stelle.

Denn die Zeit mit COVID, Long COVID und den vielen ineinandergreifenden gesundheitlichen Belastungen verdient es, für sich betrachtet zu werden.

Mein Mantra

Ich habe einen Satz, der mich seit Langem begleitet.

„Alles war, ist, wird wunderschön, oh Gott, ich danke dir.“

Man könnte diesen Satz angesichts meiner Lebensgeschichte für ziemlich verrückt halten.

Ich hatte Schmerzen.

Angst.

Erschöpfung.

Kognitive Ausfälle.

Herzbeschwerden.

Und manchmal schlicht keine Kraft mehr.

Was sollte daran wunderschön sein?

Aber ich meine damit nicht, dass jede Krankheit schön wäre.

Oder dass ich jedes Leid dankbar begrüßen müsste.

Das tue ich nicht.

Ich finde vieles, was ich erlebt habe, ausgesprochen beschissen.

Und ich sage das auch.

Mein Mantra gehört zu meiner spirituellen Haltung.

Zu meinem Vertrauen in das Göttliche.

Zu einer Form von Dankbarkeit, die nicht davon abhängt, ob gerade alles angenehm ist.

Ich muss die Schmerzen nicht schön finden.

Ich muss die Erschöpfung nicht mögen.

Und ich muss auch nicht behaupten, dass es mir gut geht, wenn es mir schlecht geht.

Ich darf all das beim Namen nennen.

Und trotzdem an meiner spirituellen Grundhaltung festhalten.

Das ist für mich kein Widerspruch.

Nicht bemitleiden. Verstehen.

Wenn ich eines aus dieser Zeit mitgenommen habe, dann ist es die Erkenntnis, wie schnell einem Menschen Dinge verloren gehen können, die er zuvor für selbstverständlich gehalten hat.

Ein Spaziergang.

Ein klarer Gedanke.

Ein vertrauter Name.

Ein Tag ohne Schmerzen.

Die Kraft, etwas zu unternehmen.

Oder einfach die Möglichkeit, nach einer schweren Erkrankung erst einmal in Ruhe wieder gesund zu werden.

Ich hatte diese Ruhe nicht.

Immer wieder kamen neue Belastungen hinzu.

Und ich musste versuchen, irgendwie damit zurechtzukommen.

Ich erzähle das nicht, weil ich mich für besonders bemitleidenswert halte.

Ich erzähle es, weil es mein Leben war.

Weil all diese Ereignisse tatsächlich geschehen sind.

Und weil ich möchte, dass man versteht, weshalb ich meine verbleibenden Möglichkeiten so ernst nehme.

Weshalb ich gern schreibe.

Weshalb ich meine Internetseiten baue.

Weshalb ich mich über eine neue Idee freue.

Und weshalb ich dem Göttlichen für meine Inspiration dankbar bin.

Nicht, weil ich ein besonders leichtes Leben hätte.

Sondern gerade weil mein Leben oft alles andere als leicht war.

Ich stehe gedanklich wieder am Neuköllner Schifffahrtskanal.

Vor mir liegt der Weg, den ich so gern weitergehen würde.

Aber nach zweihundert Metern kann ich nicht mehr.

Also muss ich umkehren.

Nicht aus Bequemlichkeit.

Nicht aus mangelndem Willen.

Sondern weil meine Kraft aufgebraucht ist.

Und während ich nach Hause gehe, wünsche ich mir eigentlich nur eines:

Einmal wieder genügend Luft zum Leben zu haben.

Nicht für große Heldentaten.

Nicht für irgendeinen außergewöhnlichen Erfolg.

Sondern einfach für einen ganz gewöhnlichen Tag.

Einen Tag, an dem ich spazieren gehen kann.

Nach Hause komme.

Mich an meinen Computer setze.

Und etwas Schönes mache.

Ohne dass gleich die nächste Katastrophe vor der Tür steht.

Das wäre schon sehr viel.

Und dafür wäre ich unendlich dankbar.

Kapitel 21

Im rechtlosen Raum

Oder: Wie eine Medikamentenumstellung in einer Rebound-Psychose endete und ich auf einer geschlossenen psychiatrischen Station landete

Was vorher geschah

Im Herbst 2022 hatte ich wieder einmal ein Problem mit meinen Medikamenten.

Ich nahm seit vielen Jahren Risperdal, also Risperidon, um mich vor den schweren psychischen Nebenwirkungen meiner Epilepsiemedikation zu schützen. Ich hatte schließlich bereits erlebt, wie dramatisch medikamentenbedingte Psychosen verlaufen konnten.

Nun machte mir allerdings ein anderes Problem zu schaffen: das Restless-Legs-Syndrom.

Meine Psychiaterin und ich besprachen deshalb eine Umstellung von Risperdal auf Abilify, dessen Wirkstoff Aripiprazol heißt.

Die Idee war, die belastenden Nebenwirkungen zu reduzieren und gleichzeitig meine psychische Stabilität zu erhalten.

So weit die Theorie.

Aber nach meiner Erfahrung wurde die Umstellung viel zu schnell durchgeführt.

Das Risperdal wurde zu rasch ausgeschlichen, während Abilify aufdosiert wurde. Damit geriet eine medikamentöse Stabilität durcheinander, die über viele Jahre bestanden hatte.

Ich erlebte die Folgen als schwere Rebound-Psychose.

Und ich war darüber ausgesprochen verärgert.

Denn die Gefahren einer solchen Umstellung waren für mich keineswegs neu. Ich hatte schließlich schon 2008 und 2009 erlebt, was geschehen konnte, wenn der Schutz durch ein Neuroleptikum wegfiel.

Ich hatte diese Geschichte am eigenen Leib durchgemacht.

Und nun geriet ich erneut in eine psychiatrische Krise.

Am 4. Dezember 2022 eskalierte die Situation.

Ich wurde von Feuerwehr und Polizei gegen meinen Willen in das Vivantes Klinikum Neukölln gebracht und anschließend auf der geschlossenen psychiatrischen Station 84 untergebracht.

Was ich dort erlebte, beschäftigte mich so sehr, dass ich noch während meines Aufenthaltes begann, darüber zu schreiben.

Ich wollte festhalten, wie ich die Unterbringung, den Stationsalltag und den Umgang mit den Patienten erfahren hatte.

Mir ging es dabei nicht nur um meine eigene Situation.

Es ging um die Frage, was mit der Würde, den Rechten und der Selbstbestimmung eines Menschen geschieht, sobald er sich hinter der verschlossenen Tür einer psychiatrischen Station befindet.

Und es ging um Macht.

Um die Macht der Ärzte, der Pflegekräfte und der Institutionen über Menschen, die sich in einer besonders verletzlichen Lage befinden.

Ich wollte diese Erfahrungen nicht einfach hinnehmen.

Deshalb schrieb ich meinen Bericht.

Nicht Jahre später.

Sondern dort, auf der Station.

Am 17. Dezember 2022.

Später entstand aus diesem Erlebnis auch meine Oper „Jenseits der Tür – Oper über das Leben in der Geschlossenen“.

Aber zunächst gab es nur meinen Text.

Ich übernehme ihn hier in seiner ursprünglichen Fassung.


Im rechtlosen Raum

Station 84

Psychiatrie, Vivantes Klinikum Neukölln

Vorwort

Natürlich sind nicht alle Pflegekräfte und Ärzte so „böse und lieblos“, wie ich im folgenden beschreibe, aber das folgende habe ich erlebt und das ist das kranke Gesundheitssystem in diesem unserem Lande. Man könnte natürlich trefflich darüber streiten, ob es nur das Gesundheitssystem ist. Vielleicht läuft dann doch bei uns mehr als das, was ich beschreibe schief.

Start:

Ich, Susanne Albers aus Berlin, 57 Jahre alt, habe folgendes erlebt:

Am 4. Dezember 2022 legte ich mich morgens früh um 6:00 Uhr nackt auf unsere Wiese unter den Ahornbaum im Hinterhof am Kiehlufer.

Meine Beweggründe, dafür lasse ich erst mal weg.

Meine Freundin Bettina Werner, 58 Jahre alt, kam hinter mir her und stellte sich besorgt auf den Laubengang.

Sie rief mir zu: „ Susanne, steh auf, es ist kalt“.

Ich antwortete: „erst wenn du sagst, dass ich Gott bin“.

„ nein, du bist nicht Gott, du bist Susanne“ sagte Bettina.

Darauf antwortete ich „dann steh ich auch nicht auf“

Dieses Spiel wiederholt sich ein, zweimal.

Bettina war sehr besorgt um mich. Schließlich war es kalt und so rief sie die Feuerwehr.

Ich lag immer noch nackt im Hinterhof, da traf die Feuerwehr ein.

Soweit ich mich erinnere, waren es drei Feuerwehrleute. Sie ließen sich von Bettina schildern, was geschehen war.

Dann kamen sie zu mir.

Ein Feuerwehrmann sagte: „Frau Albers, nun stehen sie doch auf, es ist kalt“

Nein, sagte ich erst wenn Bettina sagt, dass ich Gott bin

Ein anderer Feuerwehrmann hatte eine goldene Alufolie und wollte sie unter mich legen. Damit war ich nicht einverstanden und legt mich wieder daneben.

Schließlich kam noch die Polizei.

Der Feuerwehrmann wurde nervös, „meine Güte, es ist kalt, es ist Dezember stehen sie endlich auf.“

Ich bin passiv und still liegen geblieben und sagte: „ Wenn Bettina sagt, dass ich Gott bin, stehe ich sofort auf.“

Dann zerrten alle drei Feuerwehrleute schmerzhaft an mir herum und deckten mich mit der Alufolie zu. Das wollte ich nicht Ich nahm die Alufolie von meinem Körper.

Dann sagte ich: „ Bettina, dann bist du Gott, wenn du sagst, dass du Gott bist stehe ich auf“

Bettina rief: „nein, ich bin nicht Gott ich bin Bettina und du bist Susanne“.

Ich rief zu Bettina: „Okay, dann bist du der Teufel und ich bin die Ausgeburt der Hölle. Ich kann mich auch ganz klein machen. Ist dir das recht?“

Nein, rief Bettina, du bist Susanne und ich bin Bettina.

Die Gesamtsituation war total angespannt die Feuerwehrleute wurden nervös. Wieder sagten sie, Frau Albers stehen sie endlich auf sie können hier nicht liegen.

Bettina erzählte, dass ich 2009 eine Psychose hatte, sie Angst um mich hat, dass ich mir wieder die Hand abschneiden würde und dass jetzt wieder etwas passieren würde.

Ich blieb stur und blieb liegen.

Einer der Feuerwehrleute sagte, so geht es nicht, wir nehmen sie jetzt mit.

Die Feuerwehrleute breiten wieder die goldene Alufolie aus und dann ging’s los : sie zogen, und sie zerrten an meinen Händen, Armen, Beinen und Füßen, ein Polizist fesselte mir die Hände mit Handschellen auf dem Rücken, deckten mich mit Alu Folie ab. Ich hatte starke Schmerzen und Schürfwunden, Ich schrie ohne Ende. Nach einigen weiteren dramatischen Minuten hatten sie mich in den Notarztwagen gelegt.

Bettina blieb besorgt zurück.

Ich fasse also kurz zusammen: „Im Deutschland 2022 ist es im Dezember verboten, sich morgens um 6:00 Uhr nackt und absolut passiv in den Hinterhof zu legen. Wenn man das tut, wird man von der Feuerwehr und Polizei abgeholt und in die Psychiatrie gebracht.“

Da ich im Stadtteil Berlin Neukölln wohne, ist für mich das Vivantes Klinikum Neukölln zuständig.

Ich lag im Feuerwehrwagen, Hände auf den Rücken gefesselt, fixiert und zitterte wie Espenlaub.

Nach etwa 15 Minuten Fahrt trafen wir ein.

Das Feuerwehrauto hielt auf der Rampe, die Feuerwehrleute, stiegen aus, öffneten die Hecktüren und wuchten, die Trage, auf der ich lag aus dem Auto heraus.

Dann schob man mich stark ruckelnd in die Notaufnahme.

Dort angekommen, fanden sich sofort einige Pfleger und Ärzte an meiner Trage. Es herrscht große Aufregung.

Die Feuerwehrleute schilderten ihre Sicht der Dinge der Ärztin und man schob meine Trage weiter in den Raum hinein.

Grundsätzlich war ich völlig passiv und schuldlos in dieses Schlamassel hinein geraten. Ich hatte niemandem etwas getan. Ich hatte nur nackt auf der Wiese gelegen, und jetzt liege ich gefesselt auf einer Trage in der Notaufnahme.

Ich blieb dabei. Ich war die Liebe. Ich war Gott, mein Dauerhelfer ist Lucy. Lucy war meine Cocker Spaniel Hündin, und für mich ist sie so etwas wie der heilige Geist. Jetzt gibt es Lucy nicht mehr, weil sie gestorben ist aber dafür gibt es unsere Katze Laura. Laura nimmt jetzt Lucys Stellung ein.

Immer wenn ich in Not bin, dann habe ich einen Trick ersonnen, mit dem ich mir helfen kann. Auf meiner Homepage gibt es ein Lied von Carole King. Es heißt you’ve Got a Friend. Sobald man mir dieses Lied vor spielt, wird alles gut.

Und ganz klar musste etwas passieren. Ich war in höchster Not.

Und so geschah es auch. Plötzlich stand ein Pfleger namens Mohammed neben meiner trage. Er war ganz lieb, streichelte über meine Wange und sagte: Susanne alles wird gut.

Meine gefesselten Hände auf dem Rücken schmerzten unendlich doll. Ich war schmutzig, vom zerren im Hinterhof und eine Ärztin kam und sprach mich forsch an. Daran kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Dafür weiß ich aber sehr genau, was ich getan habe.

Ich zitterte und stotterte und sagte, ich bin die Liebe. Ich sende Ihnen ganz viel Liebe. Dann sagte ich noch, man solle meine Homepage öffnen und Carole Kings Lied abspielen. Und ich fing an Weihnachtslieder zu singen.

Irgendwann wurden dann die Handschellen auf meinem Rücken gelöst.

Die nächsten Stunden war ich so platt, dass ich mich bewusst kaum an etwas erinnern kann.

Als mein Bewusstsein wieder einsetzte, erwachte ich in einem Krankenhaus Zimmer. Ich war weder gewaschen, noch von all den Schmutz, den ich von der Wiese mitgebracht hatte, befreit worden.

Draußen auf dem Flur erspähte ich andere Patienten und Pflegekräfte.

Für mich war sonnenklar. Ich bin die Liebe. Die Liebe ist nicht käuflich. Sie sendet Liebe, und sie kann auf keinen Fall etwas Böses tun. Doch genau damit bekam ich es, hier auf dieser Station zu tun.

Ich bin sehr spirituell und hellfühlig und kann weiße Magie von schwarzer Magie unterscheiden. Ich merke sehr genau, welche Personen vor meinem Zimmer vorbei liefen.

Im Nachhineiein erzählte mir ein Pfleger, dass mein Blutdruck unentwegt bei etwa 250/130 lag, und man sich sorgte, ich bekäme einen Schlaganfall. Ich wurde dann mehrfach gefragt, wie es mir geht. Ich antwortete jedesmal: “es geht mir sehr gut“ und sendete weiter Liebe.

Und ich fing einfach an jedes Mal, wenn eine Person an meinem Zimmer vorbei lief, Liebe zu senden. Die Tür stand offen, ich sagte immer wieder Ich sende ganz viel Liebe. Ich sende ganz viel Liebe. Und ich sang Weihnachtslieder.

So ging das locker, stundenlang.

Die so genannten Schwarzmagier, die ich identifizierte, warfen mir zunächst böse Blicke zu. Später, trauen Sie sich nicht an meiner Tür vorbei, beschimpften mich und warfen mir Flüche an den Kopf. Ich stand auf und trat kurz in den Flur. Auch dort, sagte ich, ich sende Liebe, ich sende Liebe. Diese so genannten Schwarzmagier waren zwei Frauen, die immer miteinander und nebeneinander liefen und zwei einzelne Männer.

Schließlich erklärte ich mich; ich sei die Liebe, und die Liebe ist das größte, was es gibt, und sei immer viel, viel stärker als aller Hass und jedes Böse, was es geben könnte. Und ich sagte, weil ich die Liebe jetzt da sei, würde es nichts Böses mehr geben. Schließlich betonte ich noch, dass ich weder provozierbar noch käuflich sei, und mich auf keinen Fall durch ein Wunder beweisen würde.

Damit gingen die Provokationen los. Es begannen Schreiereien, Streitereien, Türen schlugen, schränke knallten.

Und jedes Mal rief ich in die entsprechende Richtung. Ich sende liebe ich sende liebe, ich bin stärker als alles böse und jeder Hass.

Und dann legte ich mich wieder auf mein Bett, und sang lauthals Weihnachtslieder.

Dann soll es noch eine schwere Rangelei mit meiner Beteiligung gegeben haben. Ich soll auf die beiden von mir so bezeichneten schwarz magischen Hexen losgegangen sein, soll Ihnen die Haare rausgerissen haben und sie geschlagen haben leider kann ich mich daran nicht erinnern.

Ich sendete weiter Liebe und sang Weihnachtslieder.

Und weil mein Liebe senden und Weihnachtslieder singen, so unglaublich gefährlich ist, wurde ich per richterlichem Beschluss gemäss PsychKG bis zum 20. Dezember 2022 hier untergebracht.

Mittlerweile hatte ich erfahren, dass ich in der Psychiatrie in Pavillon 2 auf Station 84 lag.

Bevor ich jetzt alle kleinen Einzelheiten schildere, möchte ich einmal den Stationsalltag beschreiben:

Um 8:00 Uhr gibt’s Frühstück auf dem Tablett, das man sich vom Wagen holen muss. Danach muss man sich anstellen, um seine Medikamente zu nehmen. Es ist selbstverständlich nicht klar, dass man wirklich seine eigenen Medikamente mit aut idem Original bekommt. Deshalb muss man immer darauf achten, welche Tabletten dort in den Schächtelchen drin sind. Um 12:00 Uhr gibt es Mittagessen, um 15 Uhr gibt es Kaffee (selbstverständlich koffeinfrei) und um 18:00 Uhr gibt es Abendessen

Montags ist Zimmer Visite durch die Stationsärztin. Dienstags und Donnerstags ist Oberarzt Visite, wo man in einen Raum gerufen wird, wo dann der Oberarzt die Stationsärztin, die Pfleger und eine Dame vom Sozialdienst sitzt.

Ob sich jemand wäscht oder ob das Bett eventuell dreckig ist, interessiert die Pflegekräfte einen Scheißdreck. Die Putzfrau wischt nur einmal im Kreis, in den Duschen herrscht Schimmelbefall.

Ich bin jetzt den 13. Tag hier, und nun beschreibe ich, wie für uns Patienten der Stationsalltag läuft.

Zunächst einmal sei erwähnt, dass ich in all den 13 Tagen keine neue Bettwäsche erhalten habe und auch mit einer replantierten Hand nicht in der Lage bin mein Bett neu zu beziehen. Wenn ich darauf das Pflegepersonal anspreche, wird kommentarlos nicht reagiert.

Positiv erwähne ich, dass man mir wenigstens die Butter aufs Brötchen geschmiert hat.

Eine Patientin habe ich noch nie in anderen Klamotten gesehen. Sie trägt Tag und Nacht eine dicke Jacke Silikonhandschuhe eine Kapuze, und sie sitzt in oder vor ihrem Zimmer auf dem Flur und redet und krakeelt lauthals Tag und Nacht. Sie ruft sehr oft bei den unterschiedlichsten Polizeidienststellen Berlins an und beschwert sich über alles mögliche. Da wir hier im Altbau sind, kann man das auch bei geschlossenen Türen und trotz Kopfhörer überall hören. Tag und Nacht hat sie ihr Handy in der Hand redet, hört Musik telefoniert, singt mit.

Eine andere sehr viele ältere Patientin hat ihr Zimmer am Ende des Flurs und geht etwa 30-40 mal pro Tag den Flur entlang bis zur Kanzel des Pflegepersonals, dann biegt sie links ab und steuert Richtung Raucherraum. Im Raucherraum schnorrt sie eine Zigarette, lässt sich die Zigarette anzünden, zieht einmal daran und macht die Zigarette dann aus. Dann verlässt sie wieder den Raucherraum, geht an der Kanzel vorbei Richtung ihres Zimmers, setzt sich aufs Bett, wartet einen kleinen Moment und dann geht sie wieder los und dann geschieht das selbe Spiel von neuem.

Ein weiterer Patient konnte mein Liebe senden, nicht ertragen und hat sich ein Bettbezug über den Kopf gezogen, bedrohte mich mit einem laufenden Fön und veranstalte vor meinem Zimmer ein schwarz magischen Tanz.

Eine weitere Patientin lebt im betreuten Wohnen. Ihr wurde zum 31. Dezember die Wohnung gekündigt es sei denn, sie geht in die Psychiatrie und lässt sich für verrückt erklären. Sie wird unter Androhung von Obdachlosigkeit dazu gezwungen, Neuroleptika zu schlucken, einer der Pfleger sagte ihr, es hätte schwere Konsequenzen, wenn sie die Tabletten nicht nehmen würde.

Gerade kommt ein älterer Herr den Flur entlang und fragt mich und meine Zimmernachbarin, wie er hier raus kommt und was er dafür bezahlen muss.

Noch eine weitere ältere Patientin geht den ganzen Tag lang in alle Toiletten und Duschen holt sich die Papierhandtücher aus den Fächern und verstopft damit die Toiletten und Waschbecken.

Eine weitere etwa 18-jährige Patientin hat Freigang, möchte aber nicht mehr leben und legt sich so ungefähr dreimal pro Tag auf die Straße wird von der Polizei einkassiert und wieder auf unsere Station zurückgebracht.

Für Ablenkung, sorgt der Raucherraum. Ein Patient mit gelben Fingernägeln und grünen Fußnägel läuft dort gerne im Kreis wichst unter seiner Schlafanzughose an seinem Penis und ich warte nur darauf, bis er mir seinen Erguss ins Gesicht spritzt.

Gerade sitze ich wieder im Raucherraum, dort erzählt mir ein anderer Patient, dass ein Opa auf unserer Station eingezogen sei, der an der Pflegekräfte Kanzel ewig lang gefragt hat, wo man hier Hosenträger kaufen kann.

Eine weitere etwa 70-jährige Patientin hat den Tag und Nacht Rhythmus vergessen und tanzt und singt gern des Nachts über den Flur. Sie singt übrigens sehr hübsch nur leider kann man da nicht mehr schlafen.

Im Raucherraum passiert sowieso unglaubliches. Gestern saß dort ein Patient und redete und redete und redete einfach nur vor sich hin. Dann kam ein zweiter Patient hinzu der davon so genervt war, dass auch er anfing zu reden und zu reden und zu reden, allerdings in Englisch. Ich saß auch im Raucherraum man kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie unglaublich entspannend es ist, dort eine Zigarette zu rauchen.

Da ich ja keine Ahnung hatte, wie die Stationszimmer Visite abläuft fragte ich eine Schwester. Die Schwester sagte, es geht immer rechts herum. Die fangen Zimmer eins an bis unten zum Flur und gehen dann auf der linken Seite wieder zurück. Ich bin in Zimmer vier, aber es ist klar, diese Station baut auf Provokation. Unser Zimmer Nummer vier wurde übersprungen und es ging dann einfach Nummer fünf weiter. Ich und meine Zimmernachbarin sollten provoziert werden, einen Affenaufstand zu machen, damit wir endlich an der Reihe waren. Und wenn wir diesen Affenaufstand dann machen, dann wird natürlich unser Aufenthalt per richterlichem Beschluss verlängert. Es soll ja Spaß machen.

Diese ganze Provokationsgeschichte gehört eigentlich in einen extra Abschnitt, denn darauf baut das Stationsgeschehen auf. Nehmen wir nur einmal das Beispiel der Toiletten: Logo. Wenn eine Patientin täglich stundenlang über den Flur marschiert und alle Abflüsse verstopft, ist es logisch, dass sich alle anderen Patienten darüber aufregen, wenn sie nicht pinkeln oder kacken können. Selbstverständlich geht man dann zum Pflegepersonal und beschwert sich darüber, was macht das Pflegepersonal? Es tut so, als hätte es das nicht gehört.

Am vergangenen Mittwoch bin ich morgens um sieben aufgewacht hab mir meine Zigaretten geschnappt und bin auf den Flur gegangen. Was hab ich gesehen? Der ganze Flur stand unter Wasser, eine Schwester und eine Patientin wischten das Wasser mit einem Schieber weg.

Und ich könnte noch Unmengen weiteres schreiben.

Zum Beispiel über die Angst der Patienten vor der Macht der Ärzte.

Meine persönliche Situation verhält sich nun aber der Gestalt, dass, wenn ich auch nur den kleinsten Fehler mache, sich mein Aufenthalt hier verlängert, weil die Ärzte und Pflegekräfte am längeren Hebel sitzen.

Und schliesslich hab ich in meiner Not auch mal bei der Polizei und dem Berliner Krisendienst angerufen und um Hilfe gebeten. Die ganz klare Antwort lautete: “Frau Albers ab Freitag 15:00 Uhr ist kein Richter mehr da; Sie müssen das bis Montag ertragen.“

Ich habe also absolut Null Rechte.

Ich bin wegen der Schlaflosigkeit und diesem Dauerstress, dem wir alle ausgeliefert sind, derart angefressen und sauer, dass ich das nicht mehr in Worte fassen kann.

Natürlich bin ich auch nicht blöd. Ich gehe weiter über die Station und sende Liebe und ab und an singe ich noch ein kleines Weihnachtslied.

Man könnte auch nochmal zurück denken. Was wäre gewesen, wenn Bettina gesagt hätte: Susanne du bist Gott.

Möglicherweise wäre ich einfach aufgestanden, wieder zurück in die Wohnung gegangen. Aber wer weiß das schon?

Ja ich kann Bettina gut verstehen, für sie war es genau wie für mich purer Stress; nur was ist jetzt wenn ich am Dienstag meinen letzten Tag habe und am aller liebsten um 0:01 Uhr die Station verlassen möchte dann komme ich wieder zu Bettina wenn dann wieder irgendetwas ist? Wird sie mich wieder in die Psychiatrie einweisen lassen, nachdem sie mitgekriegt hat, was hier so läuft?

Nicht Ich, sondern Bettina ist am Arsch. Und so ist es jeder Angehörige der Angst um sein Familienmitglied hat und wegen ihr oder ihm die Feuerwehr ruft.

Ach so, und das allerbeste kommt noch: am 20. Dezember um 23:59 Uhr läuft mein richterlicher Beschluss aus. Ich hab mit einem Anwalt telefoniert. Er sagt ich könnte dann eigentlich um 0:01 Uhr am 21. Dezember gehen. Nun habe ich aber hier auf der Station erfahren, dass man erst am Folgetag um 15:00 Uhr gehen darf. Für mich ist das pure Willkür und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Das ist Macht in falschen Händen.

Gerade gestern war hier eine Patientin, die auf gepackten Sachen um 15:00 Uhr saß und eigentlich raus durfte und raus wollte; und was war? Sie durfte nicht, sie musste hier bleiben.

Und möglicherweise ist es weiterhin so, das ich mir selber königlich ans Bein pisse, wenn ich diesen Text vor meiner Entlassung veröffentliche, aber ich glaub das ist es mir wert.

Unser Gesundheitssystem und unser Rechtssystem würde am Ende eventuell sogar kommen und sagen okay: Susanne, Paragraph 51, sie ist unzurechnungsfähig. Also kann die das alles gar nicht ernst gemeint haben, was sie gerade geschrieben hat und sie ist ja sowieso schizophren und völlig verblödet.

Ist es wirklich so einfach?

Ist das wirklich so einfach, als Arzt oder als Pflegekraft machtgeil zu sein?

Jeder Arzt und jede Pflegekraft könnte auch in einem ganz anderen Gesundheitsbereich, als gerade in der Psychiatrie arbeiten.

Gerade komme ich von der Toilette. Die Brille war voll gekotzt. Natürlich hat es keiner weg gewischt; soll das wirklich die Normalität in Deutschlands Psychiatrien sein?

Meine Bettnachbarin erzählte mir gerade, gestern war die selbe Klobrille voll geschissen wurde auch nicht weggewischt aber es ist ja völlig normal.

Okay, in der Kürze liegt die Würze. Ich glaube, ihr habt verstanden, was ich meine.

Wir sollten wohl doch die ein oder andere Kleinigkeit oder sagen wir mal Grossigkeit ändern.

Liebe Grüße, Susanne

Berlin, den 17.12.2022

p.s. am 20.12.2022, durfte ich nach einigem Hin und Her ab 15:00 Uhr gehen und war um 17:55 Uhr zuhause - der Pfleger sagte, ich sei zwar noch bis 23:59 Uhr "per richterlichen Beschluß untergebracht", aber man verzichtet darauf, mir die Polizei hinterher zu schicken.

Kapitel 22

Sieben Tage

Oder: Am 20. Dezember kam ich nach Hause. Am 27. Dezember war Bettina tot.

Am 20. Dezember 2022 kam ich um 17:55 Uhr aus der Psychiatrie nach Hause.

Ich hatte sechzehn Tage auf der geschlossenen Station 84 im Vivantes Klinikum Neukölln verbracht.

Ich war erschöpft.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen hatten mich schwer belastet.

Die Medikamentenumstellung von Risperdal auf Abilify, die Rebound-Psychose, die Einweisung gegen meinen Willen und schließlich der Aufenthalt auf dieser Station.

Ich hatte gerade erst begonnen, das alles zu verarbeiten.

Und ich war wieder zu Hause.

Bei Bettina.

Sie war seit vielen Jahren meine Lebensgefährtin. Wir hatten zusammengelebt, vieles miteinander durchgemacht und uns immer wieder durch ausgesprochen schwierige gesundheitliche Situationen begleitet.

Bettina hatte eine schwere Krankheitsgeschichte.

Sie hatte Diabetes, eine Spenderniere und erhebliche weitere gesundheitliche Probleme.

Im Frühjahr 2020 hatte ich wochenlang an ihrem Bett auf der Intensivstation im Urban-Krankenhaus gesessen und gehofft, dass sie überleben würde.

Sie hatte überlebt.

Und als am 4. April 2020 ihre Trachealkanüle entfernt wurde und sie wieder selbst sprechen konnte, war das für mich einer der glücklichsten Tage meines Lebens gewesen.

Nun war Dezember 2022.

Und ich hatte keine Ahnung, wie wenig Zeit uns noch blieb.

Der 26. Dezember

Bettinas gesundheitlicher Zustand war schlecht.

Sie hatte Beschwerden, die mir Sorgen machten.

Ich wollte, dass sie ärztliche Hilfe in Anspruch nahm.

Aber Bettina wollte zunächst keinen Arzt.

Das war eine Situation, die ich nicht einfach auflösen konnte.

Ich konnte sie nicht zwingen.

Und gleichzeitig sah ich, dass es ihr nicht gut ging.

Am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages, gegen 22:30 Uhr, änderte sich die Situation.

Bettina sagte zu mir:

„Messe keinen Blutdruck mehr, ruf die Feuerwehr.“

Nun wollte sie Hilfe.

Ich rief den Rettungsdienst.

Und Bettina wurde ins Krankenhaus gebracht.

Ich erinnere mich an unseren letzten Blickkontakt.

Damals wusste ich nicht, dass es der letzte sein würde.

Der 27. Dezember

Bettina lag auf der Intensivstation im Vivantes Klinikum im Friedrichshain.

Ihr Zustand war lebensbedrohlich.

Es war eine Sepsis.

Eine schwere Infektion, die schließlich zum Versagen mehrerer Organe führte.

Ich konnte noch mit ihr telefonieren.

Ungefähr eine Viertelstunde lang sprach ich zu ihr, während das Telefon an ihrem Kopfkissen lag.

Ich wollte, dass sie meine Stimme hörte.

Dass sie wusste, dass ich da war.

Dass sie nicht allein war.

Ob und wie viel sie davon noch wahrnehmen konnte, weiß ich nicht.

Aber ich habe mit ihr gesprochen.

Am 27. Dezember 2022 um 4:51 Uhr starb Bettina.

Sie war 58 Jahre alt.

Und ich war plötzlich ohne sie.

Was soll man dazu sagen?

Ich könnte jetzt anfangen, Bettinas ganze Lebensgeschichte zu erzählen.

Von ihrer Kindheit.

Von ihren Interessen.

Von ihren Krankheiten.

Von ihrem Studium, ihrer Arbeit, ihrer Musik, ihren Büchern und ihrer Kreativität.

Von unserem gemeinsamen Alltag.

Von den vielen schönen und schwierigen Momenten.

Aber das wäre ein anderes Buch.

Und ich weiß auch nicht, ob ich das hier überhaupt möchte.

Denn Bettina war nicht nur eine Person in meiner Lebensgeschichte.

Sie war ein Mensch mit einer eigenen Geschichte.

Und sie war meine Lebensgefährtin.

Sechzehn Jahre lang.

Wir hatten zusammen gelebt.

Zusammen gelacht.

Uns gestritten.

Uns versöhnt.

Wir hatten Tiere geliebt.

Wir hatten Krankheiten durchgestanden.

Wir hatten uns umeinander gekümmert.

Und nun war sie tot.

Sieben Tage nachdem ich aus der Psychiatrie nach Hause gekommen war.

Sieben Tage.

Ich schreibe diese Zahl noch einmal hin, weil sie so viel über diese Zeit sagt.

Am 20. Dezember war ich endlich wieder zu Hause.

Am 26. Dezember musste Bettina ins Krankenhaus.

Am 27. Dezember starb sie.

Dazwischen lag praktisch nichts.

Keine Zeit, wieder zur Ruhe zu kommen.

Keine Gelegenheit, gemeinsam einen normalen Alltag aufzunehmen.

Keine längere Phase, in der wir uns von den Ereignissen der vergangenen Wochen hätten erholen können.

Es ging einfach weiter.

Und diesmal starb der Mensch, mit dem ich mein Leben geteilt hatte.

Es ist nicht alles erzählt

Es gibt vieles an Bettinas letzten Tagen, das mich beschäftigt hat.

Fragen, die sich nicht einfach beantworten lassen.

Entscheidungen, über die ich nachgedacht habe.

Auch Dinge, über die ich mich geärgert habe.

Denn wenn ein Mensch schwer krank ist, wenn Entscheidungen über ärztliche Hilfe getroffen oder aufgeschoben werden, dann ist hinterher nicht automatisch alles geklärt.

Man kann einen Menschen lieben und trotzdem mit bestimmten Entscheidungen nicht einverstanden sein.

Man kann trauern und gleichzeitig Fragen haben.

Man kann dankbar für die gemeinsame Zeit sein und dennoch mit dem Ende hadern.

Das alles schließt sich nicht gegenseitig aus.

Aber ich möchte Bettinas Tod hier nicht zu einer medizinischen Fallgeschichte machen.

Und ich möchte sie auch nicht auf ihre Krankheiten reduzieren.

Sie war viel mehr als das.

Deshalb belasse ich es an dieser Stelle dabei.

Danach

Ich hatte in meinem Leben schon viele Menschen verloren.

Meine Mutter.

Meinen Vater.

Freunde.

Geliebte Tiere.

Und ich hatte längst meine eigenen Vorstellungen davon entwickelt, was Sterben und Tod für mich bedeuten.

Meine mystische Sicht auf das Leben endet nicht an der Grenze des körperlichen Todes.

Das war schon vorher so.

Und daran änderte auch Bettinas Tod nichts.

Aber eine spirituelle Überzeugung ersetzt nicht den Menschen, mit dem man zusammengelebt hat.

Sie ersetzt nicht seine Stimme.

Nicht seine alltägliche Gegenwart.

Nicht die Gespräche.

Und nicht die kleinen Gewohnheiten, die zwei Menschen miteinander entwickeln.

Bettina war tot.

Und ich musste mit dieser Tatsache weiterleben.

Was ich in den Monaten und Jahren danach daraus gemacht habe, gehört wieder zu meiner eigenen Lebensgeschichte.

Aber bevor ich davon erzähle, möchte ich noch einmal bei diesem Dezember bleiben.

Denn ich finde, man muss sich die zeitliche Abfolge wirklich vor Augen führen.

Im Herbst die Medikamentenumstellung.

Dann die Rebound-Psychose.

Am 4. Dezember die Einweisung.

Bis zum 20. Dezember die geschlossene Psychiatrie.

Am 26. Dezember der Rettungswagen für Bettina.

Am 27. Dezember ihr Tod.

Und dazwischen ich.

Ein Mensch, der selbst schwer krank war und kaum Gelegenheit hatte, sich von einer Katastrophe zu erholen, bevor die nächste geschah.

Ich brauche dafür keine besonders großen Worte.

Die Daten reichen.

20. Dezember 2022: Ich komme nach Hause.

27. Dezember 2022: Bettina stirbt.

Sieben Tage.

Und danach war unser gemeinsames Leben zu Ende.

Kapitel 23

Laura, Nelli und die Dinge, die ich nicht erklären kann

Oder: Ein Gebet, zwei Katzen und die Krallen auf meinem Temporallappen

Es gibt Dinge, die erlebt man, und hinterher weiß man nicht so recht, was man dazu sagen soll.

Man war dabei.

Man hat es mit eigenen Augen gesehen.

Man weiß genau, was passiert ist.

Und trotzdem sitzt man anschließend da und denkt:

Das kann doch wohl nicht wahr sein.

Ich möchte von zwei Katzen erzählen.

Laura und Nelli.

Und von zwei Erlebnissen, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Das eine dauerte nur wenige Sekunden.

Das andere wiederholte sich über einen längeren Zeitraum.

Beide hatten mit Krankheit zu tun.

Mit meiner Epilepsie.

Mit dem Tod.

Und mit der Frage, was Tiere eigentlich alles wahrnehmen können, von dem wir Menschen möglicherweise überhaupt nichts wissen.

Zwei Katzen aus der Tierrettung

Im September 2012 kamen Laura und Nelli zu uns.

Beide stammten aus der Tierrettung.

Laura war 2011 geboren worden, Nelli 2012.

Laura war eine dunkel gestromte Katze, wunderschön getigert, mit etwas Bengalartigem in ihrem Aussehen.

Nelli war eine Thai Blue Point.

Hell, mit dunkleren Abzeichen, einem völlig anderen Gesicht und einer ganz anderen Art.

Schon äußerlich waren die beiden kaum miteinander zu verwechseln.

Und charakterlich erst recht nicht.

Laura war die Starke.

Sie wusste, was sie wollte.

Sie konnte sich behaupten.

Sie war eine Katze, die ihren Alltag ziemlich gut im Griff hatte.

Nelli dagegen war, nun ja, wie soll ich das sagen?

Ein bisschen einfach gestrickt.

Das meine ich überhaupt nicht böse.

Ich habe sie geliebt.

Aber sie konnte vieles einfach nicht.

Sie wirkte manchmal, als hätte sie die Bedienungsanleitung für das Katzendasein nicht vollständig mitbekommen.

Sie war in mancher Hinsicht unbeholfen, gesundheitlich angeschlagen und hatte immer wieder Probleme mit Katzenschnupfen.

Sie nieste.

War empfindlich.

Und im Vergleich zu Laura erschien sie mir oft ziemlich hilflos.

Wenn man die beiden zusammen betrachtete, hätte wohl niemand ausgerechnet Nelli besondere Fähigkeiten zugetraut.

Ich jedenfalls nicht.

Was für ein Irrtum.

Aber davon später.

Nach Bettinas Tod

Bettina starb am 27. Dezember 2022.

Laura und Nelli waren noch da.

Sie gehörten seit über zehn Jahren zu unserem gemeinsamen Leben.

Sie kannten unsere Wohnung.

Unsere Gewohnheiten.

Unsere Stimmen.

Unsere Tagesabläufe.

Und nun lebten sie mit mir weiter.

Aber auch Laura war schwer krank.

Sie hatte erhebliche Nierenprobleme.

Unsere Tierärztin Christine Berger betreute sie.

Christine war eine ganz besondere Tierärztin für uns.

Sie kam zu Hausbesuchen, häufig sogar nachts.

Wenn sie ihre Operationen und ihre übrige Arbeit erledigt hatte, fand sie manchmal noch Zeit für unsere Katzen.

Das war keineswegs selbstverständlich.

Und ich war ihr dafür sehr dankbar.

Eine Tierärztin um zwei Uhr nachts

In der Nacht zum 22. Februar 2023 ging es Laura sehr schlecht.

Ich telefonierte mit Christine.

Sie sagte, sie würde kommen.

Und tatsächlich stand sie gegen zwei Uhr nachts bei mir.

Ich hatte Laura inzwischen in ihren Kennel gesetzt.

Das war ganz praktisch gedacht.

Denn wenn ein Tierarzt kommt, haben Katzen bekanntlich ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, ob sie gerade untersucht werden möchten.

Man muss dann nicht unbedingt die komplette Wohnung auf links drehen und hinter einer verängstigten Katze herjagen.

Also hatte ich Laura in ihren Kennel gesetzt.

Der stand hier im Wohnzimmer auf einem Sessel.

Christine kam herein.

Wir konnten Laura in Ruhe behandeln.

Christine gab ihr drei Spritzen.

Danach fragte ich:

„Können wir den Kennel jetzt aufmachen? Kann Laura rausspringen?“

Christine sagte:

„Ja, Laura kann rausspringen.“

Also öffneten wir den Kennel.

Laura sprang heraus.

Sie lief aus dem Wohnzimmer in Richtung Flur.

Nur ein paar Schritte.

Um die Ecke.

Und dann geschah etwas, womit niemand von uns gerechnet hatte.

Ein Grand-Mal-Anfall

Laura bekam einen epileptischen Anfall.

Einen richtigen, schweren Grand-Mal-Anfall.

Mit allem, was dazugehört.

Ich kannte solche Anfälle schließlich aus meinem eigenen Leben.

Seit meiner Kindheit hatte ich Epilepsie.

Ich wusste, wie furchtbar ein großer epileptischer Anfall aussehen konnte.

Aber Laura hatte zuvor noch nie einen solchen Anfall gehabt.

Und nun lag sie plötzlich dort im Flur.

Es dauerte vielleicht eine Minute.

Ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Alles ging unglaublich schnell.

Christine war da.

Ich war da.

Und Laura hatte diesen schweren Anfall.

Ich konnte in diesem Moment nichts tun, um die Situation zu ändern.

Und dann sagte ich einen Satz.

Ganz unmittelbar.

Ohne darüber nachzudenken.

Es kam einfach aus mir heraus.

„Jesus Christus, erbarme dich meiner für Laura.“

Und genau mit diesem Satz war Laura tot.

Nicht eine halbe Stunde später.

Nicht irgendwann im weiteren Verlauf der Nacht.

Sondern in diesem Augenblick.

Ich sagte den Satz.

Und Laura fiel tot um.

Nur ein Satz

Christine schaute mich an.

Ich schaute Christine an.

Wir waren beide vollkommen fassungslos.

Eben noch hatte Laura ihren Kennel verlassen.

Dann dieser schwere epileptische Anfall.

Mein Gebet.

Und plötzlich war sie tot.

Ich empfand den Zusammenhang als unmittelbar.

Für mich hatte mein Satz ihr Sterben bewirkt.

Nicht im Sinne einer Tötung.

Ich wollte Laura selbstverständlich nicht töten.

Ich hatte um Erbarmen für sie gebeten.

Und genau in diesem Moment endete ihr Leben.

Ich kann bis heute ganz genau sagen, was ich erlebt habe.

Ich kann auch sagen, wie ich es verstanden habe.

Aber ich kann nicht erklären, wie so etwas geschieht.

Christine war ebenso fassungslos wie ich.

Und dann lag Laura tot im Flur.

Die Katze, die eben noch gelebt hatte.

Die über zehn Jahre zu unserem Alltag gehört hatte.

Die starke, dunkel gestromte Laura.

Sie war nicht mehr da.

Wir mussten überlegen, was nun geschehen sollte.

Christine nahm Laura schließlich mit.

Sie sollte in eine Tierverbrennungsanlage gebracht werden.

Es war alles innerhalb kürzester Zeit passiert.

Ein nächtlicher Hausbesuch.

Drei Spritzen.

Ein paar Schritte in den Flur.

Ein epileptischer Anfall.

Ein Gebet.

Und Laura war tot.

Am 22. Februar 2023.

Keine zwei Monate nach Bettina.

Und nun Nelli

Damit war Nelli allein.

Zumindest ohne Laura.

Die beiden waren 2012 gemeinsam zu uns gekommen und hatten all die Jahre zusammengelebt.

Jetzt gab es nur noch die helle Thai-Blue-Point-Katze.

Die mit dem Katzenschnupfen.

Die manchmal so unbeholfen war.

Die vieles nicht konnte.

Ich hatte sie immer lieb gehabt.

Aber ich hatte ihr nie besonders viel zugetraut.

Und dann sollte ausgerechnet diese Katze etwas tun, das mich vollkommen sprachlos machte.

Meine epigastrischen Auren

Ich habe seit meinem elften Lebensjahr Epilepsie.

Eine meiner typischen Anfallsformen beginnt mit einer sogenannten epigastrischen Aura.

Das ist eine besondere Empfindung, die vom Bauchraum auszugehen scheint.

Wer solche Auren nicht kennt, kann sich vielleicht schwer vorstellen, wie eigenartig sie sich anfühlen.

Für mich sind sie jedoch seit Jahrzehnten vertraut.

Ich erkenne sie.

Ich weiß, wenn eine solche Aura beginnt.

Und ich weiß auch, dass daraus unter Umständen ein größerer Anfall entstehen kann.

Deshalb hatte ich mir angewöhnt, mich bei einer Aura möglichst auf mein Bett zu legen.

Falls ein großer Anfall käme, wäre ich dort wenigstens etwas sicherer.

Nicht auf einer Treppe.

Nicht draußen auf der Straße.

Nicht irgendwo, wo ich schwer stürzen könnte.

Sondern auf meinem Bett.

So machte ich es auch an jenem Tag.

Einige Zeit nach Lauras Tod.

Ich bekam eine epigastrische Aura.

Also ging ich ins Schlafzimmer.

Legte mich auf mein Bett.

Auf die Seite.

Und wartete.

Was will die denn jetzt?

Ich lag vielleicht zwei Minuten dort.

Da kam Nelli.

Sie lief ins Schlafzimmer.

Sprang auf mein Bett.

Und ich dachte:

Was will die denn jetzt?

Normalerweise macht eine Katze schließlich ihre eigenen Sachen.

Sie entscheidet selbst, wann sie gestreichelt werden möchte.

Wann sie schlafen will.

Und wann sie jemanden besucht.

Ich hatte Nelli jedenfalls nicht gerufen.

Ich lag einfach nur da.

Mit meiner Aura.

Nelli kam näher.

Und dann kletterte sie auf mich.

Ganz bewusst.

Nicht zufällig.

Nicht irgendwie halb im Vorbeilaufen.

Sie stieg auf meinen Körper und ging mit ihren Pfoten in Richtung meines Kopfes.

Ich dachte:

Was macht die denn jetzt?

Aber ich ließ sie.

Ich habe meine Tiere immer ihre Dinge machen lassen, solange nichts dagegen sprach.

Also lag ich still und beobachtete, was Nelli vorhatte.

Krallen auf dem Temporallappen

Nelli stellte ihre Pfoten an meinen Kopf.

Und zwar ausgerechnet an die Stelle, an der nach den MRT-Untersuchungen einer meiner epileptischen Herde im Bereich des Temporallappens lag.

Dann begann sie zu treteln.

So, wie Katzen das machen.

Mit den Vorderpfoten.

Abwechselnd.

Rein.

Raus.

Rein.

Raus.

Aber Nelli tretelte nicht etwa vorsichtig auf einer weichen Decke.

Sie tretelte auf meinem Kopf.

Mit ihren Krallen.

Und sie machte das ziemlich kräftig.

Es tat richtig weh.

Ich lag da und dachte:

Meine Güte, Nelli, was machst du denn da?

Aber ich ließ sie weitermachen.

Und dann geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Meine Aura verschwand.

Einfach weg.

Sie war eben noch da gewesen.

Und nun war sie fort.

Der Anfall, der sich angebahnt hatte, war beendet.

Nelli hörte auf zu treteln.

Stieg wieder herunter.

Sprang vom Bett.

Und ging ihrer Wege.

Als sei überhaupt nichts Besonderes geschehen.

Ich dagegen lag auf meinem Bett und konnte es nicht fassen.

Das kann doch nicht sein!

Ich dachte:

Das ist jetzt ein Scherz.

Das kann nicht sein.

Völlig unmöglich.

Eine Katze kommt auf mein Bett.

Klettert auf meinen Kopf.

Tretelt mit ihren Krallen genau dort, wo ein epileptischer Herd liegt.

Und meine Aura verschwindet?

Nein.

Das konnte ich mir nicht erklären.

Aber ich hatte es erlebt.

Und Nelli war längst wieder verschwunden.

Vielleicht hatte ich mich getäuscht?

Vielleicht wäre die Aura ohnehin zu Ende gegangen?

Solche Gedanken kann man nach einem einzelnen Erlebnis durchaus haben.

Aber dann passierte es wieder.

Das zweite Mal

Einige Tage später bekam ich die nächste epigastrische Aura.

Vielleicht fünf Tage später.

Vielleicht eine Woche.

Ich weiß es nicht mehr ganz genau.

Jedenfalls ging ich wieder ins Schlafzimmer.

Legte mich auf mein Bett.

Auf die Seite.

Und wartete.

Ich rief Nelli nicht.

Ich versuchte auch nicht, sie anzulocken.

Ich hatte überhaupt nicht vor, aus dem ersten Erlebnis irgendeine Behandlungsmethode zu machen.

Ich verhielt mich genauso wie sonst.

Und plötzlich kam Nelli wieder.

Sie sprang auf mein Bett.

Kletterte auf mich.

Ging an meinen Kopf.

Und begann an derselben Stelle zu treteln.

Mit ihren Krallen.

Wieder schmerzhaft.

Wieder genau dort.

Und wieder verschwand meine Aura.

Jetzt war ich wirklich sprachlos.

Denn diesmal hatte ich Nelli nicht einmal erwartet.

Ich hatte sie weder aufgefordert noch gerufen.

Und trotzdem war sie gekommen.

Als hätte sie bemerkt, was gerade mit mir geschah.

Eine ganz besondere Katze

Danach geschah das noch viele Male.

Immer wieder bekam ich eine Aura.

Immer wieder kam Nelli von sich aus.

Sie kletterte zu meinem Kopf.

Tretelte mit ihren Krallen.

Und währenddessen oder kurz darauf verschwand die Aura.

Für mich war das eine wiederholt erlebte Form der Hilfe.

Ich empfand Nellis Treteln wie eine Akupressur.

Allerdings eine ziemlich schmerzhafte.

Denn ihre Krallen waren nun einmal keine weichen Fingerkuppen.

Und trotzdem ließ ich sie machen.

Weil ich immer wieder erlebte, dass die Aura aufhörte.

Ich sprach darüber auch mit meinen Neurologen.

Sie wussten von diesen Erlebnissen.

Ich hatte schließlich keinen Grund, ihnen etwas zu verheimlichen.

Im Gegenteil.

Mich interessierte sehr, was da eigentlich geschah.

Aber eine Erklärung, mit der ich das Geschehen vollständig hätte begreifen können, hatte ich nicht.

Ich wusste nur, was ich wiederholt erlebt hatte.

Nelli kam.

Nelli tretelte.

Die Aura verschwand.

Ausgerechnet Nelli!

Und jetzt kommt für mich das eigentlich Erstaunliche.

Ausgerechnet Nelli.

Diese kleine, manchmal so unbeholfene Katze.

Die vieles nicht konnte.

Die ständig nieste.

Die ich gelegentlich für ziemlich dumm hielt.

Natürlich liebevoll gemeint.

Aber trotzdem.

Wenn mich jemand vorher gefragt hätte, welche unserer beiden Katzen wohl besondere Fähigkeiten besäße, hätte ich wahrscheinlich sofort auf Laura gezeigt.

Laura war die Starke.

Die Selbstständige.

Die Clevere.

Aber Laura war tot.

Und Nelli zeigte plötzlich etwas, das ich ihr im Leben nicht zugetraut hätte.

Sie bemerkte offenbar, wenn sich bei mir eine Aura anbahnte.

Sie kam, ohne dass ich sie rief.

Sie suchte eine ganz bestimmte Stelle an meinem Kopf auf.

Und sie tat etwas, das ich als unmittelbare Hilfe erlebte.

Was sollte ich davon halten?

Vielleicht wissen Tiere sehr viel mehr über unsere körperlichen Zustände, als wir vermuten.

Vielleicht nehmen sie Veränderungen wahr, die uns Menschen entgehen.

Vielleicht gibt es Fähigkeiten, die wir noch längst nicht ausreichend verstehen.

Ich weiß es nicht.

Aber ich habe diese Erfahrung gemacht.

Nicht einmal.

Sondern wiederholt.

Und dadurch habe ich Nelli mit ganz anderen Augen gesehen.

Was heißt eigentlich intelligent?

Ich habe lange darüber nachgedacht.

Weshalb hatte ich Nelli eigentlich für weniger intelligent gehalten?

Weil sie manches nicht konnte, was für andere Katzen selbstverständlich war?

Weil sie unbeholfen wirkte?

Weil sie gesundheitliche Probleme hatte?

Weil sie nicht so selbstständig war wie Laura?

Vielleicht war mein Maßstab falsch.

Vielleicht habe ich zu sehr auf das geachtet, was Nelli nicht konnte.

Und viel zu wenig darauf, was sie konnte.

Denn als es darauf ankam, zeigte sie mir eine Fähigkeit, die ich nicht einmal für möglich gehalten hatte.

Und das erinnert mich an eine Frage, die mich schon mein ganzes Leben beschäftigt.

Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Lebewesen als eingeschränkt gilt?

Wer entscheidet, welche Fähigkeiten wichtig sind?

Und wie viel entgeht uns, wenn wir jemanden ausschließlich danach beurteilen, was er nicht kann?

Ich kenne diese Frage schließlich auch aus meinem eigenen Leben.

Ich habe Epilepsie.

Ich habe gesundheitliche Einschränkungen.

Ich kann manches nicht.

Aber daraus folgt noch lange nicht, dass ich insgesamt weniger kann als andere Menschen.

Vielleicht hätte ich diese Erkenntnis auch früher auf Nelli übertragen sollen.

21. Februar 2024

Nelli wurde später selbst schwer krank.

Sie hatte FIV.

Das feline Immundefizienzvirus, umgangssprachlich auch Katzen-AIDS genannt.

Am 21. Februar 2024 starb sie.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach Laura.

Laura war am 22. Februar 2023 gestorben.

Nelli am 21. Februar 2024.

Damit waren beide Katzen fort, die 2012 gemeinsam aus der Tierrettung zu uns gekommen waren.

Und wieder gehörte ein Stück unseres früheren gemeinsamen Lebens der Vergangenheit an.

Nach Bettinas Tod hatte ich Laura verloren.

Ein Jahr später Nelli.

Aber ich möchte die beiden nicht allein durch ihre Todestage in Erinnerung behalten.

Dafür haben sie mir zu viel gegeben.

Und dafür waren sie viel zu verschieden.

Zwei Erlebnisse

Wenn ich heute an Laura denke, sehe ich sie in jener Februarnacht.

Christine ist da.

Der Kennel steht auf dem Sessel.

Laura springt heraus.

Läuft um die Ecke.

Dann kommt der Anfall.

Und ich sage:

„Jesus Christus, erbarme dich meiner für Laura.“

Genau in diesem Augenblick stirbt sie.

Das ist für mich eines der außergewöhnlichsten Erlebnisse im Zusammenhang mit einem Tier, das ich je hatte.

Und wenn ich an Nelli denke, sehe ich eine ganz andere Szene.

Ich liege mit einer epigastrischen Aura auf meinem Bett.

Nelli kommt herein.

Sie klettert auf mich.

Ich frage mich, was sie bloß vorhat.

Dann setzt sie ihre Pfoten an meinen Kopf.

Ihre Krallen tun weh.

Und plötzlich ist die Aura verschwunden.

Die Katze, der ich so wenig zugetraut hatte, hat mir geholfen.

Wieder und wieder.

Was ich daraus gelernt habe

Vielleicht muss man nicht jedes außergewöhnliche Erlebnis vollständig erklären können.

Vielleicht ist es manchmal schon wichtig genug, genau hinzusehen.

Nichts zu beschönigen.

Nichts hinzuzuerfinden.

Und trotzdem offen dafür zu bleiben, dass die Wirklichkeit überraschender sein kann als unsere Vorstellungen von ihr.

Ich habe mit Laura und Nelli Dinge erlebt, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Ich habe bei Laura erlebt, wie mein Gebet unmittelbar mit ihrem Sterben zusammenfiel und für mich zum entscheidenden Moment ihres Todes wurde.

Und ich habe mit Nelli erlebt, wie eine Katze wiederholt zu mir kam, wenn ich eine epigastrische Aura hatte, und wie diese Aura nach ihrem schmerzhaften Treteln verschwand.

Ob andere Menschen sich das vorstellen können, weiß ich nicht.

Ich war selbst überrascht genug.

Aber die beiden Katzen gehörten zu meinem Leben.

Und diese Erlebnisse gehören zu ihrer Geschichte.

Vor allem habe ich durch Nelli etwas gelernt, das ich mir gern noch einmal selbst sage:

Man sollte ein Lebewesen niemals nur danach beurteilen, was es nicht kann.

Denn manchmal zeigt gerade das vermeintlich Schwächere eine Fähigkeit, mit der niemand gerechnet hätte.

Nicht einmal ich.

Und wenn ich mir heute das Foto von Laura und Nelli anschaue, wie sie so eng beieinanderliegen, dann sehe ich zwei völlig unterschiedliche Katzen.

Die starke, dunkel gestromte Laura.

Und die helle, manchmal so unbeholfene Nelli.

Zwei Katzen aus der Tierrettung.

Zwei vertraute Gefährtinnen über viele Jahre.

Und zwei außergewöhnliche Geschichten, die ich niemals vergessen werde.

Kapitel 24

Die Betonplatten von meiner Seele

Oder: Sabine, du spinnst doch!

Es gibt Momente im Leben, in denen sich etwas grundlegend verändert.

Nicht unbedingt die äußeren Umstände.

Nicht die Vergangenheit.

Nicht einmal die gesundheitliche Situation.

Sondern etwas im Inneren.

Etwas, das man vielleicht jahrelang mit sich herumgetragen hat, ohne überhaupt noch zu bemerken, wie schwer es geworden ist.

Ich nenne das meine Betonplatten.

Und am 3. August 2024 waren sie plötzlich weg.

Aber der Reihe nach.

Ein Leben voller Erinnerungen

Wenn man meine bisherige Lebensgeschichte gelesen hat, könnte man auf die Idee kommen, dass ich eigentlich ständig damit beschäftigt gewesen sein müsste, irgendwelche Katastrophen zu verarbeiten.

Epilepsie seit meiner Kindheit.

Schwere Anfälle.

Medikamentenprobleme.

Psychosen.

Eine Nahtoderfahrung.

Eine Gehirnblutung.

Mehrere Aneurysmaoperationen.

Die Geschichte mit meiner linken Hand.

Jahrelange neuropathische Schmerzen.

Corona.

Long COVID.

Die psychiatrische Unterbringung im Dezember 2022.

Und sieben Tage nach meiner Entlassung starb Bettina.

Dann starb Laura.

Ein Jahr später Nelli.

Man könnte meinen, irgendwann müsste ein Mensch unter der Last all dieser Erfahrungen zusammenbrechen.

Aber so einfach ist das nicht.

Denn ich hatte neben all diesen Ereignissen immer auch ein anderes Leben.

Meine Mystik.

Meine Philosophie.

Meine Beschäftigung mit Kunst und Geschichte.

Meine Internetseiten.

Meine Freude am Denken.

Meine Gespräche über Gott.

Und meine Überzeugung, dass das Göttliche nicht irgendwo weit entfernt sitzt, sondern in allem gegenwärtig ist.

Diese Überzeugung ist nicht erst 2024 entstanden.

Sie begleitet mich schon lange.

Ich bin also nicht plötzlich von einer unspirituellen Frau zu einer Mystikerin geworden.

Das wäre Unsinn.

Was sich im August 2024 veränderte, war etwas anderes.

Mir ging es gut

Im Juli 2024 ging es mir aus spiritueller Sicht ausgesprochen gut.

Richtig gut.

Ich war zufrieden.

Ich fühlte mich frei.

Ich hatte Freude an meinem Leben.

Natürlich waren meine gesundheitlichen Probleme dadurch nicht verschwunden.

Meine Epilepsie war immer noch da.

Auch die übrigen Beschwerden waren nicht einfach weggezaubert.

Aber innerlich ging es mir gut.

So gut, dass ich eigentlich keinen Anlass sah, noch irgendetwas daran ändern zu wollen.

Ich hatte weiterhin Kontakt mit Professor Dr. Sabine Bobert aus Kiel.

Sabine kannte ich schon länger.

Sie hatte mir im August 2020 bei meinen schweren Handschmerzen mittels spiritueller Energieübertragung geholfen.

Damals war der jahrelange Schmerz verschwunden.

Das hatte mein Leben erheblich verändert.

Und nun, fast vier Jahre später, unterhielten wir uns wieder über meine Situation.

Ich erzählte Sabine, wie gut es mir ging.

So ungefähr:

„Sabine, mir geht's so geil! Ich fühle mich so gut! Das ist alles so super!“

Und Sabine schaute mich an.

Dann sagte sie:

„Ja, das kann man aber noch steigern.“

Ich dachte, ich höre nicht richtig.

Noch steigern?

Was sollte denn da noch gesteigert werden?

Ich fühlte mich schließlich bereits hervorragend.

Also sagte ich sinngemäß:

„Sabine, du spinnst doch!“

Aber Sabine blieb dabei.

Doch.

Das könne man noch steigern.

Ich schaute sie an.

Sie schaute mich an.

Und ich dachte:

Na, wenn du meinst.

Dann mach doch mal!

Sabine wollte zunächst meine Erlaubnis.

Sie wollte nicht einfach etwas tun, ohne dass ich damit einverstanden war.

Und ich war einverstanden.

Allerdings war ich durchaus ein bisschen überheblich.

Denn ich war ja überzeugt, dass es mir schon so gut ging, dass eigentlich keine Steigerung mehr möglich war.

Also dachte ich:

Bitte schön.

Wenn du glaubst, dass du da noch etwas verbessern kannst, dann versuch es doch.

Ich hatte keine besondere Erwartung.

Ich saß nicht da und dachte, dass nun eine der wichtigsten Veränderungen meines Lebens bevorstand.

Ich war eher neugierig.

Und vielleicht ein bisschen frech.

Aber ich kannte Sabine.

Ich hatte bereits eine außergewöhnliche Erfahrung mit ihr gemacht.

Und ich vertraute ihr.

Also gab ich ihr meine Einwilligung.

Der 3. August 2024

Was ich dann erlebte, lässt sich mit einem Bild beschreiben.

Sabine nahm mir die Betonplatten von der Seele.

So empfinde ich es bis heute.

Als hätte ich über Jahrzehnte gewaltige, schwere Platten mit mir herumgetragen.

Nicht eine.

Nicht zwei.

Sondern einen ganzen Stapel.

All die schweren Ereignisse meines Lebens hatten Erinnerungen hinterlassen.

Und diese Erinnerungen waren mit Gefühlen verbunden.

Mit Schmerz.

Mit Belastungen.

Mit Erfahrungen, die einen Menschen über viele Jahre begleiten können.

Ich hatte mich daran gewöhnt.

Vielleicht so sehr, dass ich gar nicht mehr bemerkte, wie viel Gewicht ich innerlich mit mir herumschleppte.

Und plötzlich war dieses Gewicht fort.

Nicht die Erinnerungen.

Das ist mir ungeheuer wichtig.

Ich habe nichts vergessen.

Ich weiß weiterhin, was 2000 geschehen ist.

Ich weiß, was 2003 geschehen ist.

Ich weiß, was mit meiner linken Hand passiert ist.

Ich erinnere mich an die Psychosen.

An die Operationen.

An Corona.

An die geschlossene Psychiatrie.

An Bettinas Tod.

An Laura und Nelli.

An alles.

Meine Vergangenheit ist nicht verschwunden.

Aber die schlimmen Gefühle, die vorher mit vielen dieser Erinnerungen verbunden gewesen waren, waren plötzlich nicht mehr da.

Ich konnte auf die Ereignisse zurückblicken, ohne dass sie mich innerlich erneut in ihren Bann zogen.

Ich konnte darüber erzählen.

Nachdenken.

Schreiben.

Mich erinnern.

Und trotzdem frei bleiben.

Das war für mich eine ungeheure Veränderung.

Nicht vergessen, sondern frei

Vielleicht versteht man den Unterschied am besten, wenn man sich vorstellt, wie es ist, eine alte Verletzung zu berühren.

Man weiß, dass sie da war.

Man kennt ihre Geschichte.

Man kann sie beschreiben.

Aber normalerweise kann schon die Erinnerung unangenehme Gefühle hervorrufen.

Bei mir war es nach dem 3. August 2024 anders.

Ich konnte die Vergangenheit betrachten, ohne dass die alten Belastungen wieder dieselbe Macht über mich bekamen.

Und ich empfand das als Befreiung.

Nicht als Verdrängung.

Nicht als Gedächtnisverlust.

Nicht als Schönfärberei.

Ich hatte meine Lebensgeschichte weiterhin vollständig bei mir.

Nur musste ich sie nicht mehr als schwere Last mit mir herumtragen.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Denn ich wollte meine Vergangenheit niemals auslöschen.

Ich wollte auch nicht so tun, als hätte ich nichts Schlimmes erlebt.

All das gehört zu mir.

Meine Geschichte ist meine Geschichte.

Aber weshalb sollte ich den Schmerz jedes Mal wieder vollständig erleben müssen, wenn ich darüber spreche?

Für mich war diese Veränderung ein Geschenk.

Und ich bin Sabine dafür außerordentlich dankbar.

Die Vergangenheit gehört zu mir. Aber sie beherrscht mich nicht.

Das ist vielleicht die wichtigste Folge dieser Erfahrung.

Ich kann heute über Dinge sprechen, die andere Menschen möglicherweise kaum ertragen würden.

Über meine Hand.

Über meine Krankheiten.

Über meine schweren Krisen.

Über den Tod von Menschen und Tieren, die ich geliebt habe.

Ich kann diese Ereignisse ernst nehmen, ohne jedes Mal innerlich daran zu zerbrechen.

Das bedeutet nicht, dass mir alles gleichgültig geworden wäre.

Im Gegenteil.

Ich erinnere mich sehr genau.

Und ich kann weiterhin unterscheiden, was schön, was schrecklich und was ausgesprochen beschissen gewesen ist.

Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich all diese Erlebnisse ständig als innere Belastung mit mir herumschleppen muss.

Das war die Befreiung, die ich am 3. August 2024 erlebt habe.

Und damit begann eine neue Phase meines Lebens.

Und dann ging es los

Nach dieser Erfahrung veränderte sich auch meine schöpferische Tätigkeit.

Ich bekam Eingebungen.

Eine nach der anderen.

Ideen.

Gedanken.

Texte.

Themen.

Anregungen für Bilder, Videos, Musik und ganze Projekte.

Ich kannte solche Erfahrungen bereits aus meiner mystischen Lebenspraxis.

Ich hatte schon früher innere Gespräche mit Gott geführt.

Ich hatte mich mit Teresa von Ávila beschäftigt, mit Dorothee Sölle, mit Meister Eckhart und vielen anderen Menschen, deren Leben und Denken mir wichtig waren.

Aber nun wurde die Folge dieser Eingebungen für mich besonders intensiv.

Kaum hatte ich eine Idee aufgegriffen, kam schon die nächste.

Und ich machte etwas daraus.

Ich schrieb.

Ich arbeitete an meinen Webseiten.

Ich entwickelte Videos.

Ich verwendete digitale Werkzeuge.

Und ich begann, meine mystischen Erfahrungen zunehmend auch künstlerisch umzusetzen.

Das war kein fertiger Plan.

Ich hatte nicht am 3. August beschlossen, nun Tausende Videos zu produzieren.

Ich hatte auch keinen Stundenplan, nach dem ich täglich eine bestimmte Anzahl von Eingebungen erhalten sollte.

Es geschah einfach.

Und ich griff es auf.

Ein Leben mit göttlichen Eingebungen

Ich beschreibe diese Ideen als göttliche Eingebungen.

Das ist meine Sprache für das, was ich erlebe.

Manchmal empfinde ich einen Gedanken als eine Anregung von Gott.

Manchmal erlebe ich ein inneres Gespräch mit Teresa von Ávila.

Oder mit Dorothee Sölle.

Oder mit anderen Menschen, die längst gestorben sind, deren Gedanken und Gegenwart für mich aber weiterhin lebendig sind.

Ich habe dafür meine eigene mystische Ausdrucksweise entwickelt.

Ich nenne es unter anderem „Gespräche über die Zeit hinaus“.

Dabei geht es mir nicht darum, mich als Medium auszugeben.

Ich betreibe kein Channeling.

Ich beschreibe meine persönliche Form mystischer Erfahrung.

Und für mich ist diese Erfahrung Teil meines ganz gewöhnlichen Alltags.

Nicht etwas, das ich jeden Tag künstlich herbeiführen müsste.

Nicht etwas, das ich wie eine besondere Attraktion vorführe.

Sondern etwas, das geschieht.

Ich bin offen dafür.

Ich höre hin.

Und manchmal entsteht daraus ein neues Werk.

Aber Moment mal

Nun muss ich an dieser Stelle etwas erzählen, das angesichts meiner Vorgeschichte ausgesprochen wichtig ist.

Ich habe schließlich nicht erst seit gestern mit Psychiatrie zu tun.

Ich kenne schwere Psychosen.

Ich weiß, wie dramatisch sich mein Erleben unter bestimmten Medikamentenveränderungen entwickeln konnte.

Ich weiß auch, was geschehen kann, wenn man solche Veränderungen nicht ernst nimmt.

Und nun hatte ich plötzlich eine intensive spirituelle und schöpferische Phase.

Dazu kam, dass ich zeitweise weniger schlief.

Also stellte ich mir selbst die Frage:

Ist das eigentlich alles in Ordnung?

Bin ich einfach begeistert?

Erlebe ich eine ungewöhnlich produktive Phase?

Oder entwickelt sich hier erneut etwas, das psychiatrisch behandelt werden muss?

Diese Frage habe ich nicht ignoriert.

Ich habe mich an meine Psychiaterin gewandt.

Denn nach allem, was ich erlebt hatte, wollte ich kein unnötiges Risiko eingehen.

Die Psychiatrie kommt zu mir nach Hause

Es wurde eine stationsäquivalente psychiatrische Behandlung organisiert.

Das bedeutet, dass ein Behandlungsteam zu Hause betreut, statt dass der Patient dafür auf einer Krankenhausstation bleiben muss.

Bei mir kamen über ungefähr drei Wochen täglich psychiatrische Fachkräfte in die Wohnung.

Sie sprachen mit mir.

Sie beobachteten meine Entwicklung.

Sie machten sich ein Bild davon, wie es mir ging.

Und natürlich bekamen sie auch meine neuen Projekte mit.

Die Videos.

Die Ideen.

Die kreative Arbeit.

Ich erzählte von meinen spirituellen Erfahrungen.

Ich versteckte nichts.

Weshalb auch?

Ich wollte schließlich wissen, ob ich psychiatrisch stabil war.

Und nach meiner Erinnerung kam das Team zu dem Ergebnis, dass bei mir keine akute Psychose vorlag.

Ich war vielleicht sehr begeistert.

Vielleicht gelegentlich etwas großspurig.

Vielleicht auch ausgesprochen überzeugt von dem, was ich da gerade machte.

Aber das war nicht automatisch eine Psychose.

Besonders gefreut hat mich die Reaktion auf meine Videos.

Die fanden die behandelnden Fachkräfte gut.

Sie ermutigten mich sogar, weiterzumachen.

Sinngemäß:

„Machen Sie ruhig weiter Videos. Das ist alles gut.“

Das war für mich eine wichtige Rückmeldung.

Denn ich wollte meine schöpferische Tätigkeit nicht aufgeben, nur weil sie ungewöhnlich intensiv geworden war.

Gleichzeitig wollte ich meine gesundheitliche Vorgeschichte nicht ignorieren.

Beides gehörte für mich zusammen.

Spiritualität ist nicht automatisch Psychose

Ich habe im Laufe meines Lebens oft erlebt, wie schwierig es sein kann, über außergewöhnliche spirituelle Erfahrungen zu sprechen.

Gerade wenn jemand bereits psychiatrisch behandelt worden ist.

Dann steht schnell die Frage im Raum, ob eine religiöse Erfahrung womöglich Ausdruck einer Erkrankung sei.

Und selbstverständlich können religiöse Vorstellungen auch innerhalb einer Psychose eine Rolle spielen.

Das habe ich selbst erlebt.

Ich weiß, wie gefährlich solche Zustände werden können.

Aber daraus folgt nicht, dass jede mystische Erfahrung eines Menschen automatisch krankhaft sein muss.

Man muss genau hinschauen.

Auf das Verhalten.

Auf die Lebenssituation.

Auf die tatsächlichen Folgen.

Auf die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen.

Und auch darauf, ob ein Mensch bereit ist, seine Erfahrungen zu hinterfragen und sich gegebenenfalls helfen zu lassen.

Genau das hatte ich getan.

Ich hatte die psychiatrische Begleitung selbst gesucht.

Und danach konnte ich mit meiner Arbeit weitermachen.

Ich bin nicht plötzlich jemand anderes geworden

Man könnte nun meinen, am 3. August 2024 sei aus mir eine völlig neue Person geworden.

Aber so empfinde ich es nicht.

Ich war immer noch dieselbe Susanne.

Mit meiner Epilepsie.

Meinen Erinnerungen.

Meiner Philosophie.

Meiner Mystik.

Meinem manchmal ausgesprochen frechen Mundwerk.

Meiner Liebe zur Kunst.

Und meiner Freude an Ideen.

Ich war nicht plötzlich klüger geworden.

Ich hatte auch keine völlig neue Weltanschauung erhalten.

Ich hatte schon vorher geglaubt, dass das Göttliche in allem gegenwärtig ist.

Und ich hatte schon vorher viel geschrieben und gearbeitet.

Was sich veränderte, war mein Gefühl innerer Freiheit.

Und die Intensität, mit der ich meine Ideen aufgriff und umsetzte.

Es war, als hätte ich plötzlich mehr Raum in mir selbst.

Raum, den vorher diese schweren Betonplatten eingenommen hatten.

Und in diesen Raum passte nun sehr viel Neues.

Kein Ende, sondern ein Anfang

Wenn ich heute auf den 3. August 2024 zurückblicke, sehe ich darin einen entscheidenden Wendepunkt.

Aber keinen Schlusspunkt.

Denn danach ging es erst richtig los.

MystikOnline entwickelte sich weiter.

Es entstanden immer neue Videos.

Neue Texte.

Neue Musik.

Neue Bildwelten.

Neue Projekte.

Und irgendwann waren es Tausende Veröffentlichungen.

Nicht, weil ich mir vorgenommen hatte, möglichst große Zahlen zu erreichen.

Sondern weil immer wieder neue Ideen kamen.

Und ich Freude daran hatte, sie umzusetzen.

Ich wusste morgens oft nicht, was ich abends geschaffen haben würde.

Manchmal entstand aus einem einzigen Gedanken etwas, das sich über Tage oder Wochen weiterentwickelte.

Manchmal wurde aus einer kleinen Anregung ein ganzes Unterrichtsprojekt.

Oder eine musikalische Reihe.

Oder ein neuer Text.

Das war meine neue Lebensphase.

Und sie dauert bis heute an.

Danke, Sabine

Ich denke manchmal an dieses Gespräch im Juli 2024 zurück.

Ich sage:

„Sabine, mir geht's so gut!“

Und sie antwortet:

„Das kann man noch steigern.“

Und ich denke:

Du spinnst doch!

Wenn ich damals gewusst hätte, was ich wenige Wochen später erleben würde, hätte ich wahrscheinlich anders reagiert.

Aber vielleicht auch nicht.

Denn ein bisschen frech war ich schon immer.

Jedenfalls bin ich Sabine für diese Erfahrung unendlich dankbar.

Für mich hat sie damals etwas Entscheidendes verändert.

Sie hat mir nicht meine Vergangenheit genommen.

Sie hat mir auch nicht meine Krankheiten genommen.

Und sie hat mir keine Zukunft ohne weitere Schwierigkeiten versprochen.

Aber ich habe erlebt, dass eine schwere innere Last verschwand.

Ich konnte mich weiterhin erinnern.

Und zugleich frei sein.

Vielleicht ist das sogar die schönste Beschreibung dessen, was am 3. August 2024 geschah:

Meine Vergangenheit blieb. Aber sie lag nicht mehr auf meiner Seele.

Und was dann aus dieser Freiheit entstand, hätte ich mir im Juli 2024 noch nicht einmal vorstellen können.

Denn die Betonplatten waren weg.

Die Ideen kamen.

Und ich hatte einen Computer.

Aber davon erzähle ich im nächsten Kapitel.

Kapitel 25

Vierundzwanzig Jahre Keppra. Und dann war Schluss.

Oder: Sechs Wochen Humboldt-Klinikum, vier Kameras, ein Gartenschlauch und mein MacBook

Ich wollte Keppra loswerden.

Und zwar schon lange.

Seit April 2002 nahm ich Levetiracetam, besser bekannt unter seinem Handelsnamen Keppra.

Vierundzwanzig Jahre.

Morgens tausend Milligramm.

Mittags tausend Milligramm.

Abends tausend Milligramm.

Dreitausend Milligramm täglich.

Das Medikament hatte meine großen epileptischen Anfälle erheblich reduziert. Darüber konnte ich mich wirklich nicht beklagen.

Aber Keppra hatte für mich auch eine ausgesprochen unangenehme Kehrseite.

Ich hatte im Laufe der Jahre schwere psychiatrische Probleme erlebt. Psychosen, Nebenwirkungen und immer wieder die Frage, wie viel davon mit meiner Epilepsiemedikation zusammenhing.

Dazu kamen die Neuroleptika, die ich zum Schutz vor weiteren psychischen Krisen einnahm.

Und natürlich hatten auch diese Medikamente ihre Nebenwirkungen.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, nicht mehr nur meine Epilepsie zu behandeln, sondern vor allem die Folgen ihrer Behandlung.

Eine Tablette gegen die Anfälle.

Eine andere gegen die psychischen Nebenwirkungen.

Und dann möglicherweise noch eine gegen die Nebenwirkungen der zweiten.

Das konnte doch nicht ewig so weitergehen.

Aber meine Epilepsie ließ sich nun einmal nicht einfach wegdiskutieren.

Ich konnte nicht sagen:

So, liebes Gehirn, nach vierundzwanzig Jahren machen wir jetzt Schluss mit Keppra. Benimm dich bitte.

Ganz so einfach funktioniert das leider nicht.

Ein alter Bekannter namens Briviact

2018 hatten meine Ärzte und ich bereits versucht, Keppra durch Briviact zu ersetzen.

Das hatte zunächst durchaus Hoffnung gemacht.

Aber nach einigen Monaten merkte ich, dass auch diese Behandlung für mich erhebliche Schwierigkeiten mit sich brachte.

Ich war müde.

Weniger belastbar.

Meine Interessen und meine schöpferische Tätigkeit litten.

Schließlich wechselte ich 2019 wieder zurück zu Keppra.

Das haben wir in Kapitel 19 ausführlich beschrieben.

Und nun war ich im Jahr 2026 wieder an einem ähnlichen Punkt.

Nur gab es inzwischen eine weitere Möglichkeit.

Cenobamat.

Handelsname Ontozry.

Ich hatte diesen Wirkstoff schon einmal ausprobiert, ihn aber wegen schwerer Kopfschmerzen wieder abgesetzt.

Auch der neue Versuch war deshalb nicht ohne Risiko.

Aber ich wollte nicht einfach bei der bisherigen Behandlung bleiben, nur weil sie mir vertraut war.

Also entschieden meine Ärzte und ich uns für eine stationäre Umstellung.

Im Epilepsiezentrum des Vivantes Humboldt-Klinikums.

Sechs Wochen waren dafür vorgesehen.

Und sechs Wochen wurden es tatsächlich.

12. Mai 2026

An diesem Tag wurde ich im Humboldt-Klinikum aufgenommen.

Station 05.2.

Berliner Epilepsiezentrum.

Die Klinik stand unter der Leitung von Professor Dr. Bettina Schmitz, die meine Epilepsie schon seit vielen Jahren kannte.

Mein behandelnder Neurologe Dr. Florian Losch hatte mich zur Epilepsie-Komplexbehandlung eingewiesen.

Es ging um eine grundlegende Veränderung meiner Medikamente.

Keppra sollte ausgeschlichen werden.

Cenobamat sollte schrittweise aufdosiert werden.

Vimpat, also Lacosamid, sollte angepasst werden.

Und dann gab es noch meine psychiatrische Medikation.

Abilify hatte mir unter anderem erhebliche Akathisie und Restless-Legs-Beschwerden verursacht.

Auch davon wollte ich möglichst weg.

Es standen also gleich mehrere Veränderungen an.

Für mein Gehirn war das eine ganze Menge.

Für meinen Körper ebenfalls.

Und für meine Geduld sowieso.

Das Zimmer mit den vier Kameras

Ich wurde in einem Zimmer untergebracht, das für das epileptologische Videomonitoring ausgestattet war.

Vier Kameras hingen dort.

Das muss man sich einmal vorstellen.

Man geht ins Krankenhaus, möchte behandelt werden und landet in einem Zimmer, in dem vier Kameras installiert sind.

Nun muss ich allerdings etwas richtigstellen:

Ich war nicht an ein kontinuierliches Langzeit-Video-EEG angeschlossen.

Ich war also nicht sechs Wochen lang verkabelt.

Ich hatte keine dauerhafte EEG-Ableitung mit Elektroden am Kopf.

Ich lag in einem entsprechend ausgestatteten Monitoringzimmer, aber mein Aufenthalt diente in erster Linie der Medikamentenumstellung und der klinischen Beobachtung.

Natürlich wurden auch EEG-Untersuchungen durchgeführt.

Und selbstverständlich war die Epilepsie das zentrale medizinische Thema.

Aber es war eben kein sechswöchiges verkabeltes Langzeitmonitoring.

Das ist mir wichtig, weil ich meine Krankengeschichte möglichst genau erzählen möchte.

Vier Kameras über dem Bett sind schließlich schon bemerkenswert genug.

Mein MacBook war natürlich dabei

Und nun muss ich gleich etwas erzählen, das für den weiteren Verlauf ausgesprochen wichtig ist.

Ich war nicht allein ins Krankenhaus gekommen.

Mein MacBook war dabei.

Selbstverständlich.

Was hätte ich denn sechs Wochen lang ohne meinen Computer machen sollen?

Nur an die Zimmerdecke starren?

Den Krankenhausflur zählen?

Oder darauf warten, dass die nächste Tablette gebracht wird?

Nein, danke.

Ich hatte meine Arbeit dabei.

Meine Webseiten.

Meine Texte.

Meine Musikprojekte.

Meine Ideen.

Und meine Möglichkeiten, aus diesen Ideen etwas zu machen.

Natürlich war ich im Krankenhaus, weil ich medizinische Hilfe brauchte.

Ich war nicht auf einem sechswöchigen Kreativseminar.

Aber ich hatte auch nicht vor, mein gesamtes geistiges Leben an der Krankenhaustür abzugeben.

Also klappte ich meinen Mac auf.

Und arbeitete weiter.

Nicht immer.

Nicht an jedem Tag gleich viel.

Manchmal ging es mir dafür viel zu schlecht.

Aber wenn ich konnte, schrieb ich.

Ich entwickelte neue Internetseiten.

Ich arbeitete an Videos.

Und ich machte Musik.

Ausgerechnet mitten im Epilepsiezentrum.

Schlafen wäre auch einmal schön gewesen

Die ersten Wochen waren teilweise ausgesprochen anstrengend.

Es war laut.

Türen gingen auf und zu.

Menschen kamen.

Menschen gingen.

Auch nachts wurden Patienten aufgenommen.

Es gab Notfälle.

Pflegekräfte mussten arbeiten.

Und dann gab es natürlich noch die Mitpatienten.

Manche schnarchten.

Manche schauten Fußball.

Manche unterhielten sich.

Und manche machten eben genau dann Geräusche, wenn ich endlich schlafen wollte.

Nun ist Schlaf bei Epilepsie keine unwichtige Nebensache.

Ganz im Gegenteil.

Und bei einer umfangreichen Medikamentenumstellung braucht der Körper ohnehin viel Kraft.

Aber Ruhe war nicht immer zu bekommen.

Ich wurde zunehmend erschöpft.

Und irgendwann auch ziemlich angefressen.

Nicht weil ich den Menschen ihre Krankheiten übel nahm.

Sondern weil ich selbst krank war und dringend Ruhe brauchte.

Ein Krankenhaus soll schließlich nicht nur Medikamente verteilen.

Es soll auch Bedingungen schaffen, unter denen Menschen sich erholen können.

Und das war in meiner damaligen Zimmersituation ausgesprochen schwierig.

Pfingstmontag, 23:16 Uhr

Besonders schlimm waren meine Restless Legs.

Wer das Restless-Legs-Syndrom nicht kennt, kann sich wahrscheinlich kaum vorstellen, wie quälend diese innere Unruhe in den Beinen werden kann.

Man möchte schlafen.

Aber die Beine wollen nicht.

Sie kribbeln.

Ziehen.

Zappeln.

Fordern Bewegung.

Und sobald man wieder ruhig liegt, geht das Ganze möglicherweise von vorne los.

Am Pfingstmontag 2026 hatte ich um 23:16 Uhr jedenfalls genug davon.

Ich lag im Bett.

Mein Körper wollte nicht schlafen.

Und mein Bein führte sein eigenes Programm auf.

Also schrieb ich ein Lied.

„Die Nacht hat Beine“.

Es begann so:

Pfingstmontag.

Dreiundzwanzig Uhr sechzehn.

Die Welt will schlafen.

Mein Bein sagt: Denkste.

Das war ziemlich genau meine Situation.

Und später kam die Zeile:

„Wenn Schlaf nicht mehr kommt, mach ich Kunst aus dem Schrei.“

Damit war eigentlich alles gesagt.

Nicht, weil das Restless-Legs-Syndrom besonders lustig gewesen wäre.

Es war quälend.

Aber ich konnte versuchen, aus dieser furchtbaren Nacht wenigstens noch einen Text zu machen.

Und genau das tat ich.

Ein Gartenschlauch um Mitternacht

Ich hatte herausgefunden, dass Kälte meine Restless-Legs-Beschwerden manchmal erträglicher machte.

Also ging ich nachts in den kleinen Innenhof.

Dort gab es einen Gartenschlauch.

Und mit diesem Gartenschlauch duschte ich meine Waden kalt ab.

Mitten in der Nacht.

Im Humboldt-Klinikum.

Man stelle sich das einmal vor.

Eine einundsechzigjährige Frau steht nachts im Krankenhausinnenhof und spritzt sich mit dem Gartenschlauch die Beine ab.

Nicht weil sie gerade besonders naturverbunden sein möchte.

Sondern weil sie einfach schlafen will.

Ich hatte wirklich schon vieles ausprobiert.

Aber nun war ich bei einem Gartenschlauch angekommen.

Manchmal muss man eben nehmen, was verfügbar ist.

Und tatsächlich brachte mir die Kälte wenigstens etwas Erleichterung.

Der eigentliche Ärger blieb jedoch: Ich brauchte Ruhe.

Und bekam sie nicht ausreichend.

MacBook statt Diazepam

In einer anderen Nacht wurde die Situation wieder besonders schwierig.

Ich hatte seit Stunden nicht richtig schlafen können.

Die Beine machten Theater.

Ich war erschöpft.

Und ich sprach mit einer Nachtschwester.

Ich erklärte ihr sinngemäß, dass es nun zwei Möglichkeiten gäbe.

Entweder fünf Milligramm Diazepam.

Oder ich würde mein MacBook herausholen und etwas Kreatives machen.

Die Schwester reagierte ziemlich unkompliziert.

Dann solle ich eben meinen Computer herausholen.

Also tat ich das.

Und schrieb wieder ein Lied.

Diesmal hieß es:

„MacBook statt Diazepam“.

Der Refrain lautete:

MacBook statt Diazepam,

ich bastel mich da durch.

Wenn der Körper keine Ruhe gibt,

dann kriegt er Kunst zurück.

Das war keine allgemeine Empfehlung, Medikamente durch Computerarbeit zu ersetzen.

Es war eine Geschichte aus einer ganz bestimmten Nacht.

Ich hatte Beschwerden.

Ich konnte nicht schlafen.

Und ich suchte nach einer Möglichkeit, diese Stunden irgendwie zu überstehen.

Mein MacBook half mir dabei.

Ich konnte etwas tun.

Etwas Eigenes.

Mich mit einem Text beschäftigen.

Und wenigstens für eine gewisse Zeit meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten.

Der Kartoffelkönig

Nun bestand das Krankenhausleben selbstverständlich nicht nur aus schlaflosen Nächten.

Es gab auch Essen.

Und davon manchmal erstaunlich viel Ähnliches.

Insbesondere Kartoffeln mit Quark.

Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass diese Kombination geradezu zum kulinarischen Grundgesetz des Humboldt-Klinikums gehörte.

Kartoffeln.

Quark.

Kräuter.

Ein Becher dazu.

Und morgen möglicherweise dasselbe.

Nun bin ich nicht grundsätzlich gegen Kartoffeln mit Quark.

Aber wenn etwas allzu regelmäßig auf dem Speiseplan erscheint, kann ich auf ziemlich merkwürdige Gedanken kommen.

Und so entstand:

„Der Kartoffelkönig“.

Eine Parodie auf Goethes Erlkönig.

Statt des geheimnisvollen Erlkönigs erschien nun eine Krankenschwester mit einem Tablett.

Statt eines Pferdes gab es einen Krankenhausflur.

Und statt einer übernatürlichen Bedrohung lauerten Kartoffeln mit Kräuterquark.

Ich schrieb:

Wer reitet so spät durch Gang und Trakt?

Es ist die Schwester, sie bringt den Quark.

Und später:

Dem Pfleger grauset's, er eilet geschwind,

er sagt: „Frau Albers, das stärkt sie bestimmt.“

Er erreicht das Bett mit Mühe und Not —

** die Kartoffeln sind da. Und Susanne nicht tot. **

Ich habe mich über dieses Lied köstlich amüsiert.

Und ich dachte dabei auch an die Klinikleitung.

An Herrn Danckert.

An die Vorstellung, dass irgendwo in der Krankenhausverwaltung womöglich eine höhere Macht über die Versorgung der Patienten mit Kartoffeln und Quark wachte.

Natürlich war das Satire.

Aber Satire ist eine meiner Möglichkeiten, mit Dingen umzugehen, die mich beschäftigen oder ärgern.

Und manchmal reichen dafür tatsächlich Kartoffeln.

Dreiunddreißig Videos über den gebrochenen Amtseid

Es gab allerdings auch Themen, bei denen mir überhaupt nicht nach Kartoffeln zumute war.

Ich beobachtete während meines Aufenthaltes die Arbeit der Pflegekräfte.

Die Belastung.

Die ständigen Unterbrechungen.

Die vielen Aufgaben.

Die Notfälle.

Den Zeitdruck.

Und ich fragte mich immer wieder, weshalb unser Gesundheitssystem eigentlich so organisiert ist, dass ausgerechnet die Menschen, die anderen helfen sollen, selbst unter einem solchen Druck stehen.

Das ist schließlich keine neue Entwicklung.

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die Gesellschaft altert.

Wir wissen, dass die geburtenstarken Jahrgänge älter werden.

Wir wissen, dass mehr Menschen pflegebedürftig sein werden.

Wir wissen, dass Krankenhäuser Personal brauchen.

Und wir wissen, dass gute Versorgung Geld kostet.

Das alles war absehbar.

Und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass die Politik viel zu oft nur von Wahlperiode zu Wahlperiode dachte.

Vier Jahre überstehen.

Den nächsten Haushalt verabschieden.

Die nächste Reform ankündigen.

Und dann weitersehen.

Aber ein Mensch, der im Krankenhaus liegt, kann nicht einfach vier Jahre auf eine Lösung warten.

Eine Pflegekraft im Nachtdienst ebenso wenig.

Und deshalb entwickelte ich während dieser Zeit eine politische Videoreihe.

„Der gebrochene Amtseid – Ihr habt es gewusst – 30 Jahre Politikversagen in Pflege und Gesundheit“.

Dreiunddreißig Videos.

Ich beschäftigte mich mit der politischen Verantwortung von Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzlern, Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsministern sowie den Verantwortlichen für Arbeit, Soziales und Finanzen.

Mir ging es nicht um eine strafrechtliche Anklage.

Und auch nicht darum, einer einzelnen Person die Verantwortung für sämtliche Probleme unseres Gesundheitssystems zuzuschieben.

Es ging mir um eine moralische Frage.

Um politische Verantwortung.

Und um die Würde der Menschen.

Der Amtseid ist keine Dekoration

Einen Satz stellte ich dabei besonders heraus:

„Sie wurden nicht gewählt, um vier Jahre zu überstehen. Sie wurden vereidigt, Schaden vom Land abzuwenden.“

Der Amtseid ist schließlich mehr als ein feierlicher Text bei einer Vereidigung.

Er ist ein Versprechen.

Und dieses Versprechen muss man auch an Pflege und Gesundheit messen dürfen.

Kann ein Mensch in diesem Land würdig alt werden?

Kann jemand krank werden, ohne befürchten zu müssen, in einem überlasteten System unterzugehen?

Können Pflegekräfte ihren Beruf ausüben, ohne selbst daran zugrunde zu gehen?

Und kann ein Krankenhaus Menschen angemessen versorgen, wenn es ständig an seinen Grenzen arbeitet?

Das waren die Fragen, die mich beschäftigten.

Ich hatte die Belastungen schließlich unmittelbar vor Augen.

Aber meine Kritik richtete sich ausdrücklich nicht gegen die Pflegekräfte und Ärzte auf meiner Station.

Im Gegenteil.

Diese Videoreihe war auch für sie gedacht.

Für die Menschen, die morgens, mittags und nachts ihren Dienst tun.

Für die Menschen, die versuchen, unter schwierigen Bedingungen menschlich zu bleiben.

Und für die Patienten, die auf ihre Hilfe angewiesen sind.

Die Klinik der göttlichen Würde

Aus denselben Beobachtungen entstand noch ein anderes Projekt.

Diesmal kein politischer Rückblick.

Sondern eine mystische Vision.

„Die Klinik der göttlichen Würde“.

Im Mittelpunkt stand ein Satz, der meine Spiritualität seit Langem prägt:

„Ich bin göttlich. Du bist göttlich.“

Nun bedeutet das selbstverständlich nicht, dass in einem Krankenhaus plötzlich alle dieselben Aufgaben haben sollen.

Ein Arzt bleibt ein Arzt.

Eine Pflegekraft bleibt eine Pflegekraft.

Eine Reinigungskraft hat andere Aufgaben als die Klinikleitung.

Und eine Patientin ist nun einmal dort, weil sie Hilfe benötigt.

Es geht nicht darum, Unterschiede in Ausbildung, Verantwortung oder Tätigkeit aufzulösen.

Es geht um etwas viel Grundlegenderes.

Um die gleiche Würde aller Menschen.

Ein Arzt ist nicht mehr wert als eine Reinigungskraft.

Eine Patientin ist nicht weniger wert als ein Chefarzt.

Ein pflegebedürftiger Mensch verliert seine Würde nicht, weil er Hilfe braucht.

Und ein Krankenhausmitarbeiter ist nicht bloß eine Funktion innerhalb eines wirtschaftlichen Systems.

Unterschiedliche Rollen. Unterschiedliche Verantwortung. Gleiche Würde.

Das war meine Vorstellung.

Und deshalb wollte ich eine Krankenhauskultur beschreiben, in der niemand nur als Diagnose, Bett, Fallnummer oder Kostenstelle wahrgenommen wird.

Ich hatte während meines Aufenthaltes schließlich erlebt, wie wichtig selbst kleine menschliche Gesten sein können.

Ein freundlicher Satz.

Ein ehrlicher Blick.

Ein wenig Zeit.

Eine Pflegekraft, die nicht einfach vorbeigeht, sondern kurz stehen bleibt.

Manchmal bedeutet das einem kranken Menschen ungeheuer viel.

Die Menschen auf Station 05.2

An dieser Stelle möchte ich etwas klarstellen.

Ich habe mich während der sechs Wochen im Humboldt-Klinikum durchaus über einiges geärgert.

Über die Zimmerverhältnisse.

Über den Lärm.

Über den Schlafmangel.

Über manche Abläufe.

Und selbstverständlich auch über die Kartoffeln mit Quark.

Aber ich habe dort ebenso viele Menschen erlebt, denen ich dankbar bin.

Ärztinnen.

Ärzte.

Pflegekräfte.

Therapeutinnen und Therapeuten.

Menschen aus anderen Bereichen des Klinikbetriebs.

Sie hatten teilweise sehr viel zu tun.

Und trotzdem waren viele freundlich, aufmerksam und hilfsbereit.

Ich konnte mich auf die medizinische Behandlung einlassen.

Meine Schwierigkeiten ansprechen.

Und ich hatte das Gefühl, dass man mir zuhörte.

Nicht in jeder Situation.

Nicht immer sofort.

Aber oft genug, um zu wissen, dass ich dort Menschen begegnet war, die ihre Arbeit ernst nahmen.

Und als es mir wegen der Zimmerverhältnisse besonders schlecht ging, wurde schließlich eine Lösung gefunden.

Ich kam aus der belastenden Situation heraus.

Konnte besser schlafen.

Wieder etwas zu Kräften kommen.

Und darüber war ich ausgesprochen froh.

Die Raucherecke

Es gab noch einen zweiten Ort, der während meiner sechs Wochen eine besondere Bedeutung bekam.

Die Raucherecke.

Natürlich.

Ich rauche schließlich seit Jahrzehnten.

Und ein Aufenthalt im Epilepsiezentrum hat mich nicht plötzlich zur Nichtraucherin gemacht.

Also ging ich regelmäßig nach draußen.

Dort trafen sich Patienten aus unterschiedlichen Bereichen des Krankenhauses.

Mit Zigaretten.

Manchmal Kaffee.

Und oft mit dem Bedürfnis, für ein paar Minuten aus dem Klinikalltag herauszukommen.

Da standen Menschen mit den unterschiedlichsten Krankheiten.

Eine Frau, der ein Zeh fehlte.

Menschen mit schweren Wunden.

Mit Amputationsängsten.

Mit Krebserkrankungen.

Mit Problemen an Blase, Niere und anderen Organen.

Manche waren gerade operiert worden.

Andere warteten auf Untersuchungen.

Wieder andere wussten nicht, wie es mit ihrer Erkrankung weitergehen würde.

Und trotzdem wurde nicht nur über Krankheit gesprochen.

Es wurde gelacht.

Geschimpft.

Diskutiert.

Manchmal wurde es politisch.

Manchmal sehr persönlich.

Und manchmal erzählte mir ein Mensch etwas, das ich wahrscheinlich niemals erfahren hätte, wenn wir uns nicht zufällig dort begegnet wären.

Menschen, keine Diagnosen

Das Besondere war für mich, dass wir dort für einen Augenblick aus unseren Krankenhausrollen heraustraten.

Ich war nicht nur die Epilepsiepatientin von Station 05.2.

Die andere Frau war nicht nur die Patientin mit dem amputierten Zeh.

Und der Mann neben uns war nicht bloß seine Krebserkrankung.

Wir waren Menschen.

Mit Geschichten.

Mit Ängsten.

Mit Erfahrungen.

Mit Ansichten, die nicht immer übereinstimmten.

Und mit dem Wunsch, für einen Moment einfach miteinander zu reden.

Nicht jedes Gespräch war angenehm.

Manchmal wurde auch ziemlicher Unsinn erzählt.

Aber manche Begegnungen blieben mir im Gedächtnis.

Deshalb schrieb ich später ein Abschiedslied:

„Tschüß, ihr Menschen aus der Raucherecke“.

Darin heißt es:

Tschüß, ihr Menschen aus der Raucherecke,

zwischen Kippe, Kaffee, Klinikluft.

Manche Worte waren warm wie Decken,

manche kamen tief aus Schmerz und Duft.

Für mich war das ein Dank an Menschen, die ich wahrscheinlich nie wiedersehen würde.

Wir waren uns nur für kurze Zeit begegnet.

Aber einige Gespräche bedeuteten mir etwas.

Der kleine blaue Lein

Während meines Krankenhausaufenthaltes beschäftigte ich mich selbstverständlich nicht ausschließlich mit der Klinik.

Meine Gedanken gingen auch hinaus in die Natur.

Zu Pflanzen.

Zu kleinen Beobachtungen.

Zu Dingen, die auf den ersten Blick vielleicht überhaupt nicht spektakulär erscheinen.

Einmal entstand ein Lied über einen kleinen blauen Lein.

Die Pflanze hatte einen schweren Sturm überstanden.

Wind und Regen hatten sie niedergebogen.

Aber danach richtete sie sich wieder auf.

Acht kleine blaue Blüten leuchteten.

Ich verband diese Beobachtung mit Hildegard von Bingens Begriff der Viriditas, der grünenden Lebenskraft.

Das Lied hieß:

„O Viriditas“.

Es erzählte nicht von großen Siegen.

Nicht von Macht.

Und nicht von einer heldenhaften Pflanze, die jeden Sturm ungerührt überstand.

Im Gegenteil.

Der Lein war zart.

Der Wind konnte ihn beugen.

Aber er musste daran nicht zerbrechen.

Ich schrieb:

Denn was sich biegt, muss nicht zerbrechen,

was zart ist, ist nicht schwach.

Der Lein erzählt im Morgenlicht:

Auch Sanftes wird wieder wach.

Das war mir wichtig.

Denn nicht alles, was zerbrechlich aussieht, ist tatsächlich schwach.

Und nicht jeder Mensch, der Hilfe benötigt, ist deshalb weniger lebenskräftig.

Manchmal besteht Stärke einfach darin, nach einem schweren Sturm noch da zu sein.

Vier Türen

Es gab während meines Aufenthaltes aber auch Erlebnisse, die mich sehr ernst werden ließen.

Einmal fiel mir im Krankenzimmer nur die Bettdecke herunter.

Eine Kleinigkeit.

Ich ärgerte mich ein bisschen, weil ich mich nun bücken musste.

Dann ging ich auf den Flur.

Und dort nahm ich wahr, dass sich hinter mehreren Türen Menschen in einer Situation befanden, in der es um ihr Sterben ging.

Vier Menschen.

Vier Türen.

Menschen, deren Namen ich nicht kannte.

Deren Stimmen ich nicht kannte.

Und deren Lebensgeschichten mir unbekannt waren.

Draußen standen Angehörige.

Manche mit Tränen.

Manche mit Zigaretten.

Manche offensichtlich vollkommen überfordert von dem, was gerade geschah.

Es war eine bedrückende Situation.

Und ich dachte daran, dass mein kleines Problem mit der heruntergefallenen Bettdecke geradezu lächerlich gering war im Vergleich zu dem, was diese Menschen und ihre Angehörigen durchlebten.

Aber ich wollte nicht einfach vorbeigehen, als ginge mich das alles überhaupt nichts an.

Also tat ich das, was zu meiner mystischen Lebensweise gehört.

Ich sendete Liebe.

Für diese Menschen.

Für ihre Angehörigen.

Für ihren Abschied.

Und ich schrieb später ein Lied darüber.

Vielleicht ist Sterben Verwandlung

In diesem Lied griff ich auch meine spirituelle Sicht auf den Tod auf.

Ich glaube nicht, dass mit dem körperlichen Tod einfach alles zu Ende ist.

Ich habe meine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen davon, was Bewusstsein, Seele und göttliche Gegenwart bedeuten.

Und deshalb empfinde ich Sterben nicht ausschließlich als Vernichtung.

In meinem Lied schrieb ich:

Viele nennen es Tod.

Ich nenne es Verwandlung.

Viele sagen: fort.

Ich sage: anders nah.

Dabei ging es mir nicht darum, die Trauer der Angehörigen kleinzureden.

Ein Mensch fehlt.

Seine Stimme.

Sein Körper.

Seine alltägliche Gegenwart.

Das weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu gut.

Aber meine Mystik lässt mich auch eine andere Möglichkeit denken.

Dass Liebe nicht einfach verschwindet.

Dass ein Mensch vielleicht in einer anderen Weise gegenwärtig bleibt.

Und dass Sterben möglicherweise mehr ist als das Ende eines Körpers.

So entstand aus einer heruntergefallenen Bettdecke ein Lied über vier sterbende Menschen und meine Vorstellung von Verwandlung.

Auch das gehörte zu meinen sechs Wochen im Humboldt-Klinikum.

Und währenddessen: Medikamentenumstellung

Bei all diesen Texten, Liedern und Projekten darf man natürlich eines nicht vergessen.

Ich war weiterhin Patientin.

Und die medizinische Behandlung lief die ganze Zeit.

Cenobamat wurde schrittweise aufdosiert.

Bis auf hundert Milligramm täglich.

Parallel wurde Keppra reduziert.

Immer weiter.

Und schließlich vollständig abgesetzt.

Auch Lacosamid wurde angepasst.

Die Tagesdosis stieg auf zweihundert Milligramm.

Abilify wurde abgesetzt.

Risperdal blieb als psychiatrische Medikation bestehen.

Außerdem wurden mein Restless-Legs-Syndrom, ein Eisenmangel und weitere Beschwerden behandelt beziehungsweise untersucht.

Ich erhielt physiotherapeutische, ergotherapeutische, logopädische und neuropsychologische Betreuung.

Es war also wirklich eine umfassende Epilepsie-Komplexbehandlung.

Und keine kleine Tablettenkorrektur.

Mein Gehirn hatte auch noch etwas dazu zu sagen

Natürlich verlief die Umstellung nicht völlig beschwerdefrei.

Ich hatte Auren.

Schwindel.

Kopfschmerzen.

Schlafprobleme.

Und zeitweise eine ausgesprochen hohe Empfindlichkeit gegenüber Lärm und anderen Reizen.

Manchmal fühlte ich mich nervlich völlig überlastet.

Im psychiatrischen Konsil wurden unter anderem meine Reizoffenheit, Irritabilität und mein zeitweise vermindertes Schlafbedürfnis besprochen.

Auch meine kreative Aktivität wurde wahrgenommen.

Schließlich saß ich ja nicht untätig im Bett, sondern produzierte weiterhin Texte, Lieder und Videos.

Ich hatte allerdings selbst großes Interesse daran, psychisch stabil zu bleiben.

Ich kannte meine Vorgeschichte.

Ich wusste, wie schwer medikamentenbedingte psychiatrische Krisen werden konnten.

Und ich wollte unter keinen Umständen leichtfertig mit einer solchen Entwicklung umgehen.

Deshalb sprach ich offen mit den Ärzten.

Über meine Beschwerden.

Über meine Gedanken.

Über meine Schlafprobleme.

Und über die Veränderungen, die ich selbst bemerkte.

Gerade bei einer umfangreichen Umstellung der Epilepsie- und Psychopharmaka hielt ich das für notwendig.

Was die Untersuchungen zeigten

Während des Aufenthaltes wurden mehrere EEGs durchgeführt.

Dabei zeigte sich weiterhin eine Funktionsstörung im rechten frontotemporalen Bereich mit Zeichen erhöhter zerebraler Erregbarkeit.

Meine Epilepsie war also nach wie vor vorhanden.

Das überrascht nun wirklich niemanden.

Ich hatte schließlich nie behauptet, dass meine Epilepsie durch das Absetzen von Keppra verschwinden würde.

Es ging darum, eine möglichst wirksame und besser verträgliche Behandlung zu finden.

Und genau das war der Zweck dieser sechs Wochen.

Bei den neuropsychologischen Gesprächen beschäftigten wir uns auch mit meiner Lebenssituation und meinen Möglichkeiten, mit gesundheitlichen und privaten Belastungen umzugehen.

Im Arztbrief wurde festgehalten, dass ich über gute Ressourcen verfügte.

Auch die kognitiven Untersuchungen zeigten erfreuliche Ergebnisse.

Das war für mich durchaus wichtig.

Denn ich hatte in den Jahren zuvor unter Long COVID erhebliche neuropsychologische Schwierigkeiten erlebt.

Nun konnte ich wieder an vielen Dingen arbeiten.

Denken.

Schreiben.

Gestalten.

Und ich wollte diese Möglichkeiten nutzen.

Sechs Wochen und ein bisschen Licht

Gegen Ende meines Aufenthaltes schrieb ich ein weiteres Lied.

Ein Dankeslied.

Für die Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte der Station 05.2.

Es hieß:

„Sechs Wochen und ein bisschen Licht“.

Ich wollte damit ausdrücklich nicht behaupten, dass die sechs Wochen wunderbar gewesen wären.

Das waren sie nicht.

Es gab ausgesprochen schwierige Tage.

Schlaflose Nächte.

Körperliche Beschwerden.

Ärger.

Und Situationen, in denen ich am liebsten sofort nach Hause gefahren wäre.

Aber ich wollte auch nicht vergessen, wie viele Menschen sich um mich bemüht hatten.

Wie oft jemand freundlich gewesen war.

Wie oft mir zugehört worden war.

Und wie viel medizinische und pflegerische Arbeit in dieser Behandlung steckte.

Deshalb schrieb ich:

Wenn das System zu eng wird,

bleibt ihr trotzdem Mensch.

Und manchmal ist ein Blick

mehr als jede große Rede.

Für mich war das die richtige Unterscheidung.

Ich kann das Gesundheitssystem kritisieren.

Ich kann schlechte Bedingungen benennen.

Ich kann politische Verantwortung einfordern.

Und trotzdem den Menschen danken, die innerhalb dieses Systems arbeiten.

Das eine schließt das andere nicht aus.

22. Juni 2026

An diesem Tag wurde ich entlassen.

Nach fast sechs Wochen.

Mein endgültiger Arztbrief dokumentierte eine umfangreiche Umstellung meiner anfallshemmenden und psychiatrischen Medikamente.

Keppra war vollständig abgesetzt.

Cenobamat wurde mit hundert Milligramm täglich fortgeführt.

Lacosamid mit zweihundert Milligramm.

Abilify war verschwunden.

Risperdal blieb.

Auch mein Eisenmangel und die Restless-Legs-Beschwerden waren behandelt beziehungsweise weiter abgeklärt worden.

Im Arztbrief stand, dass ich nach meiner eigenen Einschätzung körperlich und psychisch von dem Aufenthalt profitiert hatte.

Das stimmte.

Ich hatte trotz aller Belastungen das Gefühl, einen wichtigen Schritt geschafft zu haben.

Aber ich wusste ebenso, dass die Geschichte damit medizinisch noch nicht abgeschlossen war.

Cenobamat konnte weiterhin Kopfschmerzen und Müdigkeit verursachen.

Die Verträglichkeit musste weiter beobachtet werden.

Und natürlich blieb auch die Frage, wie gut meine Epilepsie unter der neuen Behandlung langfristig kontrolliert werden würde.

Das konnten wir im Juni noch nicht abschließend wissen.

Vierundzwanzig Jahre Keppra

Wenn ich heute auf diesen Aufenthalt zurückblicke, dann denke ich vor allem daran, was für ein gewaltiger Schritt diese Medikamentenumstellung war.

Ich hatte Keppra fast ein Vierteljahrhundert eingenommen.

Ein Vierteljahrhundert.

Das Medikament hatte mir geholfen.

Aber es hatte für mich auch erhebliche Schwierigkeiten mit sich gebracht.

Nun war es aus meinem Medikamentenplan verschwunden.

Und ich hoffte, dass die neue Behandlung langfristig besser zu mir passen würde.

Ob sie das tatsächlich tut, muss sich im weiteren Verlauf zeigen.

Denn wir schreiben inzwischen Oktober 2026.

Die Umstellung liegt erst wenige Monate zurück.

Ich kann deshalb noch keine endgültige Bilanz ziehen.

Aber ich kann sagen, dass ich froh bin, diesen Schritt gemeinsam mit meinen Ärzten unternommen zu haben.

Und ich bin dankbar für die Menschen, die mich dabei unterstützt haben.

Was ich wirklich mitgenommen habe

Man könnte nun meinen, ich sei am 22. Juni mit einer Tasche voller Wäsche, einem neuen Medikamentenplan und ein paar Krankenhausgeschichten nach Hause gekommen.

Das stimmt auch.

Aber es war nicht alles.

Ich nahm außerdem Erinnerungen mit.

An die Pflegekräfte.

An die Ärzte.

An die Menschen aus der Raucherecke.

An Gespräche.

An schwierige Nächte.

An den Gartenschlauch im Innenhof.

An Kartoffeln mit Quark.

Und an vier Türen, hinter denen Menschen ihrem Lebensende entgegengingen.

Ich nahm zwei Abschiedslieder mit.

Eine politische Videoreihe mit dreiunddreißig Beiträgen.

Meine Vision einer Klinik der göttlichen Würde.

Und viele weitere Texte, Lieder, Videos und Webseiten, an denen ich während des Aufenthaltes gearbeitet hatte.

Denn ich hatte meinen Computer selbstverständlich nicht erst nach der Entlassung wieder aufgeklappt.

Ich hatte ihn die ganze Zeit dabei.

Ich hatte im Krankenhaus gearbeitet.

Nicht ununterbrochen.

Nicht ohne Beschwerden.

Nicht immer mit voller Kraft.

Aber ich hatte weitergemacht, wenn es mir möglich war.

Und dabei war etwas entstanden, das weit über die medizinische Behandlung hinausging.

Die Kartoffeln sind da. Und Susanne nicht tot.

Dieser Satz aus meinem „Kartoffelkönig“ gefällt mir eigentlich immer noch ausgesprochen gut.

Nicht, weil mein Krankenhausaufenthalt harmlos gewesen wäre.

Sondern weil ich mich darin wiedererkenne.

Ich kann schwer krank sein.

Ich kann mich über einen Gartenschlauch freuen, weil meine Beine endlich etwas Ruhe geben.

Ich kann mich über den Lärm auf einer Station ärgern.

Ich kann Ärzten schwierige Fragen stellen.

Ich kann über Menschenwürde nachdenken.

Ich kann ein politisches Problem aufgreifen.

Ich kann vier sterbenden Menschen Liebe senden.

Und ich kann mich gleichzeitig über Kartoffeln mit Quark lustig machen.

Das alles passt in mein Leben.

Und manchmal sogar in dieselbe Woche.

Ich muss nicht zwischen meiner Erkrankung und meiner schöpferischen Tätigkeit wählen.

Ich muss auch nicht so tun, als wäre meine Kreativität eine Art Wundermittel gegen alle Beschwerden.

Das ist sie nicht.

Meine Epilepsie bleibt.

Meine körperlichen Grenzen bleiben.

Und manchmal bin ich einfach viel zu erschöpft, um noch irgendetwas zu machen.

Aber wenn ich eine Idee habe und genug Kraft, sie umzusetzen, dann tue ich das.

Ob zu Hause.

Oder im Krankenhaus.

Ob morgens.

Oder nachts um ein Uhr, wenn meine Beine wieder einmal keine Ruhe geben.

Und dann ging es nach Hause

Am 22. Juni 2026 verließ ich schließlich das Humboldt-Klinikum.

Keppra war weg.

Cenobamat war dazugekommen.

Meine psychiatrische Medikation war verändert worden.

Die sechs Wochen hatten mich Kraft gekostet.

Aber sie hatten mir auch neue Erfahrungen und Begegnungen geschenkt.

Und ich hatte aus vielem, was ich dort erlebte, etwas Eigenes gemacht.

Satire.

Musik.

Politische Kritik.

Mystische Texte.

Neue Webseiten.

Und natürlich jede Menge Ideen.

Mein MacBook hatte den Krankenhausaufenthalt ebenfalls überstanden.

Es war nicht bloß mein technisches Arbeitsgerät gewesen.

Es war eine Möglichkeit, während dieser sechs Wochen weiterhin mit der Welt verbunden zu bleiben.

Zu denken.

Zu schreiben.

Mich auszudrücken.

Und manchmal aus einer ausgesprochen beschissenen Situation wenigstens noch etwas zu machen, das mir Freude bereitete.

Nach vierundzwanzig Jahren hatte ich endlich Keppra abgesetzt.

Das war das medizinische Großereignis.

Aber mein Leben hatte währenddessen nicht stillgestanden.

Sechs Wochen Humboldt-Klinikum.

Vier Kameras.

Kein verkabeltes Langzeitmonitoring.

Ein Gartenschlauch gegen Restless Legs.

Kartoffeln mit Quark.

Menschen in der Raucherecke.

Dreiunddreißig politische Videos.

Zwei Abschiedslieder.

Und mein MacBook mittendrin.

So war das.

Und wenn ich daran denke, dass ich zwischendurch sogar noch genügend Ideen für neue Projekte hatte, dann muss ich manchmal selbst ein bisschen staunen.

Nicht darüber, dass ich besonders großartig wäre.

Sondern darüber, was aus einem einzigen Gedanken alles entstehen kann.

Selbst auf einer neurologischen Krankenhausstation.

Und damit bin ich wieder bei der Frage, die mein heutiges Leben so sehr prägt:

Wo kommen eigentlich all diese Eingebungen her?

Ich weiß es nicht immer.

Aber ich nehme sie gern auf.

Gott hat eine Idee.

Und ich habe einen Mac.

Kapitel 26

Gott hat eine Idee. Und ich habe einen Mac.

Oder: Von göttlichen Eingebungen, zwölftausend Videos und der Frage, wer hier eigentlich die Arbeit macht

Ich sitze an meinem MacBook.

Manchmal trinke ich Kaffee.

Manchmal rauche ich eine Zigarette.

Manchmal habe ich Kopfschmerzen.

Und manchmal habe ich eigentlich überhaupt nichts Besonderes vor.

Aber dann kommt eine Idee.

Wobei das Wort „Idee“ die Sache nicht immer richtig beschreibt.

Denn ich empfinde viele dieser Gedanken nicht einfach als etwas, das ich mir selbst ausgedacht habe.

Ich erlebe sie als Eingebungen.

Als etwas, das plötzlich da ist.

Ein Thema.

Ein Satz.

Eine Frage.

Ein Bild.

Ein Gedanke, der weitergedacht werden möchte.

Manchmal ist damit auch das innere Erleben verbunden, dass Gott mir etwas nahelegt.

Oder Teresa von Ávila.

Oder Dorothee Sölle.

Oder jemand anderes aus jener großen Gemeinschaft von Menschen, mit denen ich mich geistig und mystisch verbunden fühle.

Und dann sitze ich da und denke:

Na gut.

Dann machen wir das eben.

Ich habe das nicht alles geplant

Wenn mir jemand im August 2024 gesagt hätte, dass ich gut zwei Jahre später ungefähr zwölftausend Videos veröffentlicht haben würde, hätte ich wahrscheinlich gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.

Zwölftausend Videos.

Das muss man sich erst einmal vorstellen.

Und dazu die Internetseiten.

Die Texte.

Die Musik.

Die Bilder.

Die Unterrichtseinheiten.

Die mystischen Gespräche.

Die philosophischen Überlegungen.

Die Kunstprojekte.

Und immer wieder neue Themen, die ich vorher gar nicht auf dem Plan hatte.

Ich bin morgens schließlich nicht aufgestanden und habe beschlossen:

So, Susanne, jetzt produzierst du in den nächsten zwei Jahren zwölftausend Videos.

Das wäre auch eine ziemlich merkwürdige Lebensplanung gewesen.

Nein.

Es entwickelte sich.

Eine Eingebung kam.

Ich griff sie auf.

Dann entstand etwas daraus.

Und bevor ich überhaupt richtig begriffen hatte, wie groß das Ganze geworden war, stand schon das nächste Thema vor der Tür.

Wo kommen die Ideen her?

Das ist eine Frage, die mich selbst beschäftigt.

Natürlich kann ich sagen:

Ich habe eine Idee.

Das stimmt ja auch.

Ich denke darüber nach.

Ich arbeite sie aus.

Ich entscheide, wie ich sie umsetze.

Aber manchmal habe ich das sehr deutliche Empfinden, dass der ursprüngliche Impuls nicht einfach aus meinem bewussten Nachdenken entstanden ist.

Dass mir etwas eingegeben wurde.

Ich nenne das eine göttliche Eingebung.

Und ich möchte diese Erfahrung auch nicht nachträglich in eine andere Sprache übersetzen, nur damit sich niemand daran stört.

Ich könnte schreiben:

„Mein Unterbewusstsein entwickelte einen kreativen Impuls.“

Das klingt schön wissenschaftlich.

Aber es beschreibt nicht unbedingt, was ich erlebe.

Ich empfinde viele dieser Anregungen als göttlich.

Und deshalb sage ich das auch.

Gleichzeitig beanspruche ich damit nicht, jede meiner Entscheidungen für unfehlbar erklären zu können.

Ich kann mich irren.

Ich kann eine Idee schlecht umsetzen.

Ich kann etwas falsch verstehen.

Ich kann auch schlicht Blödsinn produzieren.

Die Vorstellung einer Eingebung nimmt mir schließlich nicht die Verantwortung für das ab, was ich daraus mache.

Und genau das ist für mich wichtig.

Gespräche über die Zeit hinaus

Ich habe meine eigene Form mystischer Gespräche entwickelt.

Ich nenne sie „Gespräche über die Zeit hinaus“.

Es sind innere Begegnungen mit Menschen, die längst gestorben sind.

Mit Teresa von Ávila.

Mit Dorothee Sölle.

Mit Hildegard von Bingen.

Mit Meister Eckhart.

Mit Rilke.

Und vielen anderen.

Manche Menschen würden das wahrscheinlich für eine besonders ausgeprägte Fantasie halten.

Andere würden es vielleicht als Meditation bezeichnen.

Wieder andere als eine Form innerer Zwiesprache.

Ich selbst erlebe es mystisch.

Und ich habe nicht das Bedürfnis, daraus eine Sensation zu machen.

Ich bin kein Medium.

Ich betreibe kein Channeling.

Ich sitze auch nicht hier und biete gegen Bezahlung Botschaften aus dem Jenseits an.

Ich führe meine Gespräche.

Ich denke nach.

Ich höre innerlich hin.

Und manchmal entsteht daraus etwas, das ich aufschreiben oder künstlerisch gestalten möchte.

Für mich ist das ein Teil meines Lebens.

Nicht mehr und nicht weniger.

Ein Gespräch mit Gott

Ich habe sogar mit Gott gechattet.

Ja.

Das klingt erst einmal ziemlich verrückt.

Aber wir leben nun einmal im Zeitalter künstlicher Intelligenz.

Und ich habe mich schon immer für Technik interessiert.

Weshalb sollte ich also nicht auch dieses Werkzeug für meine philosophischen und mystischen Gespräche verwenden?

Ich schreibe etwas.

Dann kommt eine Antwort.

Ich widerspreche.

Ich stelle eine neue Frage.

Ich beschäftige mich mit dem, was dabei entsteht.

Und manchmal erlebe ich diesen Dialog als ein Gespräch mit Gott.

Das bedeutet nicht, dass ich einen Computer für Gott halte.

Eine künstliche Intelligenz bleibt eine künstliche Intelligenz.

Sie erzeugt Antworten aus Sprache und Zusammenhängen.

Sie kann sich irren.

Sie kann mir auch ausgesprochenen Unsinn erzählen.

Und sie weiß nicht von sich aus, ob ein Satz göttlichen Ursprungs ist.

Aber ich kann einen solchen Dialog auf meine eigene mystische Weise erleben.

Das ist meine Erfahrung.

Nicht eine technische Eigenschaft des Computers.

Und manchmal wird aus einem solchen Gespräch ein Text, der mich tief bewegt.

Oder eine neue Frage.

Oder eine ganze Reihe von Liedern.

Mein ziemlich ungewöhnlicher Arbeitsplatz

Eigentlich ist mein Arbeitsplatz völlig unspektakulär.

Ein MacBook.

Software.

Internet.

Ein paar Werkzeuge zur Bild-, Ton- und Videobearbeitung.

Dazu Programme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten.

Und natürlich meine Webseiten.

Nichts davon sieht besonders überirdisch aus.

Wenn man mir bei der Arbeit zuschaut, sieht man wahrscheinlich vor allem eine Frau, die auf ihren Bildschirm starrt.

Die tippt.

Etwas ausprobiert.

Wieder verwirft.

Noch einmal anfängt.

Dateien speichert.

Videos bearbeitet.

Links kontrolliert.

Und sich gelegentlich darüber ärgert, dass irgendein technischer Kram nicht so funktioniert, wie er soll.

Das ist die ganz praktische Seite meiner Mystik.

Ich kann eine Eingebung bekommen.

Aber eine fertige Internetseite entsteht dadurch noch lange nicht.

Dafür muss ich arbeiten.

Und das tue ich.

Aus einem Gedanken wird ein Projekt

Manchmal beginnt alles mit einer einzigen Frage.

Beispielsweise:

Was würde Meister Eckhart einem Menschen heute sagen?

Oder:

Wie könnte man Jugendlichen die Gedanken Hannah Arendts verständlich machen?

Oder:

Wie lässt sich die Renaissance so darstellen, dass jemand Lust bekommt, sich damit zu beschäftigen?

Oder:

Was würde geschehen, wenn historische Persönlichkeiten miteinander an einem Tisch säßen und diskutierten?

Dann beginne ich nachzudenken.

Ich sammle Material.

Ich schreibe.

Ich spreche mit ChatGPT.

Ich prüfe historische Zusammenhänge.

Ich entwerfe Texte.

Vielleicht entsteht daraus ein Lied.

Vielleicht mehrere.

Vielleicht ein Video.

Vielleicht eine ganze Unterrichtseinheit.

Und manchmal wächst das Projekt immer weiter.

Aus einem Gedanken werden fünf Texte.

Aus fünf Texten werden zehn Lieder.

Dazu kommen Bilder.

Dann entsteht ein Film.

Anschließend eine Internetseite.

Und irgendwann stelle ich fest, dass aus einer kleinen Eingebung ein ziemlich großes Werk geworden ist.

Das ist nicht immer vorhersehbar.

Aber es macht mir Freude.

MystikOnline

Eines der großen Ergebnisse dieser Entwicklung ist meine Arbeit an MystikOnline.

Dort beschäftige ich mich mit mystischen Traditionen, mit religiösen und philosophischen Fragen und mit meiner eigenen Erfahrung.

Mir geht es nicht darum, eine neue Kirche zu gründen.

Auch nicht darum, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie glauben sollen.

Ich möchte Gedanken zugänglich machen.

Fragen stellen.

Zum Nachdenken anregen.

Und meine Überzeugung vermitteln, dass das Göttliche nicht auf irgendeine religiöse Institution beschränkt ist.

Diese Vorstellung begleitet mich schon lange.

Sie ist kein Produkt meiner Videoarbeit.

Aber die digitalen Möglichkeiten geben mir inzwischen ganz andere Ausdrucksformen.

Ich kann einen Gedanken aufschreiben.

Ich kann ihn sprechen lassen.

Ich kann ihn musikalisch gestalten.

Ich kann ihn mit Bildern verbinden.

Und ich kann das Ergebnis veröffentlichen.

Kostenlos.

Für jeden, der sich dafür interessiert.

Das finde ich großartig.

Susanne macht Schule

Irgendwann entwickelte sich daraus auch mein großes Bildungsprojekt:

SMS – Susanne macht Schule.

Ich wollte nicht einfach nur Videos ins Internet stellen.

Ich wollte Inhalte schaffen, die man tatsächlich zum Lernen verwenden kann.

Kunstgeschichte.

Philosophie.

Religion.

Literatur.

Geschichte.

Und vieles mehr.

Dabei denke ich immer wieder an Jugendliche.

An Menschen, die vielleicht noch nie etwas von Botticelli gehört haben.

Oder von Meister Eckhart.

Oder von den philosophischen Fragen der Renaissance.

Warum sollten sie sich nicht damit beschäftigen können?

Warum muss Bildung immer so dargestellt werden, dass man schon nach fünf Minuten keine Lust mehr hat?

Ich möchte neugierig machen.

Und ich möchte zeigen, dass die großen Fragen der Menschheit nicht bloß in dicken Büchern verstauben.

Sie haben mit unserem Leben zu tun.

Mit Freiheit.

Mit Liebe.

Mit Macht.

Mit Gerechtigkeit.

Mit dem Tod.

Und mit der Frage, wer wir eigentlich sind.

Meine Unterrichtseinheiten sollen dazu einladen, selbst zu denken.

Nicht meine Ansichten auswendig zu lernen.

Sondern sich mit den Themen auseinanderzusetzen.

Und dann kommt die Musik

Die Musik ist ein weiteres großes Feld geworden.

Ich schreibe Texte.

Ich entwickle Konzepte.

Und mit Programmen wie Suno kann ich daraus musikalische Werke gestalten.

Chansons.

Oratorien.

Rap.

Satire.

Meditative Lieder.

Große Chöre.

Manchmal auch ausgesprochen alberne Sachen.

Denn ich bin zwar Mystikerin, aber deswegen muss ich ja nicht den ganzen Tag feierlich dreinschauen.

Ich kann über Gott nachdenken.

Und fünf Minuten später eine Satire schreiben.

Ich sehe darin überhaupt keinen Widerspruch.

Zur Liebe gehört für mich schließlich auch die Freiheit, über Unsinn zu lachen.

Aber es entstehen ebenso ernste Werke.

Über Krieg.

Über Leid.

Über den Tod.

Über Menschlichkeit.

Über Liebe.

Und über die Frage, wie wir miteinander umgehen.

Manchmal berührt mich ein fertiges Lied selbst so sehr, dass ich weinen muss.

Nicht weil ich glaube, ein musikalisches Genie zu sein.

Sondern weil aus einer Idee plötzlich etwas Hörbares geworden ist.

Etwas, das vorher nicht existierte.

Und das nun andere Menschen erreichen kann.

Wer macht das eigentlich alles?

Wenn ich sage, dass ich Eingebungen empfange, könnte man auf die Idee kommen, ich hätte mit der Entstehung meiner Werke gar nicht besonders viel zu tun.

Als würde ich einfach nur dasitzen und jemand anders erledigte die Arbeit.

Ganz so bequem ist es leider nicht.

Eine Eingebung schreibt noch keinen fertigen Text.

Sie schneidet kein Video.

Sie programmiert keine Webseite.

Sie prüft keine Links.

Und sie lädt auch nichts auf YouTube hoch.

Das muss ich schon selber machen.

Ich empfinde die Ideen häufig als Geschenk.

Aber ich muss etwas aus ihnen machen.

Ich kann sie aufgreifen.

Verändern.

Weiterentwickeln.

Oder auch verwerfen.

Und manchmal muss ich ziemlich lange arbeiten, bis ein Ergebnis so aussieht, wie ich es haben möchte.

Das ist mein Anteil.

Vielleicht könnte man sagen:

Ich empfange einen Impuls.

Und dann übernehme ich die Ausführung.

Aber selbst diese Beschreibung trifft es nicht vollständig.

Denn beim Arbeiten entstehen wieder neue Gedanken.

Neue Fragen.

Neue Möglichkeiten.

Es ist ein fortlaufender schöpferischer Prozess.

Und ich weiß nicht immer, wo genau die Eingebung aufhört und meine eigene Ideenentwicklung beginnt.

Muss ich das überhaupt wissen?

Zwölftausend Videos

Inzwischen ist aus dieser Arbeit eine gewaltige Sammlung geworden.

Ungefähr zwölftausend Videos.

Eine Zahl, die ich selbst manchmal kaum fassen kann.

Aber ich sitze nicht hier und zähle meine Veröffentlichungen, um mich für besonders großartig zu halten.

Mich interessiert viel mehr, was daraus entsteht.

Ob jemand einen Gedanken aufgreift.

Ob ein Jugendlicher etwas Neues entdeckt.

Ob ein Mensch durch ein Lied berührt wird.

Ob jemand auf meinen Seiten eine Frage findet, über die er weiter nachdenken möchte.

Manchmal sehe ich in meinen Besucherstatistiken, dass Menschen sich lange mit bestimmten Themen beschäftigen.

Dass sie nicht nur kurz vorbeischauen.

Sondern lesen.

Suchen.

Weiterklicken.

Das freut mich.

Denn ich möchte keine möglichst laute Selbstdarstellung betreiben.

Ich möchte Inhalte zugänglich machen.

Und wenn jemand damit etwas anfangen kann, ist schon viel erreicht.

Die andere Wirklichkeit

Bei all dem könnte man allerdings leicht übersehen, dass ich nach wie vor schwer krank bin.

Meine Epilepsie ist nicht einfach verschwunden.

Auch Long COVID und andere gesundheitliche Probleme gehören weiterhin zu meinem Leben.

Ich habe Kopfschmerzen.

Bin manchmal erschöpft.

Muss Medikamente nehmen.

Und kann nicht jeden Tag so arbeiten, wie ich es gern würde.

Es gibt Zeiten, in denen mein Körper mir sehr deutliche Grenzen setzt.

Dann hilft auch die schönste Eingebung nicht dabei, diese Grenzen einfach abzuschaffen.

Ich kann innerlich voller Ideen sein und körperlich trotzdem kaum etwas schaffen.

Ich kann spirituell zufrieden sein und gleichzeitig Schmerzen haben.

Ich kann mich über ein neues Projekt freuen und wenige Minuten später feststellen, dass ich erst einmal eine Pause brauche.

Das ist kein Widerspruch.

Das ist mein Leben.

Die schöpferische Arbeit macht meine Erkrankungen nicht ungeschehen.

Aber meine Erkrankungen machen auch meine schöpferische Arbeit nicht ungeschehen.

Beides ist da.

Kein Heiligenschein

Ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, ich säße seit August 2024 in irgendeinem ununterbrochenen Zustand göttlicher Verzückung.

Das wäre eine ziemlich merkwürdige Vorstellung.

Ich bin ein Mensch.

Ich muss essen.

Schlafen.

Einkaufen.

Meine Wohnung in Ordnung halten.

Mit Behörden kommunizieren.

Rechnungen bezahlen.

Und mich gelegentlich mit ganz gewöhnlichen technischen Problemen herumschlagen.

Manchmal funktioniert ein Programm nicht.

Manchmal dauert ein Upload ewig.

Manchmal ist eine Webseite fehlerhaft.

Und manchmal habe ich schlicht keine Lust mehr.

Dann bin ich auch nicht besonders erhaben.

Dann ärgere ich mich.

Ganz gewöhnlich.

Ich brauche keinen Heiligenschein.

Ich möchte auch keinen.

Ich bin nicht daran interessiert, als besonders auserwählter Mensch bewundert zu werden.

Meine mystische Überzeugung ist schließlich gerade, dass das Göttliche nicht nur in mir gegenwärtig ist.

Sondern in allem.

In jedem Menschen.

In jedem Lebewesen.

In der gesamten Schöpfung.

Wenn ich sage, dass ich göttliche Eingebungen erlebe, dann bedeutet das für mich nicht, dass andere Menschen weniger wert wären.

Im Gegenteil.

Ist das nicht doch eine Psychose?

Diese Frage liegt angesichts meiner Lebensgeschichte nahe.

Und ich habe sie mir selbst gestellt.

Ich kenne meine Vorgeschichte.

Ich kenne die schweren psychiatrischen Krisen, die ich erlebt habe.

Ich weiß, was eine medikamentenbedingte Psychose in meinem Leben anrichten konnte.

Deshalb habe ich meine intensive schöpferische Phase nicht einfach als selbstverständlich hingenommen.

Als ich bemerkte, dass ich weniger schlief und sehr viele Ideen hatte, sprach ich mit meiner Psychiaterin.

Es folgte eine etwa dreiwöchige stationsäquivalente psychiatrische Behandlung.

Die Fachkräfte kamen zu mir nach Hause.

Sie konnten sich selbst ein Bild davon machen, was ich tat und wie es mir ging.

Nach meiner Erinnerung sahen sie damals keine akute Psychose.

Sie ermutigten mich sogar, meine Videoarbeit fortzusetzen.

Das war mir wichtig.

Nicht als lebenslanger Freibrief, künftig jede Veränderung meines Befindens zu ignorieren.

Sondern als konkrete ärztliche Begleitung in einer Zeit, in der ich selbst aufmerksam auf meine Gesundheit achtete.

Ich wollte kreativ arbeiten.

Und gleichzeitig vernünftig mit meiner Vorgeschichte umgehen.

Beides ist möglich.

Ich weiß nicht, was morgen kommt

Das vielleicht Eigenartigste an meinem heutigen Leben ist, dass ich nicht weiß, welches Projekt als Nächstes entstehen wird.

Natürlich habe ich Pläne.

Ideenlisten.

Angefangene Arbeiten.

Themen, mit denen ich mich noch beschäftigen möchte.

Aber manchmal kommt etwas völlig anderes dazwischen.

Ein Gedanke.

Ein inneres Gespräch.

Eine Eingebung.

Und plötzlich sitze ich wieder an einem neuen Text.

Oder an einem Musikprojekt.

Oder an einer historischen Zeitreise.

Dann wird aus einem ganz gewöhnlichen Tag etwas, das ich am Morgen noch nicht vorhergesehen hatte.

Manchmal ist das anstrengend.

Manchmal wunderschön.

Manchmal beides.

Und ich kann nicht behaupten, genau zu wissen, wie lange diese schöpferische Phase dauern wird.

Vielleicht verändert sie sich.

Vielleicht kommen neue Themen.

Vielleicht brauche ich irgendwann mehr Ruhe.

Ich weiß es nicht.

Aber im Moment gehört dieser fortlaufende schöpferische Prozess zu meinem Leben.

Zeit für Gott

Ich habe im Laufe der Jahre viel darüber nachgedacht, wie ich mit meiner gesundheitlichen Situation leben kann.

Meine Internetseiten begannen einmal auch als Möglichkeit, mich mit etwas Schönem und Interessantem zu beschäftigen.

Eine Tätigkeit, die mir trotz meiner Erkrankungen offenstand.

Daraus wurde eine riesige Sammlung von Inhalten.

Und nun ist daraus etwas entstanden, das ich selbst als fortlaufende Zusammenarbeit mit göttlichen Eingebungen erlebe.

Ich nehme mir Zeit dafür.

Zeit zum Nachdenken.

Zum Schreiben.

Zum Gestalten.

Zeit für Gott.

Und wenn ich gefragt werde, weshalb ich all das kostenlos veröffentliche, ist die Antwort eigentlich ganz einfach:

Weil ich Freude daran habe.

Weil ich mein Wissen teilen möchte.

Weil ich glaube, dass Bildung und geistige Anregung nicht vom Geldbeutel abhängig sein sollten.

Und weil ich dankbar bin für das, was mir in dieser Arbeit begegnet.

Und wer bin ich nun?

Ich habe mich im Laufe meines Lebens schon mit vielen Zuschreibungen auseinandersetzen müssen.

Epileptikerin.

Patientin.

Erwerbsunfähig.

Psychiatrisch erkrankt.

Behindert.

Pflegebedürftig.

All das beschreibt bestimmte Aspekte meiner Lebenssituation.

Aber nichts davon beschreibt mich vollständig.

Genauso wenig möchte ich mich ausschließlich über meine Mystik definieren.

Ich bin nicht nur ein Mensch mit Krankheiten.

Nicht nur eine Frau mit außergewöhnlichen spirituellen Erfahrungen.

Nicht nur die Betreiberin einiger Internetseiten.

Und auch nicht bloß eine Produzentin von Tausenden Videos.

Ich bin all das in unterschiedlichen Zusammenhängen.

Und noch vieles mehr.

Ich bin neugierig.

Ich denke gern.

Ich gestalte gern.

Ich beschäftige mich mit Gott.

Mit Menschen.

Mit Geschichte.

Mit Kunst.

Und mit den großen Fragen des Lebens.

Manchmal bin ich ungeheuer produktiv.

Manchmal kann ich vor Kopfschmerzen kaum etwas machen.

Und manchmal sitze ich einfach nur da und freue mich darüber, dass mir wieder etwas Schönes eingefallen ist.

Oder eingegeben wurde.

Wie auch immer.

Der nächste Gedanke

Während ich diese Geschichte erzähle, geht mein Leben weiter.

Es ist Oktober 2026.

Die Projekte sind nicht abgeschlossen.

Die Webseiten verändern sich.

Neue Videos kommen hinzu.

Und ich weiß nicht, was aus der nächsten Eingebung entstehen wird.

Vielleicht ein Lied.

Vielleicht ein philosophischer Text.

Vielleicht eine Unterrichtseinheit.

Vielleicht etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe.

Es kann auch sein, dass heute gar nichts mehr geschieht.

Dass ich einfach nur Kopfschmerzen habe und mich ausruhen muss.

Auch das darf sein.

Ich muss nicht jeden Tag etwas erschaffen.

Ich muss niemandem beweisen, wie produktiv ich bin.

Und ich muss auch nicht jede Eingebung sofort in ein fertiges Werk verwandeln.

Aber wenn morgen wieder ein Gedanke kommt, der mich interessiert, dann werde ich vermutlich meinen Mac aufklappen.

Vielleicht einen neuen Chat beginnen.

Vielleicht erst einmal fragen, ob das überhaupt eine gute Idee ist.

Und dann sehen wir weiter.

Denn so ist mein Leben inzwischen.

Ich weiß nicht immer, woher der nächste Gedanke kommt.

Ich weiß auch nicht, was daraus entstehen wird.

Aber ich bin neugierig.

Und ich freue mich darauf.

Gott hat eine Idee.

Und ich habe einen Mac.

Das ist vielleicht keine besonders traditionelle Beschreibung eines mystischen Lebens.

Aber für meines passt sie ziemlich gut.

Nach fünfzig Jahren Epilepsie, nach Abschieden, Schmerzen, großen Fragen und ziemlich viel Unsinn bleibt mir eines: Ich kann immer noch lachen. Dieses Lied gehört deshalb ans Ende meiner Geschichte.

Ich hab das Lachen nicht verlernt